Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 9 (2.3.1934)
- Date
- 1934-03-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT keit. Nur künstliche Hetze läßt ihn seine Natur bisweilen verleugnen. Darum muß vor allem den Hetzern das Handwerk gelegt werden, wenn mit dem Abbau des Hasses ernst gemacht wird. Die Regierung ist mit den Propagandisten des Klassenkampfes fertig geworden; es müßte ihr, wenn sie will, ein leichtes sein, auch der Rassen- und Glaubensverhetzung ein Ende zu setzen. JOSEP BLAU Caf6 Carltheater (Sitz des österr. Kantorenverbandes) Wien II.. Pratfenirofle SSO Während der Pessachfelertage Kafffee und erstklassige flDS bü HO Getränke Was ist ein Arier? In einer Moliere-Komödie tritt ein neugeadelter Bürger auf, der sich von einem Scharlatan in die Geheimnisse höherer Bildung einführen läßt. Dabei erfährt er zu seinem Erstaunen, daß es „Prosa" sei, was er spricht. Er fühlt sich dadurch außerordentlich gehoben. Er hatte bisher noch gar nicht gewußt, welch schwere Kunst er beherrsche; es wird ihm zum ersten Male klar, welch vielversprechender Mensch er eigentlich ist. Ganz so wie jenem „bourgeois-gentilhomme" ist es dem deutschen Volk seit dem März vorigen Jahres gegangen. Es ist plötzlich darüber belehrt worden, daß es „arischer" Abstammung sei, ein Umstand, der den letzten deutschen Straßenkehrer, den letzten Fuhr- und Roßknecht, die letzie deutsche Stallmagd in den Stand setzt, auf einen Albert Einstein, Fritz Haber, Paul Ehrlich, Max Reinhardt mit dem Bewußtsein eigener Ueberlegenheit herabzusehen. Während aber bei Moliere die aufgeblähte Nichtigkeit des Emporkömmlings unter dem donnernden Gelächter des Publikums in sich zusammensinkt, ist das Deutschland von heute in seiner ausladenden Pose stehen geblieben, bestärkt und ermuntert durch die herrschenden Politiker und Gesetzgeber, die den Deutschen der Gegenwart täglich und stündlich im Glauben an seine „arische" Vollkommenheit bestärken, ja ihn für Umgang oder gar „Blutsvermischung" mit Nicht-Ariern unter Strafe und wirtschaftliche Nachteile stellen. Der reine Arier! Dieser Begriff hat im Dritten Reich eine so ausschlaggebende Bedeutung gewonnen, daß die Frage Antwort erheischt: Was ist eigentlich ein reiner Arier? Im Sinne des Regünes muß uns darüber wohl am besten die anerkannteste wissenschaftliche Arbeit belehren können, die „Rassenkunde des Deutschen Volkes" jenes Hans Günther, der unbestritten als der erste aller Rassenexperten gilt Aber wie wird uns? Auf Seite 318 f. dieser Rassenkunde findet sich folgende Anmerkung: „Die Sprachwissenschaft hat früher die indogermanischen öfters als arische Sprachen bezeichnet, heute wendet sie die Bezeichnung arisch meist nur auf den indisch-persischen Zweig der indogermanischen Sprachen an. Die R a s s e n forschung hat in ihren Anfängen die (nicht vorhandene) weiße oder kaukasische Rasse ab und an als arisch bezeichnet, später auch ab und an die Völker indogermanischer Sprache als arische Völker und schließlich auch die nordische Rasse als arische Rasse. Heute ist die Bezeichnung arisch wissenschaftlich unbrauchbar geworden und ihre Anwendung ist dringend zu widerraten, zumal sich in nicht-wissenschaftlichen Kreisen das Wort arisch in noch mehr Bedeutungen herumtreibt, meist in einer ganz verschwommenen Anwendung auf die Völker, die nicht semitische Sprachen sprechen. Den „Ariern" werden dann die „Semiten" entgegengesetzt Die Bezeichnung „Semiten" ist aber von der Rassenkunde ebenfalls aufgegeben worden, da Menschen und Völker verschiedenster Rassen semitische Sprachen sprechen." Man findet kaum Worte, es richtig zu formulieren. Das überwältigende Faktum, das die zitierten Worte enthalten, raubt einem fast die Sprache. Hier wird nämlich bewiesen, daß der Begriff des „Ariers" von dem führenden Rasse-Theoretiker des Nationalsozialismus verworfen wird und daß demnach die Gesetzgeber und Lehrer, die ihn dennoch zum Kern ihrer Gesetze und Evangelien machen, MÖBEL Moderne KOchen- Vorzimmer- WohiMlmmar- F. HOHN, Wien II TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen — Angeschlossen der „Schomra* bewußt eine Erfindung, eine Vorspiegelung, einen von ihrem eigenen Wissenschaftler „widerratenen" Humbug in den Mittelpunkt ihres neuen Weltalls setzen. Der Begriff „Arier" ist nach Günther wissenschaftlich „unbrauchbar". Trotzdem brauchen ihn die Herren des Dritten Reichs Tag für Tag zur „wissenschaftlichen" Bemäntelung ihres Beutezuges und zur Erweckung einer Massenpsychologie des nationalen Selbstbetrugs. Eine schöne Probe für die bona fides und die Ernsthaftigkeit dieses Regimes! Aus der braunen Hölle. Aus Berlin wird halboffiziell gemeldet, daß die Berliner Abendzeitung „Der Angriff" anfangs März ihr Erscheinen einstellt und daß an ihrer Stelle der Verlag des „Völkischen Beobachters" ein eigenes Abendblatt herausbringt. Mit dem „Angriff" verschwindet eines der übelsten antijüdischen Hetzblätter, die die Geschiche der Judenverfolgung kennt. Die vor dem Hitler-Umsturz in gewissen Zeitabständen erschienenen, von Dr. Göbbels gezeichneten Artikel „Die Juden sind schuld!", in denen jedesmal mittels das Blut aufpeitschender Scfclagworte jede Affäre im öffentlichen Leben den Juden in die Schuhe geschoben wurde, waren stets ein Signal zu Judenverfolgungen. Eine Spezialität des „Angriff" war es, sich einzelne im Amt und Würden stehende jüdische Persönlichkeiten auszusuchen und sie durch Serienverleumdungen ununterbrochen zu diffamieren und die Verleumdungen trotz gerichtlicher Nachweise des Gegenteils 3mmer zu wiederholen, bis das Opfer zur Strecke gebracht wurde. Der Feldzug des „Angriff" gegen den Polizeivizepräsidenten Dr. Weiß wird als ein einzigartiges Faktum in der Geschichte der Presseverleumdungen fortleben. Aehnlich Juläus Streichers „Stürmers" versuchte auch der „Angriff" dunch Verbreitung jüdischer Greuelmärchen mit sexuellem Hintergrund die grausamen Instinkte seiner Leserschaft zu wecken. Einige Zeit nach der Uebernahme der Regierung durch Hitler begann der „Angriff" — der als Sprachrohr des Reichspropagandaministers Dr. Göbbels galt — sich Zurückhaltung aufzuerlegen und verlor darum einen Teil seiner Leserschaft, während es dem „Stürme rt", der seine Methoden fortsetzt, anscheinend aucli heute noch sehr gut geht. Das Buchhändler-Börsenblatt teilt mit, daß laut Verordnung des Reichspräsidenten sämtliche Werke von Josef Kastein (dem jungen modernen jüdischen Historiker), unter anderem „Eine Geschichte der Juden", „Sabbatai Zewi", „Uriel Acosta". in Deutschland verboten wurden. * Das Evangelisch-Lutherische Landeskinchenamt Sachsens erläßt folgende Verordnung: „Geistliche oder Beamte, die nichtarischer Abstamung sind, sind in den Ruhestand zu versetzen." * Die Hamburger Zeitungen veröffentlichen ein Rundschreiben der dortigen Landesunterrichtsbehörde an die Volksschulen über Erblehre und Rassenkunde, worin dem Geschichtsunterricht unter anderm folgende Aufgaben gestellt werden: „Die Judenfrage ist besonders geeignet, den Willen zur Arteinheit triebsicher zu machen. Nachdem die Gefahr einer Verjudung Deutschlands durch fremdrassige Venmischung, wirtschaftliche Ausbeutung, politische Vorherrschaft und kulturelle Zersetzung noch einmal kurz dangestellt ist, sind die Lösungsmöglichkeiten der Judenfrage auch an außerdeutschen geschichtlichen Beispielen zu erörtern: die Ausrottung (Pogrome) ist ganz verwerflich; die Auswanderung (Zionismus) ist sehr beschränkt; die Angleichung (Assimilation) ist gerade gefährlich; d:e Absperrung (Ghetto) ist nicht wiederherstellbar; nur. die klare rechtliche Scheidung zwischen Wirts- und Gastvolk, wie sie in der Gesetzgebung des Dritten Reiches angebahnt ist, verspricht Erfolg. Schrifttum: Theodor Fritsch, Handbuch der Judenfrage. Hammer-Verlag, Leipzig. 34. Auflage, 1933, Leinw. 450 RM." (Fnitsch's ..Handbuch der Judenfrage", das hier den Schulen empfohlen wird, ist neben den „Protokollen" das verlogenste und verleumderischste Pamphlet, das ie gegen die Juden geschrieben wurde. Die Red.) Düna Vaterländische Bücherei, Leipzig, gibt soeben eine Sammlung von Heften zur Erziehung der deutschen Schuljugend heraus. In Heft 2, das Bitte um rechtzeitige Vormerkungen für die Erslklassige PIDS "W3 Weine von S 2.— per Liter aufw. ins Haus zugestellt. Alle Sorten Karmel- und Palästina- Weine. RESTMRANI HERUNGER II., TABORSTRASSE Nr. 18 im Hotel National Tel. R 47-7-4» den Titel „Adolf Hitler" trägt, ist zu lesen: „Der Jude will nur Zwiespalt ins Volk säen, will Haß und völkische Selbstzerfleischung, weil starke, einige Völker der von ihm angestrebten Weltherrschaft hindernd im Wege stehen. Die Schöpfer der Klassenkampüehre waren die Juden Ferdinand Lassalle und Karl Marx (der Arier Friedrich; Engels wird verschwiegen). Nach dem letzteren nennt man diese Lehre „Marxismus". Auf Seite 15 heißt es: „Was tut es, daß der Fuhrer unter Eid die strenge Gesetzmäßigkeit seiner Bewegung erklärt? Was tuts, daß die musterhafte Disziplin der SA und SS von jedem ehrlichen unparteiischen Zeugen bewundert wird, Die Judenpresse ist eben weder ehrlich noch unparteüsch, aber die Judenpresse macht die öffentliche Meinung." * In Mannheim hat sich Antonie Gräfin zu S t o 11 b e r g, eine Tochter des Gnafen Friedrich zu Eulenburg, mit dem jüdischen Financier Konrad Hirsch verheinatet Die „Essener Nationalzeitung" berichtet, daß darüber die Mannheimer Bevölkerung „in begreifliche Erregung geraten sei", und fügt hinzu, der Fall stehe nicht vereinzelt da. und wenn ein gewisser Teil des Adels sich über das Wollen unserer Zeit hinwegsetzt, dann sei dies „offener Verrat an der Rasse". Prager Zeitungsberichten ist zu entnehmen: In Berlin lehrt ein Univensitätsprofessor, der schon im vergangenen Sommer von Studenten aufgefordert wurde, seinen Platz zu räumen. Er ist g ebürtiger Balte, Arier bis in die Cherusker-Zeit. Aber 1923 trat er zum Judentum über, spricht heute perfekt hebräisch und hlat sich sogar beschneiden fassen. Er führt jetzt einen heftigen Kampf gegen seine Gegner und behauptet daß es im ganzen Dritten Reich kein Gesetz gebe, nach dem reinrassige Aifier von ihren Aemtern entfernt werden könnten, nur weil sie die jüdische Religion angenommen hätten.v Hitler habe ja erklärt, die jüdische Frage sei nicht eine Frage der Religion, sondern der Rasse. Kultusminister R u s t hat die Angelegenheit dem Rasseamt übertragen. Nach einer amtlichen Mitteilung ist die kürzlich erschienene Geschichte der Stadt Lüneburg von Professor Dr. Reinecke auf Veranlassung des Geheimen Staatspolizeiamtes Hanburg-Wilhelmsburg beschlagnahmt worden, und zwar wegen der Ausführungen über die Judenfrage am Schlüsse des zweiten Bandes. # Der berühmte, von der UFA meist beschäftigte Filmstar Hans Albers hat — wie es heißt: unter Konflikten — seine Bindungen zur UFA gelöst. Es soll dabei eine Rolle gespielt haben, daß er mit der Jüdin Hansi Burg, Tochter des verstorbenen bekannten Schauspielers Eugen Burg, verheiratet ist. Einwanderung nach Palästina. Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß die britischen Behörden in Pialästina in einer Einreise mit Touristenvisum zur Erlangung der Bewilligung des dauernden Aufenthaltes eine Umgehung der palästinensischen Einwanderungsvorschriften erblicken. Ein Touristenvisum gibt auch kein Recht auf die zollfreie Einfuhr von Uebersiedlungsgut. Der nachträglichen Erlangung zum dauernden Aufenthalt in Palästina stehen große Schwierigkeiten entgegen, auch ist das Verfahren ungemein langwierig. Personen, die beabsichtigen, sich zum dauernden Aufenthalte nach Palästina zu begeben, sollen daher in ihrem eigenen Interesse im vorhinein um die Erteilung des hiez.u notwendigen Einwanderungsvisums beim zuständigen britischen Konsulat ansuchen. Es wird hiebei aber darauf aufmerksam gemacht, daß der Boden Palästinas noch nicht vollkommen vermessen ist und daß ein noch nicht vermessener Grundbesitz von den Behörden als Nachweis für die Aufenthaltsbewilligung nicht anerkannt wird. Ueberdies wird bezüglich des nicht vermessenen Grundbesitzes dem gutgläubigen Erwerber sein Besitztitel später häufig von Einheimischen auf Grund von lokalen Zeugnissen s t r i 11 i g g e m a c h t.