Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 9 (2.3.1934)
- Date
- 1934-03-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3064504-3064513--19665-3084826- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 DIE WAHRHEIT , i BilanzaDscWOssc und SlcocrDchcnntnlssc Ncuaalageii, Beflslenea, Bndinadi irä$e sowie Sleöcrcncdlüunöen jeder Art übernimmt mahraiHH DIR. GUSTAV KOLNIH Büro für Baehharaug, Bilanz nnd Steuerfaerahug HI.. Tabonfra0e «2 Telephon R 45-3-30 DIE MUTTER. Im zweiten Kriegsjahr war ein Julitag. Da ging ich durch die Judenstadt von Prag. Die krummen, alten Gassen eng und schwül. Der Hauch aus den Gewölben modrig, kühL Gespensterten im grellen Mittagslicht Des Golems Augen durch die Mauern nicht? Fast jeder Erker, jedes Giebeldach Rief Schemen aus dem Mittelalter wach. Jm stillen Judenfreihof Stein an Stein. Drei Hummeln schwirren durch den Sonnenschein. Schriftzeichen. Namen, die verwittert sind. Und Hände, daraus Priestersegen rinnt . . . Da. neben mir, ein Stöhnen, geisterhaft. Ein leises Schluchzen, ein Gebet um Kraft Den Stein umklammert eine greise Frau. Mit einer Stimme, heiser, fremd und rauh, Erzählt sie mir von Kind und1 Kindeskind: Die dort in Polen totgeblieben sind. Ihr dunkelblaues Tuch schlägt sie zurück. Mich trifft ihr tiefer, müder Demutblick. So scheint die liebe Leidgekrönte hier Im Schmuck der Tränen eine Fürstin mir. Das Schwert durchfährt ihr reines Mutterherz Und Engel beten an vor diesem Schmerz. Trost lehnt sie ab: den sibt ihr Gott allein. Bald geht sie in die große Ruhe ein. Im Sterben werden alle Wunden heil. Im Leben bleibt der Rahel Weh ihr Teil. Ihr wißt, wie Mutter Rahel seufzt und klagt. Solange Edom ihre Söhne plagt . . . Ch, W. Papens neuester Täuschungsversuch. Da die antisemitische Politik der deutschen Reichsregierung sich für die Abstimmungspropaganda im Saargebiet als hinderlich erwiesen hat, ist nunmehr durch den Vizekanzler v. P a p e n als Saarbevollmächtigten der Reichsregierung den saarländischen Juden offiziell erklärt worden, man wolle für das Saargebiet, wenn es durch Abstimmung wieder deutsches Reichsgebiet würde, eine Ausnahme von dem Rassenprinzip machen und dort weüterhin jüdische und nichlarische Beamte dulden. Es muß schlecht um die Abstimmungschancen Deutschlands bestellt sein, wenn die deutsche Regierung jetzt sogar an die Juden appelliert. Am 7. März 1933 hat derselbe Herr v. Papen dem Korrespondenten des „Neuen Wiener Journal" wörtlich gesagt: „Die jüdischen Staatsbürger in Deutschland dürfen versichert sein, daß ihnen gleiche Behandlung mit allen Staatsbürgern zuteil wird. Jeder jüdische Bürger, der die Staatsbürgerpflichten erfüllt, darf auf eine gleiche Behandlung seitens der Staatsautoritäten rechnen." Der Zweck des neuesten Papenschen Täuschungsversuches ist klar. Es kommt ihm darauf an, den Völkerbund in Sicherheit zu wiegen. Der Völkerbund soll davon abgehalten werden, für alle Minderheiten, also auch für die Beamten und für die Juden in der Saar, mindestens dieselben Rechte zu sichern, wie er es einst bei der oberschlesischen Abstimmung tat. Gerade in Oberschlesien hat es sich gezeigt, daß freiwillige Versprechungen der Nazis ohne Verbriefung und Garantie der Mächte nichtdenmindesten Werthaben. Die englischen Juden glauben keine Älarmaachrichten. In der Sitzung des Jewish Board of Deputies (Deputiertenrat der englisch-jüdischen Gemeinden) erstattete Leonard G. Montefiore den Bericht des Joint Foreign Committee (Ausschuß zur Behandlung auswärtiger jüdischer Angelegenheiten) und bemerkte zu der heutigen Lage der österreichischen Juden: Die österreichische Judenheit befand sich während der Kampftage in der Lage eines, der auf einem Pulverfaß sitzt; jedes an sich unbedeutende Ereignis konnte eine Katastrophe für sie auslösen. Nun ist die Lage beruhigt Die Juden Oesterreichs sind in die katastrophalen Ereignisse nicht verwickelt worden, und die von manchen Zeitungen gebrachten Berichte über eine Massenilucht der österreichischen Juden haben sich in keiner Weise bewahrheitet Der Präsident des Board of Deputies, Neville Laski, fügte dem Bericht hinzu: Die österreichischen Juden befinden sich am Rande eines Vulkans; wir müssen äußerste Vorsicht walten lassen und nichts unternehmen, was ihre Position verschlechtern könnte. Die Lage hat sich in den letzten Tagen beruhigt. Ich habe mit jüdischen Stellen in Oesterreich und in der Tschechoslowakei telephonische Unterredungen gehabt und aus beiden Ländern wurde mir versichert, daß die Berichte über eine Judenflucht aus Oesterreich vollkommen aus der Luft gegriffen sind. Zimmermaler Kohn empfiehlt sich zur Ausführungvon Malerarbeiten jeder Art II., Rotankreuzgasse 3 Tel. A 45-5-37 Synagogenstürmer. Gegen die Synagoge und jüdische Schule in Kjüstendil (Bulgarien) ist in der Vorwoche eine Bombe geschleudert worden, bei deren Explosion 43 Synagogen- und Schulfenster zertrümmert, eine Wand der Synagoge eingerissen und anderer schwerer Schaden angerichtet worden ist. Als Attentäter ist der Metallarbeiter Wassil Kresteff festgenommen worden. Er erklärte, die Bombe aus Haß geg-en dre Juden geschleudert zu haben. Er gehöre einer antisemitischen Organisation an, deren Namen er nicht nennen will. Die Polizei forscht nach, ob Kresteff Komplicen gehabt hat. * Am 22. Februar nachts drangen unbekannte Täter in die orthodoxe Synagoge im 13. Budapester Bezirk ein, plünderten die Sammelbüchsen, in denen sich 25 Pengö befanden, und führten eine vandalische Zerstörungsarbeit durch. Sie zertrümmerten die Thoralade, die Bänke und die Holzgeräte und zerrissen die Vorhänge vor der Bundeslade. Von den silbernen Tempelgeräten nahmen sie nichts mit, sondern zerbrachen sie und warfen die Trümmer auf den Fußboden. Die eingeleiteten Erhebungen verliefen bisher ohne Ergebnis. Die Polizei nimmt an, daß es sich um Mitglieder rechtsradikaler Verbände handeln könne. * Die S y n a g o e des Städtchens K o d n i a im Kreise Brest-Litowsk ist vollständig abgebrannt Nicht einmal die Thorarollen konnten gerettet werden. „Die Menschheit läßt sich erniedrigen." Die meistgelesene Tageszeitung der romanischen Schweiz „La Tribüne de Qeneve", widmet dem vom Comite des Delegations Juives herausgegebenen Schwarzbuch über die Lage der Juden in Deutschland 1933 einen Tedaktionellen Aufsatz, in dem gesagt wird, man begegne sehr oft der Behauptung, alles über die tragische Lage der Juden in Deutschland Erzählte wäre übertrieben, den Juden in Deutschland ginge es gar nicht so schlecht, da ja doch nur ein Zehntel von ihnen ausgewandert ist, der Rest aber ruhig im Lande bleibt. Das unter Goebbels Leitung stehende Propagandaministerium versteht es sehr wohl, die öffentliche Meinung im Auslande einzuschläfern, und benützt zu diesem Zwecke sogar die deutschen Juden, die es durch Drohungen, Einschüchterung oder andere Mittel als Geiseln im Lande festhält und zu beruhigenden Erklärungen im In- und Aus- Bbernahmsanzciec! Der allseits bestbekannte Oberkantor B. Zimmerspilz hat die *TCD Veoejarisdiei^ II., erooe und Kleine Speriüasse Nr. 1 übernommen und ersucht in Anbetracht des Umstandes. daß er jederzeit bemüht sein wird, allen Wünschen der p. t. Gäste gerecht zu werden, um redit zahlreichen Zusprach! lande zwingt. Das Schwarzbuch, welches fast ausschließlich Artikel der gleichgeschalteten Presse des Dritten Reiches oder offizielle deutsche Regierungsdokumente als Unterlage benützt, muß selbst die Ungläubigen glauben machen. „La Tribüne de Geneve" schließt: „Leset dieses Buch und die Schamröte wird euch ins Gesicht steigen für die Menschheit, die sich zu derartigen Feigheiten erniedrigen laß t." Die Bruderhand. In Warschau fand eine vom Vereinigten Jüdischen •Hilfskomitee für Flüchtlingshilfe, vom Vereinigten Komitee zur Abwehr der Judenverfolgungen in Deutschland, vom Komitee zur Boykottierung Hitler-Deutschlands und von Repräsentanten der größeren polnischen Städte gemeinsam veranstaltete Konfenenz statt, in der nach Ansprachen von Leon Levite, Rabbiner Professor Schon1, Exsenator R. Szereszewski, Deputierten Minzberg, Präsidenten der Krakauer Jüdischen Gemeinde Dr. Landau. Richter Friede, Gitermamn u. v. a. die folgende Resolution angenommen wurde: Die Konferenz stellt fest: 1. Ungeachtet der Versicherungen offizieller deutscher Faktoren dauert in Deutschland die systematische Aktion zur Ausstoßung des deutschen Judentums aus allen Gebieten des wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Lebens an. 2. Die herrschende Hitler-Partei führt eine außerordentlich umfangreiche antisemitische Aktion in verschiedenen Ländern Europas und Amerikas dunch. 3. Die öffentliche Meinung in den Welt hat bis jetzt die der Zivilisation seitens der Hitler-Barbarei und ihren Entwicklungen drohende Gefahr noch nicht in ihrem vollem Umfange einschätzen gelernt. . - Die Konferenz fordert das polnische Judentum auf, den politischen Kampf gegen das Hitlertum' auf tnter>- nationalem Boden mit ganzer. Energie weiterzuführen. In Anerkennung de? Zweckmäßigkeit der Boykottaktion als der wirksamsten Waffe der jüdischen Gesellschaft in ihrem Kampfe gegen das Hitlertum. fordert die Konferenz eine Verstärkung und Popularisierung dieser Aktion unter den brieitesten Schichten der jüdischen Bevölkerung, sowie eine solidarische Mitarbeit mit den Anti-Hitler-Komitees. Die Konferenz proklamiert e.ne das ganze Judentum Polens verpflichtende Kopfsteuer, die durch das Präsidium des Hilfskomitees für die deutschen Flüchtlinge nach bestimmten Normen festgesetzt werden wird, und fordert alle polnischen Juden auf. die entsprechenden Summen zu leisten. Sämtliche Lokalkomitees und alle jüdischen Gemeinden werden aufgefordert, die Besteuerungsaktion durchführen zu helfen, helfen. * Der alle rumänisch-j üdischen O rganisationen Amerikas umfassende Verband rumänischen Juden, der den 25. Jahrestag seines Bestehens feient, hatte eine Resolution zur Bekräftigung des im Jänner 1934 im Senat der USA. eingebrachten Antrags, in dem Präsident Roosevelt ersucht wird, der deutschen Regierung die Verwunderung und den Schmerz, die das amerikanische Volk über die Verfolgung der Juden in Deutschland empfinden, zum Ausdruck zu bringen und die Hoffnung zu äußern, daß Deutschland sehr bald seine antijüdische Taktik ändern und seinen Juden die ihnen genommenen Bürgerrechte wieder zurückgeben wird. In einer weiteren Resolution wurde die Beunruhigung über das Anwachsen der Nazi- Propaganda in Rumänien, die in der Ermordung Ducas gipfelte, zum Ausdruck gebracht Schließlich erklärte der Verband rumänischer Juden Amerikas seine Bereitschaft, an dem Jüdischen Weltkongreß teilzunehmen. Arisches Schach. Von allen Gleichschaltungen im Nazi-Deutschland ist die absurdeste die Gleichschaltung des Schachs. Juden waren es nämlich, die zusammen mit Arabern das königliche Spiel den Europäern vermittelten. Das Schachspiel zu einer Kunst, zu einer Wissenschaft erhoben zu haben ist das Verdienst der Juden, die sich ernsthaft diesem ernsten Spiel gewidmet, die es theoretisch ausgebaut und materiell gefördert haben. Es ist sicher kein Zufall, daß der erste Schachmeister der Jude Wilhelm Steinitz und daß sein Nachfolger auf dem Schachthrone Dr. Emanuel L a s k e r war. Die Beziehungen der Juden zum Schach sind so alt. daß man füglich sagen kann: Die Juden haben bereits Schach gespielt, als die „ATier" noch auf ihren Bärenhäuten lagen. Schon im Talmud wird das Schachspiel erwähnt und in den rabbinischen Responsen wird die Frage erörtert, ob es erlaubt sei, am Sabbat Schach zu spieien, oder ob dieses Spiel jenen neununddreißig Dingen zuzuzählen sei. die der Jude am Sab- :•§ M .1 i I 1