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Die Wahrheit · 1934-02-09 · Heft 6 (9.2.1934) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 6 (9.2.1934)
Date
1934-02-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 5 Watt", sich der ausgesprochenen Gunst der christlichsozialen Führer erfreut, wenn er die jüdischen Belange verfochten hätte? Sogar Theodor Herzl und Max Nordau dachten zu Beginn ihrer journalistischen Tätigkeit nicht im entferntesten an solche Pläne. Ihr Interese für das Schicksal der Judenheit erwachte erst unter dem Eindruck der Dreyfus-Affäre. Und dies ist der springende Punkt. Nicht wir Juden, sondern die Antisemiten konzentrieren die Aufmerksamkeit der Welt auf das Judentum und zeigen das Bestreben, alles Weltgeschehen irgendwie mit Juden in noch so absurden Zusammenhang zu bringen. Wenn sogar das 60-Millionen-Volk der Deutschen seine neue Blüte von einer Ausmerzung des einen Prozent Juden, das unter ihnen gelebt hatte, erwartet und auf dieser Basis sein staatliches Leben reorganisiert, kann an dieser weltgeschichtlichen Groteske weder der jüdische noch der nichtjüdische Journalist achtlos vorbeisehen. Und auch die Empörung über die dabei zutage gekommene Barbarei ist keine jüdische Spezialität. Sie wird vielmehr von allen Kulturmenschen ohne Unterschied der Rasse und Konfession geteilt. Dr. Hugo S p i e g 1 e r. Traurige Ergebnisse der Emigranten-Hilfsaktion. Am 30. und am 31. Jänner fand in London eine semeinsame Tagung der Ständigen Exekutive des Verwaltungsrates für die deutschen Flüchtlinge und des J?ates der Privaten FIüchtlings-Milfsorganisationen, die beide den Beirat des Hochkommissars für die deutschen Flüchtlinge bilden, statt. Den Vorsitz führte Viscount Cecil of Chelwood; neben ihm und dem Hochkommissar James G. Mac Donald waren der Vertreter Frankreichs Senator Henri Berengar und der Vertreter Hollands Doude von Troostwijk anwesend. Vom Rate der privaten Organisationen wohnten Direktor Louis Oungre von der Jewish Colonisation Association, Felix M. Warburg vom American Jewish Joint Distribution Committee, Dr. Chaim W e i z m a n n von der Jewish Agency for Palestine, Fox vom Internationalen Kirchenrat und Professor William R a p p a r d vom Akademiker-Hilfsausschuß den Beratungen bei. Anwesend waren ferner Sir Osmond E. d'Avigdor Goldsmid, James N. R o s e n b e r g, Dr. Bernhard Kahn und Professor Norman B entwich. Ueber die Beratung, die nach Feststellungen, die geradezu Anklagen waren, ergab, daß die Hilfsaktion bis jetzt ohne erheblichen Erfolg geblieben ist, hat der Hochkommissar für die deutschen Flüchtlinge James G. Mac Donald den folgenden B erieht herausgegeben: In der Beratung wurde die Frage der Ansiedlung und der Weiterwanderung der Flüchtlinge geprüft. Abgesehen von Palästina, das einen stetig fließenden Strom aus Deutschland absorbiert, wird es nötig sein, eine Auswanderung von Flüchtlingen in andere Länder, namentlich in Uebersee, zu organisieren. Das Komitee errichtet ein zentrales Informationsbüro, das Auskünfte über die Möglichkeiten von Ansiedlung und Wanderung sammeln und erteilen wird. Verhandlungen mit Regierungen aller Länder über Zulassung von Flüchtlingsgruppen werden vom Hochkommissar gemeinsam mit jenen Organisationen geführt werden, die am besten geeignet sind, mit der einen oder der anderen Regierung zu verhandeln. Die praktische Siedlungsarbeit wird, nachdem ein Arrangement mit der Regierung getroffen worden ist, von den zuständigen Organisationen geleitet werden. Das Komitee beschloß, daß der Hochkommissar mit den Regierungen wegen Gewährung von Arbeitserlaubnis an die Flüchtlinge in Verhandlungen treten soll. Der Hochkommissar hatte während seines letzten Besuches in den Vereinigten Staaten Gelegenheit, mit einer Anzahl Regierungsvertretern in Washington und mit den Führern der interessierten Privatorganisationen Besprechungen zu pflegen. Sowohl die offiziellen Kreise als auch die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten hegen selbstverständlich ein tiefes und mitfühlendes Interesse für die traurige Lage der deutschen Flüchtlinge. Im ganzen Lande wird an der Fortführung und Erweiterung der finanziellen Hilfe für die Betroffenen gearbeitet. Bei den Amerikanern setzt sich in wachsendem Maße die Einsicht durch, daß es sich nicht allein und nicht einmal in erster Reihe u m eine jüdische Frage handelt. Man darf deshalb erwarten, daß die Führer der Christenheit in Amerika eine hervorragende Rolle beim Hilfswerk zugunsten der Flüchtlinge spielen werden. Dem Leitgedanken des Völkerbundes bei der Gründung des Hochkommissariats gemäß wurde beschlossen, daß direkte Hilfeleistung, Berufsumschichtung und Ansiedlung von Flüchtlingen zu den Funktionen der nationalen und lokalen Privatorganisationen gehören und daß diese Körperschaften berufen sind, Gelder zu sammeln und zu verteilen. Das Hochkommissariat selbst wird sich mit Geldsammlungen nicht abgeben, der Hochkommissar wird aber dem Appell um Hilfe für die Flüchtlinge seine moralische Autorität verleihen. In der Londoner Beratung wurde die in einer Anzahl Länder mit Energie betriebene Berufsumschichtung der Flüchtlinge einer Prüfung unterzogen. Junge Männer und Frauen, die früher im Handel und in den freien Berufen tätig waren oder sich dem Studium widmeten, gehen jetzt zu Landwirtschaft und technischen Berufen über. Das Komitee zog auch die Koordinierung jener Anstrengungen in Erwägung, die in vielen Ländern für besonders ausgezeichnete Flüchtlinge, wie Professoren, Dozenten und wissenschaftliche Arbeiter, die ihrer Posten in Deutschland beraubt wurden, gemacht werdea Alle diesbezüglichen Informationen werden von einer Stelle gesammelt und an die verschiedenen Zentren in Europa und Amerika weitergegeben. Dem Akademiker-Unterstützungsausschuß in England und der Alliance Israelite Universelle in Paris wurde empfohlen, gemeinsame Schritte in dieser Richtung zu ergreifen. Die nationalen Komitees werden sich bei den Behörden in ihren Ländern und die genannten beiden Körperschaften bei den Behörden in jedem fremden Lande für die Ernennung vertriebener Akademiker einsetzen. Das Internationale Komitee für Hilfe an geistige Arbeiter mit dem Zentrum in Genf wird sich für die Unterbringung von Angehörigen freier Berufe einsetzen; die Unterbringung von Studenten ist Sache des_ Internationalen Studenten-Dienstes. Das Komitee behandelte auch, als eines der akutesten und dringendsten Probleme, die Frage der Versorgung der Flüchtlinge mit Pässen. Schwierigkeiten ergaben sich bei zwei Klassen: 1. bei deutschen Staatsangehörigen, denen die deutschen Behörden im Auslande die Pässe nicht erneuern wollen; 2. bei staatenlosen Flüchtlingen, die über einen deutschen Fremden-Paß verfügten, der inzwischen ungültig geworden ist Die Paßbehörden in den Ländern, wo diese Flüchtlinge Zuflucht gefunden haben, weigern sich, solche Personen mit irgendwelchen Reisedokumenten zu versehen. Von vielen Seiten wurde vorgeschlagen, daß der Hochkommissar für diese Flüchtlinge ein Dokument, ähnlich dem Nansen-Paß, herausgebe. Dies scheint nicht notwendig zu sein. Das Komitee hat den Regierungen vorgeschlagen, den erwähnten Flüchtlingsklassen den sogenannten „Internationalen Paß" zu geben, der im Jahre 1927 vom Völkerbund in einer Konferenz vorgezeichnet wurde; es ist dies ein Paß für Staatenlose oder Personen von zweifelhafter Nationalität. Bevor dieses Problem gelöst werden kann, sind von den Regierungen noch einige technische Punkte zu erledigen. Amerika — das Land der Freiheit. in einem Gespräch mit dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur bestätigte der amerikanische Konsul in Berlin, Herr Geist, unsere vorwöchentliche Meldung, daß er und die anderen amerikanischen Konsuln in den europäischen Ländern von der Regierung in Washington Instruktionen erhalten haben, die Gesuche von deutschen Juden um Ausfolgung von Visen zur Einwanderung nach den Vereinigten Staaten entgegenkommend zu behandeln. Insbesondere stehen der Ausfolgung von Visen für deutsche Juden, einerlei ob es sich um Kinder oder um Erwachsene handelt, die von einer amerikanischen Familie adoptiert werden, keine Hindernisse entgegen. Es würde genügen, wenn ein prominenter Amerikaner brieflich für einen Emigranten einsteht, daß dieser den Vereinigten Staaten nicht zur Last fallen wird, um dem betreffenden Emigranten ein Visum auszufolgen. Konsul Geist zeig.t persönlich stärkstes Interesse für eine solche A d optro nsa k t i o n. Von anderer Seite erfährt die JTA, daß die deutsche Regierung sich bereit erklärt hat, jeder aus Deutschland nach Amerika auswandernden jüdischen Familie die Mitnahme von 15.000 Reichsmark zu gestatten, ähnlich wie dies bei nach Palästina auswandernden Familien der Fall ist. Von autoritativer jüdischer Seite wird der JTA erklärt, daß die von der Regierung der Vereinigten Staaten gebotene Möglichkeit zur Einwanderung von 20.000 deutschen Juden nur dann wird ausgenutzt werden können, wenn die Judenheiten außerhalb Deutschlands einen entsprechenden Wanderhilfsfonds schaffen. Die amerikanischen Konsuln haben schon im Jahre 1933 Gesuche von Juden um Visa selten zurückgewiesen: wenn trotzdem die Zahl der jüdischen Amerikawanderer so gering war, so lag der Grund darin, daß nur ein kleiner Kreis der Auswanderer die Kosten für Reise und Uebersiedlung auf eine so weite Strecke aufbringen konnte. Die deutschen Juden hoffen, daß ihre amerikanischen Brüder, nachdem es ihnen nun gelang, die Tore der Einwanderung für 20.000 deutsche Juden zu öffnen, auch die Mittel werden aufbringen können, um diesen Wanderern finanziell beizustehen. Das amerikanische Hilfskomitee für die von Hitler vertriebenen deutschen Wissenschaftler teilt »mit, daß 36 deutsche Professoren, davon 18 jüdische Gelehrte, an insgesamt 31 amerikanischen Universitäten eine Anstellung gefunden haben. Lord Reading „Lord-Gouverneur der fünf Hafen«. König Georg von England ernannte den Marquis of Reading (einst Sir Ruius Isaacs), früheren Vizekönig von Indien und späteren Außenminister des Britischen Reiches, zum Lord Warden of the Cinque Ports (Lord Gouverneur der Fünf Häfen) an Steile des zurückgetretenen Earl Beauchamp. Es ist dies eines der höchsten Aemter, die das Britische Reich zu vergeben hat. Das Amt eines Lord Warden of the Cinque Ports datiert noch aus der Sachsenzeit, als die fünf Häfen — Sandwich, Dover, Hythe, Romney und Hastmgs — ein wichtiger Teil im System der Landesverteidigung waren. Später wurden ihnen noch Winchelsea und Rye hinzugefügt. Die offizielle Residenz des Lord Gouverneurs ist Walmer Castle. Palästina-Nachrichten. 9000 deutsche Juden von Palästina aufgenommen. Das von der Jewish Agency for Palestine unter der Leitung von Dr. Weizmann eingesetzte Zentralbüro für die Ansiedlung deutscher .luden in Palästina hat soeben einen Bericht über seine Tätigkeit in der Zeit vom Oktober bis Dezember 1933 veröffentlicht. In dem Bericht, in dem die Organisation des Siedlungswerkes und seine bisherigen Ergebnisse eingehend geschildert, die» Möglichkeiten für die Niederlassung der verschiedenen Einwandererkategorien dargelegt und die von der Jerusalemer Zweigstelle des Zentralbüros derzeit behandelten Siedlungsprojekte mitgeteilt werden, wird u. a. folgendes ausgeführt: Bis Ende Dezember 1933 hatte Palästina mindestens 9000 Juden aus Deutschland aufgenommen, von denen heute bereits ein großer Teil vollständig in das Wirtschaftsleben des Landes eingeordnet ist, während alle übrigen, soweit sie geeignete Elemente für das jüdische Leben in Palästina darstellen, Aussicht haben, innerhalb weniger Monate nach ihrer Ankunft dauernd eingeordnet zu sein. Bei Aufnahme seiner Tätigkeit, heißt es in dem Bericht ausdrücklich, war sich das Zentralbüro vollständig klar darüber, daß die Ueberiührung und Ansiedlung deutscher Juden in Palästina nicht eine Totallösung der deutschet! Judenfrage bedeutet. Dr. Ruppin hat schon in seinem Kongreßreferat den Gedanken entwickelt, daß eine Auswanderung von 250.000 Juden im Laufe von zehn Jahren aus Deutschland, die — verbunden mit dem alljährlichen Geburtenrückgang in Deutschland — die Anzahl der deutschen Juden nach Ablauf eines Dezenniums um mehr als 50 Prozent vermindern würde, nur dann planvoll durchgeführt werden kann, wenn neben Palästina die europäischen und einige für deutsche .Juden wirklich in Frage kommende a u ß e reuropäische Länder in diesen 10 Jahren auf Grund eines Quotensystems auch ihrerseits bereit sind, wenigstens ein Drittel der Gesamtzahl, also zirka 80.000 bis 90.000 Juden, zu absorbieren. Nur dann wird sich eine organische Auswanderung aus Deutschland nach Palästina durchführen und regulieren lassen, während heute zahlreiche Elemente nach Palästina kommen, die weder psychisch noch ihren sonstigen Fähigkeiten nach für das Land geeignet sind und deren Einordnung in das palästinensische Wirtschaftsleben aller Voraussicht nach unmöglich sein wird. Die Palästinaregierung hat eine Kommission zur Förderung der Touristik eingesetzt und mit deren Leitung den Einwanderungskomimssar Hyamson betraut. — Von 59 Touristen, die kürzlich im Jaffaer Hafen mit dem Dampfer „Patria" aus Konstanza eingetroffen sind, durften zehn Touristen auf Veranlassung desselben Hyamson das Land nicht betreten. In Petach Tikwah kam es zu scharfen Zusammenstößen zwischen Revisionisten und Mitgliedern der Arbeiterpartei (H i s t a d r u t h). Anlaß hierzu gab der Umstand, daß revisionistische Inhaber eine Fabrik, in der bei Tag Histadruth-Mitgiieder und ein Mitglied des Brith Trumpeldor beschäftigt sind, eine Nachtarbeitsschicht eingeführt haben, in der ausschließlich Revisionisten beschäftigt sind. Bei den Zusammenstößen gab es mehrere Verwundete auf beiden Seiten. Die Polizei nahm 12 Verhaftungen vor. Die Nachtarbeit der Revisionisten wird unter Polizeischutz fortgesetzt. Von den wegen Teilnahme an den Tel A v i v e r Kundgebungen gegen die Touristenjagden verhafteten jungen Leuten wurden fünfzehn zu Gefängnisstrafen von einem bis zu vier Monaten verurteilt. Ein sechzehnter Angeklagter mußte eine Sicherstellung für Wohlverhalten für die Zeit eines Jahres erlegen. Sämtliche Verurteilte gehören der revisionistischen Partei an, vier von ihnen waren in den sogenannten „Birjonim-Fall" verwirklicht, der zu einer gerichtlichen Untersuchung über das angebliche Bestehen einer geheimen revisionistischen Umsturz- Organisation führte. * Der Waad Leumi. die offizielle Vertretung der palästinensischen Judenheit. hat dem britischen Kolonialamt eine Denkschrift übersandt, in der dagegen Protest erhoben wird, daß die r a b b i n i s c h e n Gerichte in Palästina von der Regierung im Vergleich mit den den analogen mohammedanischen Einrichtungen gewährten Beihilfen finanziell ungenügend unterstützt werden.

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