Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 15 (6.4.1934)
- Date
- 1934-04-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland -verboten I üdische k HUrM Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden** und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien pillllllpillllllllllllllllllllllUttUlllllllllIHlinilHlllllllllllllllHIII Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 10&918 50. Jahrgang Wien, 6. April 1934 Nummer 15 Vorzüge ernten Haß. Rasiere Dich auf and billig „Zu allen Zeiten sind sie wider uns autgestanden . . ." Wenn der jüdische Familienvater an den heurigen Sederabenden diesen Satz aus der Hagadah vorgelesen hat, wird er wohl in Gedanken hinzugefügt haben: „Aber noch nie war die Motivierung des Judenhasses so seltsam wie jetzt." Und das will viel bedeuten! Gibt es doch keine noch so absurde. Beschuldigung, die nicht im Laufe der Zeiten gegen uns erfunden und — geglaubt worden wäre. Alles weitere war die logische Folge dieses Glaubens. Ist die Ritualmordanklage noch so sinnlos — das Wüten dessen, der sie glaubte, war erklärlich. So lange sich der Antisemitismus die Mühe gab, uns Laster anzudichten, setzten wir unsere Hoffnung auf die Bekehrung der gesamten Menschheit zu der sittlichen Höhe unseres Sinai-Gebots: „Du sollst nicht falsches Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten!" Diese Hoffnung hat sich zwar uns gegenüber noch immer nicht erfüllt, die Hitler- Bewegung hat vielmehr gleich in ihren Anfängen für den Kampf gegen die Juden die Parole ausgegeben: „Nur fest verleumden — etwas bleibt immer hängen!" Aber das Arsenal der antisemitischen Giftwaffen scheint sich endlich erschöpft zu haben. Es gibt schlechthin keine neuen Untugenden mehr, die die jahrhundertelang überanstrengte Phantasie der Judenfeinde uns noch ansinnen könnte. Doch die wackeren Streiter kommen deshalb nicht in Verlegenheit. Da ihre Erfindungsgabe mit keinen neuen jüdischen Lastern mehr aufzuwarten vermag, packen sie uns einfach bei unseren Tugenden. Nichts symbolisiert diese Wandlung deutlicher, als die Gegenüberstellung des Argwohns, den der Pharao der Hagadah gegen düe Kinder Israels in seinem Lande hegte, und der jüngst erfolgten Ausdehnung des Arierparagraphen auf die reichsdeutsche Armee. Pharao plagte bekanntlich die Angst, die Hebräer könnten sich im Kriegsfalle mit den Feinden Aegyptens verbinden. Hitler dagegen hat keine größere Sorge, als daß sich die Juden bei der Verteidigung des deutschen Vaterlandes allzu eifrig hervortun könnten. Das Paradoxe dieser Sorge eines deutschen Reichskanzlers wird nicht gemildert, sondern nur noch erhöht durch die Tatsache, daß von der Arisierung des deutschen Offizierskorps nur „Rassejuden" betroffen werden können, nicht aber wirkliche, d. h. sich zum jüdischen Glauben Bekennende. Denn letztere konnten schon in der Vorkriegszeit in Deutschland nicht einmal Reserveoffiziere werden, geschweige denn aktive Mitglieder des kaiserlichen Offizierskorps. Der Krieg hat allerdings einen Bruch mit diesem Prinzip zur Folge gehabt. In dem Feldzug, in dem es Hitler in vierjähriger Heldenlaufbahn JlllinuiOllIh. ^VERWALTUNG E N A SÄTZE — HYPOTHEKEN KÄUFE - VERKÄUFE V —__- _T____ SZILAGYI BEB. AUT. SE1SAL!X., ROTENLÖWENG. 3 TEL. A 10-5-69 NMiwur^iOHfflira gerade noch zum Gefreiten gebracht hat, erkämpften sich genug deutsche Juden die Offizierscharge. Die „Verjudung" Deutschlands hat damals, wie man sieht, geradezu martialische Formen in jedem Sinne des Wortes angenommen . . . Zum Glück erwies sich diese „Ueberfremdung" des deutschen Offizierkorps nicht als dauernd. Nach dem Friedensschluß zogen die jüdischen Vaterlandsverteidiger die Uniform, die sie vor dem Feinde in Ehren getragen hatten, wieder aus und arbeiteten im schlichten Bürgerkleide am Wiederaufbau Deutschlands mit, übel bedankt von Elementen, die während des Krieges entweder noch nicht das wehrfähige Alter erreicht oder sich unter anderen Vorwänden vor dem Frontdienst gedrückt hatten, aber gerade in dem Moment, da die anderen abrüsteten, in die von Hitler erfundene Braunhemden-Uniform schlüpften, um Künder eines neudeutschen Heroentums eigener Prägung zu werden. Ihrem neuartigen Militärmaß, dem nicht das auf dem Schlachtfeld vergossene eigene Blut, sondern das Blut der — Großmutter zugrunde gelegt ist, entsprachen zwar die braunen S.-A.-Leute, die für Schändungen jüdischer Friedhöfe und ähnliche Heldentaten jetzt von Hitler zu einer neuen deutschen „Aristokratie" emporgelobt werden, nicht aber jüdische Frontkrieger und auch nicht Treffpunkt der Feinschmecker Cafe-Restaurant FETZER bei der Schwedenbrücke die christlichen Enkel ehemaliger Heerführer, die ihr in früheren Kriegen erworbenes Eisernes Kreuz durch die Heirat mit jüdischen Bankierstöchtern vergoldet hatten. Dieses Gold hat den Wert des Kreuzes, wie sich jetzt zeigt, für die Erben nicht nur nicht erhöht, sondern geradezu vernichtet. Ihre Enttäuschung hierüber könnte uns kalt lassen, würden wir nicht die Verallgemeinerung der im Offiziersstand vorgegangenen Umwertung früher hochgehaltener Werte im modernen Leben — auch außerhalb Hitler-Deutschlands beobachten können. Auch in den Zivilbe/ufen, an denen wir Juden ungleich stärker interessiert sind, zeigt sich die analoge Wandlung in der Bewertung des Judentums. Ueberau sehen wir dieselbe Empörung, die sich einst an den angeblichen Lastern der Juden entflammte, sich heute an unseren wirklichen Verdiensten entzünden. Noch gellt uns die Anklage des jüdischen „Parasitentums" in die Ohren, d. h. die Beschuldigung, daß wir, unfähig oder unlustig zu Werte schaffender Arbeit, auf den Ertrag fremder Arbeitskraft schmarotzend angewiesen sind. Aber dieser Vorwurf ist nur noch das Argument strategisch zurückgebliebener Judenfeinde. Der taktisch fortgeschrittene Antisemitismus tobt nicht mehr über den allzu geringen, sondern über den — viel zu großen Arbeitseifer Oeslcrrekhlsdies Q a a 11 (als rabrtkal Ueberau erhältlich der Juden. „Die Juden überschwemmen die Hochschulen und die akademischen Berufe!" „Die Juden dominieren im Handel und Gewerbe!" ertönt es jetzt mit derselben Emphase wie früher die Parole: „Der Jude lebt bloß vom Wucher." Und mit derselben Entschiedenheit, mit der man früher Beschränkung des „jüdischen" Wuchers verlangte, ruft man jetzt nach dem Numerus clausus für Juden in allen Berufen, deren Ausübung den größten Fleiß zur Voraussetzung hat. Statistiken über den wahrhaft bewunderungswürdigen Anteil jüdischer Tatkraft vom geistigen und wirtschaftlichen Leben werden veröffentlicht, die geradezu jüdische Ehrentafeln darstellen, und — zu gegenteiliger Propaganda mißbraucht. Und das Merkwürdige: Entgegen den gewiß ehrlich gemeinten Versicherungen der Führer der Regierung gibt es auch in Oesterreich an behördlichen Stellen Elemente, die dieser antisemitischen Propaganda Rechnung tragen. Hitlers und der ganzen Antisemiten einziges Heilmittel ist brutalster Haß: Haß gegen die Laster und noch größerer Haß gegen die Vorzüge der jüdischen Rasse. Da erscheint es wohl nicht ganz unangebracht, dem deutschen Volke das Wort eines sicherlich auch in hohem Grade autoritären Deutschen, nämlich Goethes, dessen Todestag sich' in der letzten Märzwoche jährte, in Erinnerung zu rufen: „Gegen große Vorzüge anderer gibt es nur eine Waffe: die Liebe." Dr. Hugo S p i e g 1 e r. Ihre schönste Fahrt nach PALÄSTINA mit unserer Gesellschaftsreise/ ZUR 1EVANTBMESSE in Tel Awiv, Pfingsten und das entzüdeende Erstlingfest in Haifa a) am 14. April ab Triest mit dem Luxusdampfer „Ausonia" b) am 2. Mai ab Neapel mit der „Vulcania" Preise je nach der Kombination ab: ö. S 530.— tour und retour Für Einzelreisende Schiit- und Bahnkarten. Anmeldungen und Auskünfte: NORDISCHES REISEBÜRO (Palästina-Abteilung: Reiseleitung) N. M. Radter Wien I.. Seilergasse 3 (Ecke Graben- Stephansplatz) Telephon R 25-0-92 Prospekte und Offerte zur gefälligen Verfügung Jederzeit genaue Informationen_ dJk&&<