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Die Wahrheit · 1934-04-06 · Heft 15 (6.4.1934) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 15 (6.4.1934)
Date
1934-04-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT ■'s; Ä: Ii Keine Änderung unserer staatsbürgerlichenStellung. timaSföfarfaum, R,.«H^ci,on^iAr iv rtnllftiR ftmnfinff l>eallen Relieionssresellschaften öffentlich recht-___"piOw Bundeskanzler Dr. Doli fuß empfing be kanntlich vorigen Donnerstag den Präsidenten der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde Doktor Desider Friedmann, wobei er — wie es in dem amtlichen Communique hieß — im Laufe einer längeren Aussprache auch Gelegenheit nahm, Präsidenten Dr. Friedmann über den kulturpolitischen Teil der neuen Bundesverfassung zu unterrichten. Zu dieser amtlichen Meldung schreibt die „J üdische Telegraphen-Agentur": Aus der Fassung des Communiques ist deutlich zu entnehmen, daß die Information über den kulturpolitischen Teil der künftigen österreichischen Verfassung nicht den ausschließlichen Gegenstand der einstündigen Unterredung gebildet haben kann. Es ist als sicher anzunehmen, daß der Vertreter der österreichischen Judenschaft die Gelegenheit benützte, mit dem Chef der Regierung auch die jüdische Situation in Oesterreich eingehend zu besprechen und auf diejenigen Tatsachen hinzuweisen, die in letzter Zeit vielfach Anlaß zu berechtigten Beschwerden gegeben haben. Daß in der neuen Verfassung keine Aenderung der staatsbürgerlichen Stellung der Juden vorgenommen werden kann, steht bei der eindeutigen durch den Friedensvertrag geschaffenen Rechtslage außer Zweifel. Zu unterstreichen ist nur, daß nach Artikel 62 des Friedensvertrages nicht nur kein Gesetz und keine Verordnung, sondern auch keinerlei amtliche Handlung mit den Grundsätzen der Gleichberechtigung in Widerspruch stehen darf. Es muß das besondere Augenmerk der verantwortlichen jüdischen Faktoren darauf gerichtet sein, daß die verfassungsmäßigen Grundsätze der gleichen Behandlung aller Religionen und der Gleichheit aller Staatsbürger ohne jeden Unterschied nicht nur eine theoretische Deklaration bleiben, sondern in allen Zweigen der öffentlichen Verwaltung sowie des gesamten staatlichen und wirtschaftlichen Lebens ohne jeden Vorbehalt und ohne jede Einschränkung gehandhabt werden. Wie wir erfahren, liegt die bedeutsamste Aenderung, die die neue Verfassung auf kulturpolitischem Gebiet bringt, darin, daß allen Religionsgesellschaften liehe Stellung eingeräumt wird. Hiedurch wird sich die Möglichkeit zur Bildung einer autonomen, repräsentativen Vertretung der österreichischen Judenschaft bieten. Wir beschränken uns auf die Wiedergabe der amtlichen Meldung und des gewiß an kompetenter Steile genehmigten Kommentars der JTA. Denn es hat wenig Wert, journalistisch in eine Angelegenheit einzugreifen, die im Werden ist. Die österreichische Verfassung wird in diesen Tagen an den zuständigen Stellen ernst und intensiv beraten, ihre Grundzüge stehen bereits fest und wenn in diesen Grundzügen die Unabänderlichkeit unserer staatsbürgerlichen Stellung neuerlich festgelegt ist, so können wir für die Einzelheiten nur jenes rege Interesse bekunden; das jeder österreichische Staatsbürger — egal welcher Konfession — dem Neuaufbau des Staates entgegenbringt. Dieser Neuaufbau soll nach dem ständischen CAFE VICTORIA AM SCHOTTENTOR WIEN I. SCHOTTENTOR Prinzip vor sich gehen. Die kulturellen Gemeinschaften bilden1 einen eigenen Stand und aus der in diesen Tagen verlautbarten Stadtordnung der Bundteshauptstadt Wien geht hervor, daß in der „Wiener Bürgerschaft" auch die israelitische Religionsgesellschaft vertreten sein soll, was sicherlich eine Parallele in der gesamtstaatlichen Gliederung finden wird. Nicht unterdrückt aber darf der Hinweis darauf werden, daß auch in dien-anderen zur Vertretung gelangenden Ständen die Juden eine angemessene Rolle spielen und daß daraus bei der Zusammensetzung der neuen Vertretungskörperschaften die entsprechenden Konsequenzen gezogen werden müßten. Vertrauensmänner- Versammlung der,, Union" Mittwoch, den 28. v. M., fand unter Vorsitz des Präsidenten Dr. J. 0 r n s t e i n eine von allen Bezirks- und Unterorganisationen überaus stark beschickte Vertrauensmänner-Versammlung statt, die einen angesichts des Ernstes der gegenwärtigen Situation sehr bedeutsamen Verlauf nahm. Dr. Ornstein eröffnete die Versammlung mit Worten der Begrüßung an alle Erschienenen, denen er für ihr zahlreiches Kommen dankte, durch das sie neuerlich ihre Treue und Anhänglichkeit zur „Union" bekundet haben. Er gedachte in warmen Worten des Leidens unserer Brüder in Deutschland, das trotz aller Proteste der ganzen Kulturwelt unvermindert fortdauert Der erste Redner des Abends, Klubobmann Dr. Josef Tic ho, führte, lebhaft begrüßt, in seinem eindrucksvollen Referate u. a. aus: Jede gewissenhafte Leitung wird sich angesichts des Umbaues unseres Staates die Frage vorlegen: Welches sind die Prinzipien, die Leitsterne unserer Vereinigung? Bedürfen sie einer Revision oder Aenderung? Haben sie sich als richtig bewährt? Diese Prüfung soll gewissenhaft erfolgen. Welches sind die Prinzipien der Union gewesen und bis zum heutigen Tage geblieben? Die Union österreichischer Juden stand stets und steht auch heute noch auf dem Standpunkte zweier Prinzipien, nämlich der Verbundenheit mit der Religion und zugleich der Verbundenheit mit Oesterreich als unserer Heimat und unserem Vaterlande. Die Verbundenheit mit der Religion! Wir haben sie stets betont, sie treu beobachtet und hochgehalten. Unsere Religion hat uns im Sturme und Drange der Zeit aus allen Fährnissen gerettet. Lediglich die Religion unterscheidet uns von den übrigen Bundesbürgern, mit denen wir sonst gemeinsam und restlos an dem Aufbau unseres Vaterlandes arbeiten wollen. Der Begriff der religiösen Einstellung und die Erkenntnis, daß wir uns lediglich durch die Verschiedenheit der Religion unterscheiden, in allen anderen Belangen mit unseren Mitbürgern eins fühlen, haben zur Folge, daß alle von uns ausgeschlossen sind und bleiben müssen, welche unserer Religion den Rücken gekehrt haben, z. B. konfessionslos geworden sind oder überhaupt keine wie immer geartete positive Einstellung zu unserer Religion haben oder haben wollen. Wer immer an dem Judentume als an unserer angestammten Religion festhalten will, findet in der Union seinen Mittelpunkt Judentum und Religion ist uns ein unzertrennlicher Begriff geworden. Wir kennen keinen Juden ohne jüdische Religion. Mit der Religion steht und fällt das Judentum. Insbesondere heben wir hervor, daß wir es ablehnen, im Judentum eine Nation zu erblicken. Nation entspricht nicht dem Begriffe des Judentums, weil dieses in allen Nationalitäten vertreten ist. Wir sind bestrebt, alle Juden zu einigen, denn wir erblicken im Judentum Religion. Wir unterscheiden uns aber von denen, die im Judentume nicht nur eine Religion, sondern überdies noch eine besondere Nationalität erblicken und diese betonen wollen. Die Religionsfreiheit, die Freiheit der Betätigung der religiösen Ueberzeugung ist allgemein anerkannt Es kann daher niemandem ein Vorwurf daraus gemacht werden, daß er treu bei seiner Religion verharrt. Niemandem kann es zum Vorwurfe gemacht werden, daß er in jener Religion, in der er geboren ist, der seine Ahnen und Urahnen angehört haben, verbleibt und an ihr treu festhält. Nicht irgend eine „national"-iüdische Verbundenheit hat uns bis zum heutigen Tage erhalten, sondern nur die Treue zu unserer angestammten Religion hat uns über alle Gefahren hinweggeholfen. Nicht verschwunden sind aus unserer Erinnerung und aus unserem Herzen jene Märtyrergestalten aller Zeiten, die lieber den Tod erlitten, als ihrer Religion abtrünnig zu werden. Ist doch unsere Religion die Mutterreligion aller monotheistischen Religionen geworden, ist doch der Dekalog die Grundlage jeder Gesittung, die Bibel das Buch der Bücher! Noch heute erschüttert jeden der Gedanke an die Offenbarung, die in einfacher, jedermann verständlichen Form dem in einer heidnischen Umwelt lebenden Judenvolke die Beobachtung der Sittengesetze zum Lebensinhalte gemacht hat. Treue zur Religion und deren Betätigung ist daher der eine Leitsatz der Union österreichischer Juden. Wir lehnen es also ab, eine jüdische Nationalität als solche anzuerkennen. Wohin die Scheidung nach Rassen gelangt, hat die Entwicklung im Deutschen Reich aufgezeigt In allen Verfassungen gesitteter Staaten ist die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetze anerkannt Deutschland blieb es vorbehalten, hier zum erstenmal im 20. Jahrhunderte eine Aenderung herbeizuführen. Der von der Wissenschaft abgelehnte . .. sind alle unsere Mode- und MaB-Scbube, denn als sind nach orthopädischen Grundsätzen richtig gebaut Leopold Jeilinek, nur Vil-, Burggasse 5 Rassismus hat dort zu einer vollständigen Entrechtung der Judenschaft geführt Es ist auch gar nicht einzusehen, worin die jüdische Nationalität gelegen sein soll. Nach Muttersprache, Erziehung und Bildung gehören wir dem gleichen Kulturkreise wie unsere christlichen Mitbürger an. Deutsche Schulen haben uns unterrichtet deutsche Dichter uns gebildet, unsere Umgangs- und ' Verkehrssprache ist die deutsche. Viele bisher national eingestellte Juden sehen dies ein und haben ihren nationalen Standpunkt eingeschränkt und zurückgestellt. Die Verbundenheit mit diesem Staate als unserem Vaterlande und unserer Heimat ist in der Geschichte begründet. Die Juden waren stets und blieben bis zum heutigen Tage ein staatserhaltendes Element. Es liegt in der Geschichte der Juden, daß sie, nachdem sie ihren selbständigen Staat verloren haben und unter die Völker sich mischten, in allen Staaten, in welchen sie lebten, treue und opfervolle Staatsbürger waTen. Vor allem ist dieser Gedanke und diese Treue in unsere i Religionsgesetzen selbst begründet Schon der Prophet Jeremia hat den im babylonischen Exile lebenden Juden die Weisung erteilt, die zum Leitsatz alter geworden ist: „Bauet Städte und bewohnet sie, pflanzet Bäume und esset ihre Früchte, fördert das Wohl des Staates, in dem ihr lebt denn in seinem Wohle liegt auch euer Wohl." Aber auch der alte Grundsatz unserer Weisen, daß die Gesetze des Staates, in dem man lebt, unsere Gesetze sind, daß diese Gesetze voll und ganz und uneingeschränkt zu beobachten sind, wurde von den Juden stets beobachtet, und zwar nicht bloß als religiöse Pflicht sondern in Ergebenheit und Liebe für das Vaterland, für den Staat. Die Union österreichischer Juden hat schon in ihrem Titel ihre Verbundenheit mit dein Vateriande betont. Seit mehr als einem Jahrtausend wohnen wir auf diesem Boden, sind wir mit diesem Boden fest verwurzelt. Das Schicksal dieses Staates ist unser Schicksal. Wir lieben diesen Staat wir haben hier unsere Heimat, wir haben unsere Pflichten gegenüber dem Staate immer erfüllt und werden dies auch in Hinkunft stets tun. Es bedarf daher keiner besonderen Betonung, daß wir unsere Pflichten, insbesondere auch im Weltkriege voll erfüllt haben und daß wir jederzeit bereit sind, unser Bestes für das Vaterland hinzugeben! Wir sind Oesterreicher jüdischer Konfession. So verbindet sich uns Religion und Vaterlandsliebe zu unzertrennlicher Gemeinschaft Dies hat die Union von allem Anbeginn an erklärt betont und stets betätigt Diese Grundsätze sind Gemeingut alter ihrer Anhänger geworden und geblieben. Wenn wir daher fragen, ob die Leitsätze der Union sich bewährt haben, so kann die Antwort nicht zweifelhaft sein. Diese Grundsätze, die seit Jahrzehnten immer wieder betont wurden, sind jetzt Gemeingut aller geworden. Unsere Grundsätze haben standgehalten allen Fährnissen der Zeit und sind mehr denn je gültig und wahr geblieben. Und so kann die Union unter Aufrechthaltung der von ihr bisher betonten und betätigten Grundsätze in die neue Zeit Oesterreichs eintreten, in ihren Prinzipien unverändert, in ihrer Ueberzeugung von der Richtigkeit dieser Prinzipien erstarkt und gekräftigt. Am Neuaufbau dieses Staates wollen wir mitarbeiten. Wir dürfen für uns in Anspruch nehmen, daß unsere bisherige Betätigung, unsere Liebe zum Vateriande und unsere Verbundenheit mit dem Boden, auf dem v/ir leben, uns liiezu dEe Berechtigung geben. Die eindrucksvollen Ausführungen des Redners lösten stürmischen, lan?andauernden Beifall der Versammlung aus. Der zweite Referent des Abends, Reg.-Rat Dr. Max Lenk, der nach seiner Erkrankung das erste Mal wieder am Rednerpult erschien, wurde von der Versammlung herzlich begrüßt. Er gab zunächst einen Ueberblick über die Entwicklung der Situation der österreichischen Juden in den letzten hundert Jahren und stellte so wie sein Vorredner fest, daß die Grundsätze der „Union" in allen Perioden immer die richtigen waren und daß daher die Notwendigkeit bestehe, diese Grundsätze IDUOn^^ Österreidilsdic Juden! 1 Trete! der | Valeriandisdicn front ■>* m •«

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