Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 8 (23.2.1934)
- Date
- 1934-02-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064504-3064512--19651-3084811- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland verboten! Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautharungen der Israelitischen Kulrusgemeinde Wien Nadl PAIÜSIWI 1 tafJpjafafAfJBJBHMBJafafafafAfafJHiajafafll durch den 1 PALEST1NE d 0B1ENT-! LLOYD R : Vertretung für Osterreich: J REISEBÜRO CITY, Dr. J. U. Körner ' WIEN I. 3 KOHLMARKT NR.« : TELEPHON U 26-4-29 | »■••■•■■••«■•«■■■•••■••■•«■•■■■■■■■■■•Miü mimniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 50. Jahrgang Wien, 23. Februar 1934 Nummer 8 Jüdische Vaterlandstreue. In Oesterreich ist nach den furchtbaren Tagen der Vorwoche die Ruhe wieder eingekehrt. Die Tage dieser Woche galten der Trauer um die Opfer, die bei den beklagenswerten Ereignissen ihr Leben gelassen haben, und der Sorge um das Schicksal ihrer Hinterbliebenen. In beiden Belangen hat die österreichische Judenschaft ehrlichen Anteil genommen. Sie hat — vornehmlich durch das Präsidium ihrer Gemeinde — teilgenommen an der allgemeinen Trauer um diejenigen, die in Erfüllung ihrer Pflicht gefallen sind; wahrhaft erhebend waren die in allen Wiener Gemeinde- und Vereinstempeln für die israelitische Schuljugend am Montag früh veranstalteten Gedächtnisgottesdienste für diese Opfer. Die Judenschaft hat spontan sich gemeldet, um den Hinterbliebenen durch Spenden das schwere Los etwas zu erleichtern, das sie betroffen; die Wiener israelitische Kultusgemeinde ist in dieser. Hinsicht als eine der ersten öffentlichen Körperschaften auf den Plan getreten und zahllose jüdische Privatleute und Gesellschaften sind diesem edlen Beispiel in munifizenter Weise gefolgt. Die österreichische Judenschaft darf also ohne Ruhmredigkeit, denn das, was sie getan hat, war ihr nur selbstverständliche Pflicht, von sich behaupten, daß sie in diesen ernsten Tagen neuerlich den Beweis ehrlicher Loyalität erbracht hat. Dieses Beweises bedurfte es erst gar nicht und sicherlich ist er nicht notwendig, um dadurch gewissermaßen eine Abwehr gegen jene mehr oder minder versteckten — und wenigstens vorläufig gelinden — Vorwürfe vorzunehmen, die neuestens wieder gegen unsere Gemeinschaft erhoben werden. Die Tatsache, daß unter den geflüchteten sozialdemokratischen Parteiführern sich auch zwei sogenannte „Juden" befinden, wird da und dort dahin ausgeschrotet, daß diese Flucht beweise, wie sehr die bodenständige christliche Arbeiterschaft von ihren jüdischen Führern, die im Momente der Gefahr das Weite gesucht haben, verraten worden ist. Wir sind nicht dazu da, die Ehrenrettung der beiden Herren Genossen vorzunehmen. Aber unsere Aufgabe ist es, das Ehrenschild des Judentums nicht durch Anwürfe besudeln zu lassen, die vollkommen unberechtigt sind. Wir haben — nicht erst in diesen Tagen, sondern schon zu einer Zeit, da Bauer und Deutsch noch mächtige Männer gewesen sind. — immer wieder kategorisch erklärt, daß wir Ju- JlinUM^ 4j VERWALTUNGEN ^V SÄTZE - HYPOTHEKEN VERKÄUFE KAUFE SZILÄGYI!X- ROTENLÖWENG. 3 % BEH. AUT. SEISAL TEL. A 10-5-69 den mit diesen Herren absolut nichts zu tun haben wollen. Nicht nur deshalb, weil sie selbst — der eine hatte bereits einen getauften Judenstämmling zum Vater, der andere zahlte aus nicht erfindlichen Gründen weiter zehn Schilling Kultussteuer — mit der jüdischen Gemeinschaft nichts mehr zu tun hahaben wollten, sondern weil wir selbst jede Gemeinschaft mit ihnen ablehnten, deren Klassenkampfstandpunkt, Gewaltmethoden und internationale Einstellung unseren Ideengängen zuwiderliefen und einen billigen Vorwand für antisemitische Propaganda boten. Wenn wir heute diese Erklärung wiederholen, so geschieht dies nicht deshalb, weil wir uns einer unangenehmen Belastung entledigen wollen, sondern weil es den Tatsachen entspricht, daß die Judenschaft von diesen „Führern" stets abgerückt ist. Es wird Sache der Judenschaft sein, den Beweis für diese Tatsache nun auch im eigenen Lag^r zu erbringen. Wir wollen bei dieser Gelegenheit aber auch unumwunden sagen, daß die Taktik des Hinzeigens auf die jüdischen Führer der Sozialdemokratie, die ihre Anhänger verraten haben, für die Christlichsozialen höchst unklug ist und sich vielleicht bitter rächen wird. Denn es muß nicht unbedingt so sein, daß die durch solche Andeutungen aufgehetzten ehemals sozialdemokratischen Arbeiter sich nun Treffpunkt der Feinschmecker Cafe-Restaurant FETZER bei der Schwedenbrücke der „Vaterländischen Front" zuwenden, es besteht auch die Gefahr, daß diese Menschen von einem Extrem ins andere fallen und sich, der Habicht-Parole folgend, den braunen Bataillonen nähern, von denen sie ein radikales Aufräumen mit den Juden erwarten. Caveant consules! Die österreichische Judenschaft hat, auch das soll gesagt sein, die nun glücklich hinter uns liegenden Tage mit banger Sorge durchlebt. Sie fühlte mit ihren christlichen Mitbürgern nicht nur die Besorgnis, ob es der Exekutive wirklich gelingen wird, des Aufstandes Herr zu werden, und atmete mit den anderen Bürgern dieses Staates auf, als dies tatsächlich gelang. Sie hatte aber auch in diesen Tagen — wie so oft in der traurigen Geschichte dieser entsetzlichen Nachkriegsjahre — ihre spezielle jüdische Sorge. Werden, so fragte sich so mancher bange, die furchtbaren Ereignisse nicht eine Verschärfung der jüdischen Situation zur Folge haben? Eine Beantwortung dieser Frage liegt in zwei Erklärungen unseres Bundeskanzlers, die Rasiere Didi gut und billig 0€Sterr€lchi$€b€S Qaaiuais f aDrikal Ueberau erhältlich er beide Male bei Gelegenheiten gegeben hat, bei denen auch das Ausland mithörte. Am Samstag abends erklärte Bundeskanzler Dr. Dollfuß vor den Vertretern der in- und ausländischen Presse in einer besonderen Mitteilung mit betonten Worten: „Alle Bürger dieses Staates ohne jeden Unterschied, die vaterlandstreu und gut gesinnt sind, dürfen des Schutzes der Staatsgewalt sicher sein." Und am nächsten Tage präzisierte Bundeskanzler Dr. D o 111 u ß in seiner Rundfunkansprache an das amerikanische Volk diese seine Erklärung noch mehr mit den folgenden denkwürdigen Worten: „Man hat in der abgelaufenen Woche viel mit Gerüchten gearbeitet, als ob die österreichische Regierung gegen einzelne Gruppen unserer Bevölkerung mit Ausnahnismaßregeln arbeiten wollte. Ich kann Ihnen, Frauen und Bürger des großen amerikanischen Volkes, in aller Offenheit und Wahrheit nur das sagen: Alle Bürger Oesterreichs ohne jeden Unterschied, die vaterlandstreu und gut gesinnt sind, die sich in den Dienst der Arbeit am Staate steilen, können auf den vollen Schutz der staatlichen Gewalt rechnen." An diesen Kanzlerworten gibt es nichts zu rütteln. Die österreichische Judenschaft kann von sich mit ruhigem Gewissen sagen, daß sie vaterlandstreu und gut gesinnt ist, sie gehört also zu jenem wichtigen Teil der Gcsamtbevölkerung, auf den die Kanzlerworte vollinhaltlich zutreffen und Anwendung finden müssen. Wir dürfen deshalb diesen vor aller Welt verkündeten Worten vertrauen, die übrigens auch eine Ergänzung durch die Erklärungen des Vizekanzlers F e y fanden, der einmal vor der Weltpresse sagte, daß die Exekutive entschlossen ist, auch jeder anderen Gruppe gegenüber, wenn sie versuchen sollte, hier irgendwelche Gewaltakte zu unternehmen, mit der gleichen Energie und mit derselben Stärke gegenüberzutreten, und bei anderer Gelegenheit feststellte, daß es in Oesterreich keinen Antisemitismus geben wird. Es wird jetzt wieder einmal von national-jüdischer Seite versucht, an dem brodelnden Herd ein Parteisüppchen zu kochen. In der zionistischen Presse ertönt mit erhöhter Lautstärke der Ruf, sich im sogenannten jüdischen (sprich: jüdischnationalen) Lager zu sammeln, wobei sich übrigens die Gedenket der Winternotftandiaktion der Kultutgemeinde! Geld- und Naturalspenden erbeten an die Fürsorge-Zentrale der israel. Kultusgemeinde Wien L, Seitenstettengasse 2, Telephon U 25-5-85 Serie, Postsparkassenkonto B-29.659