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Die Wahrheit · 1934-03-02 · Heft 9 (2.3.1934) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 9 (2.3.1934)
Date
1934-03-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 40 Groscäen In Deutschland ^verboten I iidiscn e Sc Wahrheit .<« »»' Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der »Union österreichischer Juden' und den Amtlichen Verlautbartingen der israelitischen Kultusgemeinde Wien Nadl PALÄSTINA durch den s i PAtESIlNE & OMENT- : : llOYD A 3 Vertretung für Österreich:! RBISEBÜRO CITY, Dr. J. B. Körne» [ wilNi. KOHLMARKT NR. : TELEPHON U 28-4-29 ■ ■ SlHIIHMI MB IUIIIHIBM Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 50. Jahrgang Wien, 2. März 1934 Nummer 9 Purim, das Fest des zwiefachen Loses. Rasiere Dldiönl und billig Von Gemeinderabbiner Dr. Georg Salzberger. Frankfurt a. M. In dem Kommentar, den der Talmud zum Esterbuch gibt, findet sich eine Bemerkung, die zunächst überrascht. Zu der Stelle, wo es heißt, der König Ahasveros habe seinen Siegelring vom Finger gezogen und ihn seinem Günstling Haman übergeben, damit dieser den Erlaß über die Niedermetzelung sämtlicher Juden Persiens mit dem königlichen Siegel versehe, bemerkt Rabbi Abba bar Kahana, ein bedeutender Agadist des 3. Jahrhunderts unserer gewöhnlichen Zeitrechnung: „Das Abziehen des Siegelringes wirkte mehr als die 48 Propheten und 7 Prophetinnen, die Israel predigten, sie alle vermochten Israel nicht zum Guten zu bekehren, aber das Abziehen des Siegelringes bekehrte sie zum Guten" (Megilla 14a). Der Gelehrte denkt bei diesen Worten offenbar an die Fortsetzung der Erzählung: wie nämlich überall, wohin der Erlaß des Königs gelangte, große Trauer bei den Juden herrschte, Fasten, Weinen und Wehklagen, und wie die meisten ein härenes Gewand und Asche sich unterbreiteten. In diesen Zeichen der Trauer und der Buße sieht er den Ausdruck einer inneren Wandlung, einer sittlichen Läuterung und einer religiösen Umkehr. Sie setzt voraus, daß (was aus der Ester-Erzählung nicht ohne weiteres hervorgeht) die Juden auf falschem Wege gewesen waren. Nach allem, was wir aus ihrer früheren Geschichte wissen, liegt die Annahme nahe, daß sie allzusehr einem sorglosen Leben sich hingegeben, allzu willig sich den Sitten und Unsitten ihrer heidnischen Umwelt angepaßt und von ihrem Gott und seinem verpflichtenden Bunde sich treulos abgewendet hatten. Erst die drohende Gefahr führte sie zum „Guten" zurück. Es war eine Gefahr nicht nur für ihr Gut und Geld, sondern für Leib und Leben. Alle Juden des weiten Perserreiches, das „von Indien bis Aethiopien" „127 Provinzen' umfaßte, sollten — so war es in unwiderruflichem, königlichem Gesetz ihnen verbrieft und versiegelt — „an einem Tage, am 13. Tage des 12. Monats vertilgt, getötet :md umgebracht werden. Junge und Alte, Kinder und Greise, und ihre Habe sollte der Plünderung anheimfallen." Ein erster ungeheurer Pogrom stand so über ihrem Haupte: wir fühlen ihre Angst und ihr Entsetzen — es war, persönlich betnachtet, das furchtbarste Schicksal, das sie treffen konnte. Aber ^iHniniiiiiiiraiiiniimiimuu VERWALTUNGEN + SÄTZE - HYFOTHEKENqS% KÄUFE - VERKÄUFE ~~ it BEH. AUT. SEISAl TEL. A 10-5-69 SZILAGYI IX., ROTENLÖWENG. 3 ^inuuuuuiuinuininiuniiiainui auf das Ganze der Geschichte dieses Volkes gesehen, stellt sich dieser Vorgang uns doch anders dar. Märtyrer sein, heißt Zeugnis ablegen für den Sieg der Ohnmacht über die Macht, des Rechtes über das Unrecht, der Wahrheit über die Lüge, und wo immer auf Erden Blutzeugen fielen als Opfer haßerfüllten Wahns, da ward „das Gute" nur noch fester gegründet, und an der Kraft, die das irdische Leben für ein Ewiges in die Schanze schlägt, stählen sich die Geister und Herzen nachfolgender Geschlechter. Es gab eine größere Gefahr für die Judenheit Persiens, als Hamans Mordbefehl — es war der allmähliche unrühmliche Untergang durch eigene Schuld. Es war jenes Untergehen, das ein Aufgehen ist in die Welt des gesicherten Besitzes und der sorglosen Behaglichkeit, der bürgerlichen Geborgenheit und des satten Glückes. Aus dieser Gefahr, die um so gefährlicher als sie kaum merkbar ist, hat die Juden der Mann gerettet, der sie verderben wollte, gewiß nicht nach seinem Willen gerettet, aber nach dem Wille», eines Höheren, dem auch ein mächtiger Perserkönig und sein Günstling sich beugen mußten. Der Name Gottes wird im Esterbuch nirgends ausdrücklich genannt, ja bisweilen absichtlich vermieden, aber überall spüren wir das göttliche Wialten. Es hat den Plan Hamans nicht erst vereitelt, da es die Bedrohten vom Tode rettete, sondern — was seine Weisheit als göttlich bezeugt — da es ihn statt zum Unglück für sie zum Heile werden ließ. Wieder und wieder ist es so unserem Volke begegnet. Schon die Brüder, die Joseph nach Aegypten verkauften, um seine stolzen Träume zunichte zu machen, müssen, dia sie beschämt vor dem Herrn Aegyptens stehen, aus seinem Munde die Wahrheit erfahren: „Ihr zwar gedachtet mir Böses zu tun, Gott aber hat es zum Guten gedacht." Und jener Nachfolger auf Pharaos Thron, der den Joseph nicht kannte und dessen späte Enkel zu unterdrücken kein Mittel scheute, hat wider Willen — durch seine eigene Tochter— die Rettung des Retters bewirkt, der sein Volk aus dem Hause der Sklaven herausführen sollte. Freilich, es war ein ..hartnäckiges Volk", wie die Thora selbst wiederholt es nennt. Wenn der erste und größte seiner Propheten darüber klagt, daß es „ausschlägt, sobald es feist wird ', so muß noch einer der Größten späterer Zeit, muß Jeremta Gott sprechen lassen: „Ich sandte euch alle meine Knechte, die Propheten, früh an jedem Morgen habe ich sie gesandt, ihr aber hörtet nicht und neigtet nicht einmal euer Ohr. Sie sprachen: Kehret um, ein jeder von seinem bösen Wege . . . geht nicht fremden Göttern nach, ihnen zu dienen und euch vor ihnen zu bücken... ihr aber hörtet nicht auf mich." Es mußte erst die Zuchtrute Gottes auf dem Rücken spüren, bald hieß sie Aegypten, OesterrelcMsclics Qualität faDrihal Ueberau erhältlich bald Philister, Assyrien oder Babylonien, Jawan oder Rom, ehe es umkehrte — was 48 Propheten und 7 Prophetinnen nicht zuwege gebracht, das brachte eine Stunde zuwege, die Stunde, da Ahasveros dem Haman seinen Ring übergiab, um den Untergang der Juden zu besiegeln. Purim, das Fest übersprudelnder Freude, wir Juden begehen es diesmal in ernster Sammlung. Die Zeiten sorglosen Dahinlebens sind für uns schon lange vorüber. Schwere Sorge um unsere Zukunft und die Zukunft unserer Kinder bedrückt uns. Das alte Judenschicksal steht so wieder vor unserer Gemeinschlaft. Aber was ist denn dieses Schicksal? Ist es nur das. was wir ohnmächtig duldend über uns ergehen lassen müssen, oder ist es nicht auch (und noch viel mehr) das, was wir tätig tapfer daraus für uns gestalten? Ist die Gefahr für unseren Bestand, die uns von außen droht, größer als die innere, in der wir seit vier oder fünf GenerationeiC seit dem Beginn unserer bürgerlichen, geistigen und religiösen Emanzipation gestanden haben? Wir haben unsere besondere Bestimmung. Gottes Volk zu sein, vergessen, verwischt und verleugnet und haben, wie alle Welt, den Götzen des Tages geopfert. Alle Reden der Propheten, die wir jeden Sabbat und Feiertag in unseren Gotteshäusern hätten hören können, alle Mahnungen und Warnungen der Sehenden unseres Geschlechtes haben nichts gefruchtet. Es bedurfte erst eines harten Schlages, um uns aus Traum, Taumel und Trug zu besserer Einsicht zu führen. Schon schließen wir uns über alle Unterschiede der Parteien und Richtungen hinweg wieder enger zu einer Gemeinschaft zusammen, schon drängen sich Lernbegierige zu unseren Lehrhäusern, schon füllen sich an Sabbaten unsere Synagogen wieder mit Betern, schon fragen Eltern wieder, wie sie in einem jahrtausendealten religiösen Erbe ihren Kindern Halt, Stolz und Freude an ihrem Judentum auf ihren Weg, sei's durch die Heimat, sei's durch die Fremde, mitgeben können. Wieviel berechtigte Trauer und Klage sich auch in diese schwere Wandlung mischt, die Wandlung selbst schon ist die Wendung unseres Schicksal zum Guten. So erfahren wir an diesem Purim, dem Fest der Lose, das zwiefache Los, das in der Gefahr als Retterin vor größerer Gefahr liegt, und erleben tiefer noch (als ehedem, was von den geretteten Ahnen in Persien erzählt wird: ..Den luden ward Licht und Freude und Ehre." Gedenket der Winternotstandsaktion der Kultusgemeinde! Geld- und Nafuralspenden erbeten an die Fürsorge-Zentrale der Israel. Kultusgemeinde Wien I., Seitenstettengasse 2, Telephon U 25-5-85 Serie, Postsparkassenkonto B-29.659

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