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Die Wahrheit · 1934-03-09 · Heft 10 (9.3.1934) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 10 (9.3.1934)
Date
1934-03-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland verboten! Erscheint jeden Freitag rnei »»' mit den Veröffentlichungen der »Union österreichischer Juden** und den Amtlichen Verlautbarungen der israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 50. Jahrgang Wien, 9. März 1934 Nummer 10 Störer am Werk. Die Situation in Oesterreich klärt sich immer mehr. In diesen Tagen, da sich zum erstenmal die Selbstabschaltung des Parlaments jährte und dieses für die Entwicklung unseres Staates bedeutsame Ereignis in mächtigen Kundgebungen als der Beginn der autoritären Regierung unseres Bundeskanzlers Dr. Dollfuß gefeiert wird, konnte man es immer wieder hören, daß die anfangs nur hei unentwegten Optimisten bestandene Hoffnung auf eine Gesundung unseres Staatswesens nun schon durchaus berechtigt erscheint und daß ein freies, unabhängiges Oesterreich Bestand haben wird, wenn seine Bürger es wollen. Die österreichischen Juden hegen mit ihren christlichen Mitbürgern diese Hoffnung auf die Gesundung unseres Vaterlandes, haben mit ihnen den Willen, an diesem Aufbauwerk mit allen ihren Kräften mitzuarbeiten. Dieser ehrliche Wille besteht trotz aller Unbilden, denen unsere Gemeinschaft immer wieder ausgesetzt wird. Wir sind gewiß nicht wehleidig und dürfen es heute, da ein Teil der Judenheit, auf dessen kulturelle und wirtschaftliche Leistungen der Judenschaft der ganzen Welt stolz war, in einem angeblichen Kulturlande mit den barbarischesten Methoden drangsaliert wird, weniger denn je sein. Aber wir können dennoch nicht umhin, auch in unserem Lande zu konstatieren, daß, wenn eine Attacke abgewehrt ist, sofort die zweite mit womöglich größerem Elan einsetzt. Die Gefahr, daß jüdische Arbeiter und Angestellte gezwungen werden sollen, in eine „christliche Gewerkschaft" einzutreten, ist durch die angeordnete Schaffung der Einheitsgewerkschaft beseitigt. In diese Einheitsgewerkschaft muß jeder österreichische Arbeiter und Angestellte aufgenommen werden, seine Aufnahme kann nur aus strafgerichtlichen Gründen sowie wegen einmal bestrafter staats- oder regierungsfeindlicher Betätigung oder dann abgelehnt werden, wenn der begründete Verdacht besteht, daß der Bewerber seine Mitgliedschaft bei der Einheitsgewerkschaft zu klassenkämpferischer oder ^parteipolitischer Agitation mißbrauchen könnte. Alle diese Gründe kommen bei der überwiegenden Mehrzahl der jüdischen Angestellten und Arbeiter, die von ihren Brotgebern ohne Unterschied der Konfession immer als ein pflichtbewußtes Element bezeichnet werden, nicht in Be- •■'B^niiiimnfflninmm^^ X* VERWALTUNGEN ^y^SÄTZE- HYPOTHEKEN^!* KÄUFE - VERKÄUFE %^ SZ| L AG Yl BEH. AÜT. SEISAl TEL. A 10-5-69 JIIP' »X., ROTEN LÖWENG. 3 '^l«n^linBIUimmmillllBimiiuuiimiiiii||yunB tracht; ihrer Aufnahme in die Einheitsgewerkschaft, deren Gründung als eine glückliche Lösung der komplizierten Frage angesehen werden darf, steht also nichts im Wege. Der Bundesminister für soziale Verwaltung Neustädter-Stürmer hat tatsächlich vor der in- und ausländischen Presse erklärt: „Die verfassungsmäßige, staatsbürgerliche Gleichheit bleibt auch vor dem neuen Gewerkschaftsbund a u frecht, so daß grundsätzlich jedermann ohne Unterschied des Glaubens, des Standes und der Rasse usw., in den Bund aufgenommen werden kann." Damit sind auch die Bestrebungen jener, die in allzu großem Eifer sofort an die Schaffung eigener „jüdischer Gewerkschaften" gehen wollten, gegenstandslos geworden, man sieht wieder einmal, daß ein solcher gewöhnlich von Parteiinteresse diktierter Uebereifer fehl am Platze ist. Scheint nun also die Sicherung der Rechte der jüdischen Arbeiter und Angestellten gewährleistet, so rühren sich sofort die Antisemiten, wahrscheinlich erbost über diesen Umstand, mit neuen Projekten. In dem im Verlage der „Reichspost" er- Treffpunkt der Feinschmecker Cafe-Restaurant FETZER bei der Schwedenbrücke scheinenden „W iener Montagblatt' vom 5. d. M. wird der „Zusammenschluß der christlichdeutschen Aerzteschaft" gefordert. Die Begründung, die dieser Forderung gegeben wird, übersteigt das Maß all dessen, was selbst in den rüdesten Naziblättern den Lesern bisher geboten wurde. Das „Wiener Montagblatt" behauptet nicht mehr und nicht weniger, als daß die jüdischen Aerzte Oesterreichs eine ..mörderische Entvölkerungs-Politik" betreiben, indem sie den § 144 nur „bei — Jüdinnen streng befolgen." Die Wut packt einen, wenn man derartige infame, unerhörte Verleumdungen liest. Die Wut nicht nur über den Sudler, der einen in aller Welt hochangesehenen Stand so in den Kot zerrt, es erregt auch mehr als Verwunderung und Erstaunen der Umstand, daß der Herr Pressestaatsanwalt, dessen Pflicht es ist, die Zeitungen daraufhin zu lesen, ob ihr Inhalt vom gesetzlichen Standpunkt nicht anstößig erscheint, diese Stelle Rasiere Di dl öol unöWIHö Oesterreldüsdies OuaiHäls fabrlhat Ueberau erhältlich ungestraft passieren ließ, die ganz offensichtlich gegen den Auireizungsparagraphen des Strafgesetzes verstößt. Man hat überhaupt in letzter Zeit Ursache genug, über das milde Walten des Herrn Pressestiaatsanwalt gegenüber den getarnten Naztblättern, die in Oesterreich immer aufs neue erscheinen und deren letztes Haßprodukt der ..Oesterreichische Beobachter' ist. mehr als verwundert zu sein. Die Milde gegenüber den schamlosen Auslassungen des „Wiener Montagblattes" stellt einen Höhepunkt dar, der nicht übertroffen werden kann. Soll das die Gesundung unseres Staatswesens sein, daß man ungestraft Menschen, die der Gesundheit ihrer Mitbürger ehrlich dienen, auf das ordinärste verunglimpfen läßt? Soll es Gesundung bedeuten, daß man Menschen, die die Kräftigung und Erhaltung ihrer Gesundheit in den schönen Bergen unseres Landes suchen, auch dort in die Niederungen des Rassenhasses zerrt? Den nun aufgelösten „Naturfreunden" gehörten als der einzigen Massenorganisation für Bergsport ohne Arierparagraphen auch sehr viele Juden an, die alles nur nicht sozialdemokratisch waren und sich auch um den politischen Charakter dieser Vereinigung überhaupt nicht kümmerten. Der „D e u t s c h- O e s t e r r e i c h i s c h e A1 p e n v e r e i n", der bekanntlich seit mehreren Jahren den Arierparagraphen \n seine Statuten aufgenommen hat und auch praktisch durchführt, hat nun an das Bundeskanzleramt das Ersuchen gerichtet, daß ihm die ungefähr 90 Schutzhäuser der „Naturfreunde" mit dem gesamten Inventar zur Bewirtschaftung übergeben werden. Wenn die Regierung diesem Ersuchen Folge leistet, so müßten die Juden, die dem Bergsport huldigen, von nun ab Schutzhäuser aufsuchen, in denen sie zumindestens Belästigungen ausgesetzt sein werden. Das wird kein ehriiebender Jude, so groß seine Liebe zu den Bergen auch sein mag, tun. Deshalb muß man auch in diesem Falle verlangen, daß eine Lösung gefunden wird, die nicht nur gerecht, sondern auch von politischer Klugheit diktiert ist. Denn daß der „Alpenverein" im Wesen nichts anderes als eine getarnte Angelegenheit ist, das weiß jeder, der seine wahren Tendenzen kennt. Aus der Fülle dessen, was uns bedrückt, haben wir hier zwei besonders krasse Fälle angeführt als Gedenket der Winternotitandsaktion der Kultusgemeinde! Geld- und Naturalspenden erbeten an die Füreorge-Zentrale der ieraei Kulrnsgemeinde Wien I., Seitensteffengaese 2, Telephon U 25-5-85 Serie, Posfeparkassenkonto B-29.659

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