Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 13-14 (30.3.1934)
- Date
- 1934-03-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT STEIN INDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III.. Rennweg 112, Tel. U '5-0-52 CttABSTEINLAGER: Zentmlfriedhof, 3. Tor, Tel. LMO-4-53 Antireligiöse Kampagne in Sowjetrußland. Anläßlich des Pessachiestes ist in der jiddisch geschriebenen kommunistischen Presse, wie dies vor hohen jüdischen Feiertagen schon Tradition geworden ist, ein heftiger antireligiöser Propasandiafeldzug eröffnet worden. Gleichzeitig veröffentlichen die Zeitungen Berichte ihrer Korrespondenten aus allen Teilen des Landes, aus denen zu ersehen ist. daß trotz allem von den ParteisieJIen und antireligiösen Organisationen ausgeübten Druck d;e religiöse Grundhaltung breiter Volksschichten nicht erschüttert werden konnte. In den Berichten wird darüber Klage geführt, daß die antireligiöse Arbeit vernachlässigt werde und daß die „Klerikalen", durch diese Untätigkeit der religionsfeindlichen Kreise ermutigt, mit der Vorbereitung ihrer „gefährlichen Pessacharbeit" bereits eifrig beschäftigt seien. Die Korrespondenten geben jene jüdischen Arbeiter namentlich an, die in den Handwerkergenossenschaften und Kollektivfarrnen dafür eintreten, daß die jüdischen Arbeiter an den Pessachfeäertagen die Arbeit ruhen lassen. Anderseits berichten sie, daß dSe Lokalorganisatictien der Kommunistischen Partei und die Gottlosenklubs zwar Beschlüsse betreffend Durchführung einer Antipessachkampagne gefaßt haben, daß aber diese Beschlüsse auf dem Papier geblieben sind. Die Blätter betonen, daß es falsch wäre, zu glauben, aktive Bekämpfung der Religion sei nicht länger möglich. Noch immer sei die Religion die stärkste Stütze derjenigen, die gegen das sozalistische System arbeiten und den zweiten Fünfjahresplan zu Fall zu bringen suchen. Anläßlich der letzten Feiertage im Herbst sei es den Klerikalen an vielen Orten gelungen, eine beträchtliche Zahl arbeitender Frauen und Männer zur Arbeitsruhe zu veranlassen. Ganze Kooperativen hätten am letzten Rosch Haschana und Jörn Kippur nicht gearbeitet und in vielen KoUekfivfarmen sei die Herbstaussaat unterbrochen worden, weil die jüdischen Genossenschaftsmitglieder die jüdischen Feiertage hielten. Besonders scharf werden die „jüdischen klerikalen Konterrevolutionäre" in der Minsker Tageszeitung „Oktiabr" angegriffen. Von den glaubenstreuen Juden wird behauptet, daß sie sich überall dort sammeln, wo es innen am aussichtsreichsten erscheint, im Interesse des Klerikalismus das sozialistische Aufbauwerk zu schädigen. Man finde sie in den Kollektivfarmen, den Handwerkerproduktionsgenossenschaften und anderen Unternehmungen, und der Zweck ihres Ehlhaltens der „klerikalen Pessachtraditionen" sei der, die Durchführung des Fünfjahresplans im ersten Jafaresviertel entscheidend1 zu stören und die Entwicklung der „sozia- Istischen Kultur" aufzuhalten. Zurück zum Judentum! Die Rückkehr Konfessionsloser in die Religionsgenossenschaften, die erfreulicherweise seit dem Ende der Februar-Ereignisse in Oesterreich eingesetzt hat, führt auch bei der Wiener jüdischen Kultusgemeinde zu einer völligen Umkehr des Verhältnisses in den Ziffern der Ein- und Austrittsbewegung. Während im Jahre 1933 noch die Eintritte in die Kultusgemeinde etwas mehr als die Hälfte der Austritte betrugen (355 Eintritte gegen 758 Austritte!), haben sich die Eintritte in diesem Jahr in der kurzen Zeit bis zum 20. März schon auf 188 gestellt während die Austritte bloß 49, also etwas mehr als effli Viertel der Eintritte, ausmachen. Während bis zur Jahrhundertwende die Austrittsbewegung im Zunehmen begriffen war und von 388 Austritten im Jahre 1893 auf 607 Austritte im Jahre 1900 gestiegen war, begann von da an die Austrittsbewegung zurückzugehen. Von 1900 bis 1913 sind die Austritte von 607 auf 530 gefallen, während die Eintritte von 82 auf 205 gestiegen waren. Nach dem Kriege setzte wieder eine starke Austrittsbewegung ein, die ihren Höhepunkt im Jahre 1919 mit 1530 Austritten erreichte, während die Eintritte, in den allermeisten Fällen Wiedereintritte vormals Ausgetretener, auf einer ungefähr gleichbleibenden Höhe von 300 bis 350 jährlich sich bewegten. Dann trat wieder eine Abschwächung der Austrittsbewegung ein. Sie betrug im Jahre 1925 «nur mehr 879; bloß im Jahre 1927, im Zusammenhang mit den Juffi-Ereignissen und der darauffolgenden verstärkten sozialdemokratischen Agitation für den Kirchenaustriitt, hatte auch die Kultusgemeinde wieder eine stärkere Austrittsziffer von 1063 zu verzeichnen. Die .Nonnalzifern" der letzten Jahre beliefern sich, wie erwähnt, auf etwa 75C Austritte und 350 Eintritte. Nun ist eine vollständige Umkehrung der Tendenz eingetreten; in der vergangenen Woche standen 36 Eintritten nur 6 Austritte gegenüber. Die Eintretenden, in der überwiegenden Mehrzahl Wiedereintretende, sind in erster Linie Beamte, Lehrer, Aerzte, Angestellte, zum geringen Teil auch Kaufleute. Eine innerjüdische Schlichtungsstelle in Deutschland Die Reichs Vertretung der deutschen Juden hat eine Schlichtungsstelle errichtet, um ein Mittel gegen Ausartung innerjüdischer Auseinandersetzungen und zur Wahrung jüdischer Solidarität in diesen Auseinandersetzungen in der Hand zu haben. Die Schlichtungsstelle hat darüber zu entscheiden, ob eine jüdische Stelle oder Person die Pflicht zur jüdischen Solidarität verletzt hat. Die Schlichtungsstelle wird tätig auf Antrag einer jüdischen Stelle, etwa einer Gemeinde, einer jüdischen Organisation, einer sonstigen Institution oder auch einer jüdischen Zeitung. Das Allgemeininteresse kann aber erfordern, daß, auch wenn der Betroffene einen Antrag nicht stellt, von Seiten der Reichsvertretung ein Verfahren vor der Schlichtungsstelle in Gang gebracht wird. Die Wahrung des jüdischen Allgemeininteresses durch Ingangbringung eines solchen Verfahrens bei der SchlichiungssteDä isr in die Hand des Vorsitzenden des Präsidialausschusses der Reichsvertretung gelegt. Einzelpersonen haben das Recht zur Antrag- Stellung nicht. Litauen wehrt sich. Die litauischen Behörden haben die Einfuhr und die Verbreitung von Hitlers „Mein Kampf" auch für die Zukunft verboten und dabei betont, daß das Buch keinerlei wissenschaftlichen, sondern einzig einen tendenziös-agitatorischen Charakter trage; seine rassentheoretische Lehre sei nicht ernst zu nehmen. Antisemitische Vereinifeungen in Litauen nehmen das Pessachfest zum Anlaß, eine verstärkte judenf eindiiehe Propaganda zu entfalten. Ein Flugschrift, fn der das Märchen vom jüdischen Ritualmord: von neuem aufgetischt wurde, war in großen Massen hergestellt worden. Eine Abordnung des jüdischen Frjgtfkjnapferverbarides nat bei der Regierung auf die Gefahren dieser Hetze hingewiesen. Daraufhin wurde die polizeiliche Beschlagnahme der Broschüre verfügt, bevor sie noch zur Verbreitung gelangte. Jüdisch-soziale Arbeit in Jugoslawien. In Zagreb, wurde eine Zentralstelle für jüdische produktive Hilfe gegründet, deren Tätigkeit sich auf das ganze jugoslawische Gebiet erstrecken wird. Die Zentralstelle hat die Aufgabe, auf die Vereinheitlichung und Systematisierung der sozialen Arbeit der verschiedenen Vereine und Institutionen in Jugoslawien hinzuarbeiten und, wo sich die Notwendigkeit ergibt selbst unmittelbar soziale Arbeit zu leisten. Die ökonomische Krise hat auch das jugoslawische Judentum ergriffen. Die soziale Hilfe hat sich nun nicht nur auf Kranke und Erwerbsunfähige zu beschränken. Die HHfe muß eine produktive sein. Für die ältere Genenoüicnisffics KönlüslicM FLEISCHHAUEREI BRUDER STADLER Wien II., Im Werd 1 - Tel. 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König Leopold III. von Belgien empfing eine Deputation des belgischen Judentums, bestehend aus dem Grand Rabbin von Belgien Dr. Joseph Wiener und dem Vorstand des Jüdischen Konsistoriums, die ihn zu seiner Thronbesteigung beglückwünschte. Der König erklärte, er sei erfreut über diese LoyaHtätskundgebung der jüdischen Bevölkerung Belgiens. Saloniki. Die Wirtschaftsnot unter den Juden Salonikis spiegelt sich in der Tatsache wider, daß in diesem Jahre mehr aäs die Hälfte der etwa 60.000 Seelen zählenden jüdischen Bevölkerung der Stadt sich an die Jüdische Gemeinde um Geldunterstützung zwecks Anschaffung von Mazzoth zu Pessach gewandt hat Vor dem Gemeindehaus herrscht ein solch ungeheurer Andrang der Hilfsbedürftigen, daß es oft zu Zusammenstößen kommt und: die Polizei eingreifen muß. Bukarest. Die Jüdische Reichspartei hat , nach der letzten Audienz ihres Führers Dr. Theodor Fischer beim Ministerpräsidenten Talarescu diesem nunmehr ein eingehendes Memorandjim über die Wünsche und Forderungen der jüdischen Bevölkerung übermittelt. Auch der Präsident der Union rumänischen Juden, Dr. Wilhelm F i 1 d e r m a n n. hat dem Ministerpräsidenten ein Memorandlum zugehen lassen, das sich speziell mit der im Zusammenhang mit dem neuen Entschuldungsgesetz veränderten, vielfach verschltmmerten Lage der Juden m der Wirtschaft befaßt. Sosnowitz. Gegen das Lokal von „Hanoar Hazioni" in Scsnowitz (Polen) wurde eine Bombe gieschleudert, die explodierte und das Lokal vollständig demolierte. Menschen kamen nicht zu Schaden. Man nimmt an, daß die Täter Nazis sind, de vor kurzem den Laden des Kaufmanns Israel Perlen durch einen Bombenwurf demolierten. Die Polizei hat eine strenge Untersuchung eingeleitet. Grodno. In Grodno verstarb, 113jährig, Mosche Rozaczewski, der am polnischen Aufstand von 1863 aktiv teilgenommen hat. An der Bestattung nahmen Vertreter der Regierung und des Heeres teil. Der den Namen des polnisch-jüdischen Freiheitskämpfers Oberst Berek Joszelewicz tragende Schützenverein steinte die Ehrenwache. New York. Rabbi Dr. Stephen S. Wise, Ehrenpräsident des American Jewish Congress, war aus Anlaß seines 60. Geburtstages Gegenstand mannigfacher Ehrungen seitens des amerikanischen Judentums. Auf einem ihm zu Ehren gegebenen Diner, dem zahlreiche prominente Juden und Nichtjuden beiwohnten, hielten der frühere Außenminister der Vereinigten Staaten Bainbridge Colby und der Bürgermeister von New York La Guardia Ansprachen an den Jubilar, dessen vielseitige öffentliche Arbeit sie rühmten. Im Mittelpunkt des Abends stand eine dse Kämpfernatur des Jubilars würdigende Ansprache Professor Albert Einsteins. Warschau. Das Hilfskomitee für die deutschen luden in Polen veranstaltet demnächst int Einvernehmen mit den Leitungen der jüdischen Gemeinden ta mehr als 1000 polnischen Städten Massenversammlungen zum Protest gegen die Judenverfolgungen in Deutschland und für Verstärkung des antideutschen Wirtschaftsboykotts. Moskau. Der weltberühmte jüdische Physiker Abraham Joffe, u. a. Erforscher der Kristalle, wurde mit dem höchsten von der Sowjetunion zu verleihenden Titel „Verdienstvoller Arbeiter der Wissenschaft" ausgezeichnet Rom. Laut dem soeben veröffentlichten statistischer? Material über die römische Volkszählung vom 21. April 1931 zählte Rom am Stichtage 989.704 katholische und 15.540 nichtkatholische Einwohner; von den letzteren waren 10.901 Juden, 5984 Protestanten, der Rest Angehörige anderer Konfessionen oder Konfessionslose. Zwei Drittel der Nichtkatholiken Roms sind also Juden. „üanigun", der in Wien bestbekannte Chor dtr 30 jüdischen Sänger aus Deutschland, Leitung Ch. Winawer, befindet sich auf seiner Weltreise augenblicklich in J u g o s 1 a w i et ni, wo er mit größtem Erfolge in allen Städten konzertiert hat. Der Chor begibt sich Ende März nach Palästina, wo ca. 25 Konzerte veranstaltet werden.