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Die Wahrheit · 1934-03-02 · Heft 9 (2.3.1934) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 9 (2.3.1934)
Date
1934-03-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Vortrefflich m m Vortrefflich-Mazzoth. Oberau erhaitnch. Anschauungen decken, welche auf nationaljüdischer Seite immer vertreten wurden. Wer wirklich die Anschauungen vertreten hat, die nun in unserem Lande erfreulicherweise immer stärker zum Durchbruche kommen, das möge der unbefangene Leser aus jenen Erklärungen ersehen, die prominente Führer der „Union österreichischer Juden" auf der vor Jahresfrist abgehaltenen Parteiratssitzung dieser Vereinigung abgegeben haben. Prof. Dr. Hugo Stern unterstrich damals in seinem großangelegten Referat den Gedanken der engen Bindung an diesen uns seit vielen Jahrhunderten teuer gewordenen Boden, auf dem wir und die Unseren leben. Für dieses unser Vaterland, mit dessen andersgläubigen Bewohnern uns Sprache, Kultur und innige Vaterlandsliebe gemeinsam verbinden, wollen wir, jede wie immer geartete Sonderstellung strikte ablehnend, wie in der Vergangenheit auch! in aller Zukunft als treue Bürger unser Bestes geben. Vizepräsident Dr. Josef T i c h o gab in seinem Korreferat dem Verlangen Ausdruck, daß die Religion, die der Nationalismus an die Peripherie gerückt hat, wieder Mittelpunkt werde. Die „Union" stellt die Zusammenfassung all jener dar, die im Judentum eine Religionsgemeinschaft ererblicken. Der zweite einigende Gesichtspunkt ist der Gedanke der; Verbundenheit mit dem Boden, auf dem wir stehen. Wir sind, sagte der Redner unter stürmischer Zustimmung der Versammlung, hier zu Hause und wollen es bleiben. Wir lassen uns von niemandem da als Fremde behandeln und dürfen vor allem nicht in dieser Beziehung die Argumente aus dem dunklen Waffenlager unserer Feinde holen. So konzentriert sich das Programm der „Union" auf die beiden Ideen von der Verbundenheit mit Religion und Vaterland. Wir empfinden aufrichtige Freude und Genugtuung, in den letzten Wochen auch in andersgerichteten jüdischen Organen die Selbstverständlichkeit der jüdischen Vaterlandsliebe so stark betont zu finden. h. Abbau des Hasses. „Schließ zu die Jammerpforten und laß an allen Orten auf so viel Blutvergießen die Freudenströme fließen!" Mit diesen Worten begrüßte Paul Gerhardt gegen Ende des dreißigjährigen Krieges ein neues Jahr und gab so der tiefen Friedenssehnsucht poetischen Ausdruck, die stets alle unfreiwilligen Zeitgenossen kriegerischer Greuel erfüllt. Auch das Ende des Weltkrieges fand ein versöhnungsbereites Geschlecht vor, das die Streitaxt für immer begraben wollte, und dieser Wille war so stark, daß ihm die politischen Machthaber aller Völker, der Sieger wie der Besiegten, Rechnung tragen mußten. Es wurden Formen der äußeren und inneren Befriedung der Staaten geschaffen, die geradezu die Erfüllung des jüdischen Prophetenideals vom messianischen Frieden angebahnt hätten, wären diese Formen vom Geiste der Aufrichtigkeit beseelt worden. Aber leider gleicht die Nachkriegsentwicklung der Weltpolitik einer Ibsen-Tragödie der Lebenslüge. Den schönen Reden widersprachen die Handlungen der Politiker, und so kompromittierte sich der Parlamentarismus selbst. Während auf der Tribüne des Völkerbundes um mathematische Abrüstungsformeln gefeilscht wurde, erfolgte hinter den Kulissen ein fieberhaftes Wettrüsten. Und während man für die innerstaatlichen Parlamente das freieste Wahlrecht einführte, das jeder einzelnen Wählerstimme Gewicht geben sollte, wurden in Wohnhäusern Waffen und Geschütze eingemauert, in deren Donnern die Stimme der Vernunft und der Menschlichkeit zur Unhörbarkeit verurteilt schien. Nun, da dieses Unheil glücklich abgewendet ist, beseelt aufs neue alle Herzen der innige Wunsch nach Abbau des Hasses, nach Beseitigung aller Schranken, die überhitzte Parteileidenschaft zwischen die Bewohner unseres schönen Landes, das Zusammengehörige trennend, geschoben hat. Es ist sehr erfreulich, daß die österreichische Regierung sich dieser Stimmung nicht nur nicht verschließt, sondern sich selbst zu ihren Exponenten macht und frei von verhängnisvollem Siegestaumel allen Bundesbürgern die Hand zur Versöhnung reicht: „Instinktive Vergeltungsgefühle müssen jetzt und für immer verstummen", sagte Bundeskanzler Dr. D o 11 f u ß in seiner Trauerrede an der Bahre der Gefallenen der Exekutive und steigerte diese i Absage an den Haß zu der positiven Verheißung: „Gemeinsam werden wir der Versöhnung und dem ^Frieden dieses Landes unsere Kraft weihen, seine I Wirtschaft wiederaufbauen und weiterarbeiten und |dem seelischen, sozialen und staatlichen Neuaufbau [unserer Heimat dienen." Auch Bundespräsident Miklas hat sein gewichtiges Votum dahin abgegeben, daß „in gemeinsamer Zusammenarbeit Oesterreich eine [ glücklichere Zukunft gebaut werden" solle. Im selben Sinne sprachen sich alle Mitglieder der Regierung aus und wenn flandelsmmister S t o c k i ng e r in einer Rundfunkrede anläßlich der bevorstehenden Eröffnung der Wiener Messe erklärte: „Wir sehen in der Herbeiführung der inneren Befriedung den höchsten Zweck unserer wirtschaftlichen und politischen Maßnahmen", dann hat er einen befriedigenden Beweis geliefert, wie sehr sich die verantwortlichen Leiter unseres Staates des realpolitischen Nutzens der Versöhnungspolitik bewußt sind. Für das Wiener Oberhaupt der katholischen Kirche, Kardinal Erzbischof Dr. Innitzer, ist wohl weniger die äußere Nützlichkeit, als vielmehr eine zutiefst in seinem edlen Herzen wurzelnde Menschenliebe maßgebend gewesen, als er zu allererst in den traurigen Kampftagen seinen Appell an alle Gutgesinnten ohne Unterschied des Glaubens verkündete. Und es ist gewiß seiner Initiative zuzuschreiben, daß bei dem von ihm angeregten Hilfswerk der Frauen Oesterreichs auch die jüdische Gemeinde vertreten ist. Ein Appell an die Juden zu positiver Mitarbeit für Staat und Gesellschaft wird nie vergeblich sein. Auf wirtschaftlichem wie auf humanitärem Gebiet stellen die Juden ihren Manu und sie betrachten es nicht als Opfer, sondern als Bevorzugung, wenn man sie ruft. Auch die Anziehungskraft, die die sozialdemokratische Partei auf viele Juden ausgeübt hatte, beruhte — das sei dem neuesten Hetzer Kunschak gesagt — viel weniger auf bolschewistischen Umsturzgelüsten als vielmehr auf dem positiven Drange, der sozialen Gerechtigkeit zu dienen. Man biete diesem gutjüdischen Drange neue Betätigungsgebiete und man wird sich davon überzeugen können, daß die Juden im neugeformten Staate kein zersetzendes, sondern ein produktives Bek£UMiim£ket&uncj! Die Inhabung der bekannten ■raa ktanrationHotelStefi IttO (ehemals Operer) II.» Taborstraße 12 —Telephon R46-5-57 beehrt sich den p. t. Gästen zur Kenntnis zu bringen, daß es ihr gelungen ist, das in weitesten Kreisen bekannte Ehepaar Hugo und Julie He< linger geb. Zöllner, jahrzehntelange Mitinhaber des Restaurants Zollner, zur Mitarbeit im Restaurant Hotel Stefanie, IL, Taborstraße 12, zu gewinnen, so daß auch dadurch bei sehr mäßigen Preisen für ausgezeichnete Küche und erstklassige Getränke bestens vorgesorgt ist. Wer noch nicht versucht, der komme und bleibt sicher Stammgast. und aufbauendes Element bilden und daß sie es verdienen, daß sich auch an ihnen die Verheißung des Ministers Stockinger erfülle: „Wir wollen im Menschen wieder die Freude an seinem Beruf, an seinem Wollen und Können erwecke n." Das würde sich jedenfalls nicht bloß für die Juden selbst, sondern für die gesamte Allgemeinheit segensreicher auswirken als die bisher vielfach beliebte Taktik, den Juden die Freude an ihren Berufen, ihrem Wollen und Können zu verekeln, indem man ihre Strebsamkeit als Symptom jüdischer Vordringlichkeit, ja sogar jüdischer Weltbeherrschungspläne denunzierte. Wir zweifeln nicht an der Ehrlichkeit der Erklärung unseres Bundeskanzlers, daß alle vaterländisch Gesinnten ohne jeden Unterschied den Schutz der staatlichen Gewalt genießen sollen, obwohl es leider an Bestrebungen, diese Erklärung zu desavouieren, nicht fehlt. Denn während die aktiven Minister vor dem Forum des Auslandes den Antisemitismus ablehnen, und sogar Fürst Starhemberg eine „Judenfrage'' für jene Juden nicht kennt, die sich in das österreichische Schicksal hineinleben, kann es sich ein e h e ma 1 ig e r Minister nicht versagen, in den vom Ohre der Welt etwas entfernter liegenden Orten Perchtoldsdorf und Purkersdorf dem Auditorium einen antisemitischen Ohrenschmaus zu bieten. Wie aus der „Reichspost" vom Sonntag hervorgeht, ist die christlichsoziale Partei im Begriffe sich aufzulösen. Was sollen ihr in diesem Momente Schlagworte aus dem Inventar des alten Parteienkampfes? Besteht nicht gerade in der Lossagung von solchen überlebten Mätzchen der sittliche Wert des parteilosen Ständestaates, der im Bau begriffen ist? Eine noch bedenklichere Erscheinung ist die Erklärung der christlichen Organisationen, daß die ehemaligen Mitglieder aufgelöster Gewerkschaften sich die in diesen Gewerkschaften erworbenen finanziellen Rechte nur dann retten können, wenn sie rechtzeitig den entsprechenden christlichen Fachvereinen beitreten. Dabei vergißt man die Erklärung, was die jüdischen Angestellten und Arbeiter nun tun sollen, wenn die angeblich von Regierungsseite geplante Einheitsgewerkschaft nicht zustande kommt. Etwa in die „christlichen" Gewerkschaften eintreten? Wir hörten zwar vor kurzem aus dem Munde eines Ministers, daß „christlich' so viel zu bedeuten hätte wie „sozial". Doch selbst bei dieser Auslegung kann wohl selbstbewußten Juden schwer zugemutet werden, in einer ausdrücklich als „christlich" bezeichneten Berufsvertretung sich einzugliedern. Das wäre auch für die „christliche'' Gewerkschaft eine unerwünschte Belastung. Die Erfahrungen in der eben abgeschlossenen Vergangenheit des Parteienstaates sollten für alle Teile eine Lehre sein. Es liegt in dieser unserer Einstellung nicht das Geringste, das sich gegen den christlichen (lies sozialen) Charakter der Gewerkschaft wenden würde. Die Ersetzung des Wortes „christlich" durch „sozial" oder am besten ..vaterländisch'' würde jeden Beigeschmack nehmen, allerdings immer unter der Voraussetzung der vollkommenen Gleichberechtigung und Gleichwertung des jüdischen Elementes. Die, wie wir hören, aufgetauchte Idee, die jüdischen Angestellten und Arbeiter, die in die „christliche Gewerkschaft" aufgenommen werden, in eine jüdische Gruppe einzuschachteln, die der „christlichen Gewerkschaft unter- oder beigeordnet werden soll, wäre wohl eine unhaltbare Halbheit. Jedenfalls wäre eine rasche Klarstellung dringendst erwünscht. Denn schon gehen einzelne jüdische Vereinigungen daran, selbständige „jüdische Gewerkschaften" zu schaffen. Derlei Aktionen sollten im Interesse der Gesamtheit wohl nur mit aller Vorsicht und Klugheit eingeleitet werden, jedenfalls nur im Einvernehmen mit den zuständigen staatlichen Stellen und — mit der Gesamtvertretung der österreichischen Judenschaft. Nur keine Separataktionen oder — Gschaftelhubereien! Wir stimmen dem Minister Stockinger zu: „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Und speziell ein österreichischer Wille wird einen österreichischen Weg finden." Der Oesterreicher neigt seiner ganzen Natur nach zur Toleranz und Friedfertig- P^fMillMB^K^ffi^^läi^^^'

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