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Die Wahrheit · 1934-03-16 · Heft 11 (16.3.1934) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 11 (16.3.1934)
Date
1934-03-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 40 Groseben In Deutschland verboten! Jüdisch c Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der »Union österreichischer Juden* und den Amtlichen Verlautbarungen der Nadi PAiÄSTOA { 2 durch den ■ : PALESTINE A OBIEN1- | j LLOYD : ■ Veitretoag für Osterreich: S! REISEBÜRO CITY, Dr. J. H. Kölner \ \ WIENI. KOHLMARKT NR. 6 israelitischen Kultusgemeinde Wien I Telephon u 26-4 » iiiniiiiiiiuiiiinüHiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii^ iiniiiniuiiuiiiiiuiiuniiiiiii Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 50. Jahrgang Wien, 16. März 1934 Nummer 11 Strickers Ehrgeiz. Im Parlament ist tote Saison. Still liegt die Säulenhalle, still ist es in den Beratungszimmern. Der Herausgeber einer Parlamentskorrespondenz ist verzweifelt. Wo nehme ich Material für meine Korrespondenz her, was soll ich heute den Zeitungen vorsetzen. In seiner Ratlosigkeit greift er nach dem Versammlungskalender; ein zufriedenes Lächeln gleitet über sein gutchristliches Gesicht: Heute abend ist ja eine Judenversammlung im Hotel Continental! So jüdische Sachen interessieren heute, das nehmen die Blätter. Und so verdankte Herr Oberbaurat Stricker, der letzten Mittwoch dort sprach, der toten Saison im Parlament die Ehre, tags darauf seine Rede des breiten in den Wiener Tagesblättern wiedergegeben zu sehen. Er wird sich sicherlich darüber sehr gefreut haben. Weniger, wie wir von allen Seiten hören, die österreichische Judenschaft, in deren Namen er großsprecherisch auftrat, und schon gar nicht zufrieden sind mit ihm die Nationaljuden aus den anderen zionistischen Parteien, zum Teil aus Eifersucht, zum Teil aus gut sachlichen Gründen. Bezeichnend nicht nur für die Rede des Herrn Oberbaurates, sondern vor allem für die Einstellung in zionistischen Kreisen ist die Bemerkung eines solchen jüdischnationalen Nicht7Strickerianers: „Dazu mußte Stricker so viele Jahre in Zionismus machen, um jetzt eine so patriotische Rede zu halten?" Das würden wir von der „Union" ihm sicherlich nicht vorhalten, ihm, dem Begründer einer eigenen Staatspartei, wir freuen uns vielmehr immer wieder über das mutige Erkennen der Zeit und ihrer Bedürfnisse und über die erfreuliche Wandlungsfähigkeit in zionistischen Kreisen. Seit zwei Jahrzehnten bietet sich Stricker der österreichischen Judenschaft als Beschützer an. Aber bis auf einen einzigen Wahlerfolg, den er der Listenkoppelung mit den von ihm sonst so gehaßten Liberalen verdankte, hat ihm sein Werben nur Körbe eingetragen. Doch Herr Stricker ist kein Ritter Toggenburg, der sich in stiller Resignation damit begnügt, mit dem Blick auf das Fenster der spröden Geliebten zu sterben, sondern er macht Krakeel. Mit grimmigen Vorwürfen hält er dem so heiß umworbenen Objekt seiner Neigung die Schlechtigkeit vor, die es durch die Bevorzugung anderer Bewerber angeblich begeht. Das ist schließlich sein gutes Recht; jeder wirbt nach seiner Art: der eine mit Liebenswürdigkeit, der andere mit Einschüchterungen. Aber Herr Stricker läßt es bei diesen nicht bewenden. Er behelligt mit seinem politischen Liebeskummer die Oeffentlichkeit und posaunt in eine ohnehin judenfeindlich infizierte Welt die Anklage, daß die jüdischen Wähler, die ihre staatsbürgerlichen und ^IIIUIIIUIliUllUllUlllUUllM VE RWALTUNGEN SÄTZE - HYPOTHEKEN^» KÄUFE - VERKÄUFE^^ SZILAGYI BEH. AUT. SEISAL X-, ROTENLÖWENG. 3 TEL. A 10-5-69 sonstigen Interessen bei anderen Wahhverbern besser autgehoben glaubten als bei ihm, nicht nur schlechte Juden sind — das würden die Andersgläubigen noch am ehesten verzeihen —, sondern auch schlechte Patrioten, subversive Elemente, die den Staat und die Gesellschaft zersetzen... Man wird sich damit abfinden können, daß Herr Stricker „alles, was man früher in Oesterreich als jüdische Politik bezeichnet hat", für falsch hält. Man braucht ja nur die Zeiten der liberalen Epoche in Oesterreich mit der Wahlperiode, in der Herr Stricker dem österreichischen Nationalrat angehörte, zu vergleichen, um zu erkennen, welcher Kurs der richtigere war: Eintreten für den Liberalismus, der den jüdischen Neigungen im Berufs- und Privatleben keinerlei Hemmungen entgegensetzte, oder Vertrauen auf die sieghafte Autorität des Herrn Stricker, der als Abgeordneter nicht einmal eine von ihm ins Wiener Rathaus einberufene Versammlung zwecks Wahrung der jüdischen Gleichberechtigung abhalten konnte, weil ihn Radau-Antisemiten daran hinderten . . . Juwelier Oesterreicher Wien I., Graben 7, Tel. R 20-4-71 Große Auswahl von Silberwaren zu Fabrikspreisen Eigene Erzeugung von Schüsseln, Leuchtern, Servicen sowie Tafeisilber und rituellen Geräten Großes Lager vonokkasionellen Waren Bei der Bekämpfung des Liberalismus unter den Juden zeigt Herr Stricker eine groteske Inkonsequenz. Einerseits vernadert er die Juden als charakterlose Nachläufer der jeweiligen Machthaber im Staate, anderseits konstatiert er mit Verdruß, daß es auch heute, obwohl der Liberalismus als politischer Machtfaktor längst nicht mehr in Frage kommt, noch immer Juden gibt, die der untergegangenen Partei des Freisinns und kulturellen Fortschritts die Treue bewahren. Herr Stricker unterstellt dieser Anhänglichkeit das schmähliche Motiv, daß der Liberalismus der Juden in einem Verstecken ihres Glaubens, in einem SichnichtzuerkennengebenwoIIen in bezug auf ihre Religion besteht. In Wirklichkeit ist den Juden das Andenken an die liberale Aera deshalb teuer, weil sich die Juden damals in allen Ehren offen zu ihrem Glauben bekennen durften und ihre Frömmigkeit ebensowenig zu verbergen brauchten wie die Christen. Daß auch diese durch den Liberalismus keine Beeinträchtigung ihrer Gläubigkeit erlitten, hat jüngst sogar die „Reichsposf zugegeben, und zwar in einem Artikel über die evangelische Kirche, der die Anerkennung aussprach, daß der christliche Glaubenseifer der Protestanten die liberale Aera in Deutschland ungebrochen überdauert hat. Rasiere Dich gilt und billig Oesterrelcbisches Qualltäfs Fabrikat Ueberau erhältlich Viel verderblicher für die Religiosität hat sich ohne Zweifel der Sozialismus ausgewirkt. Deshalb konnte auch die gesamte jüdische Presse wiederholt darauf hinweisen, daß die von den Antisemiten dem Judentum aufgelasteten sozialistischen Führer, in Wirklichkeit gar keine Juden waren, sondern glaubenslose Abtrünnige. Der Grund, warum dennoch Juden, deren gesellschaftliche Stellung sie dem Sozialismus hätte entfremden müssen, der sozialdemokratischen Partei Sympathien entgegenbrachten, muß auch Herrn Stricker bekannt sein. Denn dieser Grund war der Umstand, daß die sozialdemokratische Partei die einzige programmatisch nicht antisemitische war. Die ungemein zahlreichen Juden, die trotzdem der Sozialdemokratie ablehnend gegenüberstanden, waren zur politischen Obdachlosigkeit verurteilt. Als sie für die „Einheitsfront" stimmen wollten, präsentierte man ihnen in der Leopoldstadt den Hakenkreuzler Walter Riehl als Kandidaten . . . Dagegen macht die antisemitische Presse gar kein Hehl daraus, wie sympathisch ihr die neueste Kreation des Herrn Stricker: die „Jüdische Volkspartei" ist. Ob das gerade als eine Empfehlung dieser Partei in jüdischen Kreisen gewertet werden kann, ist mehr als zweifelhaft. Es gab noch nie eine Regierung in Oesterreich, die behauptet hätte, daß die Juden ihre Pflichten gegenüber dem Staate nicht erfüllen würden. In dieser Pflichterfüllung sieht Stricker die Voraussetzung für die Gewährung gleicher Rechte. Ueber das, was aber heute Pflichterfüllung gegenüber dem Staate beinhaltet, scheint man verschiedener Meinung zu sein. Der Staat fordert heute von seinen Bürgern mehr als die Entrichtung der vorgeschriebenen Steuer und die Einhaltung der Gesetzte. Er präsentiert ihnen ein ungeschriebenes Gesetz, das das Gefühl, die Seele des Bürgers fordert: Die volle geistige und seelische Hingabe an das Vaterland, an die Heimat. Die vielgelästerten Assimilanten, sie haben Verständnis für dieses ungeschriebene Gesetz, das auch ihnen zum Gesetz geworden ist. Wir aus der liberalen Zeit stammenden Assimilanten. die festhielten an ihrer angestammten Religion, allerdings aber ihre jüdische Natio- Osfcrrcidiisdic Joden! H Tretet der „Vatcrländisdicn front" bei.

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