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Die Wahrheit · 1934-02-17 · Heft 7 (17.2.1934) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 7 (17.2.1934)
Date
1934-02-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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w Seite 4 DIE WAHRHEIT Aas der braunen Hölle. Hitler für einen unentwegten wirtschaftsantisemitischen Kurs. In der im Berliner Sportpalast anläßlich des Jahrestages der Hitler-Kanzlerschaft abgehaltenen Festversammlung erklärte der Reichspropagandaminister Dr. G ö b b e 1 s, der im deutschen Wirtschaftsleben begonnene liberalere Kurs gegenüber den Juden habe nicht die Billigung Hitlers. * Der Leiter des Rasse-Amtes der Nazi-Regierung, Achim Görke, teilt dem „Völkischen Beobachter" mit: Im Rasse-Ami des Innenministeriums gibt es ein Archiv mit Namen und Stammbäumen von etwa drei Millionen in Deutschland lebender Juden und Judenstämmlinge: vermittels des aut dem Indexkartensystem auigebauten Archivs wird jeder Jude und Judenstämmling kontrolliert. Ein anderes Archiv enthält 13.000 von Juden benutzte deutschklingende Namen. Ein Stab von S70 Beamten untersucht die Matriken der verschiedenen Gemeinden, um zum Christentum übergetretene Juden aufzuspüren und die Abkunft der jüdische oder biblische Namen tragenden angeblichen Arier zu erkunden. Jeder, der nicht in der Lage ist, seine rein arisch? Abstammung bis zum 1. Jänner 1800 nachzuweisen, wird von Amts wegen als n i c h t a r i s c h angesehen. Dieses Datum wurde darum gewählt, weil es vor 1800 keine Mischehen gab: die Juden hielten sich damals noch an das Gebot der Reinheit der Gemeinde und lebten, von den Nichtjuden abgesondert, in Ghettos. * Nach dem „Aerzteblatt für Berlin" haben im Jahre 1933 412 jüdische Aerzte Deutschland verlassen, von denen 284 aut Berlin entfallen. Nach Palästina gingen 117, nach Frankreich 25, nach England 22, nach der Schweiz 13, nach Italien und Spanien 13, nach Oesterreich, Tschechoslowakei und Polen 11, nach Nordeuropa 9, 15 der Emigrierten sind Frauen. Die Angaben des. „Aerzteblattes" stehen tief unter der Wirklichkeit; dem Blatt selbst ist es nicht geungen, in Berlin die Adressen von 40 jüdischen Aerzten festzustellen, von denen angenommen wird, daß sie ebenfalls Deutschland verlassen haben. * Der hervorragende Mediziner Dr. Hanstein, Berlin-Wilmersdorf, der beste Kenner der Geschichte der Syphilis, war Mitte vorigen Jahres verhaftet und kurze Zeit danach wieder entlassen worden. Am 12. November lag erneut Haftbefehl gegen ihn vor. Um sich der nochmaligen Verhaftung zu entziehen, hat sich Hanstein vergiftet. — Dem weltbekannten Professor der Zahnheilkunde Moral aus Rostock, der im Laufe der Jahre viele Lehraufträge von Universitäten des In- und Auslandes erhielt, wurde auf Grund seiner jüdischen Abstammung vor einigen Monaten die Lehrberechtigung entzogen. Prof. Moral hat nunmehr Selbstmord verübt. Wegen Verleumdung der nationalen Regierung durch Verbreitung von „Greuelberichten" war vor dem Kölner Gericht die jüdische Krankenschwester Theodora Herz angeklagt. Am 10. Oktober 1933 war sie im Eisenbahnabteil mit einem älteren Kaufmann in ein Gespräch gekommen. Dabei sagte sie, nach der nationalen Revolution seien viele Juden zusammengeschlagen worden. Als der Kaufmann bemerkte, das könne er nicht glauben, versicherte die Herz, sie selbst habe in den Kölner Krankenhäusern die verwundeten Juden gepflegt. Das Gericht verurteilte Theodora Herz zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr und führte in der Begründung aus, wenn sich die Angeklagte auch während des Krieges als Schwester in einem Frontlazarett Verdienste erworben habe und wenn sie auch noch unbestraft sei, so sei doch in diesem Falle eine empfindliche Strafe am Platze gewesen. * Vor kurzem haben reichsdeutsche und ausländische Zeitungen unter der Ueberschrift „Auswanderung von Nichtariern nicht erwünscht" den Entscheid der Finanzverwaltung gebracht, daß auswandernde Juden von der Reichsfluchtsteuer nicht zu befreien seien; in der Begründung hieß es, im allgemeinen sei ein „deutsches Interesse an der Auswanderung von Nichtariern zu verneinen." Aus juristischen Kreisen wird nun darauf aufmerksam gemacht, daß diese Begründung der Finanzverwaltung mißvertanden wurde, da sie die rein technische Seite der Frage im Auge hat. Dagegen heißt es in dem Erlaß des Reichsfinanzministerium vom 26 Juli 1933 wörtlich: „Die Auswanderung von Personen jüdischer Abstammung ist erwünscht und darf infolgedessen nicht unterbunden werden. Anderseits ist es erforderlich, von leistungsfähigen Personen, durch deren Auswanderung die deutsche Steuerbasis geschmälert wird, eine letzte große Abgabe — die Reichsfluchtsteuer — zu erheben.*' Im Anschluß daran werden die Fälle angegeben, in welchen eine Freistellung von der Reichsfluchtsteuer zulässig ist; nämlich, wenn es sich um kleine Vermögen handelt, aus Billigkeitsgründen usw. Der Polizeipräsident von Gladbach-Rheydt hat „zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit" angeordnet, daß sämtlichen Vereinen bis auf weiteres verboten ist Zusammenkünfte in jeder Form, außer dem Gottesdienst in einer Synagoge, zu veranstalten. Hierunter fällt auch die sportliche Betätigung der Sportvereine. Ebenso ist es untersagt, besondere Propaganda durch Rundschreiben usw. zu betreiben. Abdul Medschid von Stavsky und Rosenblatt bestochen? Die in den letzten Tagen vor dem Jaffaer Gericht durchgeführte Vernehmung des Arabers Abdul Medschid, der sich vor einiger Zeit selbst der Teilnahme ander Ermordung Dr. Arlosoroffs bezichtigt, später aber sein Geständnis zurückgezogen hat, gestaltete sich zu einem Höhepunkt des U ntersuchungsverfahrens in der Arlosoroif- Mordaffäre. Abdul Medschids Bekundungen wurden vom Gericht und der den Saal bis auf den letzten Platz füllenden Zuhörerschaft mit gespanntestem Interesse angehört. Maft hatte den Eindruck, daß die Darlegungen des 17jährigen Zeugen, der in europäischer Kleidung mit Tarbusch vor Gericht erschien und die eindringlichen Fragen des Angeklagtenvertreters und des Verteidigers ruhig beantwortete, infolge der in ihnen enthaltenen Widersprüche gegenüber irüheren Bekundungen in vielen Punkten sowohl der Anklagebehörde wie der Verteidigung unbefriedigend erschienen. Abdul Medschid erzählte, er sei Stavsky und Rosenblatt im Gefängnis begegnet und habe erfahren, aus welchem Grunde sie gefangen gehalten wurden. Stavsky habe ihm eine Bestechungssumme dafür angeboten, daß er, Abdul Medschid, die Schuld an der Ermordung Dr. Ariosorofis auf sich nehme. Hierbei habe Stavsky betont, daß Abdul Medschid, der ja bereits einen Mord an einem Araber gestanden habe, auch für zwei Verbrechen nur einmal bestraft werden würde. Hierauf iiabe ihm Stavsky stundenlang Einzelheiten auseinandergesetzt und darauf hingewiesen, daß er, Medschid, als Minderjähriger nicht zum Tode durch den Strang, sondern nur zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden würde. Auch Rosenblatt habe ihm 1000 Pfund für ein Geständnis, sowie die Beistellung eines hervorragenden Verteidigers versprochen. Sodann habe ihm Rosenblatt eine Skizze des Strandes von Tel Aviv gegeben und auf dieser die Mordstelle bezeichnet Auf seine Frage hätten Stavsky und Rosenblatt zugegeben, daß Rosenblatt aus einer Repetierpistole einen Schuß aut Dr. Ariosoroff abgegeben habe. Ais sie gesehen hätten, daß Ariosoroff getroffen zu Boden sank, seien sie in der Richtung zum arabischen Friedhof geflüchtet. MÖBEL Spezialhaus für Wolle und Strickgarne Moritz Nagel Wien, 2. Bez., Talborslraße Nr. 17 Fabriksniederlage. Wirku. 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Weiters bekundete Abdul Medschid auf Befragen durch den Verteidiger Horace Samuel, der ötfentiiche Ankläger, Kommissar Shitreet, habe ihn vor den Gefahren gewarnt, die ihm drohten, falls er sein Geständnis, er habe Dr. Ariosoroff ermordet, aufrechterhalte. Kommissar Shitreet habe ihm bedeutet, er könnte zum Tode durch den Strang verurteilt werden Rechtsanwalt Samuel bemerkte, die Polizei habe den Widerruf des Geständnisses in unvorsc h riits mäßiger Weise erleichtert, obwohl sie seine Echtheit nicht bestritten hätte. Als Abdul Medschid im Laufe der Vernehmung aufgefordert wurde, den Wortlaut des Gespräches wiederzugeben, das Rosenblatt und Stavsky angeblich im Gefängnis mit ihm geführt haben, begann er unsicher zu stottern, obwohl er sonst fheßend hebräisch spricht. * High Commissioner Sir Arthur Wauchope hat die Strafe Achmed Galiaüis, eines der beiden Araber, die im vergangenen Monat vom Appellationsgericht wegen des im Dezember 1932 begangenen Mordes an den jüdischen Kolonisten Joseph Jacobi und seinem neunjährigen Sohn in der Kolonie Nahallal zum'l'odeverurteilt wurden, in eine 15jährige Kerkerstrafe umgewandelt. Der zweite Verurteilte, Mustafa Ali Achmed, wird durch den Strang hingericht e t werden. Die Geschichte eines Waschzettels. Die Broschüre des Ministers a. D. Dr. C z e rmak „Ordnung in der J u d e n f r a g e" hat in der Oeffentlichkeit eine lebhafte Diskussion ausgelöst. An dieser Diskussion hat sich auch die Judenschaft Oesterreichs beteiligt und durch ihre Vertreter in öffentlichen Versammlungen und in den jüdischen Zeitungen zu den Ausführungen des christlichsozialen Ministers Stellung genommen, die — je nach der innerjüdischen Einstellung — eine entschieden ablehnende oder insofern entgegenkommende war, als die Vorschläge Czermaks von mancher jüdischnationaler Seite als Basis für eine „Verständigung von Volk zu Volk" angesehen wurden. Der R e i n h o 1 d - V e r 1 a g, in dem dieses Buch seinerzeit erschienen ist, kündigt jetzt eine Fortsetzung der Diskussion unter dem Titel „K1 ä-- rung in der Juden frage" an. Wer kommt nun in dieser neuen Broschüre zu Wort? Zunächst wird der Budapester Jesuitensuperior P. Bela Bang ha den Standpunkt der Kirche zu der aufgeworfenen Frage vertreten und, wie wir schon jetzt erfahren, die Taufe als einzige Lösung befürworten. Neben ihm werden die Herren Oskar Trebitsch und Dr. Paul Kris Stellung nehmen. Der erstgenannte ist seit Dezennien a u s dem Judentum ausgetreten und konfessionslos, der letztere ebenfalls seit Dezennien ausgetreten und katholisch. Diese beiden, die also dem Judentum längst den Rücken gekehrt haben, wurden in einer ersten . Aussendung des Verlages als Sprecher „für das bodenständige Wiener Judentum" bezeichnet, in einer zweiten Aussendung, die die erste verbessern sollte, aber nur noch verschlechterte, wurde von Dr. Trebitsch behauptet, daß er „für das „assimilatorische Wiener Judentum" das Wort ergreife, während Dr. Kris für die christlichen Judenstämmlinge Stellung nehmen wird. Es ist wohl überflüssig festzustellen, daß die genannten beiden Herren nicht das Recht besitzen, im Namen des Judentums, sei es nun religiös oder national orientiert, aufzutreten, und daß ebenso „das bodenständige und assimilatorische Judentum" — wir sehen von dem Phrasenhaften dieser Begriffe ganz ab — es ablehnt, sich von diesen Renegaten vertreten zu lassen. Die Herren vertreten, wie der Verlag in einer dritten, endlich richtigen Aussendung feststellte, nur ihren persönlichen Standpunkt. Wir kennen die Gedankenrichtung des überaus verdienstvollen und die Technik seiner Verder Vertreter aller Richtungen zu gut, um nicht zu wissen, daß sondern nur Mißverständnis Verhältnisse die ' abwegigen Reinhold-Verlages öffentlichungen, in zu Worte kommen, nicht böse Absicht, und Unkenntnis der Waschzettel-Aussendungen veranlaßt hat. Eine fabelhafte Karriere. Der nach den Wirren der letzten Tage mit der Bildung der Regierung betraute frühere Präsident der Republik Gaston Doumergue hat sich zu wiederholten Gelegenheiten' unentwegt als Freund der Juden hervorgetan. Das hat seinen besonderen Grund. 1863 als Sohn eines protestantischen Kleinpächters geboren, begann er seine Laufbahn als Advokat in der südfranzösischen Kleinstadt N i m e s, wo er, um seine geringen Einkünfte als junger Anwalt zu verbessern, die Stelle des Sekretärs der dortigen jüdischen Gemeinde annahm. Die Juden von Nimes bewahren noch von jener Zeit her die beste Erinnerung an ihn. Amerika — das Land den Freiheit. David T. W i 11 e n t z, ein führender demokratischer Anwalt und Politiker, ist zum Oberstaatsanwalt des Staates New Jersey ernannt worden. Willentz ist 38 Jahre alt und wird als politischer Führer wie als Jurist sehr geschätzt. Bei der letzten Demokratischen Convention war er Führer der Delegation des Staates New Jersey. Er ist orthodoxer Jude, Mitglied der Synagogengemeinde „Schaare-Tetiloth" und Vorsitzender der Young Men Hebrew Association (religiöser Verband der jüdischen männlichen Jugend) in New Jersey. Der New Yorker Bürgermeister La Guardia ernannte die Rechtsanwältin L ö w - W h i t n e y zum Magistratsrat und betraute sie mit der Leitung der juristischen Sektion. Frau Löw-Whitney ist eine Nichte des Oberrabbiners von Szegedin Immanuel Low. Bürgermeister La Guardia erklärte vor kurzem Journalisten gegenüber, daß er selbst Sohn einer Jüdin sei; seine Mutter habe vor ihrer Verheiratung mit seinem Vater, einem Italiener, den Namen Lea Cohn getragen. Seine Schwester sei die Gattin des Budapester jüdischen Kaufmannes Herz.

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