Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 13-14 (30.3.1934)
- Date
- 1934-03-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Was essen $ie zu (fessadkl fthmidl' Jtlazzoth .. ■ ■ ■ Natürlich nur den berühmten ■ i Jlathan (Bwodetzny g Zentrale: Wien. 2. £?e*ir£. £eonotds&asse H3 \ Telephone: A 461-iO, A 48-4-48, A 60-2-63 ■ £tn Vermuft mird :Me fifienwutfen 1 ■ Erzeugt aus feinstem Mehl unter streng orthodoxer Aufsicht Sr. Ehrwürden Herrn Oberm rabbiner Babad ■ Die Scguniai-yKcBMMOttk und das Fabrikat „JfTanfte 3<ftmUU JH. m (Mazzoth, Orieß und Farwel) sind außerdem erhältlich in allen besseren Geschäften. ■ ■■■■■■■■«■■■»■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■Mi stillen und doch so gewaltigen, die ganze jüdische Welt verbindenden, den Triumph des jüdischen Hauses darstellenden Huldigung Gott danken für die Erlangung einer Freiheit, die wir längst eingebüßt, für eine Erlösung, deren wir längst verlustig ge- Wohnungen." Dort strahlte die Helle innigen Gottvertrauens und leuchtete das Licht der ererbten Familientugenden, das einst Mutter Sarah in ihrem Zelte angezündet und für dessen Erhaltung inmitten der ägyptischen Finsternis jene „frommen Frauen" Sorge trugen, denen nach Ansicht der alten Lehrer die Erlösung aus der Knechtschaft Mizrajims in erster Reihe zu verdanken ist. Gewiß, die Erhaltung der Einheit und Reinheit des Hauses, die Pflege des Familiensinnes, die Förderung aller jener Tugenden, die dem jüdischen Hause bis auf den heutigen Tag Farbe und Eigenart verliehen, war bereits den Patriarchen Gegenstand angelegentlichster Sorge gewesen. Die Erkenntnis jedoch von der Bedeutung des Hauses für die Gesamtheit Israels ward unseren Vorfahren erst in jener Frühlings- Mitternachtsstunde zuteil, als in den Straßen Mizrajims das göttliche Strafgericht sich vollzog, die Götter Aegyptens wankten und die Kunststücke der ägyptischen Zauberer sich als Trugbilder erwiesen hatten. Und die Geknechteten und Bedrückten in ihren Häusern zu einer stillen und doch so beredten Gotteshuldigung sich vereinigten, um Gott für die Errettung zu danken, die erst durch den Schutz ermöglicht wurde, die Er ihren Häusern angedeihen ließ. Und wenn wir noch heute, nach Jahrtausenden, zerstreut über die ganze Erde, wehrlos und ohnmächtig, unter Verhältnissen lebend, die vielfach an die „Galuth Mizrajim" erinnern, wenn wir da alljährlich in der Nacht zum 15. Nissan uns an den festlich erleuchteten Sedertisch setzen und in einer CAFE VICTORIA AM SCHOTTENTOR WIEN I. SCHOTTENTOR worden, so beweisen wir, daß auch den späten Enkeln jene Erkenntnis nicht verloren gegangen ist: „Eth bottenu hizzil." Retten wir unser Haus und wir retten uns selbst. Unser Haus, das jüdische Haus, ist das zweite uns von Gott in der Stunde unserer Volkswerdung gereichte Kleinod; es ist die Feste, die Gott über den Zusammensturz unserer nationalen Selbständigkeit hinaus uns gerettet und erhalten hat. Hl. Das jüdische Haus ist ein offenes Haus. Wie der Buchstabe „Beth" im hebräischen Alphabet an drei Seiten geschlossen und von der vierten Ihre schönste Fahrt nach PALÄSTINA mit unserer Gesellschaftsreise! ZUR LEVANTENESSE in Tel Awiv, Pfingsten und das «ntziidcende Erstlingfest in Haifa a) am 14. April ab Triest mit dem Liixusdampfer „Ausonia" b) am 2. Mai ab Neapel mit der „Vulcania'' Preise je nach der Kombination ab: ö. S 530.— tour und retour Für Einzelreisende Schiit- und Bahnkarten. Anmeldungen und Auskünfte: NORDISCHES REISEBÜRO (Palästina-Abteilung: Reiseleitung) N. M. Racker Wien I.. Seilergasse 3 (Eck« Graben- Stephansplatz) Telephon R 25-0-92 Prospekte und Offerte zur gefälligen Verfügung Jederzeit genaue Informationen her geöffnet ist, so besitzt das jüdische Haus, das durch diesen Buchstaben bezeichnet wird, einen offenen Trakt, offen in Freud und Leid für Freud und Leid des Nächsten. Mag es von noch so zahlreichen jüdischen Familien bewohnt sein und noch so viele jüdische Zeichen und Embleme an seiner Außenseite tragen, so dieses Haus von allen Seiten verschlossen ist gegen die Eindrücke und Vorgänge der Umwelt, hat es den Anspruch verwirkt, ein jüdisches genannt zu werden. Von einem solchen Hause gilt vielmehr das Wort des Midrasch: „Wehe dem Hause, dessen Fenster in die Finsternis geöffnet sind." Diese Eigenart des jüdischen Hauses trat zum erstenmal gleichfalls in jener ersten Pessachnacht in Erscheinung. In engstem Familienkreise sollte damals das Pessachopfer verzehrt werden, erwies sich aber die Zahi Franz-Josefs-Kai Wien I., Franz-Josels-Kai 45 wie alljährlich streng flDB btt? ")t£0 Unter persönlicher Aufsicht des Herrn M. RAPPAPORT Feuilleton Im Ghetto von Paris. Vielleicht hätte ich das Pariser Ghetto niemals kennengelernt, wenn ich nicht eines Tages das Opfer eines Karrikaturisten geworden wäre. Das kam so: Ich saß an jenem Nachmittag in einem kleinen Bistrot des Montparnasse und las gerade meine Zeitung. Da kam plötzlich ein magerer junger Mann auf mich zu, murmelte schüchtern: „Excusez. M'sieur!" und legte ein .Blatt vor mich hin, auf dem ich eine ausgezeichnete Karrikatur von mir erblickte. Ich kaufte dem jungen Manne die Zeichnung für ein paar Franken ab und kam mit ihm ins Gespräch. Ich fragte ihn nach diesem und jenem, denn in meinem Drang, Paris nach jeder Richtung hin zu durchstöbern, klammerte ich mich an jede Gelegenheit, etwas Neues kennenzulernen. Mein neuer Bekannter entpuppte sich rasch als recht amüsanter Gesellschafter und plauderte drauf los. Er war aus irgendeinem kleinen galizischen Nest nach Paris gekommen, tausend himmelstürmende Hoffnungen im Herzen, gähnende Leere im Beutel und phantastische Pläne im Kopf, aber dafür, wie so viele vor ihm, mit dem glühenden Wunsch, diese Stadt zu erobern. Es ist ihm noch nicht gelungen. Was er eroberte, sind alles in allem sein Zeichenblock und eine mehr als bescheidene Unterkunft____draußen im Osten. „Ja", raeinte er, „man muß sich schon sehr plagen und dabei noch zufrieden sein, daß man ein Dach über dem Kopfe hat. In meinem Quartier hat man es schwer. Reiche Leute wohnen eben nicht im Ghetto." „Im Ghetto?" fragte ich überrascht, „ja gibt es denn so etwas hier, in der kultiviertesten Metropole des Westens?" „Natürlich gibt es ein Pariser Ghetto, wenn auch nicht im mittelalterlichen Sinne. Dem Wesen nach aber ist es ein Ghetto. Ich wohne selbst dort, denn die Zimmer sind billig." Und als hätte er meine stumme Bitte erraten, fügte er hinzu: „Wir können ja hinfahren, wenn Sie Lust haben; mein Tagespensum ist ohnehin erledigt." Mit Freuden willigte ich ein, und einige Minuten später stiegen wir auf der Station Raspail für 70 Centimes in die Metro, die uns in sausender Fahrt unter Boulevards und Paläste hinweg ans Ziel führte. Zwischen der Place de la Bastille und dem Rathaus, genannt Hotel de Ville, liegt die Metrostation St Paul, direkt an der Avenue St. Antoine, einem Geschäfts- und Arbeiterviertel. Hier kletterten wir wieder aus dem Inneren der Erde ans Tageslicht. Etwa hundert Meter biegen wir in eine enge Nebenstraße ein. Lumpenbazar und jüdischer Geflügelmarkt. Bald befinden wir uns mitten im eigentlichen jüdischen Viertel. Es dämmert bereits ein wenig, als wir die Gassen durcheilen. Wie in den Winkelgassen des Orients drängt man sich hier durch Menschen und Dinge. Eng klebt alles aneinander, in holpriger Reihe folgen die kleinen Läden aufeinander, in denen man alle erdenklichen Dinge erstehen kann. Die Waren werden nicht nur in den Schaufenstern ausgestellt, sondern auch auf den Trottoirs. Gemüsesorten und exotische Früchte wetteifern mit alten Schuhen, Zahnbürsten, Hosen und Krawatten, mit Würsten, Kalbskeulen, Bäckereien und gebrauchten Möbelstücken um die Aufmerksamkeit der Passanten. Vor jedem Stand, vor jedem Laden stehen Männer, mitunter modern gekleidet, viel öfter aber noch in der alten Tracht der orthodoxen Juden, mit Kaftan und Käppi, mit Bart und Schläfenlocken, nach Kunden ausschauend. In einer geräumigen Toreinfahrt hat sich ein „Bazar" etabliert, dessen Warenlager sich aus sämtlichen weggeworfenen Utensilien zusammenzusetzen scheint und eher einem Müllhaufen als einem Verkaufsstand gleicht. Gegenstände von unwahrscheinlichem Alter und Aussehen werden hier noch um ein paar Centimes angeboten und wunderbarerweise auch manchmal an den Mann gebracht Dieser Althandel macht nicht einmal Halt vor intimen Gebrauchsgegenständen; man findet neben alten Anzügen, Schuhen und Hüten auch gebrauchte zarte Damenwäschestücke ungewisser Herkunft deren Aussehen in auffälligem Kontrast zu ihrem sonderbaren Milieu stehen. Parfüm in der Jauchegrube. Wir drängen uns an Schubkarren und Hökerständen vorbei und biegen in die rue des Rosiers ein. Ein ähnliches Bild, nur noch viel belebter. Dichtes Menschengewühl herrscht in der entsetzlich engen Gasse, hier scheint der eigentliche Straßenhandel zu blühen. Die Lebensmittel dominieren, was nicht zuletzt an den überall verstreuten Resten und Schalen erkennbar ist Allenthalben stehen salopp gekleidete Frauen in breiter Unterhaltung zusammen. Ein beängstigendes Sprachgemisch stürmt auf mein Ohr ein, das nur mit Mühe alles aufzunehmen vermag. Wo Ghettos sind, dort vermengt sich in eigenartiger Weise die betreffende Landessprache mit jenem Jargon, der zumeist aus deutschen Sprachelementen besieht und sich als „Jiddisch" in die Sprachenreihe einfügt. So hört man auch hier meistens ein mit französischen Brocken untermischtes Jiddisch, oder umgekehrt Aber auch deutsch, ungarisch, polnisch oder russisch ist zu hören. Da und dort wird um einen Gegenstand gehandelt. Kunden und Verltäufer stehen sich hart gegenüber und suchen einander von der Unerschütterlichkeit ihrer Preisangebote zu überzeugen, was nicht ohne heftige Gebärden zu gehen scheint. Ein paar Schritte weiter, an der Ecke der rue des Ecouffes, stoßen wir auf den Geflügelmarkt. Hier ist an diesem Tage besonders starker Andrang, denn man schreibt gerade Freitag, und es gilt, sich für den Sabbath mit Fleisch einzudecken. Hühner, Enten und Gänse werden unter Geflatter und Geschnatter abgewogen, bezahlt, mitgenommen. Federn fliegen auf und senken sich langsam wieder, manche bleibt an dem Barte eines Juden hängen, viele bedecken den Platz. Politik im Ghetto. Mein Begleiter bleibt plötzlich stehen und macht mich auf ein Schild aufmerksam, das in einem der vielen Ladenfenster hängt. Es ist ein gewöhnliches kleines weißes Schild mit einer kurzen Aufschrift aber es enthüllt viel Hintergründiges und ist symptomatisch für die Einstellung dieser Menschen, die primitiv in ihrer Lebensweise und zugleich tiefschürfend, unerbittlich im Denken sind. Egoismus auf der einen Seite, Solidarität und größte Hilfsbereitschaft auf der anderen. Die Inschrift lautet: „Les representants des maisons allemandes ne sont pas recus ici!" (Vertreter deutscher Lieferanten werden von uns nicht empfangen). Eine Regierung hat die Rechte der Glaubensgenossen angetastet und das Ghetto von Paris stellt seine kümmerlichen Kräfte zur Verteidigung bereit, mehr noch, es geht in Angriffsstellung und sagt den Kampf an. Jetzt, da ich aufmerksam gemacht bin, bemerke ich diese Schilder auch in anderen, in fast allen Ladenfenstern. Vor einem Geschäft drängen sich die Menschen. Wir treten näher heran und sehen einen Laden, der offenbar der geistige Mittelpunkt des Ghettos bildet. Um ihn herum stehen debattierende Gruppen und in dem Laden selbst wird der geistige Bedarf der Ghettobewohner gedeckt In- und ausländische, jiddische und hebräische Zeitungen, moderne Literatur, Broschüren, Gebetbücher, Talmudfolianten, Talissim, aber auch Schlagertexte und Schallplatten kann man bekommen. Schlechte Wobnungen und gutes Essen. Schon eilen die frommen Juden im Kaftan in den Tempel, um die Freitagabendandacht zu verrichten. An ihrer Seite trippeln Knaben mit großen dunklen Augen und blassen Gesichtern, Gebetbücher in den Händen. Gelegentlich treffen wir Frauen und hübsche Mädchen, die ein zugedecktes Brett vor dem Leib tragen. Es sind die Bäckereien, die man zu Ehren des Sabbath beim Boulanger bestellt hat