Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 10 (9.3.1934)
- Date
- 1934-03-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite & lOfCT BIAV Cafe Carltheater (Sitz des österr. Kentorenverbandes) Wien II.. ■»«•«■teratfragte 29 Während der Pessachffelertage Kafffee und erstklassige HDÖ b>0 "WO Getränke Jetzt wird es Zeit Ihren Bedarf zu decken an den berühmten fdhmidl ~ JEazzoth Beweise dafür, daß Kräfte am Werke sind, die den ■ Gesundungsprozeß in unserem Lande, der doch 5 nicht nur ein wirtschaftlicher sein soll, empfindlich ■ stören wollen. An jenen Kräften, die die Macht iml ■ Staate haben, liegt es, diese bösen Geister zu 5 bannen, ehe es zu spät ist. £tn Venauift irird aMe UGmwmeu&enl m Erzeugt aus feinstem Mehl anter streng orthodoxer Aufsicht Sr. Ehrwürden Herrn Ober- £ rabbiner Babad % Jlatfäan (Brodetzfry ■ Zentrale: Wien, 2. (Bezirk, JEeonotds&asse %3 5 Telephone: A 461-W, A 48-4-48, A 60-2-63 ■ Die ftfkmidt-JmtMxscoifi und das Fabrikat „OfKtmOkc tfrikmiM JK. 5 {Mazzoth, Grieß und Farwel) sind außerdem erhältlich in allen besseren Geschäften. ■ Ein Ultimatum als Purimattraktion. Das Wort „Ultimatum" erweckt im Hörer oder Leser gemeinhin die unbehaglichsten Vorstellungsassoziationen. Man denkt an das Ultimatum an Sefbien, das den Weltkrieg einleitete, man weiß jetzt, daß auch den blutigen Eregnissen der letzten Februarwoche ein sozialdemokratisches Ultimatum an die österreichische Regierung vorausgegangen war, und dem Geschichtskundigen fallen noch eine Anzahl anderer ultimativer Forderungen ein, deren Nichterfüllung den — häufig nicht unerwünschte« — Anlaß zur Entfesselung der Kriegsfurie geboten hatte. Es ist also kein Wunder, daß schon der bloße Klang des Wortes „Ultimatum" auch mutigen und nervenstarken Menschen bös in die Glieder fährt und selbst den Beherztesten das Lächeln auf den Lippen ersterben läßt. Wer imstande ist, mit dem Aussprechen des so dämonischen Wortes die umgekehrte Wirkung zu erzielen: in Momenten, in denen niemand zum Lachen aufgelegt ist, gerade durch den sonst so verpönten Klang schallende Heiterkeit zu erwecken und solcherart einen gefürchteten Begriff seiner Schrecknisse zu entkleiden, müßte eigentlich als ein Wohltäter der Menschheit gefeiert werden. Und dieses Verdienst kommt — wir müssen es ihm neidlos lassen — dem Herrn „Landesinspek- Teur" Habicht zu. Dieser Vertrauensmann Hitlers mißbraucht, wie allgemein bekannt, seitdem er wegen Verführung der österreichischen Jugend zu Mord- und Greueltaten aus unserem Lande hinauskomplimentiert wurde, den Miinchener Radiosender zu abscheulichen Verleumdungen Oesterreichs und dessen Regierung. Parallel mit dieser Propaganda des Wortes entfaltete er eine rege Propaganda der Tat, indem er unreifen Jungen in Oesterreich Sprengstoffe zuschickte, mit denen sie unter dem Einfluß nationaler Phrasen allerhand Unfug stifteten, den sie zum Teil oft selbst mit gesundheitlichen Schäden büßten, zum andern Teil, wenn sie den Behörden in die Hände fielen, mit schweren Strafen und sozialer Gefährdung ihrer Zukunft bezahlen mußten. Er selbst aber, der edelrassige „Landesinspekteur" von Hitlers Gnaden, saß jenseits der Grenze im sicheren Port, wohl die groteskeste, nicht zu überbietende Verkörperung jener mit Recht verachteten Gewissenlosigkeit von „Führern", die andere ins Feuer schicken, das eigene teure Ich aber vorsorglich vor allem Ungemach bewahren. Alles, was auf diesem schmählichen Gebiet anderen, angeblich „jüdischen" Revoluzzern unrühmlich angekreidet wird, erscheint durch die Rekordleistung der „deutschblütigen" Organisatoren des Hakenkreuzterrors weit in den m Schatten gerückt Herr Habicht zog sich nicht vorzeitig von bedrohten Barrikaden zurück; er hatte es überhaupt nicht notwendig, an Flucht zu denken, weil er von allem Anfang an der Gefahr nicht ins Auge gesehen hatte. Als Entschuldigung kann er bloß anführen, daß leider das — Fernsehen noch nicht erfunden ist Er muß sich vorläufig mit dem Fernreden begnügen und das tut er mit Eifer, Ausdauer und Unbeirrbarkeit. Er redet fern vom Hörer, noch ferner von der Wahrheit und am allerfernsten von dem beabsichtigten Erfolg... Das Letzte hätte manch anderen mit der Zeit von weiteren Versuchen abgeschreckt, aber Herr Habicht gierte offenbar auch auf diesem Gebiet nach einer Rekordleistung. Sie ist ihm jetzt zugefafflen — in so reichlichem Ausmaß, daß sein Ehrgeiz voll und ganz gesättigt sein müßte... Der „Landesinspekteur", erpicht auf Schlachtberichte aus Oesterreich in bezug auf die Auswirkung seines Papierböllerkrieges, mußte plötzlich erfahren, daß in Oesterreich tatsächlich der Bürgerkrieg ausgebrochen war, aber nicht als Verdienst der Nationalsozialisten. Das ging schon daraus hervor, daß es zu Kämpfen zwischen Mann und Marin gekommen war, was der nationalsozialistischen Kampfart schnurstraks widerspricht. Der neudeutsche „Heroismus", Marke Hakenkreuz, tritt dem Gegner, besonders dem bewaffneten, nicht mannhaft gegenüber, sondern kämpft lieber anonym. Die Braunhemden lieben es nicht, nach dem Beispiel der Helden vor Troja sich den Gegner im Schlachtgewühl auszusuchen. Es ist ihnen vielmehr ganz gleichgültig, wen ihre Waffe dahinrafft. Deshalb deponieren sie diese an irgend einem beliebigen Orte, den sie dann rasch verlassen, das Weitere dem Zufall anheimstellend. Nach ihrer Auffassung darf beim „Kämpfen" überhaupt nur eine Seite bewaffnet sein. Daß die Gegenseite zurückschießt, geht der nationalsozialistischen Mentalität so sehr wider den Strich, daß sich die österreichische Exekutive die entrüstetsten Vorwürfe des Herrn Hitler zugezogen hat. Sein Generalissimus für Oesterreich, Herr Habicht, verlor vollends sein seelisches Gleichgewicht. In diesem bedauernswerten Zustand hat er der österreichischen Regierung sein — Ultimatum gestellt. Er gewährte den Oesterreichern eine Gnadenfrist bis zum 28. Februar. Sollten sie sich bis dahin seiner Partei nicht unterwerfen, dann —.--ja was denn eigentlich? Es fiel ihm ein, daß er ja ohnehin in bewaffneter, allerdings völlg erfolgloser Fehde mit Oesterreich stand. Um eine Drohung aussprechen zu können, mußte er also erst einmal einen Waffenstillstand proklamieren. Nach dessen Ablauf sollte dann der kriegerische Status quo wiederhergestellt werden. Das war die Drohung! Es ist wohl kaum jemals ein komplizierteres Ultimatum fabriziert worden und dementsprechend war auch die Wirkung einzigartig: Die Oesterreicher, seelisch erschüttert von den blutigen' Ereignissen in ihrer sonst so gemütlichen Heimat, fanden ihren Humor wieder und alle politischen Gegensätze lösten sich in einem befreienden, alles feindlich Streitende einigenden Lachen... Aber in Ländern, in denen Humor und Gemütlichkeit nicht so traditionell sind wie an der schönen blauen Donau, erregte das beispiellose Benehmen ernies nicht einmal distinguierten Ausländers gegenüber der Regierung eines selbständigen Staates ernstliche Empörung. In englischen, französischen und italienischen Blättern bekamen Herr Habicht und seine Hintermänner, also die leitenden Staatsmänner des Dritten Reiches, wenig Schmeichelhaftes zu hören. Und da man annahm, daß Herrn Hitler zumindest die Kritik der faschistischen Presse Mussolinis nicht ganiz gleichgültig sein könne, hielt man vielfach die . Stellung Habichts für erschüttert. Diese Auffassung war naiv. Für eine Regierungsweisheit, die der W e 11 r u h m erfolgreichster Wissenschaftler, Künstler und Literaten nicht davon abhielt seine Erringer davonzujagen, ist logischerweise eine Weltblamage nur ein Grund, die Stellung ihres Trägers zu festigen. Herr Habicht bleibt also vorläufig der Oeffentlichkeit erhalten,--- wenn ihm nicht eine kleine Unvorsichtigkeit bei der Datumswahl in seinem famosen Ultimatum doch noch den Kragen bricht: Der Tag, mit dem seine der österreichischen Regierung eingeräumte Galgenfrist ablief, war, wie gesagt, der 28. Februar. Infolgedessen war der 1. März durch das Ausbleiben jeder Maßregel, die als Vollzug der von Herrn Habicht geäußerten Drohung hätte gedeutet werden können, naturgemäß derjenige Tag, an dem über den prahlerischen Bramarbas am meisten gelacht wurde. Auf diesen Tag fiel aber das — jüdische Purimfest... Wird es Herrn Habicht nicht am Ende zum Verhängnis werden, daß er den heiteren Charakter dieses jüdischen Festes durch einen Schlager ganz besonderer Art heuer aufs höchste gesteigert hat? Wahrscheinlich hatte er von der besonderen Bedeutung des Tages für die gehaßten Juden keine Ahnung. So rächt sich die von der Hitler-Regierung angeordnete Ausmerzung des jüdischen Kalendariums aus den deutschen Amtskalendern. Allerdings schützt sie wahrscheinlich Herrn Habicht auch davor, daß sein durch die Ironie eines boshaften Zufalls verursachter Lapsus höheren Orts bekannt wird. Jedenfalls wird er zur Abwehr des peinlichen Verdachts judenfreundlicher Neigungen gut daran tun, möglichst rasch den Nachweis zu erbringen, daß er auch an jedem beliebgen anderen Tag nur eine komische Figur der poltischen Bühne ist ein Hanswurst inmitten der blutrünstigen Haupt- und Staatsreaktion der Weltgeschichte. Wir zweifeln nicht daran, daß ihm dieser Beweis glänzend gelingen wird... Dr. Hugo Spiegier. Der Papst nimmt tiefen Anteil an der Judenfrage. In einer Ansprache, die er vor den Mitgliedern der Londoner Loge Bne Briss hielt, erklärte Prinz Hubertus zu Löwenstein: Der Papst nimmt tiefen Anteil an der jüdischen Frage und ist über die Geschehnisse in Deutschland ernstlich beunruhigt. Ich kann Ihnen aus persönlicher Kenntnis sagen, daß der Vatikan in diesem Augenblick eine Encyclica über diese Frage vorbereitet die der Papst unterschreiben wird. Das jüdische Problem in Deutschland, fuhr Prinz Hubertus fort, ist nicht allein für Deutschland, sondern auch für die Welt von umfassender Bedeutung. Das ist der römisch-katholische Standpunkt. Juden und Katholiken müssen zusammen stehen. Der Kampf in Deutschland ist ein Kampf zwischen dem Gottesprinzip und dem Satansprinzip. Die Nazimethoden richten sich nicht gegen eine einzige Rasse oder Religion, sondern gegen die Religion schlechthin. Diktatur beginnt immer mit Angriffen gegen den schwächsten Punkt, das waren in Deutschlanddie Juden; _ jetzt aber machen sich die Nazis an die christliche Kirche heran. Dabei dauert die Verfolgung der Juden, wenn auch nicht mehr so öffentlich wie anfangs, an. Ich weiß nicht wie viele Juden getötet wurden, aber ich weiß, daß es viele waren. Ich erinnere besonders an den Tod des Dr. Günther Joachim. Ich finde keine Worte, seine Martern zu schildern. Und er ist nur einer unter vielen. Die nicht getötet wurden, wurden erpreßt und vollkommen ruiniert'. Einer meiner .besten Freunde erzählte mir, seine Firma, eine jüdische, mußte Insolvenz erklären, da die meisten ihrer Schuldner Nazis waren, die sich weigerten, die Schuld an einen Juden zurückzuzahlen. Die Firma konnte keinen Anwalt finden, der ihre Vertretung vor Gericht übernommen hätte; denn dies war mit Lebensgefahr verbunden. Hitler, sagte Prinz Hubertus weiter, hat seinen Anhängern ein Paradies auf Erden versprochen, er brachte ihnen aber nur größeres Elend; dies wird aber durch gefälschte Statistik verschleiert. Der Antisemitismus, der ein Ventil für das leidende und erregte Volk ist fet "weiterhin eine Säule des Nazisystems.