Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 8 (23.2.1934)
- Date
- 1934-02-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DI£ WAHRHEIT Seite 3 Vortrefflich m m Vortpefflich-JHazzoth. dm mm. die intensiv der jüdischen Beamten, und mag die Anzahl derselben noch so gering geworden sein, sich annimmt, damit sie sich behaupten könnten. Die dritte Stimme ist die des Juden im freien intellektuellen Berufe. Die jüdischen Aerzte bei den Krankenkassen und in den Spitälern suchen nach irgend einem Stützpunkt für ihren Rechtsanspruch auf die Stellen, in welchen sie nicht selten ihre Nervenkraft, das Mark ihrer Knochen verbraucht haben durch Jahre und Jahrzehnte. Auch sie sehnen sich nach Errichtung und Gründung einer in der Einheit erstarkenden Vertretung des österreichischen Judentums. In diese Kategorie der Schutzsuchenden gehören sicherlich auch die jüdischen Rechtsanwälte, die sonst gerne auch von Christen aufgesucht worden waren, die aber in der jetzigen Situation bemerken, daß mancher Klient wegbleibt, um nicht „zum Juden zu gehen". Zu dieser Kategorie zählen auch die jüdischen Handelsvertreter. Früher waren sie nicht selten selbständige Kaufleute. Unternehmungen und Geschäfte sind zusammengebrochen und sie suchten als Reisende in der Provinz oft unter ungünstigen Bedingungen Brot für Frau und Kinder zu erwerben. Nun stoßen sie auf Vorurteile, die sie allein nicht bannen, auf Widerstand, den sie allein nicht bezwingen können, auf Abweisung oder Stornierung von Bestellungen, durch die ihre Bemühungen fustriert und sie selbst brotlos gemacht werden. Eine durchgreifende Aufklärungsbewegung, eine Einflußnahme auf die öffentliche Meinung könnte hier Wandel schaffen und das durchsickernde Gift des Hasses irgendwie paralysieren. Hiezu aber, so empfindet der einzelne Jude, bedürfte es einer k r äf t i g e n Z e n t r al i s i e r un g über alle Partei u ngen hinweg. Aber nicht bloß die Not unserer Zeit fordert den Zusammenschluß aller, auch aus der Vergangenheit tönt diese Lehre und zumal aus dem bald zur Verlesung gelangenden Buche des Purimfestes, der Rolle Esther, rüttelt uns die Aufforderung auf: ,.G e h\ sammle alle J uden!" Sensationshascherei. die durch den Magen geht, in der verlorengegangenen Fortsetzung des Romans vertieft und veredelt, bis sie stark genug ist, den Abtrünnigen wieder zur angestammten Gemeinschaft zurückzuführen. Indes auch so, wie sie sich im Fragment darstellt, kann die humorvoll geschilderte Schwäche für die koschere Küche gerade dem am Ritual hängenden jüdischen Leser vielleicht ein Lächeln entlocken, aber kaum eine Ablehnung. Um so tragischer wirkt das andere Symbol: die verleumderische Blutbeschuldigung gegen die Juden. Denn hier finden wir den Schlüssel zu dem Rätsel der inneren Widerstandskraft des Judentums. Was ist es, was den Rabbi von Bacharach seine Rettung lieber in der Flucht als in der Taufe suchen läßt? Was war es, das all die unglücklichen Opfer mittelalterlicher Glaubensverfolgung nicht nur in der Dichtung, sondern auch in der Wirklichkeit eher dem grausamsten Tod als dem rettenden Schoß der Kirche zutrieb? Was anders, als die Tiefe und Unerschütterlichkeit der sittlichen Erziehung, die das Judentum seinen Söhnen angedeihen läßt! Die Judenmission, die bei der Wahl ihrer Mittel so wenig moralische Skrupel verrät, kann den vom mosaischen Sittengesetz erzogenen luden nicht verführen. Das ethische Training unzähliger Generationen gläubiger Vorfahren hat ihn dagegen gefeit. Die Sucht nach sittlicher Verankerung im Glauben wirkt so übermächtig im jüdischen Gemüt, daß sie die Charakterstarken auf dem Boden des Judentums festhält wie den Rabbi von Bacharach und die minder Gefestigten innerlich immer wieder zurückführt wie den Dichter des »Rabbi von Bacharach". Daß die Rückkehr auch äußerlich erfolgt, ist ein mehr taktisches Problem, dessen Lösung durch die politische Entwicklung der letzten Tage, die die vom Glauben Losgesagten des organisatorischen Rückhalts beraubt hat, wesentlich erleichtert wird. Dr. Hugo S p i e g 1 e r. Die Ereignisse der vorigen Woche sind traurig genug und hätten, um entsetzlich zu wirken, nicht erst jener Uebertreibungen bedurft, die in den ausländischen, hauptsächlich reichsdeutschen Blättern vorgenommen wurden. Wenn in den Greuelberichten, die die gleichgeschaltete Nazipresse über diese Ereignisse veröffentlichte, Uebertreibungen von grandiosem Format vorkamen, so lag die Absicht so klar zutage, daß sie nicht einmal mehr verstimmend wirken konnte. Wenn aber auch ein jüdisches Korrespondenzbüro sich Uebertreibungen zuschulden kommen ließ, die einfach nicht mehr überboten werden können, so ist es Aufgabe einer ihrer großen Verantwortung bewußten jüdischen Publizistik, in aller Offenheit gegen diese Art Berichterstattung Stellung zu nehmen und sie niedriger zu hängen. Wir meinen die „Jüdische T e 1 e g r aphen-Agentu r", die seit einiger Zeit die außerdeutsche jüdische Presse von Prag aus mit Berichten aus der ganzen jüdischen Welt versorgt und bisher — so scheint es wenigstens — recht zuverläßlich gearbeitet hat. Was aber sich die „JTA" schon vor Beginn der vorwöchigen Ereignisse und insbesondere während derselben an Berichten aus Oesterreich geleistet hat, das spottet jeder Beschreibung. Wir wollen aus dem reichen Material, das uns in dieser Hinsicht vorliegt, nur die allerkrassesten Details anführen, die die Unsinnigkeit der ganzen Berichte erhärten. Am 11. und 12. Februar wußte die „JTA" in zwei großen Berichten von einer „Tragödie der österreichischen Jude n h e i t" zu berichten, die zwischen zwei faschistischen Feuern steht, so sehr boykottiert und am Leben bedroht wird, daß viele jüdische Familien in der Provinz und auch in Wien seit Wochen ihre Koffer gepackt haben, um im Moment der Gefahr ihr Leben in Sicherheit bringen zu können. Der auch in der amtlichen „Wiener Zeitung" erschienene Waschzettel des Reinhold-Verlages, über dessen ungeschickte ursprüngliche Abfassung wir in unserer letzten Nummer ausführlich sprachen, wird ohne Rücksicht auf den jedermann klaren Sachverhalt von den Berichterstattern der „JTA" in einer verdammenswert gewaltsamen Verdrehung dazu mißbraucht, zu sagen, daß die „Wiener Zeitung" selbst eine von der Regierung vorbereitete grundlegende Aenderung der jüdischen Rechte ankündige. In all seinen Berichten tut der Herr Berichterstatter so, als ob er bei seinen Informationen sich auf Erklärungen maßgebender Wiener jüdischer Führer stützen könnte, die in Wirklichkeit ihm niemals gegeben wurden. (Das hätte auch „D i e S t i m m e" leicht erfahren können, die in ihrer vorletzten Nummer eine von der „JTA" verbreitete, angeblich von den „Führern der Wiener israelitischen Kultusgemeinde" abgegebene Erklärung in eine Aeußerung ihres eigenen Parteigenossen Präsidenten Dr. Friedmann umdichtet, die von ihr in Fettdruck wiedergegeben wurde und in ihrer letzten Ausgabe berichtigt werden mußte.) Waren all das schon erbärmliche Phantastereien, so übersteigen die „JTA"-Meldungen aus den vorwöchigen Schreckenstagen jedes denkbare Maß. Das Fluchtmärchen wird mit Details wiederholt-, die so unsinnig sind, daß wir über sie kein Wort verlieren wollen. Die Absperrung an den in die Leopoldstadt führenden Brücken sind, wenn man diese Berichte liest, nur deshalb geschehen, um die Juden zu schützen. „Jüdische Personen", wird dort wörtlich gesagt, „die sich mit einer Mitgliedskarte der in der großen politischen Auseinandersetzung neutral gebliebenen jüdischen Organisationen ausweisen, können die militärisch besetzten Brücken passieren." In großer Aufmachung wird gemeldet, daß die meisten jüdischen Geschäfte geschlossen waren, die geschlossenen christlichen Geschäfte hat der Herr Berichterstatter anscheinend nicht gesehen, der auch nicht weiß, daß es in Wien nur ein jüdisches Spital gibt, denn sonst hätte er nicht schreiben können, daß „die jüdischen Krankenhäuser" von Verletzten überfüllt sind. (Nicht ein einziger Verletzter »rar dort.) Die Verhaftung jüdischer Führer der Sozialdemokratie und jüdischer Rechtsanwälte, die dieser Partei angehörten oder ihr nahestanden, wird ebenfalls als eine Besonderheit vermerkt, obwohl darin keine Besonderheit zu erblicken ist. Es werden schließlich im Zusammenhang mit der Generalreinigung der Aemter und Betriebe von sozialistisch gesinnten Elementen abwegigen Befürchtungen Ausdruck gegeben. Genug der Uebertreibungen, deren Unsinnigkeit jeder Leser sofort feststellen kann. Wir fragen nun: Wie kann ein verantwortungsbewußtes jüdisches Korrespondenz-Büro derartiges in die Welt hinausposaunen, ohne sich selbst darüber im klaren zu sein, daß es mit solchen Tatarennachrichten der jüdischen Sache ungeheuer schadet? Wir sind bereits darüber informiert, daß manche ausländischen Zeitungen, insbesondere auch in England und Amerika, vertrauend auf die bisherige Verläßlichkeit der „JTA", diesen Meldungen Raum gegeben und dadurch die ausländische Judenschaft in unnötige Furcht versetzt haben, dem Ansehen Oesterreichs und deren Regierung aber leicht schweren Schaden hätten zufügen können. Es war deshalb nur selbstverständlich, daß der Zentralvorstand der „Union österreichischer Juden" behufs Uebermittlung an die englische Presse folgendes Telegramm nach London gerichtet hat: „Die Union österreichischer Juden" protestiert aufs energischeste gegen die von sensationslüsterner gewissenloser Seite ins Ausland verbreiteten Lügenmeldungen über eine angebliche Bedrohung oder Verfolgung der Judenschaft Oesterreichs. Es lag auch nicht der allergeringste An/aß zu einer derartigen schändlichen Berichterstattung vor." Wir bedauern es sicherlich, daß der ständige Wiener Vertreter der „JTA", Herr M. A. Tennenblatt, im Zusammenhang mit den Nachrichten seiner Korrespondenz Unannehmlichkeiten ausgesetzt war, die ihn gezwungen haben, der von behördlicher Seite an ihn ergangenen Aufforderung, binnen kürzester Frist Oesterreich zu verlassen, Folge zu leisten. Wir wissen, daß er bereits vor einiger Zeit die Wiener „JTA"-Berichterstattung niedergelegt hat und für die weiteren Berichte der „JTA" aus Oesterreich die Verantwortung ablehnte. Die „JTA" hatte daraufhin einen Journalisten amerikanischer Staatsbürgerschaft namens B. Smolar nach Wien gesandt, auf dessen Schuldkonto die Sensationsmeldungen, die vielleicht amerikanischem Geschmack entsprechen mögen, zu buchen sein sollen. Wir können nicht, wie die „JTA" es in ihrer letzten, immerhin schon gemäßigten Aussendung tut, von diesem Herrn behaupten, daß er „nach bestem Wissen und Gewissen" über die Vorgänge in Oesterreich berichtete. Der kleinste Mann aus der jüdischen Gasse hätte der „JTA", die hoffentlich durch Schaden klug geworden ist, zuverlässigere Nachrichten aus Oesterreich zukommen lassen können, als dieser große amerikanische Journalist, o. h. „Die Methoden sind gleich geblieben". Die Basler „Nationalzeitung" weist in einem Leitartikel auf „Zusammenhänge" zwischen dem Ungeheuer von Loch Ness und dem Pamphlet ..Die Protokolle der Weisen von Zion" hin. Obwohl jede wissenschaftliche Erfahrung gegen die Existenz eines prähistorischen Ungetüms im Loch Ness spricht, haben trotzdem Millionen von Menschen an das Vorhandensein eines solchen Ungeheuers geglaubt. Dieser Vorfall sei ein Symbol für ein „Wahnhalten" von Unbewiesenem. In die Reihe solcher Vorfälle gehöre die Legende der „Weisen von Zion", wenngleich den Glaube an dieses Ungeheuer weit weniger harmlos sei. Das Blatt legt dann in lageren Darstellungen die Entstehungsgeschichte der „Protokolle" dar und weist darauf hin, daß, obwohl die ,. Protokolle" als Fälschung längst entlarvt und die Geschichte dieser Fälschung bis in alle Einzelheiten bewiesen ist. der moderne Antisemitismus diesen Fälschungen immer noch seine gefährlichsten Watten entnehmen kann und immer wieder gläubige Scharen iindet Die Methoden des Kampfes gegen die Juden, bemerkt das Blatt abschließend, sind seit dem Mittelalter ähnliche geblieben. Unzählige Male sind die Juden verfolgt worden, aber eine unsichtbare mächtige Hand scheint über ihnen schützend zu ruhen. Ist es nicht die Hand Gottes selbst dessen Verheißungen die Juden mit einer Kraft erfüllen, die größen ist als die Stärke ihrer Verfolger und deren Unwahrheiten?