Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 8 (23.2.1934)
- Date
- 1934-02-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 Aas der braunen Hölle. Juden im €kif. Hin Bericht von Simon Bergh. VI. Auf der Bühne der Emigration ergeben sich oft sonderbare Szenen. Diejenigen Emigranten, die noch ein paar Mark von ihren Angehörigen in Deutschland erhalten können, gliedern sich dem neuen Leben etwas spontaner an. Man sieht sie hier und dort mitten unter den Lichtreklamen der großen Boulevards. Sie leisten sich ihren Cafe noir in einem der vielen Boulevardscaies und beschäftigen sich damit, den. Pariser Gewohnheiten von dieser Seite näherzukommen. Besonders beliebt sind die Cafes am Montparnasse. Das Cafe „Le Dome"' beispielsweise, in normalen Zeiten von Ausländern und Künstlern dicht besiedelt, ist jetzt geradezu der Treffpunkt der intellektuellen deutschen Emigranten. Von Zeit zu Zeit spielen sich dort eklatante Begrüßungsszeneu ab. Leute, an die man seit Jahren nicht mehr im Traume gedacht hat, tauchen dort aus der Flut von Autos, Passanten und Kellnern aur,-~tun erfreut und schütteln sich gegenseitig die Hände aus den Gelenken. Es sind mehr die Halbprominenten, die hierherkommen, während die ganz Prominenten nur einmal hereinblickeu, sich minutenlang umflüstern oder besichtigen lassen, um dann wieder in den Wagen mit der Berliner Nummer zu steigen. Wenn man nicht genau wüßte, daß man im ..Dome" sitzt, könnte man glauben, es sei das Romanische Cafe von Berlin. Man hört wenig französisch sprechen. Deutsch dominiert und dann kommt in einem gewissen Abstand erst mal russisch. Ein junger Mann aus Berlin, der dort früher Besitzer einer sehr bekannten Bar gewesen war, klagte mir sein Leid, er käme nicht dazu, endlich richtig französisch sprechen zu lernen. „Meistens'*, meint er, „komme ich mit Deutschen zusammen, die •rcnau so w::nig können wie ich, und wenn ich schon mal das Glück habe, mit einem Franzosen zusammenzusein, dann spricht er aus Höflichkeit deutsch mit mir, also wie soll ich es jemals lernen?" Ich hatte volles Verst.iudnis für diese sprachlichen Qualen und verabschiedete mich darum wenigstens auf französisch von ihm. Alle haben Pläne oder sie tun mindestens so, als hätten sie welche. Die einen suchen beim Film unterzukommen, die anderen photographieren, manche schreiben oder zeichnen für deutschsprachige Blätter des Auslandes, viele machen Uebersetzungen, und die meisten leben von ihren Aussichten. Wer tatsächlich irgendwo untergekommen ist, wird als eine Art Heiliger angestaunt, dem man in stummer Devotion begegnet. Die wirklichen Prominenten, d. h. diejenigen, deren Namen jeder in Deutschland kennt, sind selten sichtbar. Von ihnen hört man nur. J!ir>i Treffpunkte befinden sich mehr in den großen Hotels und teuren Restaurants der Avenue des Champs Elysces. Sie spuken auch in der Emigration als sagenhafte Wesen herum, und nur gelegentlich wird es ruchbar, daß Kurt Gerron einen Film -dreht, daß Ophüls engagiert ist, daß Bressart für eine Tournee abgeschlossen hat, daß es Alfred Kerr nicht gut gehen soll, daß Priedel Holländer kein Kabarett aufmacht, sondern sich längst in Hollywood befindet. Gerüchte ans dritter oder auch fünfter Quelle, die unkontrollierbar und schließlich für den Moment auch ohne Wichtigkeit sind. Manchmal auf den Terrassen kann man folgendes beobachten: eine Gruppe von Emigranten plaudert über dieses und jenes. Sie sprechen ungeniert, ungestört, oft auch laut und verschiedentlich sogar zu laut. Es ist wohl nie Sache der Deutschen gewesen, besondere Diskretion im Ausland zu wahren. So geht es eine gute Weile. Doch plötzlich werden die Köpfe zusammengesteckt — man flüstert. Man flüstert so leise wie möglich — die Worte zirkulieren um den kleinen Tisch, nur für die Gruppe bestimmt — kein anderer dari und kann sie hören. Sie flüstern sich keine Zoten zu, es ist auch kein plötzlicher Anfall von Diskretion, sondern von Vorsicht. Der geflüsterte Disput wird mitunter leidenschaftlich, stellenweise sogar wütend, doch die geflüsterte Wut ist ungefährlich, weil unhörbar. Der Eingeweihte ahnt sofort, da ist von internen Dingen die Rede, von persönlichen politischen Erlebnissen vielleicht, und diejenigen, die nichts davon hören sollen, sind — Spitzel. Die Spitzelangst unter den Emigranten ist gro" und mit Recht. Dutzende solcher Verräter sind schon entlarvt und verhaftet worden, und insbesondere in den Cafes wimmelt es von Nazis, die unter dem Deckmantel teilnahmsvoller Neugier den ahnungslosen Flüchtling veranlassen, auf Hitler zu schimpfen, um später gegen die noch in Deutschland lebenden Angehörigen vorgehen zu können. Man hört oit, in Deutschland sei das laute Wort gestorben, dort spreche man von gewissen Dingen nur in jenem Ton, in dem unwillkürlich die flehentliche Bitte um größte Diskretion mitschwingt. Nun, hier ist es, soweit es die Gespräche von Flüchtlingen betrifft, nicht viel anders. Denn — die Verfolgung der Emigranten setzt sich auch noch innerhalb der neuen Grenzen fort. Vorsicht ist am Platze. Man unterhält sich, und man weiß nicht mit wem. Man bekommt geöffnete Briefe, man schreibt verschleierte Texte, man verdreht seinen Namen — Vorsicht ist wie nie am Platze. Besonders dann, wenn es sich um politische Tätigkeit in der Emigration handelt. Es ist nicht immer die geschickteste Politik, auch nicht die taktvollste, und vor allem nicht die fruchtbarste, die hier von den Emigranten getrieben wird. Sozialdemokraten und Kommunisten tun noch genau so wie einst daheim, sie zanken sich in derselben geräuschvollen Tonart weiter, wo sie einander gerade begegnen, sei es im Hofe des Komiteegebäudes, sei es in Versammlungen, sei es in den unpersönlicheren Gefilden der Zeitungsleitartikel. Die Debatten von den Kommunisten bewußt aggresiv, spitzfindig und ohne besondere Sachlichkeit geführt, haben eine fatale Aehnlichkeit mit den fruchtlosen politischen Stammtischreden von ehemals, nur Schauplatz und Aktionsradius haben sich verändert. Auch jetzt treiben die Anhängerscharen beider Parteien separate Politik, nur daß sie sich nicht wie früher, den mangelnden Einlieitsfrontwillen, sondern die begangenen Fehler gegenseitig vorwerfen. Diese ganze Angelegenheit ist eine Art von politischem Appendix: ein unnötiger Fortsatz, leicht zu Entzündungen neigend, und nur durch radikale Operation entfernbar. Ein ziemlich kluger Mann meinte, daß die Revolution, die nicht im Berliner Karl Liebknecht-Haus gemacht worden sei, schwerlich vom Montparnasse aus ihren Start nehmen könne. Und da hat er recht. Die politische Tätigkeit findet nach außen hin ihren Niederschlag in der inzwischen entstandenen Emigrationspresse, die nur zum geringen Teil beachtliches Niveau hat. Die ersten Wochen brachten geradezu eine Flut von neuen Druckpapieren, darunter ungekannte Witzblätter und ebensolche politischen Zeitschriften, die allerdings zum größten Teil sehr rasch ihr wohlverdientes Ende fanden. Geblieben ist davon die „Aktion", ein nicht sonderlich erfreuliches deutsch-französisches Sensationsblatt unter pseudokommunistischer Flagge und die „Antifaschistische Front", die völlig im kommunistischen Fahrwasser segelt und unter hysterischen Balkenüberschriften wenig Bemerkenswertes enthält. Dagegen ist das „Neue Tagebuc h" als Fortsetzung des alten ..Tagebuch" wiederauferstanden und hat sich in kurzer Zeit schon eine beträchtliche Anzahl seiner früheren Freunde zurückerobert. Eine Schrift von Mut und Geist, sprachlich gefeilt, eben das „Tagebuch". Es ist das einzige hiesige deutsche Emigrationsblatt, das nicht in das allgemeine papierene Gezeter mit einstimmt, sondern wirklich klar und haarscharf zu argumentieren verstellt. Daneben gibt es die Emigrationszeitungen aus Prag wie „Neue Weltbühne" und „A. I. Z." und schließlich die in Saarbrücken erscheinende sozialdemokratische Tageszeitung „Deutsche Freiheit", die hier besonders viel gelesen wird. Durch die Uebertragung der politischen Nebengeräusche in das Gastland ergaben sich gelegentlich einige Dissonanzen in den Beziehungen zu den ansonsten sehr gastfreundlichen Franzosen. Man hört oft die Ansicht von französischer Seite: wir wollen euch gern helfen und jede Möglichkeit zur Existenz geben, aber von eurer Politik wünschen wir verschont zu bleiben. Im übrigen sind die Beziehungen durchaus als gut zu bezeichnen. Ein besonderes und großes Verdienst hat sich der dem Comite angegliederte „Service Sociale" erworben, der sich ausschließlich aus Damen der französischen Gesellschaft zusammensetzt und vielen Flüchtlingen nicht nur durch tatkräftige Unterstützung hilft, sondern auch den sehr wichtigen persönlichen Kontakt zu ihnen in freundschaftlicher Weise aufrechterhält und solcherart ihr Los bedeutend erleichtert. Es ist in der Tat ein praktischer „Dienst am Emigranten", der dadurch vollbracht und als solcher anerkannt wird. _ (Fortsetzung folgt.) „FAMILIEN SCHUTZ" Gemeinnützige Vereinigung für Familienfürsorge Wien II.. Asparnbriickenqasse 2_Tel. R 43-500 Dmch Monatsbeiträge von S 1 bis 10 kann man bei uns sicherstellen: Studienbeiträge für Töchter und Söhne Ausstattungsbeiträge für Töchter Vorsorge für das Alter und für die Hinterbliebenen Unsere Vorteile: 1. Geringe Beiträge. 2. Hohe Versicherungssummen. 3. Keine Wartezeit, daher sofortige Wirksamkeit. 4. Volle Garantie der Lebensversicherungsgesellschaft „Phönix". 5. Keine Nebengebühren. 6. Keine ärztliche Untersuchung. 7. Unverfallbarkeit nach zweijähriger Beitragszahlung. 8. Keine Aufnahmegebühr. Der „FAMILIENSCHUTZ" wird von der Wiener Ktilttugemetnde befürwortet Wahrer nationaler Geist. Nach einer der üblichen Hetzreden von Gheorghe C u z a, dem Sohne des Begründers der rumänischen antisemitischen Bewegung Prof. Cuza, ergriff der Innenminister I. Inculetz das Wort, um Cuza zunächst zu belehren, daß gerade die Antisemiten nicht das Recht haben, den Nationalismus in Monopol zu nehmen. Dann fuhr der Minister fort: Alle nationalen Institutionen in Rumänien sind von den Liberalen geschaffen worden. Die liberale Partei hat die Unabhängigkeit Rumäniens erkämpft und später die Vereinigung aller Rumänen vollzogen. Aber wenn w i r a u c h national sind, — Judenfeinde sind wir nicht. Die Cuzisten wollen die Juden zurückdrängen, ja vernichten. Wir lehnen jedwede Vernichtungstendenz ab. Wir kennen nur gleichberechtigte rumänische Bürger. Wir wünschen, daß sich die Rumänen auf allen Gebieten voll entfalten, die Cuzisten aber lenken durch ihre Haßpropaganda die Energien der Jugend auf ein steriles Ziel hin. Sie lenken die Jugend von der Pflicht ab, zu lernen und einem höheren Kuiturziel zuzustreben. Wir wissen den nationalen Geist zu wahren, ohne die Minderheiten in dem harmonischen Rhythmus ihrer Entwicklung beeinträchtigen zu wollen. Nachdem bereits eine Anzahl siid- und mitteldeutscher Piovinzen mit der Ausbürgerung von .i n cen. d.e liücn dem 9. ■voveinber li/iS die Staatsbürgerschaft in Deutschland erwarben, begonnen haben und dabei mit äußerster Schonungslosigkeit vorgehen und Personen, die Jahrzehnte ift Deutschland wohnen, ja sogar in Deutschland geboren sind und h:er für diu üerfentlichkeit wichtige Arbeitsstellen bekleiden, ausbürgern, hat nun auch die preußische Regierung mit der Ausbürgerung von Juden begonnen. Der „Keichs- und Staatsanzeiger" veröffentlicht soeben eine Liste von 35 jüdischen Familien in Preußen, deren iiühere Einbürgerung vom Polizeipräsidium Berlin widerrufen wird. Es befindet sich auf der Liete eine Frau Blasbalg, die 1887 in Berlin geboren ist und seither ununterbrochen in Deutschland wohnt, ferner viele angesehene Mitglieder de ■ Berliner Jüdischen Gemeinde, deren Einbügerung viele Jahre zurückreicht, unter anderen eine Anzahl bekannter- Redakteure, der auch außerhalb Deutschlands bekannte Komponist Mischa Spolianski, der Theatenleiter Karl Meinhard, der sich um das deutsche Theaterwesen hoch verdient gemacht hat, und viele andere. In einer Rede über das Thema „Der Arzt am Scheidewege" erklärte der Ministerialrat Dn. Conti in einer Berliner nationalsozialistischen Aerzteversammlung: „In früheren Zeiten hat der Arzt seine Pflege jedem;i:igedeihen lassen, ob er Deutscher, Jude. Chinese oder Neger gewesen ist. Die rassischen Grundsätze sind beinahe ganz unter den Tisch gefallen, was sich bitter ge Pacht hat." In Stavenhagen. der Vaterstadt des plattdeutschen Dichters Fritz Reuter, sind die einzigen zwei jüdischen Geschäftsleute dieser Stadt in Schutzhaft genommen worden, weil sie einen billigen Inventurverkauf veranstalteten und die Preisschilden mit den Farben schwarz-rot-gold ausstatteten. Der' „Friderieus" bemerkt dazu mit Schadenfreude: „Doch das Auge des Gesetzes wachte und — hast du mich nicht gesehen — saßen die beiden schwarz-iöt-goldenen Juden, um sie vor etwaigen Unliebenswürdigkeiten der empörten Bevölkerung zu schützen, in Schutzhaft."' Ein Züricher; Theater führt jetzt mit großem Erfolg Ferdinand Bruckners „D i e Rasse n" auf, das bekanntlich ein Stück deutscher Judentragödie darstellt. Der deutsche Generalkonsul ist nun an den Theaterdirektor mit den Forderung herangetreten, das Stück nicht zu „populären Preisen"' aufführen zu lassen, widrigenfalls die in dem Stück beschäftigten reiciisdeutsclKii Schauspieler, ohne die die weiteren Aufführungen vorderhand nicht möglich sein werden, in den Streik treten würden. Der Theaterdirektor hat der Forderung des Konsuls stattgegeben. Einige deutschsehweizerche Zeitungen kritisieicn scharf die Haltung des deutschen Generalkonsuls und kommentieren diese als eine ungebührliche Einmischung in inners c Ii w e i z e r i sc h e V enh ä 11 n i slse. Ehrt Eure großen Meister1. Ministerpräsident Mussolini hat die Ernennung einer Reihe jüdischer Gelehrter zu Mitgliedern des NationaJen Rats der Wissenschaft (Consiglio nazionale deüe Rieerehe), dem die bedeutendsten Vertreter aller Zweige der Wissenschaft angehören, bestätigt. Von jüdischen Gelehrten wurden in den Nationalen Rat für Biologie Prof. Marco A l m a g i a vcm Pathologischen Institut in Rom, in den Rat für Chemie Proi. Giorgio L e v i von der Universität Mailand, in den Rat für lndustrieiragen Professor Dr. Camillo L e v i-Mailand und i i den Rat für Medizin der berühmte Leiter der chirurgischen Klinik an der Universität Palenno Proi. Maurizio Ascoli gewählt. * Der junge italienisch-jüdische Romanschriftsteller Arturo Segre erhielt den diesjährigen Literaturpreis des berühmten Verlags Mondador» für seinen Roman „Das Haus des Abram Lewi s'\ in dessen Mittelpunkt eine ägyptisch-jüdische Familie steht. Ct In Anwesenheit des italienischen Königs und einer Reihe von Kardinälen fand in Rom die Eröffnung der Internationalen Ausstellung für religiöse Kunst statt. In der Ausstellung sind auch drei bekannte italienisch-jüdische Künstler mit einer Anzahl von Werken vertreten, die von der italienischen Kuntkritik besonders hervorgehoben werden. Es sind dies der Maler Aldo C a r p i, dem ein besonderer Ausstellungssaal zur Verfügung gestellt wurde, und die Bildhauer Me nasse und Arrigo Minerbi. Die bildhaucrischen Kolossalkompositionen des letztgenannten, denen Motive aus der Religionsgeschichte zugrundeliegen. haben den Ruhm des Künstlers begründe*. Arrigo Minerbi nimmt am jüdischen Leben Italiens aktiven Anteil. Auch unter den Expositionen anderer Staaten sind jüdische Künstler von Rang vertreten. Polnische Staatsmänner iür vertriebene jüdische Gelehrte. Der Präsident des polnischen Senats Julius S z i> m a n s k y, der frühere Außenminister Graf Z aleski und andere polnische Politiker und Staatsmänner sind dem Komitee für Hilfe an die vertriebenen deutschen Intellektuellen, die hauptsächlich Juden sind, beigetreten. Das Komitee, das soeben von der Regierung lMc Legalisation erhalten hat. hat sich u. a. die Unterbringung einer Anzahl vertriebener Gelehrter an polnischen Universitäten und Hochschulen zum Ziele gesetzt.