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Die Wahrheit · 1934-03-02 · Heft 9 (2.3.1934) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 9 (2.3.1934)
Date
1934-03-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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P1E WAHRHEIT Seite 5 Juden im Ciiit. Ein Bericht von VI! Kasernen. Eine Zeitlang konnte man in Pariser Emigranten- Icreisen immer wieder folgende Dialoge (mit nur leichten Variationen) hören: „Wissen Sie schon, daß wir alle in acht Tagen kaserniert werden?" „Ja, man hört so was munkeln, aber was ist denn in Wirklichkeit daran?" „Na, Sie werden es schon erleben, mein Lieber, Honiglecken ist sicher anders." Acht Tage später: „Wissen Sie schon, in acht Tagen werden wir endgültig in Kasernen gesteckt" „Aber gehen Sie, das hat man doch schon vor vierzehn Tagen gesagt, ich glaube kein Wort mehr davon." „Sie werden sich wundern, Sie Optimist." Weitere acht Tage später: „Also in einer Woche geht es los, dann werden wir endgültig in den Kasernen sein, wissen Sie?" „Machen Sie keine Witze, das hört man schon seit Wochen, und bis jetzt ist noch kein Mensch drin." „Gott erhalte Ihnen Ihre Naivität!" Drei Wochen später: „Wissen Sie schon, gestern sind die ersten Leute in die Kasernen eingeliefert worden." „Ist das wirklich wahr, Ich hielt das immer für Gerede. Und wie sieht es dort aus?" „Na, davon werden Sie sich bald genug selbst überzeugen können." So gingen die Gespräche wochenlang. Keiner wußte, wer es aufgebracht hatte, aber, plötzlich war das Stichwort da: Kasernen--. Wo es auftauchte, dieses Stichwort, dort gab es lange Gesichter, erregte Proteste, und vor allem ungläubige Gemüter. Wieso Kasernen, fragte man, dafür sind wir doch nicht hierher gekommen, daß man uns dahinein steckt Dann witzelte man, morgens müsse man dann wohl zum Appell, und abends bekäme man sicher Urlaub, und einen Stubenältesten und Exerzieren gäbe es dann wohl auch. Die Kasernen sind eine Tatsache geworden und aus den Witzen wurde Ernst. Urlaub und Appell, Stubenältester und Pflichtturnen, alles ist eingetroffen. Die ganze Einrichtung der Kaserne hat sich mittlerweile aus finanziellen Gründen als dringende Notwendigkeit herausgestellt. Die Hotelmieten verschlangen für die Tausende von Flüchtlingen Riesensummen und darum mußte der Etat zu einem gewissen Teil entlastet werden. Die Kasernier.ung wurde zum notwendigen Uebel, da durch sie die Unterstützung der Flüchtlinge auf längere Zeit sichergestellt ist, als sie «s sonst gewesen wäre. Es ist nicht mehr und nicht weniger als eine Rationalisierungsmaßnahme mit allen Vor- und Nachteilen einer solchen. Die rationalisierte Emigration sieht etwa folgendermaßen aus: mehrere Gebäude, bis jetzt fünf, sind von der Regierung zur Verfügung gestellt worden und nehmen die Flüchtlinge auf. Zum Teil sind es unbenutzte Spitäler zum anderen Teil ausrangierte Baracken, primitiv eingerichtet, an der Peripherie der Stadt, und gerade noch mit der Metro zu enreichen. Es sind nicht eben Pachtbauten, in die man kommt, eher das Gegenteil, aber sie sind aufgeräumt und vor allem Dingen sauber. Dann das übliche gemeinsame Kasernenleben. Man schläft auf primitiven sogenannten Betten, ein bißchen schmal sind sie schon (einer behauptete, er sei in der ersten Nacht dreimal herausgefallen), doch man sucht sich einzurichten. Es geht zuerst ein wenig schwer, schon darum, weil man plötzlich von seinem individuellen Sockel heruntersteigen und in ein Gemeinschaftsmilieu hineinsteigen muß, das sich im Grunde gegen eben dieses sträubt, aber sie zeigen alle den guten Willen, aus diesem Zwange eine Tugend zu machen und sich gegenseitig dre Situation zu erleichtern. Das Leben bekommt hier einen Gleichklang, einen Gleichschritt, eine Gleichzeitigkeit. Alles geschieht im gleichen Augenblick von allen, und es ist wie die Wirkung enes Kommandos, das lauten könnte: Uebt das Leben! Morgens spielen sich Freiübungen, Frühstück und französischer Unterricht in „sinnvoller" Reihenfolge ab, und nach dem Mittagessen hat man für gewöhnlich Zeit für die eigenen Angelegenheiten. Es ist ein sonderbares menschliches Gemisch, das die Kasernierung gebracht hat. Die Gemeinschaft überdeckt Berufe, Neigungen, Eigenarten und Altersunterschiede. Die Träger dieser Gemeinschaft sind Partikel einer neuen, ihrer neuen Erscheinungsform geworden. Sie sehen sich und ihr eigenes Schicksal ungeheuer: vervielfacht vor sich, neben sich, um sich. Und sie gewöhnen sich langsam daran, auch unter Hunderten allein zu sein. Wirtschaftliche Möglichkeiten. An einer Tür. des Komiteegebäudes ist ein Schildchen befestigt auf dem zu lesen ist: Placement — Arbeitsvermittlung. Vor der Türe drängen sich immerfort Hunderte von Menschen. Von Zeit zu Zeit wird einer aufgerufen. Der gibt sich einen Ruck, entschwindet durch die Tür und hinterläßt trotzdem keine Lücke. Hier treffen sxh die Arbeitsuchenden aller Kategorien. Jeder, der hierherkommt, hofft nicht vergeblich zu Jtoffen, aber die Aussichten sind schmächtig und gering. Die ominöse Tür ist wie eine Scheidewand zwischen Intensität und Ohnmacht. Diesseits der Türen sind Menschen, die einen Inhart für ihre neue Existenzform suchen, jenseits der Tür dagegen ist der Inhalt meistens nicht zu finden. Der Abteilungsleiter sitzt mit einem melancholischen Gesicht da, nimmt die Personalien und das -sonstige Wissenswerte auf und versichert schließlich, Simon Bergh. i daß im Moment nichts Geeignetes frei ist. Man sieht es ihm an, er leidet offensichtlich unter seiner eigenen Ohnmacht, es schmerzt ihn sicher, immer wieder absagen und vertrösten zu müssen, und man gewinnt den Eindruck, daß sein freudloses Gesicht schon zu einem festen Bestandteil seiner Tätigkeit als Arbeitsvermittler geworden ist. Gegen Ende der Unerhaltung memoriert er beispielsweise: „Also, Sie sind Rechtsanwalt, sprechen französisch, spanisch, italienisch. Vielleicht wollen Sie ohne Fixum für eine englische Zeitschrift Abonnenten werben? Nein? Sonst habe ich im Augenblick leider, leider rüchts Geeignetes, ich bedaure sehr, aber . . . ." So ungefähr sieht es aus, wenn er gerade einen Intellektuellen erwischt. Es läuft darauf hinaus, daß die Träger der freien Berufe sich umstellen müssen. Auf technische Berufe oder auf Landwirtschaft. Wenn sie Glück haben, kommen sie als Hauslehrer unter, aben dieser Fall tritt zimlich selten ein. Besser steht es für die Handwerker. Sie haben immerhin die Chance, ihre gelernte Tätigkeit wiederaufzunehmen und es zu etwas zu bringen. Als Schneider, Schuster. Bäcker, Fleischer, Spezialnäher, Schreiner oder auch Kunstgewerbler enlangt man immerhin ziemlich rasch Anschluß an seinen Berufs- und Wirkungskreis. Relativ günstig ist die Situation auch für die weiblichen Arbeitssuchenden, soweit sie gewillt sind, Stellungen in französischen Haushalten anzunehmen. Wenn sie über Sprachenkenntnisse verfügen, kommen sie auch oft als Korrespondentinnen und Büroangestellte zu Arbeit und Verdienst. (Schluß folgt) Purim. In Frühlingssehnsucht prangt die Welt, Des Winters Schmerzen sanft verklingen, Von Hoffnung wird das Herz geschwellt, Wird dieser Frühling Frieden bringen? Wird unserm Volk, das schwer verkannt Und hart geprüft zu allen Zeiten, Vertrieben oft von Heim und Land, Wird ihm ein Ende seiner Leiden? Wird dieser Kampf, so roh genährt Von Lügenfabeln über Rassen, Der jeder Menschlichkeit entbehrt. Wird er sich je bezwingen lassen? Daß wir in Demut dankerfüllt, Wie Esther einst. Dich Ewigen preisen. Aus dessen Hand uns Segen quillt, Wenn wir im Leid uns stark erweisen. So laß, o Gort, mit neuer Kraft, Wie die Natur, uns tief durchdringen, Bis ihres düstern Flors entrafft, Des Friedens heilige Weisen klingen! B. Der Papst verurteilt . . . Aus Anlaß der Heiligsprechung des Deutschen Konrad hat der Papst sehr scharfe Worte gegen das Hitler-Deutschland gerichtet. Er warnte vor einer Strömung, die alle und alles auf ein heidnisches Leben zurückführen möchte, und sagte: „Wir sehen in dem heilig zu sprechenden Konrad ein anderes Volk, das wahre, große und edle deutsche Volk. In einem Augenblick, in dem man den Rassenstolz, der weder christlich noch menschlich ist, grenzenlos aufpeitscht und übertreibt, was nur eine dem christlichen und dem menschlichen Geiste entgegengesetzte Wirkung hervorrufen kann, läßt die göttliche Vorsehung in Deutschland diese so tief christliche Gestalt des heiligen Konrad erstehen, um die wahren Wurzeln des christlichen Lebens aufzuzeigen.-' Amerika bleibt fest Die amerikanische Sektion des Rates der christlichen Kirchen in der Welt und der Rat des amerikanischen Kirchenverbandes veröffentlichen eine Proklamation, in der der Haltung der deutschen Pastoren in Amerika, die den von Hochkommissar James MacDonald an die Christenheit gerichteten Appell, die Flüchtlinge aus Deutschland zu unterstützen, mit unterzeichneten, Anerkennung gezollt wird. In der gleichen Proklamation wird „der Politik der deutschen Regierung, die den Willen zur Verständigung von Mensch zu Mensch, von dem die Sicherheit und das Wohl der Gesellschaft abhängen, ernstlich beeinträchtigt, tiefe Mißbilligung ausgesprochen". 'mebltleße 11. bis 17, März 1934 (Rotunde bis 18. März) Luxus- und Gebrauchsartikelmesse / Möbelmesse . Elektrizität im Haushalt*/ »Neuzeitliche Gasgeräte" Gewerbliche Kollektiv-Ausstellungen BRITISCHE AUSSTELLUNG / UNGARISCHE AUSSTELLUNG Textilraesse / Herren- und Damenkonfektion Strickwaren / Pelzmode .KERAMIK UND GLAS* / .DIE SCHÖNE REISE" Internationale Automobil- und Motorrad- Ausstellung Technische Messe / Bau- und Straßenbaumesse Typenschau / „Haus und Grund" / »Der Realitäten- Vermittler und-Verwalter"/ Erfinderinesse / »Gas- und Luftschutz" / .Kajaksport in Österreich" LEBENSMITTEL-AUSSTELLUNG Land- und forstwirtschaftliche Musterschau Landwirtschaftliche Maschinen und Geräte / Verbrennungsmotor und Schrotmühlen / „Holz, der heimische Baustoff" / »50 Jahre öffentlicher Wasserbau" / Berufsbildung der Bäuerin / Gartenbau, Gartenarchitektur und Baumschulartikel / Weizenschau / Seidenschau / Obstverwertungsprodukte Honig und Honigprodukte / Landwirtschaftliche Bedarfsartikel und Genossenschaftswesen / Kleintier-Ausstellung Bundesweinkost BEDEUTENDE FAHRPREIS-ERMÄSSIGUNGEN! Messeausweise ä S 6.— bei der Wiener Messe-Aktiengesellsduft. Wien VII.. Messeplatz l — Eintrittskarten (zum einmaligen Besuch der Rotunde oder des Messepalastes und der Neuen Burg) ä S 2.50 bei den Kassenschaltern der Messehäuser. HIIMMIuuW^ Englische Juden für notleidende Oesterreicher ohne Unterschied der Konfession. Chief Rabbi Dr. J. H. Hertz hat a n d i e englische Judenheit einen Appell gerichtet, in dem er sie auffordert, sich an der vom Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche in England, Kardinal Bourne, eingeleiteten Hilfsaktion zugunsten der infolge der jüngsten Ereignisse in Oesterreich notleidend gewordenen Familien zu beteiligen. Chief Rabbi Hertz erklärt in seinem Aufruf, er habe, noch bevor die Nachrichten von der schweren Notlage mancher Teile der österreichischen Bevölkerung eingetroffen waren, dem tiefen Mitgefühl Ausdruck gegeben, das die Judenheit ebenso wie die übrigen großen religiösen Gemeinschaften angesichts dieser menschlichen Tragödie für die Betroffenen empfunden habe. Die jetzt von Kardinal Bourne so beredt zum Ausdruck gebrachten Gefühle brüderlicher Menschenliebe würden gewiß in jedem jüdischen Herzen ein Echo wecken. Die Führer der großen jüdisch-religiösen Verbände Englands, Lionel de Rothschild und Sir Robert Waley Cohen, hätten sich mit ihm zu diesem Aufruf vereinigt, der sich an alle richte, die willens und in der Lage seien, die Not dieser von schwerem Leid betroffenen Bevölkerung ohne Rücksicht auf Rassenzugehörigkeit, Bekenntnis oder politische Einstellung zu lindern. Kardinal Bourne hat au Chief Rabbi Doktor Hertz ein Schreiben gerichtet, in dem es u. a. heißt: Mit aufrichtiger Freude haben wir vernommen, daß Eure Menschen bereit sind, an der Linderung der Not mitzuhelfen. Möge Gott Eure Großmut vergelten! Polen beschämt Deutschland. In der Warschauer Presse war berichtet worden, daß die neue einheitliche Studentenorganisation für gegenseitige Hilfe (Bratnia Pomoc), die nach Auflösung der entsprechenden nationalen und konfessionellen Verbände auf Wunsch des Unterrichtsministers geschaffen wurde, einem Antrag der nationaldemokratischen Studenten entsprechend, den Anierparagraphen eingeführt habe, und daß die Statuten der Vereinigung von den Behörden genehmigt worden seien. Im Zusammenhang damit wurde darauf hingewiesen, daß die jüdischen Studenten nunmehr von den Einrichtungen für soziale und Studienhilfe ausgeschlossen seien. Demgegenüber veröffentlicht der Senat der Warschauer Untversitä-t eine Erklärung, in der er feststellt, daß die Statuten erst genehmigt wurden, nachdem die Klausel, durch die „Studenten mosaischen Bekenntnisses, konfessionslose Studenten, getaufte Juden und Kommunisten" der studentischen Organisation für gegenseitige Hilfe nicht angehören dürfen gestrichen worden ist. Die Kreditkasse für Kleingewerbe und Kleinhandel In Wien, Praterstraße 9. hält am Mittwoch, den 7. März, Vi! Uhr abends, in den eigenen Büroräumen ihre diesjährige ordentliche Generalversammlung ab.

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