Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 8 (23.2.1934)
- Date
- 1934-02-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT a Dienstag, den 20. Februar 1934, vormittags, erschien die Gattin des Bundespräsidenten, Frau Leopoldine Mihlas, in Begleitung der Frau Dr. Alma Motzko in der Kultusgemeinde, um in eingebender Aussprache mit den Herren Oberrabbiner Dr. Feuchtwang und Präsident Dr. Desider Friedmann die Richtlinien für ein Hilfswerk der Frauen Oesterreichs zu besprechen, das unter Mitwirkung von Vertretern aller anerkannten Religionsgesellschaiten die persönliche Fürsorge von Mensch zu Mensch zum Ziele hat. Durch diese Aktion sollen Brücken der Verständigung und Versöhnung über die Verschiedenheit der weltanschaulichen Einstellung durch Werke der Nächstenliebe geschlagen werden. Sowohl Oberrabbiner Dr. Feuchtwang als auch Präsident Dr. Friedmann erklärten, nach besten Kräften an diesem schönen Werke mitarbeiten zu wollen. lieber Ersuchen der Frau Bundespräsidentin. eine in der jüdischeu sozialen Fürsorge bewährte Frau in die Leitung der Aktion zu entsenden, wurde Frau Sophie Löwenherz, Mitglied des Exekutivkomitees der Zentralkommission für soziale Fürsorge der israelitischen Kultusgemeinde Wien, nominiert. Noch am selben Nachmittage fand unter dem Vorsitze der Frau Bundespräsidentin eine Sitzung statt, welcher auch Frau Sophie Löwenherz beiwohnte, und in der der nachstehende Aufruf beschlossen wurde: An die Frauen Österreichs! Gedrängt von der Not des ganzen Volkes, rufen die Unterzeichneten die österreichische Frauenschaft ohne Unterschied der weltanschaulichen Einstellung zu einem Hilfswerk aui, das die Kluft zwischen Mensch und Mensch in unserem Vaterland überbrücken soll. Männer haben für uns zur Verteidigung unserer geliebten Heimal, zur Rettung ihrer Freiheit und ihres Bestandes geblutet. Frauen müssen die Wunden heilen, die der Kampf geschlagen, müssen auch das Siechtum lindern, das unsere Volkskräfte zu verzehren droht. Wirksame Hilfe gegen das grausamste Uebel, gegen das Elend der Verlassenheit, kann nur in der persönlichen Fürsorgeleitung, in der Hilfe von Mensch zu Mensch, liegen. Die Frau ist vor allem berufen, ihrer bedrängten und im Elend verlassenen Schwester ttilie zu bringen. Nur die aus persönlicher Anteilnahme kommende Hilfe kann die in Not Versunkenen wieder mit Lebensmut ausstatten, der sie zum Kampfe für ihr Dasein befähigt, kann sie an der Hand der warmherzigen Helferin wieder eingliedern in die lebendige Volksgemeinschaft Persönliche Fürsorge, die viel höher zu werten ist als die unpersönliche Geldspende, ist der soziale Notruf von heute. Auch dort, wo das materielle Opfer nur klein sein kann, wird die ständige, helfende Anteilnahme der Frau für die Frau über soziale Zerrissenheit Brücken der Verständigungund Versöhnungbauen. Der Arme hat heute an die Volksgemeinschaft doppelte Rechte, der wirtschaftlich Gesicherte h2t als Glied dieser Volksgemeinschaft doppelte Pflichten. Hilfe, die die Bande von Mensch zu Mensch wieder knüpfen soll, muß vor allem von echt mütterlichem Sinn getragen sein, muß vonderFrauausgeben. Darumschließe sich keine Frau aus vom Werk der persönlichen Fürsorge: vom Oesterreichischen Frauen-Notdienst! Frau Leopoldine Miklas, Vorsitzende. Dr. Theodor Innitzer, Kardinal-Erzbischot von Wien. Sektionschef Dr. Viktor Capesius, Präsident des evangelischen Oberkirchenrates. Oberrabbiner Dr. Dayid Feucht wang. Josefine Capesius, für die evangelischen Frauen. ~ Helene Granit sc h, für die österreichische Frauenpartei. Marie Hoheisel, für den Bund österreichischer Frauenvereine. Sophie Löwenherz, für die soziale Fürsorge der Israel. Kultusgemeinde. Dr. Alma Motzko, für die katholische Frauenorganisation für die Erzdiözese Wien. Amerika bleibt fest. Der Bürgermeister von New York La Gua r d i a erklärte kürzlich auf einem Dinner, man müsse den antideutschen Wirtschaftsboykott strengstens durchführen, um das barbarische Nazi-Regime in Deutschland an einer seiner verwundbarsten Stellen zu treffen. Wir wollen durch immer sich wiederholenden Protest und durch ein Sj'stem des Boykotts deutscher Waren dem deutschen Volk vor Augen führen, daß es, solange es das Hitler-Regime duldet, Freundschaft von der Welt nicht erwarten kann. Bürgermeister La Guardia erklärte weiter, unter den heutigen Bedingungen ist die Oeffnung der Tore Palästinas für jüdische Einwanderung strengstes Gebot der Notwendigkeit. Aber auch in allen anderen Ländern müsse sich jedermann der Aktion für Hilfe an die deutschen Flüchtlinge anschließen. Verwirrung der Begriffe. Dr. med. et phil. V. S u k, Professor der Anthropologie und Völkerkunde an der P r a g e r Masaryk-Universität, veröffentlicht soeben eine Schrift „RassenundVölke r", in der er zu dem Schluß kommt, daß es reine Rassen gar nicht gibt und nicht geben kann. In vergangenen Zeiten, schreibt der Gelehrte, hat man Menschen geplagt und Bücher verbrannt im Namen des wahren Glaubens; heute geschieht dasselbe im Namen der wahren Rasse. Es ist aber nur eine VerwirrungderBegriffe. Was ist Arier? Nur ein Wort! „Arisch" und „jüdisch" sind Worte. Man stelle nebeneinander eine Photographie eines nordafrikanischen, schwarzhaarigen, schwarzäugigen jüdischen Spenglers und eine Photographie eines rothaarigen, blauäugigen jüdischen Schmiedes aus Karpathorußland, dann ein paar Photographien einiger jüdischer, italienischer und französischer Senatoren — dunkel, viv und elegant — und noch einige Photographien jüdischer britischer Minister, Baronets und Lord Mayors — hell, steif und well dressed —. Man wird mir dann recht geben, „jüdisch" ist nur ein Wort, aliein sicher keine Rasse. Rassen sind Dackel, Bulldoggen, Windhunde, Bluthunde, Setter, Terrier, Bernhardiner, Neufundländer usw., die jedermann kennt, und wenn man eines Hundes Rasse nicht erkennen kann, wenn die Beine an einen Dackel, die Rute an einen Wolfshund und die Ohren an einen Windhund erinnern, dann spricht der lustige Wiener von „Promenadenmischung". Und so eine „Promenadenmischung" sind, mit Erlaubnis, wir Europäer alle; setzen wir-statt Promenade, des Ernstes halber, Völkerwanderung, dann sind wir Europäer eine Völkerwanderungsmischung von undenklichen Zeiten, — seit 10.000, 20.000, 30.000 Jahren? Wer will so vermessen sein, dies zu ermessen! Es gilt Kulturfortschritt, nicht Menschenzucht! „Arier" ist eine sprachliche Bezeichnung. Juden sind keine Rasse, sondern eine Menschengruppe, die durcli bestimmte Tradition und Religion verbunden ist, jedoch geographisch verstreut lebt. Naturwissenschaftlich, als lebende Wesen betrachtet, gehören sie zu der Rass,e der. Weiße n, genau so wie die Amerikaner, Deutsche, Engländer, Franzosen usw. Sie weisen manchmal gewisse charakteristische, körperliche Merkmale auf — sehr oft jedoch auch nicht. Vielfach sind die Unterschiede nur durch die Umgebung und örtliche Sitte gegeben. Man sieht das deutlich in den Ländern, in denen sie sich vollständig assimiliert haben, wie in Amerika, in England, in Frankreich und in Italien, wo sie in den gegebenen Gesellschaftsschichten nicht mehr zu unterscheiden sind. Die sogenannte Judennase, die sehr oft bei den Juden fehlt, haben die Juden nicht patentiert. Sie findet sich in guter Ausprägung auch bei den Menschenfressern in Neu-Guinea, mit denen die Juden keinerlei Verwandtschaft haben. Seit Jahren habe ich Versuche mit Blut von Juden, „Nordikern", „Alpinern", „Baltikern", Eskimos, Kalmüken und Zigeunern angestellt (im ganzen 3000 Präzipitationen) und ich habe gefunden, daß die Juden, Zigeuner, „Nordiker" usw. keine deutlichen Unterschiede gegeneinander aufweisen, dagegen waren ganz ausgesprochen die Unterschiede zwischen Eskimo- und Europäerblut, und deutliche Verwandtschaftsreaktionen ergaben die Vergleiche mit Kalmüken- und Eskimo-Blut, was ja auch den allgemein anerkannten körperlichen Merkmalen — Mongolen-Merkmalen — entspricht. In Europa, das seit 10.000 Jahren von „Mischlingen" bewohnt wird, ist die Kultur ein Produkt vieler gemeinsam wirkender Elemente. Lettland beschämt Deutschland. Der Ie111 ändische Sejm hat mit überwältigender Mehrheit einen antisemitischen Antrag, für jüdische Angestellte den N umerus clausus einzuführen, abgelehnt. In der Debatte bemerkte der jüdische Deputiere Rabbiner D u b i n, es würde den Juden gar nicht so schlimm ergehen, wenn sie in allen Berufskategorien, auch in der Beamtenschaft, entsprechend ihrer Zahl vertreten sein würden. Für Hochzeiten u. Vereine schöner Saal oder Klubräume mit Klavierbenützung zu vergeben. Restaurant Herlinger II-, Taborsfraße IS Gute Küche, billige Preise, große Auswahl in Mittag- und AbendmenOs Erlebnisse in Deutschland. Joseph C. 11 y m a n, Sekretär des Jewish Joint Distribution Committee of America, erstattete nach seiner Rückkehr aus Deutschland der Exekutive des J. D. C. einen Bericht über seine Erlebnisse in diesem Lande; er füiirte u. a. aus: Die anfangs April 1933 eingesetzte überstürzte Flucht aus Deutschland, die innerhalb weniger Monate die Abwanderung von 65.000 Juden über die Grenze zur Folge hatte, hat jetzt nachgelassen; dies nur darum, weil sich die Juden darüber klar geworden sind, daß die Möglichkeiten der Einwanderung in andere Länder äußerst beschränkt sind. Nur eine kleine Zahl der Auswanderer konnte in anderen Ländern eine Existenzbasis finden. Ungeachtet dessen .ist der Wunsch, Deutschland zu verlassen, unter den deutschen Juden, besonders unter der Jugend, groß, nur ist man sich darüber klar geworden, daß eine Auswanderung und die Seßhaftmachung außerhalb Deutschlands methodisch vorbereitet werden müsse. Daneben herrscht auch das Bestreben vor, sich für den wirtschaftlichen Existenzkampf in Deutschland selbst, wo viele werden bleiben müssen, besser auszurüsten. Hyman besuchte verschiedene Städte in Deutschland, wo er mit den Führern der jüdischen Wohlfahrts- und Auswanderungsgesellschaften Beratungen abhielt. Folgende Tatsachen sind im Auge zu behalten: Etwa 69.000 jüdische junge Leute zwischen 14 und 24 Jahren haben das Bestreben, sich in manuellen Berufen und in Handarbeit auszubilden, um sicli in Deutschland oder außerhalb Deutschlands eine Existenz schaffen zu können. Tausende jüdische Kinder, für die der Besuch staatlicher Schulen ein Martyrium bedeutet, werden in speziellen jüdischen Schulen unterrichtet werden müssen. Tausende Männer und Frauen, die aus ihren bisherigen Berufen hinausgestoßen wurden, werden sich beruflich umschichten müssen, um in Deutschland notdürftig existieren zu können. Das Problem der Wirtschaftshilfe an Kaufleute, Gewerbetreibende und Handwerker durch genossenschaftliche Kreditinstitute und freie Darlehenskomitees ist dringend. Seine größte Anstrengung aber macht der Reichsausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau in der B e r u f s u m s c h i c htungderErwachsenen und der beruflichen Ausbildung der Jugend. Frühere Beamte, Kaufleute, Angehörige der intellektuellen Berufe werden als Landwirte, Metallarbeiter, Bauarbeiter, Kunsttischler, Mechaniker usw. ausgebildet. Der Reichsausschuß will die Hälfte seines Budgets für das erste Halbjahr 1934 der Arbeit für die Berufsumschichtung zuwenden. Mit z u s~a mmengebissenen Zähnen gehen die Führer der deutschen Juden ans Werk, um die Jugend in allen nur möglichen Zweigen beruflich auszubilden, obwohl sie gerade hier auf große Schwierigkeiten stoßen. Eine Mystifikation. In Nr. 2 unseres heurigen Jahrganges war im Leitartikel auch eine Anspielung auf ein Gedicht enthalten, das in der Silvesternummer des „Neuen Wiener Tagblattes" angeblich aus der Feder von Rudolf Hans Bartsch veröffentlicht wurde und dessen Anfangsbuchstaben-von oben nach unten gelesen, ein Bekenntnis zu Hitler enthielten. Inzwischen hat bekanntlich dieser österreichische Dichter festgestellt, daß das Gedicht nicht von ihm geschrieben wurde und offensichtlich als Fä I s c h u n g an das „Neue Wiener Tagblatt" gelangt sein muß. Diese Feststellung ist infolge eines Versehens,, das wir aüls lebhafteste bedauern, in unserem Blatte bisher nicht publiziert wroden; wir holen dies hiemit nach, da es uns ferne liegt, einen Dichter, der selbst davon nichts wissen will, der öffentlichen politischen Propagandamache zu zeigen. „Die Wahrheit*1