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Die Wahrheit · 1934-03-02 · Heft 9 (2.3.1934) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 9 (2.3.1934)
Date
1934-03-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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■S"*5™ -HB *m Seite 2 DIE WAHRHEIT 9anz Wien begeistert [ z£L fchmUll Jtlazzoth f £tn Versucft rrirrf fie fiAccweutfenr § Erzeugt aas feinstem Mehl unter streng orthodoxer Aufsicht Sr. Ehrwürden Herrn Ober- B rabbiner Babad » Jlatfkan (Brodetzfty g Zmtrafe: Wien, 2. &eziwk, Jfeopofdsgosse 43 S Telephone: A 46-1-90, A 48-4-48, A 60-2-63 ■ Die StfkmlM-yilaxKottk und das Fabrikat „Jflmfze fdämiOT JH. <&." ■ (Mazzoth, Grieß und Farwel) sind außerdem erhältlich in allen besseren Geschäften. ■ ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■»■■■■■■«■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■0 Beruhigende Erklärungen. Alle Besorgnisse der in- und ausländischen Juden hinsichtlich der nationalsozialistischen Forderungen erledigen sich dadurch, daß die Regierung fest entschlossen ist, auch den Nationalsozialisten gegenüber auf ihrem bisherigen Standpunkt zu verbleiben. Bei einem Lunch der Anglo-American Trust Association erklärte Bundeskanzler Dr. Doli fuß unter anderem: „Die österreichische Regierung ist nicht antisemitisch eingestellt." Ein maßgebender Regierungsfunktionär erklärte hiezu dem Wiener JTA-Vertreter, dem wir die Verantwortung für diese Aeußerung überlassen müssen: Bundeskanzler Dollfuß hat gestern vor den englisch-amerikanischen Journalisten auf eine Anfrage erwidert, die Regierung stehe nicht auf dem Rassestandpunkt und sei auch nicht antisemitisch. Dem kann noch hinzugefügt werden, daß die Befürchtungen, es könnte bei einem Akkordmit dem nationalsozialistischen Deutschland eine Aenderung der Stimmung der Regierung in der Judenfrage eintreten, vollkommen unbegründet sind. Ein Akkord mit Deutschland kann nur auf Basis der gegenseitigen Nichteinmischung in die innerpolitischen Verhältnisse zustande kommen oder er werde nicht zustande kommen. Die Regierung denke nicht daran, innerpolitisch eine Aenderung in dem Sinne des nationalsozialistischen Arier-Standpunktes eintreten zu lassen. Die nationalsozialistische Bewegung in Oesterreich wird im Auslande in ihrer Bedeutung überschätzt. Eine Anzahl wohlorganisierter junger Leute verstehe die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, obwohl sie in der Bevölkerung keinen entsprechenden Anhang habe. Die Regierung sei jedenfalls in der Lage, gegebenenfalls auch mit der nationalsozialistischen Bewegung fertig zu werden. Viel Aufsehen haben die anfangs dieser Woche in den Wiener Zeitungen veröffentlichten Erklärungen ausgelöst, die der Bundesführer der Heimwehr, Fürst Starhemberg, zwei Vertretern ausländischer Blätter hinsichtlich der Judenfrage gegeben hat. Während er dem Vertreter des großen Pariser Blattes „Petit Parisie n n e" kurz erklärte, „Oesterreich will die Juden nicht ausmerzen, aber es will sich vor ihrer Vorherrschaft schützen", also eine Phrase wiederholte, die schon so abgedroschen ist, daß es sich erübrigt, sie neuerlich zu entkräfügen, gab Starhemberg dem Wiener Vertreter des Budapester Blattes „U j s a g4' längere Erklärungen über seine Stellung zur Judenfrage und zum Antisemitismus. Die betreffende Stelle lautet im „Ujsäg" wörtlich wie folgt: — A zsidökerdes velemenyem szerint sohasem oldhatö meg eröszakos es mesterkelt m ö d o n. Ezt a kerdest csak az allami berendezes oldhatja meg, amelynek oly erösnek es tökeletesnek kell lenni, hogy lehetetlenne valjek a nemzetközi erzelmüek reszere a letelpedes. Mindazok a zsidök, akik hazafias alapon ällanak 4s nem követik a nemzetközi teveszmeket, szöba sem kerülhetnek akkor, amikor zsidökerdesröl van szö. A zsidökerdest csak akkor vetem fei Ausztriäban, ha hazafiatlan es magukat. Ausztria sorsäba bete nem elö egyenekre gondolok. Nincs problema, ismeilem, es nincs zsidökerdes. ha derek, hazafias zsido polgärainkrol beszelünk, mert ezek nem kepeznek az orszägban tehertetelt. In wortgetreuer Uebersetzung: „Meiner Ansicht nach ist die Judenfrage nie. mals mit Gewalt oder künstlich zu lösen. Diese Frage kann nur durch den Staatsapparat gelöst werden, der so stark und umfassend sein muß, daß es den international eingestellten Elementen unmöglich gemacht wird, hier ansäßig zu sein. Diejenigen Juden, die auf patriotischer Grundlage stehen und den internationalen Irrlehren nicht folgen, kommen überhaupt nicht in Betracht, wenn man von der Judenfrage spricht. Ich werfe die Judenfrage in Oesterreich nur dann auf, wenn ich an solche Juden denke, die nicht vaterlandstreu sind und sich in das österreichische Schicksal nicht einleben können. Ich wiederhole deshalb: Es gibt kein Judenproblem und es gibt keine Judenfrage, wenn wir von unseren braven patriotischen jüdischen Bürgern sprechen, zumal diese ja auch keine Last für den Staat bilden." Diese Ausführungen besitzen den Vorzug der Klarheit. Scheinbar unklar wurden sie nur durch die in den Wiener Blättern enthaltene Rückübersetzung aus dem ungarischen Text, wobei die Begriffe „patriotisch" und „vaterlandstreu" mit „national" wiedergegeben wurden. In Ungarn sind eben alle diese Begriffe identisch. Die Wiedergabe in den Wiener Blättern aber war deshalb sinnstörend, weil, wenn h i e r im Zusammenhang mit der Judenfnage von „national" gesprochen wird, man bei flüchtigem Lesen glauben konnte, daß der Führer der Heimwehr eine Verbeugung vor dem „nationalen'' Judentum gemacht hätte. (Die „Jüdische Telegraphen-Agentur" machte tatsächlich aus den „braven patriotischen jüdischen Bürgern" — „national-jüdische (!) Bürger".) Wir wollen annehmen, daß hier Flüchtigkeit und nicht Absicht die Hand im Spiele hatte. Allerdings, für Kenner der Verhältnisse war der Sinn der Ausführungen des Fürsten Starhemberg von vornherein vollkommen klar. Ein solcher Kenner ist wohl Herr Stricker. Doch ist offenbar in ihm der Wunsch so sehr der Vater des Gedankens, daß er dem Herrn Fürsten eine Gleichsetzung der Begriffe „jüdisch-national" und „vaterlandstreu" in den Mund gelegt wissen möchte. Hält er seine Leser für naiv? Herr Stricker behauptet in der letzten Nummer der „Neuen Welt", daß die Erklärungen des Fürsten Starhemberg sich im wesentlichen mit den tfeuitteton Judentum in dieser Zeit. Anläßlich eines Gemeindeabends im Friedenstempel hielt das Mitglied des Berliner Gemeindevorstandes. Herr Moritz Rosenthal, eine Ansprache, der wir die folgenden Stellen entnehmen. Die Red. In dieser Zeit ist es üblich geworden, das Judentum sich so zurechtzulegen, wie es in die Parteieinstellung des einen oder des anderen hineinpaßt Ich möchte, wenn ich über Judentum in dieser Zeit spreche, die Lehren des Judentums in ihren Grundsätzen, in ihrer eigenen Sprache sprechen lassen. Selbstverständlich ist es nicht möglich', in einer kurzen Darstellung alles, was das Judentum lehrt, zu behandeln. Ich will die wichtigsten Lehren des Judentums wieder Revue passieren lassen, um zu zeigen, daß es ein Judentum für diese Zeit oder für irgend eine besondere Zeit nicht gibt. Das Judentum, d. h. der jüdische Mensch glaubt, aus den Lehren des Judentums immer nur das entnehmen zu können, was seinen Parteiauffassung entspricht Judentum ist Sittlichkeit, ist Reinheit de>r Seele, ist WJJle zum Leben, Judentum ist Wahrhaftigkeit ist Bescheidenheit und Dankbarkeit Judentum ist Gerechtigkeit Judentum ist Nächstenliebe, Judentum kennt die Pflichten gegenüber der Familie, Judentum verlangt die Förderung des Gemeinwohls, Judentum kennt die Pflichten gegenüber dem Tier, Judentum ist sozial. Das Judentum hat den sozialen Sabbat eingeführt und sein Ziel ist der ewige Friede. Gesellschaftliche Achtung, nicht eine bevorzugte Stellung verschafften im jüdischen Volk lediglich die Gelehrsamkeit das Wissen. Aber es wurde von der frühesten Zeit an dafür gesorgt, daß das Wissen allen Volksschichten gleich zugänglich war. Es gibt nach der Auffassung des Judentums nur einen Adel, den der Gesinnung und deren Betätigung im Leben. Niemals begegnen wir im jüdischen Schrifttum dem Begriff von Ebenbürtigkeit im Gegensatz zu gesellschaftlicher Niedrigkeit. Es gab keine „Mißheirat" in Israel. Jedes unbescholtene jüdische Mädchen kennte die ebenbürtige Frau des Königs oder des hohen Priesters werden. Im Judentum hat sich immer, der Gedanke eingebürgert, daß nicht die Stelle den Menschen ehrt sondern der Mensch die Stelle. In diesem Sinne war. immer die Führung in den Gemeinden eingerichtet Jeder Mann aus der Gemeinde, der sich durch sein Können und durch seine Charaktereigenschaften dazu eignete, konnte zu den höchsten Gemeindewürden berufen werden, was auch zu jeder Zeit geschah. Die Lehre des Judentums und seine sittlichen Forderungen sollen im Leben erfüllt werden. Die ausübende Religion oder das praktische Judentum soll sich vor allem sittlich im Handeln betätigen. Nichts ist so geringfügig, daß es nicht durch den Stempel der Religion veredelt daß daraus nicht eine Beziehung zu Gott gewonnen werden könnte. Das ist die Grundanschauung, welche das praktische Judentum durchzieht Religion und Leben werden damit aufs innigste verbunden, die Religion, welche bewiesen werden soll durch das Leben, das Leben, welches erfüllt werden soll durch die Religion. Ebenso verlangt unser. Judentum Bescheidenheit. In den Sprüchen der Väter heißt es so schön: „Kommt Hochmut, so kommt Schmach, aber bei den Bescheidenen äst Weisheit", und ferner: „Des Menschen Hochmut ermutigt ihn, aber der Demütige erwirbt Ehre," Arbeit ist nach der Bibel die dem Menschengeschlecht ron Anfang an durch Gott gestellte Aufgabe. Im Judentum ist die Wertschätzung der Handarbeit und die Verwerfung des Müßigganges die gleiche. Deutlicher als die vielen Aussprüche des Schrifttums zeugt dafür die Tatsache, daß viele führende Männer im Judentum vom Ackerbau und der Handarbeit lebten, im Römerreiche waren die jüdischen Handwerker in erheblicher Zahl vertreten. In Polen trifft man auch heute zahlreiche jüdische Handwerker. Das Judentum tritt mit dem Gedanken auf, daß jeder Mensch berufen sei zur Arbeit. Das Judentum ist schon in früher Zeit mit dem Verbot des Zinsnehmens hervorgetreten. Hierin steht es in schroffem Gegensatz zum altbabylonischen Recht heißt es doch) im 2. Buch Moses: „Wenn du einem aus meinem Volke Geld leihest, dem Armen neben dir, so sei gegen ihn nicht wie ein Schuldherr, lege ihm nicht Zins auf", und im 3. Buch Moses wird dieses Zinsverbot auch gegenüber dem landlosen Fremden und dem nichtjüdischen Einwohner von Palästina ausdrücklich bestätigt. Die Thora verbietet unterschiedslos das Zinsnehmen von jedem jüdischen oder nichtjüdischen Bewohner des Landes. Ein Judentum, das alle diese Vorschriften seinen Bekennern vor Augen führt, mußte selbstverständlich als eine seiner schönsten Aufgaben die Aufgabe der Nächstenliebe, anerkennen. „Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du." Die Nächstenliebe die versucht zu lindern, zu mildem, zu unterstützen, beizustehen, zu trösten und zu helfen, mit einem Wort, dem anderen ein menschliches Leben im Dienst der Gesamtheit zu ermöglichen, fast die ganze Skala der Beziehungen, in dem Menschen zu Menschen stehen können. Und jetzt komme ich zu einem Kapitel, das im Judentum immer, als das Höchste geachtet wurde. Die öffentliche Wohlfahlrt. Im Geiste des beherrschenden Grundsatzes: „Stütze und stärke den wankenden Bruder" lag es, durch rechtzeitiges Eingreifen gänzlichem,Verfall vorzubeugen. Darlehen dem Almosen vorzuziehen, größere Mittel zur Selbständigmachung herzugeben. Ueberfliüssig zu betonen, daß sorgsame Ueberlegung mit am Werke sein mußte, damit Wohltat sich nicht selbst aufhebe. Vielleicht nicht überr flüssig zu sagen, daß das Herz dominieren sollte. Die Notwendigkeit des täglichen Lebens, die Grade der Bedürftigkeit die Seelienverfassung der Hilfesuchenden, alles wurde mit Kopf und Herz zugleich erwogen. Daß Erziehung und Unterricht im Judentum eine religiöse Pflicht sind, geht auch aus unserer Thora hervor. „Diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollen in deinem Herzen sein und du sollst sie einschärfen deinen Kindern." Hiernach solte jedes Kind im Elterjihause belehrt und erzogen werden. Schon dem dreijährigen Kinde wurde das Höre Israel eingeprägt Die Errichtung von öffentlichen Schulen, die gewissermaßen Helferinnen oder Vertreterinnen des Elternhauses sein sollten, ist Josua ben Gamalä um 65 nach Christi zu verdenken. Das Ziel des religiösen Judentums war der ewige Friede, die Verwirklichung des Prophetenwortes, daß die Schwerter zu Sicheln umgeschmiedet weredn. .■ ., Wenn man sich so die Gebote unseres Judentums betrachtet, dann muß man zu den Erkenntnis gelangen und hoffen, daß der wahre Sinn unseres Judentums der Sinn des Judentums in dieser Zeit sein möge.

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