Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 11 (16.3.1934)
- Date
- 1934-03-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 3 halb Frankreichs, Europas und nach Uebersee wurden zuwege gebracht, davon 300 Reisen nach Palästina und (ernte höchst interessante Zahl) 700 Rückreisen nach Deutschland. Das Versiegen der bisherigen Hilfsquellen war der Grund dafür, daß schon im November 1933 keine Neuaufnahmen mehr erfolgten. Man begann auch, den Betrieb in den Kasernen, die eine letzte Zuflucht darstellten, allmählich aufzulösen. In den beiden noch geöffneten befanden sich Ende Februar noch 265 Insassen. Bis zum Tage der Schließung des Coirtite National werden sie ganz verschwunden sein. Im Laufe der Abbauentwicklung haben sich wieder verschiedene neue Kommissionen zur Behebung der Emigrantennot gebildet. Aus einen von ihnen entwickelte sich die sogenannte „Deutsche Kommission", auf die das „Comite National" seine Restfonds übertragen wird. Ihre Aufgabe besteht in der Heranziehung der vermögenden Emigranten selbst zur Schaffung eines Fonds. Ob die Zeitungsmeldung von der Ausweisung eines reichen Refugies aus Frankreich wegen Verweigerung der Unterstützung für einen Flüchtling hiermit zusammenhängt, war nicht festzustellen. Ende Februar 1934 läßt sich das Uebergangs- .stadium vom Comite National zur „Deutschen Kommission" folgendermaßen fixieren: Es gibt noch etwa 1500 Unterstützte. Davon sollen 100 als Hilfsarbeiter auf dem Lande, weitere 100 in Handwerks- und Landwirtschafts-Umschulungen untergebracht werden. Ein Palästinatransport von 100 Emigranten, die Verschickung von weiteren 100 zur Arbeit in anderen Ländern sowie die Etablierung von 300 Familienvätern soll die Zahl auf 600 herabdrücken. Diese will man in Heimen oder Privatpflege bringen. Das ist das Ende einer Hilfsaktion, die im März 1933 mit viel Schwung und Humanität begann und däe im März 1934, nach Aufwendung von rund 12 Millionen Francs (gleich 2 Millionen Mark) mit dem Desinteressement an dem Schicksal von nach wie vor rund 25.000 Flüchtlingen endet. Streng rituell... wird Kunerol erzeugt, in modernen, appetitlich reinen Anlagen, die vom Publikum jederzeit besichtigt werden können. Kunerol ist garantiert reines, 100%iges Pflanzenfett Seine besonderen Vorzüge sind: Großer Nährwert, leichte Verdaulichkeit und lange Haltbarkeit Kunerol wird unter ständiger Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg hergestellt KUNEROL 100% REINES KOKOSNUSSFETT Nur echt in Originalpackung! Nachwort der Redaktion: Wir fürchten nur zu sehr, daß wir in allernächster Zeit dem obigen Berichte, den wir dem Pariser „Neuen Tagebuch'' entnehmen, einen ähnlich tristen in bezug auf das Wiener Emigranten-Hilfskomitee folgen lassen werden müssen. Denn dieses Komitee stellt, wie wir vor Blattschluß erfahren, am gleichen Tag wie das Pariser, nämlich am 15. März, seine Tätigkeit ein. Die Jüdenentreditung im Dritten Reich. Am 30. Jänner 1933 hat Adolf Hitler das Amt des deutschen Reichskanzlers übernommen. Am 27. Februar wurde das Gebäude des deutschen Reichstages in Brand gesetzt. Seit diesem Ereignis wird in Deutschland eine Regierungsgewalt ausgeübt, der keine Hemmungen (durch Verfassung, Gesetze, Parlament, Gerichte) auferlegt sind. Damit begann für die deutschen Juden eine Zeit, die schwerer und schlimmer ist, .als sie jemals in den Ländern ausgeprägter und alter Pogromtradition vorkam; unter wirtschaftlicher Bedrückung, unter zahlreichen Mißhandlungen einzelner Personen und ganzer Gruppen wurden die deutschen Juden nach einem genau vorbereiteten und immer wieder ergänzten Plane ihrer staatsbürgerlichen und ihrer Menschenrechte beraubt. Dieses System der Entrechtung und der Vergewaltigung hat in der ganzen Welt, bei Juden und bei vielen Nichtjuden, Empörung hervorgerufen und war auch Gegenstand von Verhandlungen in Parlamenten und im Völkerbunde. Bis heute fehlte jedoch eine gründliche Darstellung der Vorkommnisse, die die Juden betreffen, seitdem die Nationalsozialisten die Macht ergriffen haben. Wie groß das Maß der moralischen und rechtlichen Entwürdigung der jüdischen Bevölkerung von Deutschland ist und wie tief jene Ereignisse die Grundlagen der jüdischen Existenz in Deutschland erschüttert haben, wird in dem am ersten Jahrestag der Hitler-Herrschaft erschienenen „S c h w a r z b u c h'-, das die Ereignisse des Jahres 1933 berücksichtigt, auf Grund authentischen Materials dargestellt. Erst durch die Gruppierung der Geschehnisse nach bestimmten Gesichtspunkten und dürch die Aneinanderreihung der zahlreichen, gegen die Juden gerichteten Akte wird offenbar, was sich im Laufe des letzten Jahres an Furchtbarem und Ungeheuerlichem gegen die Juden in Deutschland zugetragen hat. Das Buch unternimmt es, ein ungeschminktes Bild dessen, was ist, zu gewinnen, und zwar auf Grund von offiziellen Verkündigungen, Gesetzen und Willensäußerungen. Zu diesem Zwecke hat das Comite des Delegationjs Juives in Paris einen besonderen Informationsdienst eingerichtet, auf Grund des gesammelten Materials einen bekannten Publizisten und Rechtsanwalt mit der Abfassung des ausgezeichneten Werkes betraut und auch für die Mitarbeit anderer Sachkenner Vorsorge getroffen. Das Comite des Delegations Juives hat mit der Herausgabe dieses Buches eine wichtige Aufgabe, die dem Judentum unserer Zeit obliegt, erfüllt und nicht nur ein historisches Werk vollbracht, sondern zugleich ein wichtiges Kampfmittel zur Besserung der Lage des deutschen Judentums geschaffen. Die einzelnen Kapitel. Einleitung: — Was ist? — Was wird sein? I. Klärung der Begriife. II. Religiöses. III. Juden in der Verwaltung und Justiz. IV. Gesundheitswesen. V. Hochschule und Schule. VI. Wirtschaft. VII. Kunst, Film, Presse. VIII. Gemeinschaftsleben. IX. Gewalttaten. X. Auswirkungen der Judenverfolgungen. Nachtrag. Verzeichnis der Gesetze, Verfügungen und Verordnungen. Sachregister. Als Material des Werkes dienen in erster Linie Gesetze, ferner Verordnungen und Verfügungen der Zentralinstanzen, dann solche von lokalen Behörden und weiter Anordnungen von halboffizellen Körperschaften, Berufsvereinen etc. Es wird in diesem Zusammenhang dargelegt, inwieweit Maßregeln von inoffiziellen Stellen unter den Verhältnissen des autoritären und integralen Staates diesem zur Last zu legen sind. Den Gesetzen wird jeweilig eine kurze Erläuterung hinzugefügt, die dem Ausländer die Folgen begreiflich macht. Endlich werden in diesem Zusammenhang verwendet Reden des Kanzlers, der Minister, des Führers der Arbeitsfront und anderer offiziellen Funktionäre, sowie die Artikel und Kommentare, die in den offiziellen Parteizeitungen erschienen sind. Im Kapitel „Gewalttaten" werden Fälle aufgezeigt, in denen Greueltaten gegen Juden wegen ihrer Eigenschaft als Juden verübt wurden, und die dokumentarisch belegt sind. Gegen Rassenhaß und Menschennot Montag, den 5. März, fand in den Drei-Engel- Sälen, IV., Große Neugasse, eine massenhaft besuchte Versammlung der Harand-Bewegung gegen Rassenhaß und Menschennot statt. Den Vorsitz rührte Franz R a g a s, die Referate wurden von Frau Irene Harand und Dr. M. Zalman gehalten. In ihrer Ansprache forderte Irene Harand zuerst die Versammelten auf, sich zum Zeichen der Trauer nach den Gefallenen von den Sitzen zu erheben. „Wir alle sind mitschuldig'- — sagte Frau Irene Harand — „an den traurigen Ereignissen, denn unsere Herzen waren nicht heiß genug, um die Kluft von Mensch zu Mensch zu überbrücken und den Haß auszumerzen." Irene Harand wandte sicli dann energisch gegen alle Versuche, eine Menschengruppe nur deshalb in ihren Rechten zu kürzen, weil sie einer anderen Konfession angehört oder anderer Abstammung ist. Es sei ein großer Irrtum, zu glauben, daß die Erneuerung Oesterrechs im christlichen Geiste die Ausschaltung Andersgläubiger zur Folge haben müsse. Der erste Grundsatz des Christentums heißt Menschenliebe. Der Charakter des Menschen und seine Fähigkeiten müssen entscheidend sein, nicht seine Konfession und Abstammung. In scharfen Worten polemisierte dann die Rednerin gegen die antiösterreichische Propaganda im Auslande und versprach schließlich eine Fortsetzung ihres Kampies gegen Rassenhaß und Menschennot mit verdoppelter Energie. (Minutenlanger Beifall.) Hierauf hielt Dr. Z a 1 m a n eine interessante Rede, in der er sich mit heitigen Worten gegen jene Kreise wandte, die die Regierung aneifern, durch Ausnahmebestimmungen erworbene Rechte einer Gruppe von Staatsbürgern anzutasten. Ein Neuaufbau des Staates muß nach Prinzipien der Gerechtigkeit vor sich gehen. Der Redner zweifelt nicht daran, daß die Regierung Dolltuß-Fey erworbene Rechte niemals antasten werde. Darum bittet er alle seine Anhänger in Wien und in den Ländern, rückhaltlos und bedingungslos die Regierung in ihrer Arbeit, deren Ziel es ist. ein neues Oesterreich zu schaffen, zu unterstützen. (Stürmischer anhaltender Beifall.) Hierauf wurde von Johann Hartberger folgende Resolution vorgeschlagen, die von den Versammelten einstimmig angenommen wurde: „Wir sprechen der Regierung DollluB-Fey unser vollstes, uneingeschränktes Vertrauen aus und geloben, ihr bedingungslos treue Gefolgschaft zu leisten. Wir bitten inständig die Regierung, beim Neuaufbau des Staates allen antisemitischen Tendenzen, von welcher Seite sie auch kommen mögen, Widerstand zu leisten, weil der Antisemitismus dem Hakenkreuz den Weg ebnet und die Beseitigung der Menschennot verhindert"