Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 10 (9.3.1934)
- Date
- 1934-03-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 Palästina-Nachrichten. Die von der jüdischen Jugend organisierte ,.Woche für antideutschen Boykott" hat im ganzen Lande einen starken Eindruck hinterlassen. In allen Städten und größeren Kolonien wurden Versammlungen zur Organisierung des Boykotts abgehalten, in den Synagogen wurde über die Notwendigkeit des Boykotts gepredigt. Es wurde darauf hingewiesen, daß der deutsche Import, der in allen anderen Ländern zurückgegangen ist, gerade in Palästina eine Steigerung erfahren hat; dies könne nicht allein darauf zurückgeführt werden, daß deutsche Juden Teile ihres Eigentums aus Deutschland nach Palästina bringen. Es wurden überall Plakate mit Aufschriften: „Im Namen der jüdischen Würde: Boykottiert die deutschen Waren!" angebracht. * Während Hitlers „Mein Kampf in den Buchhandlungen frei vertrieben werden darf, haben die palästinensischen Distriktskommissäre den Buchhändlern in ganz Palästina den Vertrieb des Braunbuclis über den Hitler-Terror verboten. Geoff ey MacLaren, Assistant Commissioner für Jerusalem erklärte den Buchhändlern, ein Vertrieb des Braunbuches würde einer Schmähung eines auswärtigen Herrschers gleich geahndet weiden. Eine diesbezügliche Anfrage im englischen Unterhaus wurde dahin beantwortet, der Kolonienminister besitze darüber keine Informationen, er müsse sich erst beim High Commissioner erkundigen. Das Zionistische Zentralbüro in London teilt mit: Im Sinne der Kongreßbeschlüsse hat sich die Executive für verpflichtet gehalten, gegen den B r i t h Trumpeldor, welcher durch einen Erlaß an seine Mitglieder sich einer schweren Verletzung der zionistischen Disziplin schuldig machte und trotz Aufforderung sich weigerte, seine strafbare Haltung zu ändern, beim Ehrengericht einzuschreiten. Wegen dieses Tatbestandes hat der Ehrengerichtsanwalt die Klage beim Ehrengericht gegen den Brith Trumpeldor erhoben und hat gleichzeitig bei der Executive den Antrag gestellt, bis zum Urteil des Ehrengrichtes alle Rechte, die der Betar in bezug auf die Regelung der Immigration innerhalb der Zionistischen Organisation genießt, zu suspendieren. Die Executive hat diesem Antrage Folge geleistet. Somit gelten bis auf weiteres die erwähnten Rechte des Brith Trumpeldor (Betar) als suspendiert. Die Executive der Weltunion der Zionisten-Revisionisten hat darauf den Boykott der zionistischen Aufbaufonds Keren Kajemeth und Keren Hajessod proklamiert. Die Executive der Weltunion der Zionisten-Revisionisten beabsichtigt ferner, vor dem Kongreßgericht Klage gegen die Zionistinische Executive zu erheben und zu verlangen, daß der Beschluß der Executive betreffend die Zertifikateverteilung als illegal erklärt werde. Im englischen Unterhaus fragte Oberst Josiah Wedgwood, ob für den vor einiger Zeit durch einen Unfall ums Leben gekommenen Generalstaatsanwalt von Palästina E11 i o t schon ein Nachfolger ernannt wurde. Für den Kolonienminister antwortete Malcolm Mac Donald: Der Posten des Regierungsanwalts wurde durch Berufung eines arabischen (!) Beamten namens Musa El Alami besetzt, der einige Jahre hindurch stellvertretender Regierungsanwalt war und in letzter Zeit beim High Commissioner als einer von dessen Privatsekretären arbeitete. Der Ex-Khedive von Aegypten Abbas •H i I m i besuchte Transjordanien und übernahm in Pacht den Landstrich Char-el-Chabad, der dem Emir Abdullah privatim gehört. Wie erinnerlich, hat der Emir im Jänner 1933 eine Option auf diesen Boden einer jüdischen Gesellschaft gegeben, diese aber zurückgezogen, als die palästinensischen Araber eine große Protestbewegung gegen jüdischen Bodenerwerb in Transjordanien einleiteten. Abbas Hilmi soll nun auf diesem Boden die Errichtung einer großen Arabersied 1 ung planea Das am Tage unter Teilnahme von 100.000 Menschen so harmonisch verlaufen© Purim-Fest in Tel Aviv hatte am Abend ein blutiges Nachs p i e 1. Zwischen dem linksstehenden „Hanoar Hazioni" und dem revisionistischen Brith Trumpeldor kam es zu einem schweren Zusammenstoß. Es gab auf beiden Seiten Verletzte, 24 von diesen wurden im Hospital behandelt, zwei Schwerverletzte, unter ihnen Josef Stavsky, ein Bruder des Abraham Stavsky, müssen sich einer längeren Spitalsbehandlung unterziehen. Zwei Personen wurden verhaftet. Moslems verletzen das Klagemauer-Abkommen. Der Jerusalemer „Davar" teilt mit, daß mosl emitische religiöse Gesellschaften hart an der Klagemiauer mit der Anlage eines Kinderspielplatzes begonnen haben; der Zugang führt über den Platz vor der Klagemauer. „Davar' schreibt, dies sei eine eklatante Verletzung des Status quo und Könne zu Unannehmlichkeiten f ü r d i e *n der Klagemauer betenden Juden fuhren. Pariser Flüchtlingshilfe liquidiert. Nachdem kürzlich die Schließung den Kasernen-Wohnstätten für bedürftige deutsche Flüchtlinge angekündigt wurde, ist nunmehr von der Executive des Comite National beschlossen worden, sämtliche I n s t i u t i o n e n, die die jüdische Gemeinde durch das Comite National für die deutschen Flüchtlinge seit nunmehr fast einem Jahre in großzügigster Weise für Hilfszwecke eingerichtet hatte, innerhalb weniger Wochen zu liquidieren. Die Kaserne Orleans ist bereits geschlossen, das Lager St. Maur ist bis auf neun Insassen, die noch in dieser Woche das Lager verlassen, geräumt, die Kasernen Andral und Italie sollen ebenfalls bis zum 15. Mäiz geräumt sein. Auch das Büro in der Rue de la Durance mit seinem Verwaltungsapparat soll bis dahin verschwinden. Mit Hochdruck wird jetzt daran gearbeitet, alle körperlich irgendwie Geeigneten unterzubringen, vor allem die jüngeren Menschen. Das Comite errechnet schon jetzt nach den vorliegenden Anforderungen von Arbeitskräften für die Landwirtschaft, nach den Vorbereitungen für Umschulungen und der Weiterwanderung nach Palästina die Reduzierung der dann noch Unterstützungsbedürftigen auf einen Bestand von etwa SCO bis 900. Die Verhandlungen mit den verschiedenen jüdischen Gemeinden der französischen Departements zur Unterbringung der Arbeitsunfähigen und Kranken in der Gesamtzahl von etwa 600 werden fortgeführt. Eine weitere Entlastung eiwartet man von der Rückkehr von Flüchtlingen polnischer Nationalität nach Polen; die französische Regierung weigert sich aui Grund bestehender Abkommen, polnischen Staatsbürgern Arbeitserlaubnis zu geben. Auch den deutschen Flüchtlingen werden nach dieser Richtung weiter Schwierigkeiten gemacht. Neuerdings ist man auch mit der Ausfolgung des Aufenthaltsscheines (Recepisse) viel vorsichtiger als früher. Flüchtlinge, die es versäumt haben, sich Aufenthaltsscheine rechtzeitig zu beschaffen, werden von den Behörden zur Auswanderung gezwungen. Nachträglich werden Recepisses nicht gegeben. Das Comite National sieht sich vo." die Notwendigkeit gestellt, einen Teil der bisher in den Kasernen „FAMILIEN SCHUTZ" Gemeinnützige Vereinigung für Familienfürsorge Wien H-, Aspernbrüclcengasse 2_Tel. B 43-500 Durch Monatsbeiträge von S I bis 10 kann man bei uns sicherstellen: Studienbeiträge für Töchter und Sühne Ausstattungsbeiträge für Töchter Vorsorge für das Alter und für die Hinterbliebenen Unsere Vorteile: 1. (Geringe Beiträge. 2. Hohe Versicherungssummen. i. Keine Wartezeit, daher sotortige Wirksamkeir. 4. Volle Garantie der Lebensversicherungsgesellschaft „Phönix". 5. Keine Nebengebühren. 6. Keine ärztliche Untersuchung. 7. Unverfallbarkeit nach zweijähriger Beitragszahlung. 8. Keine Aufnahmegebühr. Der „FAMILIEN'SCIIÜTZ" wird von der Wiener Kuttusgemeinde befBrwortet untergebrachten Flüchtlinge in andere Länder abzutransportieren. Sein „Service Social" wird einzelnen Flüchtlingen und besonders Familien, die keine Existenz gefunden haben und durch die Auflösung des Comites in größte Not geraten würden. Abfindungen in der Höhe von einigen hundert Francs geben, damit sie für die nächsten Wochen Obdach und Essen bezahlen können. Man läßt die Betreffenden die Erklärung unterschreiben, daß sie von nun an nichts mehr vom Comite verlangen würden, und gibt ihnen den „Rat'*, zu versuchen, sich mittels des erhaltenen Geldes eine Existenz zu gründen. Mit größerer Anstrengung ist die „Deutsche Kommission". die von Mitgliedern der Emigration gegründet wurde, bemüht, ernsthafte Versuche von Flüchtlingen, sich Existenzen aufzubauen, finanziell zu unterstützen. Man hofft, auf diese Weise etwa 100 Familien mit 250 Seelen aus dem Kreis der bisher vom Comite National Unterstützten in den Pariser Wirtschaftsprozeß einzureihen. Zur Intensivierung dieser Aktion geht man daran, bemittelte deutsche Emigranten heranzuziehen. Ein deutscher Bankier, der in einem ersten Pariser Hotel seit Monaten wohnte und sich weigerte, iür einen ihm vom Comite zugeführten Flüchtfing einen geringen Beitrag zu zahlen, wurde, was nur zu billigen ist. aufgefordert, Paris und Frankreich binnen 24 Stunden zu verlassen. Änsiedlung deutscher Juden in Biro-Bidschan. Unter Leitung von Felix M. Warburg wurde in New York ein Komitee gebildet das sich die Änsiedlung deutscher Juden in Biro-Bidschan, im russischen Fernen Osten, zum Ziel gesetzt hatte. Bei einer Zusammenkunft dieses Komitees erklärt Lord Marie y, der frühere englische Kriegs-Staatssekretär, die Sowjetregierung sei bereit, alle arbeitsfähigen jüdischen Einwanderer, aufzunehmen: 1000 deutsche Juden könnten 1934, 2000 1935 und 3000 bis 4000 1936 seßhaft gemacht werden. Felix M. Warburg erklärte, die jungen deutschen Juden würden denrichtigen Pioniergeist mitbringen und die Sowjetregierung nicht enttäuschen, die wettherziger als alle anderen Regierungen den Juden hilft. Zum provisorischen Vorsitzenden des Komitees wurde William Cohen gewählt Uerlangt in Cafes dsw. „DieWaDraoin SCHOKOLADEN UND KAKAOP0L?ER - nos — Adutantft Sr. Ehrw. Herr Rabbiner H. SCHENK beaufsichtigt heuer mmr die SchokoladerErceugnisse der Marke „[MOLA" Koch- Wirtschafts-, HaselnuS- und Bitterschokolade 10 Groschen-Schokolade in Haselnuß und Bitter Abtellnstf Heiner «er »emlnaer ScBoMelaoeaMMItt Wien xill., Goidschlagstr. 181 / fei. O S3-1-W Scharfer Rückgang des Reiseverkehrs Triest—Palästina. Von maßgebender Stelle des Lloyd Triestino wird dem Wiener Vertreter der Jüdischen Telegraphen- Agentur mitgeteilt: Der Beginn der Frühjahrssaison, die alljährlich schon in der zweiten Februarhälfte mit einem verstärkten Reiseverkehr nach Palästina einzusetzen pilegt hat in diesem Jahre infolge der Visaschwierigkeiten, die die englischen Behörden allen Reiselustigen bereiten, eine große Enttäuschung gebracht. Es ist bis jetzt nicht nur keine Steigerung des Reiseverkehrs eingetreten, sondern es ist sogar ein anhaltenderweitererRückgang zu verzeichnen. Wohl fehlt es nicht an Anmeldungen und Anfragen von Touristen, die das Heilige Land besuchen wollen, aber von den vielen Angemeldeten bekommt höc hstens jeder Zehnte die Bewilligung zurEhireisenachPalästina. Unten diesen Umständen hat auch die Parole „Purim in Tel Aviv", die sonst eine gewaltige Anziehungskraft ausübt und auch in diesem Jahre zahlreiche Besucher nach Palästina gebracht hätte, keine Steigerung des Reiseverkehrs gebracht. Es besteht die G e f a h r, daß auch die Levante- Messe in Tel Aviv unter diesenSchwierigkeiten empfindlich zu leiden haben wird. Der Lloyd Triestino hat ursprünglich mehrere Extradampfer für die Zeit der Frühjahrmesse in Tel Aviv bereitstellen lassen, um dem verstärkten Verkehr Rechnung zu tragen. Nach den bisherigen Erfahrungen dürfte jedoch die Inanspruchnahme dieser Dampfer allem Anscheine nach wegfallen. Man sieht sich genötigt, über die reservierten Schiffe anderweitig zu verfügen. Höchstens wird der eine oder der andere Dampfer, wenn Bedari eintritt, als Extraschiff abgelassen werden. Im übrigen muß damit gerechnet werden, daß der „normale*' W i n t e r v e r k e h r von je einem Dampfer in der Woche auch für die Messezeit vollkommen ausreichend sein wird. Aus Rumänien. Rumänische Regierung antwortet Antisemiten. Der Cuzist Prof. Catzuneami hielt in der Kammer eine antisemitische Hetzrede, in der er alle Schuld an der schlechten wirtschaftlichen Situation den Juden zuschob. Im Namen der Regierung erwiderte Unterstaatssekretär Mavrodi. die Liberale Partei sei stets gegen Rassen- und Klassenkampf gewesen, die rumänische Nation sei durchaus imstande, auch ohne Antisemitismus ihre Interessen z u wahre n. * Die Nationale Bauernpartei 'Nationalz a r a n i s t e n, aus deren Mitte die früheren Regierungen Maniu und Vaida Voevod gebildet wurden), strebt nun eine Verfassungsänderung in dem Sinne an, daß Rumänien als reiner Bauernstaat stabilisiert werde. Dabei fehlt dio antisemitische Note nicht, die zunächst in der Entlassung der jüdischen Redakteure des Parteiblattes „Dreptatea" zum Ausdruck gekommen ist. Wenn aber nun der Parteiführer Mihalache behauptet, die Juden verstünden nichts von der Mentalität des Bauern, so darf daran erinnert werden, daß die grundlegendsten Projekte zur rumänischen Agrarreform von Juden stammen, so z. B. das Werk „Neoiobogia" (Neues Sklaventum) des bedeutenden jüdischen Publizisten. Gherea. Die Partei der Nationalzaranisten war früher nicht antisemitisch, in den Städten hatte sie sich speziell auf jüdische Hilfe stützen können. Als vor wenigen Jahren die Regierung Maniu ans Ruder kam, wurde sie von den Juden wie von allen fortschrittlichen Elementen Rumäniens als „Befreierin" begrüßt. Aber die Juden wie das gebildete Rumänien erlebten an dieser Partei nur Enttäuschungen. « „Sühne" für die Czernowitzer antisemitischen Exzesse. Der vor dem Jassyer Kriegsgericht verhandelte Prozeß gegen zahlreiche Teilnehmer an den bekannten antisemitischen Ausschreitungen in Czemowitz im Sommer 1933 endete mit der Verurteilung von elf Angeklagten zu Gefängnisstrafen von acht Tagen bis zu drei Monaten und außerdem zu Geldstrafen. Die übrigen Angeklagten — es waren ihrer insgesamt 28 — wurden freigesprochen. Seltsam ist, daß sich unter den Verurteilten zwei Juden befinden, die sich gegen Angriffe gewehrt haben. Sie waren angeklagt als „Kommunisten" Widerstand gegen die Staatsgewalt geleistet zu haben. Von der» verurteilten neun christlichen Studenten sind einige Rumänen, einige Ukrainer, einige Deutsche.