Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 8 (23.2.1934)
- Date
- 1934-02-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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San* Wien begeistert zsl fdkmidl Jftazzoth £tn VersiMft tmixd 9ie fiAemeugen? Erzeugt aus feinstem Mehl unter streng orthodoxer Aufsidtt Sr. Ehrwürden Herrn Oberrabbiner Babad Jlathsm <&vodetz&y Zentrafc: Wim, 2. düesirft, £eopo£dsgasse HS Telephone: A 46-1-U), A 48-4-48, A 60-2-63 Die StfkmiM-Jttaxxottk und das Fabrikat „Jf&mJSre SdkwmdfJI. <&." (Nlazzoth, Orieß und Farwet) sind außerdem erhältlich in allen besseren Geschäften. ..freundlichen" Brüder Konkurrenz zu machen suchen. Glaubt man noch immer, daß die Zeit für eine jüdisch-nationale Parteipolitik gekommen ist, und will man noch immer Juden einreden, daß durch eine solche Politik unter den gegenwärtigen Umständen und allgemeinen Strömungen eine Sicherung der jüdischen Rechte gewährleistet werden könnte? Uebrigens, wenn nicht gewisse Anzeichen trügen, beginnt diese unsere Erkenntnis langsam auch in erleuchteten jüdischnationalen Köpfen zu dämmern. Unser Bundeskanzler verlangt von uns Vaterlandstreue und gute Gesinnung gegenüber diesem Staate, dessen Bürger wir sind und mit dessen Wohl und Wehe wir aufs innigste verbunden bleiben. Wenn es eines Beweises bedurft hätte, daß die von uns seit Jahrzehnten vertretene, unserem innersten Wesen und Fühlen entsprechende vaterländisch-österreichische und religiöse Einstellung einzig und allein im Einklang mit den allgemeinen Zeitströmungen steht, daß auch für unsere Gemeinschaft das Wort: Gemeinnutz geht vor Eigennutz gilt und zu gelten hat, wenn je die Politik der „Union" gerechtfertigt erschien, heute spricht die Entwicklung in Oesterreich so eindeutig, daß nur eigenwillige Verblendung noch andere Wege zu gehen sucht. Die Judenschaft Oesterreichs muß, wie sie es schon immer getan, in diesen ernsten Tagen Vaterlandstreue und gute Gesinnung ohne jede Sonderpolitik bekunden, jede andere, auch noch so gut gemeinte Einstellung kann ihr nur zum Schaden gereichen. Oskar H i r s c h f e I d. 99 Höret auf den Ruf der Zeit! SS Eine Bitte im Namen vieler von Rabbiner Dr. AI. Rosenmann. Alle jüdischen Politiker und Taktiker, die sich in den verschiedenartigsten Lagern um den Bestand des Judentums mühen, ausnahmslos in Ehren! Und dennoch seien sie doch einmal höflichst ersucht, kurze Zeit einzuhalten, stille zu sein, damit es so den überaus schwachen Stimmen an exponierten Stellen ermöglicht werde, durch den Lautverstärker der Publizistik sich vernehmbar zu machen. Die Zahl der Stimmen, die um Anhörung werben, ist überaus groß. Hier seien bloß drei vorgeführt. 1. Die Stimme des Juden auf dem Lande; 2. die Stimme des Juden im Amtsbüro und 3. die Stimme des Juden im freien intellektuellen Berufe. Der Jude auf dem Lande hat bis vor kurzem ein nicht unangenehmes Leben geführt. Er vermißte wohl die jüdisch-kulturellen Vorzüge der Großstadt, nach welchen er sich möglicherweise sehnte, er stand aber dafür fern dem ungesunden politischen Treiben derselben. Nicht selten hatte sich schon der Großvater in dem Dorfe oder der kleinen Provinzstadt angesiedelt; der Vater galt bereits als eingebürgert und mit der christlichen Bevölkerung vertraut und verwachsen. Sohn und Enkel waren bemüht, das Ansehen der Familie aufrecht zu erhalten. Durch genaue Kenntnis der Verhältnisse des Ortes, durch Entgegenkommen und vor allem durch Gefälligkeiten, die er selbstlos dem einen oder anderen Nachbarn oder Bewohner erwies, hat es fast jeder Jude auf dem Lande verstanden, sich eine gewisse Beliebtheit zu verschaffen; und nicht selten hörte er das sonderbare Lob: „Wenn alle Juden so wären!" Manchem Juden auf dem Lande gelang es, in einzelne lokale Korporationen Eingang zu finden, so in die Leitung der Feuerwehr, in den Vorstand der Sparkassa, in die Vertretung der Gemeinde, und er erfreute sich des Verkehres mit den Honoratioren des Dorfes. Der Jude auf dem Lande verdankte diese angenehme Atmosphäre fast immer seinem ureigenen persönlichen Verhalten. Er hatte darum kein besonderes Verlangen nach dem Kontakt mit anderen jüdischen Korporationen, außer mit seiner eigenen Kultusgemeinde. Erst in der letzten Zeit spürt der Jude auf dem Lande gleichsam ein Beben unter dem Platz, auf dem er steht. Die Gesichter der Umgebung sind anders geworden. Die nationalsozialistische Hetze hat ein Gefühl der Unsicherheit in ihm wachgerufen und gewisse Vorgänge stellen ihn vor Fragen, d i e er selbst nicht beantworten kann, und eine bis dahin nicht vernommene Stimme wirkt sich immer stärker und stärker aus und fragt: Woher kommt Hilfe mir? Die Juden der Provinz, ungefähr 25.000 an der Zahl, sehnen sich nach einer Führung, mag sie welchen Namen immer tragen : Exekutivkomitee für die Juden Oesterreichs oder eine andere Bezeichnung; eine Führung, an die man Beschwerden leiten, von der man Informationen, Richtlinien, aber auch Interventionen erwarten kann, mit einem Worte das, was jede moderne Gemeinschaft hat: eine überparteiliche, autoritäre Leitung für alle Juden Oesterreichs ausnahmslos. Noch gedrückter sind Stimme und Stimmung des Juden im Amtsbüro. Es gab Zeiten, sie liegen bloß zwei Jahrzehnte hinter uns, da man in den jüdischen Blättern die Bestellung eines jüdischen Beamten für den Staats-, Landes- oder Kommunaldienst mit Jubel als Zeichen der Gleichberechtigung begrüßte, und nicht selten wurde der Wortlaut der Kaiserlichen Ernennung mit der Einleitung angeführt: „Seine Majestät haben geruht." Welches Martyrium hat der Jude im Amtsbüro in kritischer Zeit zu bestehen! Wie von Miasmen ist die Luft, die ihn umgibt, erfüllt mit antisemitischen Andeutungen, Anspielungen und Drohungen. Er steht auf seinem Posten und weiß nicht, wie lange noch. Seiner Veranlagung nach, sachlich zu dienen, ist der jüdische Beamte nicht politisch eingestellt, mußte es aber, mitgerissen von Vorgesetzten und Kollegen, werden. An wen sich jetzt wenden? Der jüdische Beamte hält Ausschau nach einer jüdischen Instanz, Peuitteton Proselyten- Tragik. Die katholische Kirche verzeichnet in Oesterreich in diesen Tagen eine Massenrückkehr von in früheren Jahren vom Glauben Abgefallenen. Auch dem Judentum wurden in der Zeit ungehemmter sozialistischer Propaganda ein betrüblich großer Teil seiner Söhne und Töchter entfremdet. Werden auch diese wieder zum angestammten Glauben zurückfinden? Die katholische Kirche hat ihren in Oesterreich schon traditionellen Einfluß auf das Staats- und Gesellschaftsleben in der letzten Zeit erheblich zu steigern vermocht. Das Judentum dagegen kann heute weniger als je mit einflußreicher Macht im Staate prunken, es vermag mit der Lockung äußeren Glanzes niemanden zurückzurufen. Seine einzige Hoffnung beruht auf seiner inneren Wirkung aufs Gemüt der aus seinem Gehege Geflohenen. Wie steht es um diese Wirkung? Ist sie vorhanden und erreicht sie ein solches Ausmaß, daß sie wirklich als Attraktion den Mangel des Judentums an äußeren Lockmitteln zu paralysieren vermag? Eine bezeichnende Antwort auf diese Frage gibt die innere Entwicklung Heinrich Heines, dessen Todestag sich in diesem Monat jährt und zu pietätvoller Rückschau au? das Leben dieses Großen hinleitet, der sein „Entreebillett in die europäische Zivilisation" mit dem höchsten Preise bezahlen zu müssen geglaubt hat, den ein Jude entrichten kann: mit dem Uebertritt zum Christentum. Man kennt seine Selbsteinschätzung: „Ich bin ein deutscher Dichter, bekannt im deutschen Land; nennt man die besten Namen, wird auch der meine genannt." Der erste Teil dieses selbstbewußten Ausspruchs ist inzwischen stark umstritten worden; für die Richtigkeit des zweiten Teils gibt es aber keine bessere Bestätigung als die schwarzen Listen seiner gehässigsten Verneiner: Auf dem nationalsozialistischen Proskriptionsindex befindet sich der Name Heinrich Heines tatsächlich in der besten Gesellschaft. Dort prangt ja alles, was jemals in deutschen Landen schöpferisch nach geistiger und kultureller Geltung rang, fein „wissenschaftlich" etikettiert als „verjudef. Dieses Schicksal entbehrt bei einem Proselyten, der „die ungesunde, altägyptische Plage" seines Väterglaubens gewaltsam abgeschüttelt hat, nicht der größten tragischen Ironie. Doch nicht von solcher Tragik, die bloß zur Schadenfreude Anlaß böte, soll hier die Rede sein, sondern von jener tieferen, die den eigentlichen Inhalt dieses erschütternden Dichterlebens ausmacht. Was bedeutet die von kleinlicher Bosheit Ungeistiger vollzogene Rückabwälzung eines unbequemen Satirikers auf das Judentum gegenüber dem gewaltigen Ringen in der Seele, ja im Unterbewußtsein Heines, das mit einem gewaltigen Siege des Judentums über alle anderen geistigen Strömungen endet, die dieser reiche Intellekt unablässig in sich aufgenommen hatte! Spät genug erkennt dieses Dichtergemüt, was seinen eigentlichen Reichtum ausmacht. Wie Iphigenie steht Heine auf fremder Küste, das Land seiner Seele mit der Seele suchend. Aber im Gegensatz zu Iphigenie weiß er nicht, daß dieses Land naturgemäß das verlassene der Väter ist. Er spürt das Weh der Sehnsucht, aber er kennt nicht ihr Ziel. Er weiß wirklich nicht, was es bedeuten soll, daß er so traurig ist, und nur intuitiv errät er: „Ein Märchen aus uralten Zeiten, das kommt mir nicht aus dem Sinn." Bei der Deutung dieses Märchens geht er in die Irre. Es ist nicht das von der Loreley. Denn dieses ist damals nicht älter als zwanzig Jahre — um so viel früher hatte Klemens Brentano die Loreley, seine Erfindung, besungen. Doch ist die Brentano-Ballade von dem Heine- Liede aus dem Gedächtnis des Volkes verdrängt worden. In Heines Seele drängt aber wirklich uraltes Märchengut nach dichterischer Gestaltung: „Das dunkle Weh, das sich vererbt vom Vater auf den Sohn." Dieser Vers steht in einem Gedichte, in dem Heine von den drei „Gebresten" Armut, Körperschmerz und Judentum das letzte als das schlimmste wertet. Damals war sein Körper gesund und seine Seele vom Weltschmerz angekränkelt. Später, als sein gelähmter Leib zur Regungslosigkeit in der „Matratzengruft" verurteilt war, erhob sich seine genesene Seele auf den Schwingen seiner „Hebräischen Melodien" empor zu den Sternen ... Es ist hier nicht der Raum, dieses grandiose; Heimfinden eines vielfach innerlich und äußerlich Gestrandeten zum siegreichen Trostbringer, dem Judentum, in seinen einzelnen Phasen zu schildern,. Wahrscheinlich wäre diese Aufgabe leichter, wenn der Roman „Der Rabbi von Bacharach1' vollendet aüf uns gekommen wäre. Doch auch das erhaltene Fragment arbeitet deutlich die Symbole jener geheimnisvollen Kräfte heraus, deren Resultierende die ewige Bindekraft des Judentums für alle ist, die jemals seines Geistes einen Hauch verspürt. Diese Kräfte sind: Verfolgung von außen und der Zauber des jüdischen Rituals. Die erste findet ihr Symbol in dem Einschmuggeln einer Kinderleiche ins Rabbinerhaus als Vorbereitung für die Ritualmordbeschuldigung, die zweite in der Anziehungskraft der rituellen — Küche auf einen Abgefallenen. Wahrscheinlich hat Heine diese Liebe des Proselyten,