Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 11 (16.3.1934)
- Date
- 1934-03-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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s ■ E Sessadh steht vor der (fürel fdunidl- Jttazzoth bei fi & Rasch also Ihren Bedarf decken an den berühmten Jlathan (Brodetzfty Zemtrate: Wien, 2. föezirft, j£eopofdsgosse h3 Telephone: A 46-l-hO, A 48-4-48, A 60-2-63 £fn Versudk wird fie fi6enwu^en f Erzengt aus feinstem Mehl unter streng orthodoxer Aufsicht Sr. Ehrwürden Herrn Oberrabbiner Babad _ ■ Die fgtkmtdU-JKwtMoUk und das Fabrikat ..JHLmStn SttkmUU JV.(&." ■ (Mazzoth, Grieß und Farwel) sind außerdem erhältlich in allen besseren Geschäften. ^^Hl^^^^^^^^^^■■■■■■■■■■^■^^■■■■■■^■■^^■■■■'^^^rp^^Tgr■■m■ffr^^^^^'^^^■^■^^^■■l nalität autgaben, um geistig und gefühlsmäßig ganz aufzugehen in ihrem Vaterland, wir Assimilanten werden heute nicht nur von den neuen Patentjuden geschmäht, sondern begegnen auch, wie es scheint, keiner besonderen Sympathie auf Seiten der herrschenden Kreise. Um so mehr Liebkind ist heute Herr Stricker und Genossen bei unseren christlichen Antisemiten. So wie seinerzeit, als Herr Stricker auf Grund des oben charakteri- ■ ■ ■ s sierten tragischen Wahlbündnisses die österreichische Judenschaft im Nationalrat vertrat, sein Antrag auf Anerkennung einer jüdischen Minderheit vom Antisemitenführer Kunschak mit rührender Offenheit beklatscht wurde, so findet Herr Stricker auch heute, wie wir der „Reichspost" entnehmen können, den Betfall der jüngsten Antisemitengeneration. Dieser Beifall sei ihm gegönnt, wir haben einen anderen Ehrgeiz. Das Ende einer Hilfsaktion. Am 15. März 1934 stellt das „Comite National de secours aux refugies allemands victimes de rantisemitisme" seine Tätigkeit ein. Es war am 1. Juli 1933 gegründet worden. Vorher hatten sich eine Reihe von Einzelorganisationen mit der Fürsorge für die Flüchtlinge aus Deutscliland beschäftigt. Als sich für die Zusammenarbeit mit den Behörden, mit den Provinzgemeinden und den internationalen Verbänden eine Zusammenfassung als notwendig erwies, schufen die interessierten Verbände das „Comite National" in Paris. Präsident wurde Paul P a i n 1 e v e, nach dessen Tod Henri Berenger, Präsident der Senatskommission für auswärtige Angelegenheiten. Unter den Mitgliedern des Comites findet man verschiedene Senatoren und Minister, unter anderem Edouard Herriot Dem Exekutiv-Comite präsidierte Baron Robert de Rotschild. Der Direktor war Raymond-Raoul Lambert. Seit seinem Bestehen ließen sich bei dem ComSte zirka 13.000 Ankömmlinge einschreiben, von denen ein Teil jedoch nur Rat in Stellenvermittlungs-, Reise- und Aufenthatobewilligungsfragen wollte, also nicht direkte Unterstützung. Für die Unterstützung ausgegeben wurden von Juli 1933 bis Ende Februar zwischen 12 und 13 Millionen französischer Francs. Die Zahl der Unterstützten betrug Ende Oktober noch 2300 (von insgesamt 25.000 deutschen Flüchtlingen, deren Zahl inzwischen kaum zurückgegangen ist). Seither ist sie aus Mangel an Fonds ständig zurückgegangen. Die Unterstützten erhielten teils Beisteuern für ihre Hotel- oder Haushaltungskosten, teils wurden sie im Massenquartieren untergebracht. Dies waren Kasernen (Andral, St. Maur, Porte d'Or- CAFE VICTORIA AM SCHOTTENTOR WIEN I. SCHOTTENTOR also wir treffen uns bestimmt 1! an den Sederabenden bei A. BARSCH AK Wien II., Große Schilfgasse Nr. 3 Telephon A 46-4-39 Unter Aufsicht Sr. Ehrw. Herrn Rabb. Josel Babad Berühmt sind seine ungarischen Weine, Palästinaweine, Meth, Slibowitz, Kognak von S 2.— per Liter aufwärts. Besonders empfehlenswert: seine streng koschere Küche noa bv isn leans, Porte d'Italie), die vom Kriegsministerium und von der Seine-Präfektur zur Verfügung gestellt wurden. Dort wohnten die Flüchtlinge und wurden beköstigt. Dort fanden sie auch die Möglichkeit zur Vervollkommnung in der französischen Sprache und zu handwerklicher Betätigung.*) Die Stellenvermittlung war das schwierigste Kapitel. Was auf diesem Gebiete zustandegebracht wurde, zeigen die folgenden Ziffern. Vom April 1933 (alle Vorgänger des Comite National zusammengerechnet) bis Mitte Oktober 1933 wurden 897 Personen in Stellung gebracht. Sie verteilen sich wSel folgt: Landwirtschaft.........148 i Lehrstellen ..........12 ' Bau ............. 3 i Holzindustrie........., 5 Schuhwaren .......... 3 . . - t Verschiedene Berufe.......48 ' Hausangestellte.........384 * Büroangestellte.........96 Handwerker..........73 Metallindustrie .........13 Freie Berufe . . . .......51 Theater und Kino........12 Bekleidungsindustrie und Mode ... 49 897 (davon 201 in der Provinz) Eine der Hauptaufgaben des Comites bestand darin, die Verbindung ntit den Verbänden anderer Länder aufzunehmen, um außerhalb Frankreichs Arbeitsmöglichkeiten zu finden, und die Finanzierung von notwendigen Reisen. 2000 Reisen inner- *) Ueber das Pariser „Leben im Exil" hat Simon B e r g h in seiner nächstens zum Abschluß gelangenden interessanten Aufsatzreihe in unserem Blatte ausführlich berichtet. D. Red. Peuitteton Wir Wilden sind doch bessere Menschen. Im letzten „Morge n" lesen wir folgende ausgezeichnete Betrachtung: „Bei uns kann so etwas, Gott sei Dank, nicht passieren!'" sagt stolz die Hausfrau, wenn von der Nachbarin eine Skandalgeschichte erzählt wird. Und was man jetzt im Zusammenhang mit dem neuen Elisabeth Bergner-Film „Die große Katharina" aus unserem großen Deutschland hört, berechtigt unsere adrette Hausfrau Austria. mit bescheidenem Stolz dieses so eft mißbrauchte Frauenwort in den Mund zu nehmen. In Berlin hat man den neuen Bergner-Film ausgepfiffen, es gab Skandale, so daß sich Minister Goebbels „genötigt" sah, diesen Film in Deutschland zu verbieten. In England bat der Film Furore gemacht, die Engländer waren begeistert von der kleinen „großen Katharina" und die Künstlerin Elisabeth Bergner erlebte den seltenen Triumph, daß sie. unsicher die ersten Schritte in die fremde Welt einer anderen Sprache wagend, dieses Land eroberte. Ihre Bedenken und Hemmungen waren nicht gan? unbegründet. Wird man nicht bei jedem Wort merken, daß die Darstellerin zwar englisch, aber mit deutschem Akzent spricht? Die Engländer sind Gentlemen, aber könnte es nicM vorkommen, daß die breite Masse sich in diesem Augenblick daran erinnert, daß während des Weltkrieges deutsche Luftschiffe die gleiche Stadt London mii Bomben belegt haben in der . . . Lächerlich, sagte die Berjrncr. Lächerlich, svsx ieder vernünftige Merr.'.-K Niemandem, auch nicht dem primitivsten englischen Hafenarbeiter wird es einfallen, eine Künstleri;; deshalb auszupfeifen, weil sie einem anderen Volk entstrmmt. Kein, das stnnd nicht zu befürchten. Man hat in England seither schon anderen deutschen Künstlern zugejubelt. HpG von einem Vclk zum anderen gibt es nicht, er muß künstlich erfunden werden. So kam es. dnß Elisabeth Bergner. die deutschsprachige Künstlerin. mU ihrem eisten englischen Film England eroberte, •iid'cl?^! s!<? T"»ji'tsrb1pnd verloren hatte, weil sie — e!ne .Iii diu «var. Ans Wien;st die Bergner nach Deutschland gekommen, in Deutschland ist sie „d i e Bergner" geworden, allerdings noch zu einer Zeit, da man nicht nach Rassenbelangen fragte und. wie „Katharina" ihr entscheidender Londoner Erfolg, so war „Ariane" ihr erster großer Filmerfolg überhaupt. „Die Bergner" war der große deutsche Filmstar. Die Kulturrevolution in Deutschland, hatte im ersten Elan auch im Film reinen Tisch gemacht. Allzu reinen Tisch, wie man nach ganz kurzer Zeit betrübt feststellte, um gleich darauf ein Auge zuzudrücken. Die hundertprozentigen nationalen Films waren, wie die maßgebenden deutschen Stellen selbst zuzugeben den Mut hatten, fast durchwegs hundertprozentige Versager und der übliche „Amiiscmang"-Film wurde auch nicht besser. So ließ man allmählich einen „Rassen"- Schlendrian eintreten, man erfand das Hintertürchen ven den ausländischen Filmstars, die rassisch nicht entsprechen müssen, wenn sie in einem gewissen ziffernmäßigen Verhältnis zu den heimischen arischen Darstellern stehen. Sc war denn auch der von drei Ungarn verfertigte und von einer Oesterreicherin in der Hauptrolle dargestellte Tonfilm ..Die große Katharina" eigentlich gar keine „revolutionäre" Tat. Dennoch: bei der Vorführung dieses Films kam es in Berliner Kinos zu Krawallen. Das gleiche Publikum, das die langweiligsten nationalen Erhebungsfilme, die von Minister Goebbels selbst als minderwertig bezeichnet wurden, geduldig ertrug, wurde auf einmal zum unerbittlichen Kritiker. Bei einem wenn vielleicht auch nicht überwältigenden, so doch immerhin turmhoch über den üblichen deutschen Unterhaltungsfilmen stehenden Tonfilm, in dem Elisabeth Bergner zweifellos eine Meisterleistung bot. Es bestellt kaum ein Zweifel, daß die Unruhen besser inszeniert waren als die daneben gelungenen ..Erhebungs"-Fi'lme. Aber sie waren eben inszeniert. Einer ganz kleinen Clique, die vielleicht noch dazu ven der Rachsucht einer ausgestochenen Rivalin, die vor Elisabeth Bergner höchstens die arische Großmutter voraus hatte, angespornt wurde, genügte es nicht, daß sie eine begabte Künstlerin ihres eigentlichen Wirkungskreises beraubt und sie gezwungen hatte, mit einem ungeheuren Aufwand von Energie den Sprung ins Ungewisse von Neuem zu wacen. sie verunglimpft diese Künstlerin in kulturloser Weise auch weiterhin, nur aus dem Grunde, weil sie Jüdin ist. Daß Elisabeth Bergner von der deutschen Bühne verschwunden ist und min der Vorwand, sie nehme arischen deutschen Schauspielerinnen das Brot weg, weggefallen ist, genügt nicht. Daß sie in einem englischen Film zum Publikum spricht, der auf Grund der wechselseitigen Handelsbeziehungen, die im Film bestehen, auch nach Deutscliland gekommen ist, veranlaßt die maßgebenden Faktoren nicht, zumindest den Zusteüungscirt und die Sprache dieses Films zu respektieren. Denn schließlich, wenn den Briten die kleine Elisabeth Bergner als Darstellerin der großen Katharina recht und billig war. so hätte dies dem deutschen Publikum auch genügen können. An diesem Fall sieht man. daß die Argumenta tien, man wiil die Juden in Deutschland nur auf ein vernünftiges Maß der Tätigkeit im wirtschaftlichen und künstlerischen Leben reduzieren, unaufrichtig war. Der Haß und die Unduldsamkeit hat keine rationellen Gründe, er ist ungerecht und geht über alle Landes¬ und Kulturgrenzen hinaus. Da müssen wir schon sagen, daß wir gegenüber dem wirtschaftlichen und auch dem Gewissenszwang von Künstlern aus dem Reich weitaus duldsamer sind. Es ist niemanden in Wien eingefallen, es dem Künstler Werner Krauß entgelten zu lassen, daß er im Reich draußen die Würde eines Staatsrates bekleidet und nicht nur rein äußerlich, sondern vielleicht auch der Gesinnung nach sich zu den neuen Grundsätzen bekennt. Für uns war Werner Krauß. sobald er auf der Bühne stand, ein gottbegnadeter Künstler, jenseits von Politik und Rasse. Um wieviel leichter wäre eine solche Duldsamkeit, wenn sie gegen eine Frau geübt werden soll, noch dazu, wenn nur ihr Bild von der Leinwand spricht. Und wenn die Engländer alles be.greiien werden, so werden sie nicht begreifen, wie ein deutscher Mann — und dieser ist doch das Sinnbild der deutschen Erhebung — so weniR ritterlich gegen eine wehrlose Frau sein konnte. Ein wenig betrübt uns dieser Fall. Pflegen doch die Fremden zu verallgemeinern und für ein englisches Ohr — auch wenn die Ereignisse es für die Nuancen geschärft haben — bleibt deutscher Akzent deutscher Akzent. Nichtsdestoweniger ist die neue Bergner-Affäre im Reiche für uns auch ein wenig erfreulich. Denn, da wir vor und besonders während des Brieses bei Vergleichen mit dem großen deutschen Bruder (besonders wenn dieser selbst die Vercleiche rnstellte) meist schlecht wegkamen, können wir ietzt mit entrüstetem Schmunzeln feststellen: ..Wir Wilden cind doch bessere Menschen!"