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Die Wahrheit · 1934-03-30 · Heft 13-14 (30.3.1934) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 13-14 (30.3.1934)
Date
1934-03-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 der Hausgenossen als zu klein, dann mußte der Nachbar zur Festtafel hinzugezogen werden. Der Triumph des jüdischen Hauses äußerte sich, sonach in jener entscheidenden Nissannacht vor allem darin, daß an dem ersten Dankopfer, welches Israel „im Hause" seinem Gotte gebracht und der Festesfreude, der es sich hingegeben hatte, es neben seinen Familienmitgliedern und Hausgenossen den „Nächsten" und den „Nachbar" teilnehmen ließ. In der gefahrvollsten und wichtigsten Stunde ihres Daseins haben die Kinder Israels die Türen ihrer Wohnhäuser weit geöffnet und ihre Wohnungen zu Stätten der Gastfreundschaft und Nächstenliebe gemacht. Ja, im Schmelzofender ägyptischen Bedrängnis wurde Israels Herz zu jener Weichheit und Empfänglichkeit gebracht, die es ihm ermöglichte, zum klassischen Volke der Barmherzigkeit und Menschenliebe zu werden. „Sei eingedenk, daß du einst ein Knecht gewesen im Lande Mizrajim." Dieses Wort hatte sich tief in die Seele Israels eingegraben. Es war ein Erziehungsmittel, weiches die ganze Anschauungs- und Gefühlsweise Israels dermaßen beeinflußte, daß es in seiner Schrift zum Ausgangspunkte aller Gebote der praktischen Humanität wurde. Jedes Leid, das uns nicht niederwirft, erhebt uns. An keinem anderen Volke hat sich dieses Dichterwort in solchem Maße bewahrheitet wie an Israel in Aegypten. Anstatt, gleichwie bei den anderen Völkern zu Gegendruck und blutigen Revolutionen zu führen, ist unseren Ahnen der harte Druck Aegyptens zu einer Leidensschule geworden, in welcher in ihre Herzen die Gesetze der Milde und des Erbarmens mit unauslöschlicher Schrift eingegraben wurden. Wo sie gelernt haben, die Aegypter und das harte Los, das diese ihnen bereiteten, als Werkzeug in der Hand Gottes zu erkennen, um seinen Heilsplan an Israel zu verwirklichen, gelernt, in den Bitterkeiten des Lebens anstatt zur Härte und Verbitterung den Anlaß zu Milde und Barmherzigkeit zu finden, das Moraur mit der Mazzoh, dem Symbol der in Liebe waltenden Gottesmacht, zu genießen. Als dritte Festesgabe hat uns Pessach die Emanation des jüdischen Herzens gebracht, des jüdischen Herzens, dessen Saiten gerade zu Pessach in den zartesten Tönen der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit erklingen. Das Leben wickelt sich hier auf der Straße ab, und das ist sehr begreiflich, wenn man die armseligen Löcher betrachtet, in denen die Menschen hausen. Die zusammengeklebten Häuser mit ihren stinkenden Höfen entbehren jeder, auch der geringsten Wohnkultur. Armselige -Pappdeckelstaffage, die ein Zuhause nur vortäuscht, aber nicht ist Das Ghettoquadrat wird nach der westlichen Seite von der rue vieille du Temple abgeschlossen. Eine Menge kleiner jüdischer Restaurants beherrscht die Gasse. Die Fenster erhellen sich langsam. Man darf -die Bezeichnung „Restaurant" nicht so genau nehmen, denn es handelt sich im Grunde nur um enge dunstige Lokale im Kaschemmenstil, die meistens von russischen Juden gehalten und hochklingend als Restaurants angepriesen werden. Ich lade meinen Begleiter zu einem kleinen Imbiß ein und esse selbst ein (übrigens hervorragend zubereitetes) Hausgericht. Der Raum ist dicht gefüllt. Russische Bezeichnungen schwirren durch die dicke Dunstschicht, von der die Stube erfüllt ist. Das Sprachgemisch verdichtet sich in dem geschlossenen Raum. Babylon in Paris. Oer Schatten des Ghettojuden. Eine Verabredung in der Stadt zwingt mich aufzubrechen—, ich war sicher nicht zum letzten Male hier. Ich verabschiede mich von meinem jungen Begleiter und verlasse das Lokal. Draußen ist es dunkel und still geworden. Nichts mehr vom Gewühl und Lärm des Tages ist zu vernehmen, die Verkaufsstände sind zusammengepackt, die Läden geschlossen — es ist Feierabend — Ruhe und Frieden — Feiertag im Ghetto. Die Fenster der erbärmlichen Wohnungen sind erleuchtet, man hört vereinzelt undeutlichen Singsang aus den Häusern — die melancholische Melodie des Orients. Der Feiertag im Ghetto ist unscheinbar wie seine Bewohner, doch intensiv wie ihr Glaube. Ich gehe die Gasse entlang, die wieder in die breite Avenue einmündet Jeder kann hinaus, ohne Passierschein, ohne Gebühr. Trotzdem bleibt das Ghetto, sichtbares Zeichen einer Schicksalsgemeinschaft. An einem der letzten Häuser fällt ein heller Lichtfleck auf die Gasse, darin ein Schatten, der sich hin und herbewegt Ueberlebensgroßer gespenstischer Schatten des verspäteten Ghettojuden, in verzücktem Gebet den Körper wiegend und Trost suchend — wie vor tausend Jahren. Er ist die wahre Erinnerung an das Ghetto. Auch dann noch, als mich längst wieder Licht und Leben, Fülle und Heiterkeit der Boulevards umgeben. Siho. Für Ostergerichte das reine Kunerol.. Kunerol ist 10O°/o reines Fett aus Kokosnüssen und deshalb für Fleisch- und Milchspeisen ganz besonders geeignet Kunerol wird in mustergültigen Betrieben auf einwandfrei hygienische Art erzeugt - es kommt wahrend der Herstellung nie mit Menschenhand in Berührung. kX£/ X ' L.HBII1I' jä[ %__in a Kunerol wird unter ständiger Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg hergestellt. KUNEROL 100%REINES KOKOSNUSSFETT Nur echt in Originalpackung! IV. Ein ewiger Jungbrunnen war unseren Vätern das Pessachfest, ein unversiegbarer Quell, aus dem sie Kraft und Mut schöpften in allen Lagen ihres Lebens. Was der Frühling der Menschheit, das bedeutet uns, Bekennern des Judentums, das Pessachfest, von welchem in der Schrift immer wieder betont wird, daß es in die Frühlingszeit fällt: Erneuerung der Kräfte, Hoffnung auf Leben, Sonne, Erlösung. Wenn man die geheimen Kräfte erfassen und mathematisch errechnen könnte, die die Erhaltung des Judentums bewirkten, einen Großteil derselben würden die Energien ausmachen, die dem Pessachfeste zu allen Zeiten entströmten. Die Wacherhaltung der Erinnerung an die Erlösung der Väter aus der Knechtschaft Mizrajims war der Anker, an den sich die Enkel anklammerten in den Nöten ihres schwankenden Daseins; die Wiederbelebung des Gedächtnisses der Geschehnisse, mit welchen Gottes Gnade in das Lebensgeschick der Ahnen so entscheidend eingegriffen, hat bei den nachfolgenden Geschlechtern die Zuversicht erhalten auf die „letzte Erlösung" von allem sozialen, politischen und religiösen Druck, unter denen sie zu leben und leiden hatten. Und nicht nur auf die eigene Erlösung! Von den vorhin erwähnten, Israel eigentümlichen inneren Kräften ist keineswegs die letzte und schwächste die, daß es selbst in den trübsten Epochen seiner Geschichte sich und sein Schicksal unzertrennlich mit dem der übrigen Welt verbunden erachtete und die Hoffnungen und Erwartungen, mit denen es in die Zukunft geblickt, auf die Erlösung und Erneuerung der ganzen Menschheit ausdehnte. So ward unseren Vätern das Pessachfest zu einer bloßen Vorfeier eines großen, die ganze Menschheit umfassenden Erlösungsfestes, jenes Festtages, an dem alle Menschen erlöst* sein werden von den Fesseln, in die sie sich selbst geschlagen. Mit solchen Erwartungen wollen wir, Bekenner des Judentums, in der düsteren Gegenwart unser diesjähriges Frühlingsfest feierlich begehen. Frühling! Mit welch heiliger Sehnsucht sprechen wir dieses Wort in diesem für uns Juden so beispiellos dastehenden katastrophalen Jahre aus! Die Saat, welche vor vielen tausend Jahren in jener Erlösungsnacht in die Merzen Israels und durch dieses in die Herzen der Menschheit gestreut worden war, scheint in der trüben Gegenwart in Schnee und Eis zu erstarren; der auf Erkenntnis Gottes beruhende Gottesglaube, die Poesie des auf Liebe und Frieden gegründeten Familenglücks, der Segen eines wahrhaft gütigen Menschenherzens, sie laufen Gefahr, vom eisigen Frost unserer Zeit geknickt zu werden. Da melden sich die Boten des Pessachfestes. Wir blicken hinaus in die verjüngte, erneuerte Natur, berauschen uns an ihrem Farbenglanz, saugen uns voll an ihren Kräften und Säften. Wir setzen uns an den festlich erleuchteten Sedertisch und lassen erklingen die alten Weisen: Knechte waren wir einst dem Pharao und e s hat uns erlöst Gott der Herr . . . Und siehe da, es lösen sich die Schnee- und Eismassen, es lockern sich die Fesseln, unsere Brust weitet sich, unser Herz wird voll von Zuversicht auf jenen Menschheitsfrühlingstag „in der Zukunft", wo, um wieder mit Lessing zu sprechen, die „inneren Belohnungen" die äußeren an Wert und Geltung übertreffen. Jenen Tag, an welchem nach der Verheißung des festlichen Prophetenabschnittes der eine zu dem anderen nicht mehr sprechen wird: Gehörst du zu uns oder zu unseren Feinden, sondern jeder einzelne sich als Fürst der Heerscharen Gottes betrachten und die in Liebe und Frieden geeinte Menschheit zum Volke Gottes wird. Von den vier Gaben des Pessachfestes ist diese Erwartung die wertvollste. A. Das Fest der Freiheit Dieses Fest sollte in dieser Zeit doppelt eindrucksvoll gefeiert werden. Es soHte damit dokumentiert werden, daß alles, was die Emanzipation der Menschheit und natürlich auch den Juden brachte, jetzt in Gefahr äst. „Feinde ringsum", das ist die richtige Bezeichnung unserer Situation. Der infame Verrrichtungsfeldzug des Hitlerismus gegen das Judentum ist eine so traurige Erscheinung, daß man geneigt wäre, die Zukunft grau in grau zu sehen. Die bloße Tatsache, daß eine momentan regierende große Menschengemeinschaft in einem zivilisierten Land es gewagt hatte, die Juden als Bürger zweiter Klasse zu deklarieren, sie zu diffamieren und trotz ihrer Hochwertigkeit als Schädlinge des Volkes zu behandeln, genügt, um dem Pessimismus Tür und Tor zu öffnen. Und wenn auch Sir Austen Chamberlain jüngst sagte, daß die Besten überall auf unserer Seite stehen, ist dieser Trost zu schwach angesichts der Vehemenz und der teuflisch ausgeklügelten Planmäßigkeit des Naziregimes, welches keine Mittel scheut, um seine Ideologie — wenn man dieses System so nennen darf — nicht nur im eigenen Lande, sondern auch überall in der Welt zu propagieren. Der ungeheure Apparat und die fast unbeschränkten Geldmittel, die einem so großen Reichel zur Verfügung stehen, sind in den Dienst dieser mittelalterlichen Ideen gestellt worden. Man will die Giftsaat überall ausstreuen, um die eigene Rücksichtslosigkeit zu rechtfertigen. In jedem Land der Welt beinahe, wo Juden leben, gibt es heute je nach dem Grad des Kulturniveaus größere oder kleinere Gruppen, die den Nazigeist verbreiten wollen und der Ansiebt sind, es werde oder köni.-'^,"'-^ Zeit kommen, wo die populären antisemitisch«.e/Aatzmethoden ihnen

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