Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 11 (16.3.1934)
- Date
- 1934-03-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT SCHOKOLADEN UND «AWAOPULTEß - nDB bti - A«tatfw»gf St. Ehrw. Herr Rabbiner H. SCHENK beaufsichtigt heuer nur die Schokolade-Erzeugnisse der Marke „EHOLA" Koch-, Wirtschafts-, Haselnufc- und Bitterschokoiade 10 Groschen-Schokolade in Haselnuß und Bitter amciibbc naiaer «er Penzlnfier scbaksladenlAkrlk Wien Hü., ooitfscMagstr. ist / Tel. 11 ss-i-eo Die Volkszählung. Wie bekannt, findet am Donnerstag, den 22. d. M„ in Oesterreich eine amtliche Volkszählung statt. Die Ergebnisse derselben besitzen eine besondere Bedeutung für die jüdische Bevölkerung, die sich gerade gegenwärtig interessierter denn je mit den Fragen der Berufsberatung und Berufsumschichtung befaßt. Auch darauf wurde in diesem Blatte schon hingewiesen, daß diesmal eine Fragestellung nach Rasse und Nation unterblieben ist. Der Fragebogen weist nur die Fragen nach Religion und sprachlicher Zugehörigkeit auf. Nach der dem Zählbogen beigegebenen Belehrung Ist darunter diejenige Sprache zu verstehen, deren Kulturkreis der Befragte sich zugehörig fühlt Diese Sprache ist, wie Bundesminister Dr. Kerber in der „Wiener Zeitung" vom 1. Februar l. J. ausführte, nicht immer mit der Mutter- oder mit der Umgangssprache identisch. Denn wenn jemand als kleines Kind, sozusagen noch an der Mutterbrust, die eine Sprache gelernt hat, so kann er doch seither in den Kulturkreis einer anderen Sprache in seinem Denken und Fühlen so hineingewachsen sein, daß er nunmehr diesem Sprachkreis zugehörig ist; und umgekehrt kann jemand zwar im täglichen Leben sich regelmäßig der deutschen Sprache bedienen, aber doch im Kulturkreis seiner Muttersprache weiter fühlen und denken, in welchem Falle die bezügliche Kolonne nicht mit „deutsch'', sondern mit „tschechisch", „ungarisch" usw. auszufüllen sein wird. Hier handelt es sich somit um die Frage, wie viele Einwohner unseres Bundesstaates sich zum deutschen Sprachtum bekennen und wie viele davon sich einem anderen Sprachkreis zugehörig fühlen. Es besteht wohl keine Frage, daß der weitaus überwiegende Teil der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs sich dem deutschen Kulturkreise zugehörig fühlt Für die meisten österreichischen Juden trifft wohl zu, daß deutsch nicht nur ihre Muttersprache, sondern auch ihre Umgangssprache ist und daß sie unter dem Einfluß des deutschen Kulturgutes leben. Immerhin ist aber auch damit zu rechnen, daß jene jüdischen Schichten, die sich dem jüdischen Nationalismus verbunden fühlen, den Kulturkreis, dem sie sich zugehörig zählen, als. jüdisch oder hebräisch bezeichnen werden. Derartige Fatierungen dürften aber nur selten mit dem wirklichen Leben in Einklang stehen. Der leichtgläubige Lloyd George. Im „Sunday Dispatch" meint Lloyd George, die Vorurteile gegen das Naziregime im Zusammenhang mit der Verfolgung der Juden in Deutschland schwinden; es herrsche der Eindruck vor, daß die Judenjagd nunmehr abgeblasen wurde. Es scheint, daß das Bedürfnis, Hitler gegen die westeuropäischen Staatsmänner auszuspielen. Lloyd George blind gemacht hat gegen die Tatsache, daß die Politik der Ausmerzung der Juden aus dem staatlichen Leben, aus Wärtschaft, Wissenschaft und Kunst Deutschlands, mit der gleichen Vehemenz wie bei der Uebernahme der Macht durch Hitler, wenn auch äußerlich weniger geräuschvoll, vor sich geht. Es sei nur auf eine Aeußerung des als führende jüdische Persönlichkeit über Deutschfand hinaus bekannten Präsidenten der Frankfurter Jüdischen Gemeinde Justizrat Dr. Blau hingewiesen, der in der letzten Nummer des Frankfurter Gemeindeblattes feststellt, daß ..ein Jahr nach dem Einsetzen des Sturms, der über das deutsche Judentum hinwegbrauste. die Schwere der Dinge nicht wesentlich nachgelassen hat." JOSEF D1AV Cafe Carltheater (Sitz des öslerr. Kantorenverbandes) Wien M»r*mt*;rB*armmac «• wahrend der Pessachfelertage Kafffee und erstklassige tlDS bv "W3 Getränke Kundgebung der Vereinigung jüdischer Aerzte« Zwei Wiener Zeitungen haben vor einigen Tagen sehr heftige Angriffe gegen die jüdischen Aerzte in den Diensten der Stadt Wien gerichtet. Gegen diese Angriffe wendet sich nun die Vereinigung jüdischer Aerzte in Wien in einer Resolution. Es heißt in dieser Kundgebung: Die Ungeheuerlichkeit der Anwürfe zwingt uns, aus unserer Reserve hervorzutreten und unsere Ehre zu verteidigen. Wir werden die Verantwortlichen vor dem zuständigen Forum zur Verantwortung ziehen. Vor aller Oeffentlichkeit aber weisen wir die erhobenen Beschuldigungen und Verdächtigungen mit Entrüstung zurück. Die jüdischen Aerzte waren und sind erfüllt von dem Bestreben, die Ethik ihres Standes hochzuhalten und ihr Bestes den Kranken zu geben, und zwar ohne Ansehung von Personen, Herkunft und Gesinnung. Die jüdischen Aerzte Wiens bekennen sich in überzeugter Treue zu ihrem Vaterlande Oesterreich und haben keinen sehnlicheren Wunsch, als mit Einsatz aller ihrer Kräfte für diejenigen wirken zu dürfen, deren Leben durch eine Erkrankung bedroht ist. Nach der Möbel-Messe besichtigen Sie auch meine frei zugängliche Möbelausstellung .: in KQchen, Vorzlmmarri« Kinderzimmern! Wohnzimmern; trotz neuester MoäehV Gelegenheitskäufe MÖBEL-KOHff, TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Aus der braunen Hölle. Dr. Benno Walter, der Vizepräsident und Geschäftsleiter der Deutschland-Loge des U. 0. B. B., der im Zusammenhang mit einer von ihm in München-Gladbach am 8. Jänner gehaltenen Ansprache verhaftet wurde, ist nun aus dem Polizeipräsidium am Alexanderplatz nach dem berüchtigten Columbia-Haus, einem von der Politischen Polizei unterhaltenen speziellen Gefängnis für politische. Häftlinge, gebracht worden und wird dort streng isoliert gehaltea Niemand durfte ihn bisher besuchen oder an ihn schreiben. Doktor Walter soll in München-Gladbach gesagt haben, daß die Juden in Deutschland niemals freiwillig auf ihre Bürgerrechte verzichten werden. Diese Aeußerung ist, wie nun offiziös zugegeben wird, der Grund für seine Verhaftung gewesen. « Die Politische Polizei erschien am 6. März unvermutet im Berliner Logenhaus in der Kleiststraße, in dem der Tempel und die Büros der Großloge Deutschland des Unabhängigen Ordens Bne Briss, sowie die Büros einer Anzahl Berliner Zweiglogen der Bne Briss untergebracht sind, und nahm eine gründliche Haussuchung vor, die mehr als zwei Stunden dauerte. Zahlreiche vorgefundene Dokumente wurden zur Durchprüfung mitgenommen. Verhaftungen sind nicht erfolgt. Das in der ersten Februarwoche von den Stettin er Behörden beschlagnahmte HausderBneBriss-Logein Stettin ist der jüdischen Gemeinde Stettin übergeben worden m5lt dem gleichzeitigen Auftrag, das Haus in eine Schulefürjüdische Kinder umzugestalten. Dabei wurde seitens der Behörden erklärt, daß das Gebäude nicht mehr in den Besitz der Bne Briss zurückkehren wcrd. Das Vorgehen der Stettiner Behörden er- Bilte um rechtzeitige Vormerkungen für die Sederabende Ersiklassige JIDÖ im Weine von S 2.— per Liter aufw. ins Haus zugestellt. Alle Sorten Karmel- und Palästina- Weine. RESTAURANT HERUNGER II., TÜD OD STRASSE Nr. 18 im Hotel National Tel. R 47-7-41^ weckt Besorgnisse hinsichtlich des Eigentums jüdischer Institutionen in Deutschland überhaupt. Die amtlichen deutschen Stellen scheinen sich der Pflicht, für jüdische Schulen zu sorgen, nachdem die jüdischen Kinder zum Teil nichtjüdische Schulen nicht besuchen dürfen, zum Teil ihnen der Aufenthalt in diesen Schulen unerträglich gemacht wird, dadurch entledigen zu wollen), daß sie Häuser jüdischer Institutionen beschlagnahmen, um sie dann den Gemeinden als jüdische Schulhäuser zur Verfügung zu stellen. Der Polizeipräsident von Stettin ist, wie man jetzt erfährt, aus der lokalen SA-Staffel ausgetreten, weil er sftch mit dem Benehmen der SA-Leute bei der Durchsuchung des Stettiner Bne Briss-Hauses nicht identifizieren wollte. Die SA-Leute hatten alles vonunterst zu oberst gekehrt, die Gebetbücher zerrissen und die Gegenstände des Rituals im Tempel zerstört. Der Schade in ist sehr beträchtlich. Die Polizeibehörden haben dann versucht, einigermaßen Ordnung zu schaffen. i * Der Regierungspräsident von Schlesien, Brückner, erklärte in einer in Oppeln gehaltenen Rede. Deutschlands politische Arbeit sei nun so gut wie beendet, nicht aber die wirtschaftliche. Aber, fügte er hinzu, wir werden unsere wirtschaftspolitische Arbeit in. einer Weise fortführen, daß kein Jude vorher wissen wird, woder nächste entscheidende Hieb auf ihn fallen wird. * Der 16jährige Sohn des aus Deutschland vertriebenen, jetzt an der Konstantinopel er Universität lehrenden jüdischen Professors Kantorowicz hat Selbstmord begangen. Er war in Deutsch-, land zusammen mit.seinem Vater in einem Konzen-' trationslager interniert und hatte damals einen Nervenchock erlitten, von dem er sich nicht mehr erholen konnte, so daß er nun in den Tod ging. « Seit einiger Zeit ist eine verstärkte Bewegung für Boykott jüdischer Geschäfte, besonders in der Provinz, zu vermerken. Die Nazipresse in der Provinz veröffentlicht „Befehle" au die Parteigenossen, die Schwelle eines jüdischen Geschäftes nicht zu betreten, da sie. wenn sie auch nur ein einziges Mal dabei betroffen werden, aus der Partei ausgeschlossen werden würden. In Feuchtwangen, Kreis Nürnberg, wurde eine nationalsozialistische Konferenz unteniBeteiligung der größeren und kleineren Orte des Kreises abgehalten, wobei die Vertreter der verschiedenen Städte und Dörfer es auf ihre persönliche Verantwortung nehmen mußten, daß die Bevölkerung ihrer Gemeinden den antijüdischen Boykott streng halten werde. * Nach Berichten, die aus allen Teilen des Deutschen Reiches einlaufen, werden dem UmschichtungsprozeD der jüdischen Jugend in Deutschland überall die schwersten Hindernisse in den Weg gelegt. Insbesondere wird die landwirtschaftliche Ausbildung der Jugend seitens der offiziellen Stellen direkt verhindert. Im Rheinland wurden 70 Bauern in die Gemeindehäuser gerufen, wo ihnen direkt anbeföhlen wurde, sämtliche jungen Juden, die in ihren landwirtschaftlichen Betrieben eine Ausbildung genießen, fortzuschicken. Der jüdische Gutsbesitzer Max Meiningen, der auf seinem Gut in Hagenau, Mecklenburg, eine Anzahl junger Juden beschäftigt, wurde von der Politischen Polizei in Schutzhaft genommen und mehrere Tage festgehalten. Erst als er sich verpflichtete, alle bei ihm beschäftigten Juden zu entlassen, ließ man ihn frei. Die Landwfrtschaftskammer der Provinz Brandenburg, der auch die Berliner Bauern und Gutsbesitzer unterstellt sind, hat aillen Bauern und Gutsbesitzern anbefohlen, nur Arier zu landwirtschaftlicher Ausbildung aufzunehmen. Die mit ausdrücklicher Ermächtigung der Behörden in Sommerfeld errichteten 30 Ausbildungszentren sind nun aufgelöst worden: die Behörden erklärten, sie benötigten den Boden für andere Zwecke. In Gießen wurden die Bauern, die junge Juden in Ausbildung genommen hatten, mit Boykott bedroht falls sie nicht alle bei ihnen arbeitenden Juden fortschicken. In mehreren anderen Ortschaften wurden Bauern, die Krtegsveteranen sind, davor cewarnt. weiterhin Juden in ihren Betrieben zu beschäftigen; sie würden sonst ihrer Pensionen verlustig?ehen.