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Die Wahrheit · 1934-03-09 · Heft 10 (9.3.1934) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 10 (9.3.1934)
Date
1934-03-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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$eite 4 DIE WAHRHEIT Man schreibt der Saarbrückener „Deutschen Freiheit" aus Köln: In der ersten Woche des Monats Februar wurden durch Nazihände in Köln auf dem jüdischen Friedhofe in Deckstein 121 Grabsteine zertrümmert Mehrere Angehörige der Verstorbenen wurden beim Regierungspräsidenten vorgUUUffltti stellig. Der erklärte: „Es ist unmöglich, daß Naziangehörige so etwas machen." Er lehnte jede Wiederherstellung des Friedhofs ab, verlangte vielmehr, daß die jüdische Gemeinde unverzüglich die Auiräumung vornehme. unnmuDUBBi Deutschland führt — durch Nich tarier! Es scheint wirklich, wir haben dem Herrn Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Unrecht getan. Wr haben Josef.Göbbels verkannt. Seine Motive, sein reines Wollen, seine charaktervolle Persönlichkeit. In diesem Fall gewiß: Als er daranging, die deutschen Hochschulen zu säubern, als er alle Professoren, Dozenten, Lektoren, in deren Stammbaum sich einmal ein Nichtarier getummelt hatte, von ihrem Lehrstuhl, aus der Klinik, aus dem Laboratorium vertrieb, als er sie aus Amt und Brot stieß und über die Grenze jagte, da tat er das nicht, wie mancher aus oberflächlicher Betrachtung wohl glauben mochte, um den Parteigenossen Raum zu schaffen, um herrliche, blondblau-germänische Edelinge vom Katheder dozieren zu sehen — nein, das waren unwichtige, nebensächliche Erwägungen. Die deutschen Gelehrten nichtarischer Abstammung mußten hinaus, um in der Welt für Deutschlands Ruhm zu wirken, um den minderbegabten Völkern, den Engländern, den Amerikanern, Türken, Chinesen zu zeigen, daß die wahre, lautere Wissenschaft deutsch ist. Nur deutsch. Mustapha Kemal Pascha, der Herr der Türkei, ein kluger Mann, sah die große Chance dieser Stunde. Und er gründete in S t a m b u 1 eine U n iversität der Exilierten. Eine Hochschule mit allen Fakultäten, auf deren Lehrstühle er fünfunddreißig nichtarische und ob dieses Umstandes vertriebene deutsche Gelehrte, darunter neuestens Albert Einstein, berief, also Leute von Rang und Ruf. Der Ghazi begriff sofort, daß er Göbbds zu Dank verpflichtet war, der ihm durch seine Ariergesetze die unverhoffte Gelegenheit bot, eine Universität großen Formats, ein wissenschaftliches Zentrum des vorderen Orients zu schaffen. Hochschule der Nichtarier. Universität der Exilierten. Göbbels sah die Gründung mit süßsaurem Lächeln. Und er fragte beim Finanzamt an, ob die fünfunddreißig auch ihren finanziellen Verpflichtungen nachgekommen seien. Und er erfuhr, daß keiner von ihneni über ein nennenswertes Vermögen verfügte, sie alle blieben unter der vorgesehenen Besitzgrenze. Aber, so sagte sich der tüchtige Reichsminister für Propaganda: „Du sollst aus jeder Blüte Honig saugen, eine Kapitalfluchtsteuer besonderer Art, die nehme ich ihnen ab. Ich werde zuguterletzt bei den Burschen noch einmal für Deutschland kassieren." In der Zeitschrift „Der Führer", amtliches Organ der nationalsozialistischen Partei für das Land Baden, schreibt Josef Göbbels also: „Auch die andern Völker erkennen an, daß die deutsche Wissenschaft auf allen Gebieten die in der Welt führende ist Darum hat auch die neugegründete Universität in Stambul eine ganze Reihe von deutschen Professoren aus dem Reich, Oesterreich und der Schweiz an ihre Lehrstühle geholt. Die Zahl beträgt gegenwärtig nicht weniger als 35. Wo man Leistung braucht, holt man Deutsche. Das hat auch der Boykott gegen Deutschland auf allen Gebieten nicht zu ändern vermocht. Deutschland führt, und wenn sich die andern tausendmal vor Neid heiser schreien!" Wo man Leistung braucht, holt man Deutsche — siehe, sie waren Judenbastarde, als man sie aus dem Auditorium prügelt — siehe, welch eine Wendung durch Gottes Fügung: sie sind Deutsche, seit sie auf fremden Hochschulen lehren. Daß Nichtarier, die man verjagte und denen die Welt dennoch Respekt entgegenbringt, Deutsche blieben — das hat auch der Boykott gegen Deutschland auf allen Gebieten nicht zu ändern vermocht. Deutschland führt... Göbbels hat recht. Es kommandiert und vergewaltigt sogar die Vertriebenen, die Emigranten. Daß sie, die jetzt am Goldenen Horn, in der Fremde lehren, daß diese Nichtarier unverändert, und mit Sehnsucht an die verlorene Heimat denken — auch das ist ein Aktivum, das der geschäftstüchtige Herr Göbbels in die Bilanz seiner Propaganda einzusetzen versteht. Ich lebe! Ich mag — schreibt die mutige österreichische Vorkämpferin gegen den Antisemitismus Irene Ha rand in der letzten Nummer der „Gerec ht i g k e i t" — Kondolenzbriefe weder schreiben noch erhalten. Vor einigen Tagen kam aber in die Redaktiou der „Gerechtigkeit" ein ganz besonderer Brief dieser Art Es war ein Kondolenzbrief zu meinem vor vierzehn Tagen erfolgten „Ableben". Ich hätte sicher herzlich gelacht, wenn ich nicht wüßte, wie sehr sich meine Freunde über meinen immerhin sehr frühzeitigen Tod aufgeregt haben. Das habe ich aber, dank der Technik unserer Zeit, in wenigen Stunden wieder gutmachen können, indem ich auf dem schnellsten Weg meinen „Tod" dementierte. Was sich aber nicht so schnell gutmachen läßt und weshalb ich über mein „Sterben" sehr erbittert war. ist der Umstand, daß in einer großen rumänischen Tageszeitung („Adeverul") die Nachricht verbreitet wurde, daß ich in den traurigen Februartagen hier in Wien „den Kanonen des Heimatschutzes" zum Opfer fiel. Ich habe freilich sofort an die Redaktion dieses Blattes geschrieben und ich zweifle nicht daran, daß das Blatt meinem Wunsche entsprechen und die Berichtigung sofort veröffentlichen wird. Woran ich aber zweifle ist, daß auch alle jene, die die Todesnachricht lasen, von der Unwahrheit dieser Nachricht Kenntnis erhalten. Wäre es nur eine unscheinbare kleine Zeitungsmeldung gewesen, hätten sie die Leser wahrscheinlich überblättert. Im vorliegenden Falle erschien aber ein mit meiner Bewegung und meinem Kampf gegen Rassenhaß und Menschennot herzlich sympathisierendes Feuilleton, das nach den bekannten „drei Sternen" einen Nachsatz brachte, der ungefähr folgendermaßen lautet: „Irene Harand erscheint ohne jedes Kommentar als eine der ersten unter den Toten, die den Kanonen des Heimatschutzes zum Opfer fielen. Der Funke der Irene Harand, der geeignet gewesen wäre, ein reinigendes Feuer der Menschenliebe zu entfachen, wurde frühzeitig verlöscht. Kommentar überflüssig." Irene Harand lebt. Kommentar nicht überflüssig. Denn ich möchte bei dieser Gelegenheit betonen, daß ich nach wie vor unter Einsatz aller meiner Kräfte entschlossen bin, den Kampf gegen den Rassenhaß fortzuführen: daß ich aber nicht minder entschlossen bin, der Österreich feindlichen Propaganda im Auslande energisch entgegenzutreten. Jener österreichfeindlichen Propaganda, auf deren Schuldkonto ganz bestimmt auch die aus dem Finger gesogene Nachricht von meinem Tode zu buchen ist. JUGEND-UNION (Jugendgruppe der „Union österreichischer Juden") Wien IX., Berggasse 4 Telephon A 19-2-77 Samstag, den 10. März 1934, halb 9 Uhr abends, im Goldsaal des Cafe Silier, Wien I, Schwedenplatz Groß er geselliger Abend der Jugend-Union Erstklassiges Pfogramm Meiler und Wagner, die unerreichten Komiker' Else Kaufmann, Simplizissimus, Sara Stuckart, Klavier, Otto Reich, Opernsänger, Bruno Klein, Künstler-Kopien Nach der Akademie: Tanz (Zulu-Band) Karten im Vorverkauf zu S 1.50 sind bei den Leitungsmitglledern und im Sekretariat der .Union". IX.. Berggasse 4. Tel. A I9-S-77. erhältlith Karten an der Abendkatn ausnahmslos S 1.80 Bitte um rechtzeitige Vormerkungen für die Erstklassige nD3 'TV 193 Weine von S 2.— per Liier aufw. ins Haus zugestellt. Alle Sorten Karmel- und Palästina- Weine. RESTAURANT ÜCRIIN6ER II., TABORSTRASSE Nr. 18 im Hotel National Tel. R 47-7-41 Vom jüdischen Weltkongreß. Am 24. und 25. Februar fand in Paris eiAe Sitzung der westeuropäischen Mitglieder des Executiv-Komitees des Comite des Delegations Juives und der Executive für die Vorbereitung des Jüdischen Weltkongresses statt. An den Beratungen nahmen u. a. teil Vertreter aus England, Frankreich, Italien (Qraud Rabbin Dr. Sacerdoti) und Belgien. Die Sitzungen wurden geleitet von Dr. Nahum Goldmann. Zur Erörterung standen die laufenden Arbeiten des Comite des Delegations Juives, insbesondere diejenigen, die mit der deutschen .Judenfrage zusammenhängen. Auch die Lage des österreichischen Judentums wurde einer eingehenden Erörterung unterzogen. In der Sitzung der Weltkongreß-Executive wurde die Frage des Datums und Ortes des Weltkongresses, seiner Tagesordnung sowie der Wahlmodalitäten für die einzelnen Länder eingehend besprochen, nachdem bekanntlich in einer Sitzung am 12. Februar, die in P r a g stattfand, die mittel- und osteuropäischen Mitglieder des Exekutiv-Komitees schon vorher zu diesen Fragen Stellung genommen hatten. Die Einberufung des Weltkongresses wurde für A u g u s t beschlossen, wobei das genaue Datum in einer Sitzung, die für Mai in Aussicht genommen wurde, definitiv festgesetzt werden wird. Als Ort des Weltkongresses kommt eine Schweizer Stadt in Frage, vermutlich Genf. Auf Grund der Berichte der Vertreter der verschiedenen Länder ergab sicli ein Bild von der wachsenden Popularisierung des Weltkongreß-Gedankens. Die Wahlmodalitäten für die einzelnen Länder wurden festgelegt. Man rechnet mit einer Zahl von etwa 300 Delegierten beim Weltkongreß. Auch die verschiedenen Punkte der Tagesordnung wurden eingehend diskutiert, die genaue Tagesordnung wird ebenfalls auf der Mai-Sitzung des Executive-Komitees festgelegt werden. ^3r£>:'-' ■•■:'' Ein Prophet der Humanität und der Demokratie. Der Präsident der Tschechoslowakischen Republik Thomas G. Masaryk feierte am 7. März seinen 84. Geburtstag in erfreulichen geistiger und körperlicher Rüstigkeit. Die Prager „S e 1 b s t w e h r" schreibt aus diesem schönen Anlasse: •■ „. . . Dies ist wohl eine passende Gelegenheit, um es einmal festzustellen, daß alle gutgesinnten Bürgen dieses Staates ohne Unterschied der Nationalität der Religion, der Klasse und des Standes einem Schicksat dankbar sind, das diesen Propheten der Humanität und der Demokratie bis in unsere Zeit erhalten hat in der. diese großen Ideale bis in ihre Grundfesten erschüttert sind und der größten Autorität bedürfen, um sich als Regierungsmaximen zu erhalten. Es ist gewiß kein Zufall, daß der Staat in welchem Masaryk die höchste Stelle bekleidet, die einzige' demokratische Insel im tobenden Meer des Faschismus geblieben ist das einzige Land in Mitteleuropa, in dem noch die Ideale der großen westlichen Demokratien in Geltung sind. Vielleicht sind die Erschütterungen und die Zweifel unserer Tage nur die Widerstände, durch welche erst die Demokratie ihre höhere Form zu finden sucht. Dies wohl ist auch die Meinung dieses Patriarchen der Demokratie, der in' all diesen Erscheinungen nur Kinderkrankheiten der Demokratie sieht. Möge es ihm und uns allen vergönnt sein, daß er noch recht lange als erfahrener und weiser Arzt diesen Krankheiten an der Spitze der Tschechoslowakischen Republik verbleibe." Rom.- Unter den in Italien neu ernannte» Senatoren befinden sich auch zwei Juden: der prominente Rechtsanwalt Feli'ci Alfred© und der Großindustrielle Falck Giorgio.

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