Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1934-02-09 · Heft 6 (9.2.1934) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 6 (9.2.1934)
Date
1934-02-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3064504-3064510--19638-3084796
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Für Hochzeiten u. Vereine schöner Saal oder Klubräume mit Klavierbenützung zu vergeben. Restaurant Herlinger II., Tabor»lraße 18 Gute Küche, billige Preise, große Auswahl in Mittag- und AbendmenQs Augen führen wird. Das „Wiener Montagblatt wird staunen über die Menge der mit der Goldenen, der bubernen Tapferkeitsmedaille I. und II. Klasse und noch höheren Kriegsauszeichnungen dekorierten Juden. Es wird staunen über die Menge Narben auf jüdischen Leibern, die eine beredte Sprache jüdischen Mutes und jüdischer Treue sprechen. Es sei hier auf die denkwürdige Rede des Obersten Rechlin-Meldegg am Heldengrabe jüdischer Frontsoldaten am 18. Juni 1933 hingewiesen, der erklärte, daß der erste Soldat seiner Artillerie-Division, der mit der Goldenen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet wurde, ein Jude war. Es ist nicht unsere Art, mit unseren Verdiensten zu prahlen, aber das „Wiener Montagblatt" bat uns durch seine hämische Bemerkung dazu herausgefordert, der Wahrheit die Ehre zu geben. Das „Wiener Montagblatt" und auch „Die Reichspost", die sich dieser Tage auf das gleiche Verleumdungsgebiet begeben hat, mögen es sich gesagt sein lassen, daß das österreichische Judentum sich nicht zu Staatsbürgern zweiter Klasse werde degradieren lassen. Insbesondere diejenigen nicht, die für ihr österreichisches Vaterland gekämpft und geblutet haben. Ein jüdischer Frontsoldat. Die Judenfrage an den ungarischen Hochschulen. Es gab in Ungarn einmal eine Hochschülergeneration — es war die der heutigen Fünfziger —, die die Judenfrage nicht kannte. Friede herrschte im Lande und bei den Menschen Wohlgefallen. Zu den unvergeßlichen Prunkaufzügen des Milleniumjahres (1896) hatten fast ebensoviel Juden Pantherfell und Schnürhosen der ungarischen Nationaltracht angezogen wie Edelleute; auf den Universitätsbänken aber saßen wir Jünglinge jahrelang freundschaftlichst nebeneinander, ohne daß .wir uus -interessiert hätten, in welchen Gotteshäusern der andere seine Andacht verrichtete. Die äußerliche Zäsur der Jahrhundertwende bildete auch eine Grenze innerlicher Entwicklung. Womit es begann? Mit der Schuljugend. Die neugegründete klerikale Volkspartei hatte in den Mittelschulen sogenannte Kongregationen eingeführt, Jugendverbände, die sich unter Führung der Religionslehrer eines religiös eingestellten, sittlich reinen Lebens befleißen sollten: eine erzieherisch sicherlich lobenswerte Absicht. Die Protestanten antworteten bald mit ähnlichen Veranstaltungen, hie und da, auch die Juden. Der Konfessionalismus war geboren. Zum Praktikum wurde die Frage, als im Laufe des ersten Jahrzehnts unseres Säkulums die verfassungsrechtlich verschiedentlichen Parteien des Parlaments in der sogenannten Koalition zur Regierung gelangten. Ihr Exponent auf kulturellem Gebiete war der berüchtigte Baron von Barköczy, der Staatssekretär des damaligen Kultusministers, Grafen Albert Apponyi. Der Taufschein wurde zum Eintrittsbillett ins Lehrzimmer, die gut-christliche Gesinnung, wenn auch geheu chelt, zum einzigen Gradus ad parnassum. Und das alles geschah ganz sang- und klanglos, als wäre es die natürlichste Sache der Welt Von Aggressivität noch immer keine Spur. An den Universitäten aber waren eines Tages, von der Oeffentlichkeit fast unbemerkt, die deutschen Burschenschaftsverbindungen aufgetaucht, mit ihren bunten Bändern und Mützen: Das einheitliche Universitätsleben mit seinem unpolitischen Universitätsklub hatte ein unrühmliches Ende gefunden. Bald gab es „Kreuzzüge", um dem Kruzifix an <ler „katholischen" Budapester Universität Geltung zu verschaffen, auch ein „Galilei-Klub" bildete sich in einigen Jahren als Reaktion, aus allzu freisinnigen Elementen bestehend, aber im öffentlichen Leben wirkten noch die altbewährten Kämpen des Liberalismus^ die derartigen Strömungen das Gegengewicht hielten. Die Geschichte des Krieges und seines traurigen Abklanges ist zu allbekannt und in allen besiegten Ländern derart einförmig, daß darauf nicht näher eingegangen werden muß. Die Leiden des übermenschlichen Ringens hatten die breiten Volksmassen in Bewegung und Erregung gebracht und zum bewährten Sündenbock für alle Sünden wurde auch hierzulande der jüdische Kriegslieferant und Drückeberger gemacht Vergebens die amtlich ermittelten Daten und Dokumente, Statistiken und Stöße von Artikeln, vergeblich die von jüdischoffiziöser Seite auch 1917 noch ständig wiederholte Losung: es gäbe keine Judenfrage. Dieselbe hatte wirtschaftlichen Charakter angenommen, war aus den kühlen Hallen der Schulen aufs Forum getreten. Jeder Greißler und Pächter, Arzt und Gewerbler, Lehrer und Richter sah im jüdischen Berufsgenossen nunmehr nicht den Konkurrenten allein, sondern den fremden Nutznießer, den Feind. Jetzt reifte die unselige Saat der Aera Barköczy. Und das unseligste Jahr 1919 tat noch das Seinige. Kommunist wurde mit Jude gleichgesetzt Freigeist Freimaurer wurden jüdische Begriffe: Das wirtschaftliche Moment sollte wissenschaftlich, weltanschaulich begründet respektive bemäntelt werden. Sogenannte Gelehrte bemächtigten sich, der Frage, Vielschreiber und Nichtssager, Hetzapostel, und selbst Kirchenfürsten, Magnaten und Parlamentarier scheuten sich nicht die Melodie von der Gefährlichkeit der Minderwertigkeit der jüdischen Rasse zu wiederholen. Und die ersten, die es glaubten, zu glauben vorgaben, waren die Juden selbst die Wurzellosen, Intellektuellen, im goldenen Zeitalter der Gleichberechtigung Eingelullten. Eine beispiellose Fahnenflucht der Fahnenlosen nahm ihren Anfang, aber das verlassene Lager wurde wohl kleiner, aber nicht schwächer. Der Antisemitismus der Nachkriegszeit hat sich, nachdem sich die „Wogen der Volkswut" nach der Niederwerfung der Räteregierung gelegt hatten, zum rein politischen Verwaltungsbetrieb entwickelt Er verwendete nach Bedarf sämtliche bisher erwähnten Motive, aber man „haßte den Juden" — laut einer Franz Deäk, dem launigen Weisen der Nation zugeschriebenen Definition des Antisemitismus — nur „mehr als gebührlich". Die judenfeindliche Stimmung im Lande wurde regulär, ja regulierbar. Jede Regierung achtete behutsam darauf, die Judenschaft, die Trägerin bedeutender kultureller und wirtschaftlicher Werte, nicht mehr als gebürlich zu reizen. Machte z. B. die Regierung Bethlen durch die „Revision" der Schank-, Tabak- und Filmlizenzen eine Unzahl von kleinen jüdischen Existenzen brotlos, sperrte sie die öffentlichen, staatlichen und städtischen Aemter fast gänzlich für die Juden, so lockerte sie anderseits den odiosen Gesetzesparagraphen über den numerus clausus in der Weise, daß ihm die konfessionelle Spitze genommen wurde und die Prozentnorm nach Ständen und Berufsklassen festgelegt wurde. Ja, durch Ernennung zweier Vertreter des in zwei Lager gespaltenen Judentums in das neuorganisierte Oberhaus führte sie zum ersten Male den liberalen Gesetzartikel XX vom Jahre 1848 über die Gleichberechtigung der Religionsgesellschaften durch. Auch der gegenwärtige Ministerpräsident, Julius von Gömbös, dem der Ruf eines militanten Draufgängers voranging, kam mit der programmatischen Erklärung, daß er seinen bisherigen Standpunkt in der Judenfrage revidiert habe. Und erst in den jüngsten Wochen äußerte er sich_ziemlich scharf gegen die konfessionellen Schlagwörter, die in Ungarn keine Berechtigung hätten und demselben im Auslande nur schadeten. „Bei uns ist Jeder Ungar ein Glied der Nation, mag er nun Katholik, Protestant oder Jude sein." Daß fast am selben Tage dieser prinzipiellen Erklärungen an den ungarischen Hochschulen wie auf Befehl wieder Unruhen aufflammten, die wochenlang die europäische jüdische und allgemeine Presse beschäftigten, muß gleichermaßen auf den in allen mitteleuropäischen Staaten wahrnehmbaren Mißbrauch der mittelalterlichen Universitätsautonomie zurückgeführt werden, wie auf solche, der Judenfrage gänzlich fernliegende Strömungen, deren Ursprung bisher nicht klargelegt ist. Ihr Mystikum macht sie freilich nur gefährlicher. Studentenkorporationen, angeblich von innerpolitischen oder gar außenpolitischen Gegnern der Regierung beeinflußt, stellten ultimative Forderungen nach der ursprünglichen Durchführung der „geschlossenen Zahl", sowie nach der lokalen Absonderung der jüdischen Hörer in eigenen „Ghettos". Dekan, Rektor und Minister setzten sich mit ihnen an den Verhandlungstisch, was der Autorität dieser Aufsichtsbehörden sicherlich mehr Schaden zugefügt hat, als den aus Hör- und Zeichensaal periodisch hinausgedrängten oder geprügelten jüdischen Studenten. Viel Aufsehen, Mißfallen und Mißverständnis erregte ein in einer angesehenen Tageszeitung von bestrenommierter Seite erschienener Artikel, der den jüdischen Hörern Ruhe und Würde anempfahl, sie mögen bescheiden und wortlos die „Schandbank" besetzen, den christlichen Kommilitonen mit Höflichkeit und Zuvorkommenheit begegnen, dann werde ihr Verhalten das „Weltgewissen" erwecken und die Verfolger selbst würden sich ungemütlicher fühlen als die Verfolgten. Denselben opportunistischen Standpunkt scheinen auch die offiziellen leitenden Kreise des Judentums einzunehmen, deren Vertreter m jüngster Zeit einige Male an zuständiger Stelle vorsprachen: auffallender Weise soll auch die zwar noch immer nicht einheitlich anerkannte Leitung der jüdischen Jugend selbst einen ähnlichen Beschluß gefaßt haben. Trotzdem hat das „salomonische" Urteil, mit dem der Senat der Technischen Hochschule den an einem kritischen Tag ausgebrochenen Konflikt beizulegen suchte, indem er vier Hörer, und zwar paritätisch Juden und Christen, auf ein Semester relegierte, einige andere aber — und nun befinden sich die Angegriffenen in der Mehrzahl — zum öffentlichen Tadel verurteilte, naturgemäß auf keiner Seite Beruhigung hervorgerufen. Die Sache des Numerus clausus steht heute derart, daß an den Budapester Universitäten auf Grund des oben erwähnten modifizierten Gesetzartikels ungefähr 10 Prozent Juden auf die einzelnen Fakultäten aufgenommen werden. Dieser Prozentsatz erhöht sich aber sozusagen automatisch, d. h., wie mir seinerzeit die höchste Universitätsbehörde persönlich verriet, infolge der besseren, gewissenhafteren Lernergebnisse der jüdischen Studenten, oder, wie der Minister hinzufügen zu müssen glaubte, auch infolge ihrer besseren sozialen Lage. (?) Dieser „Qualitätsauswahl" ist weder durch „Rayonierung" in Ghettos, noch durch Ableitung des Ueberflusses an die ausländischen Universitäten abzuhelfen, wo Hunderte von jüdischen Jünglingen dem Namen Ungarns Ehre machen; zugleich aber auch meist zi selbstbewußteren, aufrechten Juden erzogen werden. Ein interessantes Symptom, daß sich unter jenen jüdischen Universitätshörern, die sich der Durchführung des Zwangs-Ghettos sowohl in Budapest wie in Debreczin widersetzten und deshalb gemaßregelt wurden, ein erheblicher Teil von ehemaligen Zöglingen der dortigen beiden jüdischen Gymnasien befindet: ein Zeichen dafür, daß die jüdische Schule auf alle Fälle ein Plus von Ehr- und Selbstbewußtsein verleiht. Die strengen Maßregeln des Kultusministers, der die Technische Hochschule vor Ablauf des Semesters geschlossen hatte, mögen in Verbindung mit der Feiertagsstimmung des Jahresendes die heißen Gemüter wohl etwas abgekühlt haben. Ob die „geheimen Mächte" die jetzt neueröffnete Universität auch offen zu halten beabsichtigen, ist abzuwarten. Die Judenfrage an den ungarische:! Hochschulen ist nicht gestorben, sie schläft nur. A1 u f. ■■■»■■■■■■■■■■■■■■■«■■■■■■■■■HmuaMfo Frösche und Unken. Daß der unerfreuliche Prozeß des „Abend" Anlaß zu Unkenrufen über die gefährdete Reinheit der Presse auslösen würde, war vorauszusehen. Ebenso wenig überraschend ist es, daß dabei Naturlaute hörbar wurden wie der, daß die Namen der Redakteure die Phantasie der von Kaiser Josef nach Polen geschickten Beamten, die den dortigen Juden Familiennamen zu geben hatten, bezeugen und daß die Frösche des Wiener „Pressesumpfs'' mauscheln. Das Blatt, in dem wir diese liebliche Feststellung, die übrigens angesichts der konfessionellen Zugehörigkeit der im „Abend"-Prozeß am meisten Kompromittierten, eine antisemitische Verleumdung ist finden, ist das getarnte Nazi-Organ „Wiener Neueste Nachrichten." Chefredakteur dieses Blattes war vor ganz kurzer Zeit ein Herr mit dem klangvollen Namen In der Mauer. Wir wissen nicht ob dieser Name der Phantasie Hermann des Cheruskers gut zu schreiben ist die jedenfalls der der Josefinischen Beamten nicht nachstand. Aber wer immer diesen Namen ersonnen hat, der hat damit nicht bloß sein poetisches, sondern auch sein prophetisches Talent bewiesen. Denn der Namensträger sitzt jetzt tatsächlich „in der Mauer", und zwar derselben Mauer, die auch die verurteilten Macher des „Abend" derzeit umfängt. Wie äst dem edelrassischen Schriftleiter das gleiche Mißgeschick zugestoßen, wie den angeblich „mauschelnden Fröschen"? Die Antwort ist sehr verblüffend. Dieser arische Herr hat nämlich wirklich zu „mauscheln" versucht Er hat zur Sanierung seines Blattes ausdrücklich „Tarnopoler" Methoden empfohlen. So nannte er nämlich dieselben Methoden, die der Steirer Friedrich Markus beim „Abend" hatte zur Anwendung bringen wollen. Wie man sieht „mauscheln" also nicht bloß die Frösche, sondern auch die Unken im Pressesumpf und es war von den „Wiener Neuesten Nachrichten" sehr unvorsichtig, durch ihre Unkenrufe an die rassisch bedingte Minderwertigkeit der jüdischen Leistungen gegenüber den ungleich bedeutenderen Taten der Edelblütigen auch auf dem wenig reinlichen Gebiet des Sumpfes und Morastes zu erinnern. Man besinnt sich des Meuchelmordes, den ein arischer Redakteur des „Neuen Wiener Journals" au seinem jüdischen Kollegen Bruno Wolf im Gerichtssaal beging, weil er durch die Bemühungen dieses Juden, die Reinheit der Presse zu wahren, seine schmutzigen Geschäfte gefährdet sah. Dieser arische Journalist der also zu Handlungen, die in seinem Berufe moralisch verpönt sind, auch noch einen tückischen Mord gesellte, wurde von Dr. Walter Riehl verteidigt und der Freiheit wiedergegeben, einem bekannten Repräsentanten der Weltanschauung, daß alles Unheil und aller Schmutz vom Judentum ausgeht In Wirklichkeit sind es gerade jüdische Journalisten, die sich um die sittliche Läuterung ihres Standes die größten Verdienste erworben und, wie der Fall Wolf zeigt sogar Blutzeugen dieses Kampfes gestellt haben. Es ist daher nicht bloß Undank, sondern auch Unvorsichtigkeit, wenn die antisemitische Presse gelegentliche Skandalaffären im Zeitungsbetriebe zur Brandmarkung der „Verjudung" dieses Berufes benützt. Je kleiner angeblich der Prozentsatz arischer Journalisten ist, um so schwerer fällt die Tatsache ins Gewicht, daß gerade dieser Minderheit der Hauptanteil an den schädlichen Auswüchsen zukommt, die die Bezeichnung „Pressesumpf" bis zu einem gewissen Grade leider berechtigt erscheinen lassen. Iii Als gelegentlich des Zusammenbruches der Kreditanstalt ein Verzeichnis bestochener Zeitungsleute der Oeffentlichkeit bekanntgegeben wurde, zeigte es sich, daß gerade so exponierte Vorkämpfer eines arischen Pressemonopols wie die „Dötz" unseligen Andenkens zu den passionierten Beute-Empfängern aus dem sogenannten „jüdischen Reptilienfonds" gehört hatten. In dieser „Dötz" erschienen unter dem Pseudonym „Mungo" täglich Stilübungen, in denen die Ehre einzelner Juden sowie das Judentum als Ganzes in unerhörter Weise in den Kot gezerrt wurde. Dieser „Mungo" wurde inzwischen als ein Verbrecher entlarvt, der seine Berufung zum Sittlichkeitsapostel durch zahlreiche Kerkerstrafen erwiesen hatte. Was liegt anderseits gegen die Journalisten jüdischen Bekenntnisses vor? Sogar die „Wiener Neuesten Nachrichten" können ihnen keine andere Befähigung zu ihrem Berufe absprechen als die im Hitler-Deutschland erforderliche, das heißt also die arische Abstammung. Wie wenig aber gerade dieser „Befähigungsnachweis" die Leser befriedigt, zeigt das große Zeitungssterben im Dritten Reiche seit der vollzogenen Arisierung der Presse. Den „Wiener Neuesten Nachrichten" würde also vermutlich die Germanisierungsmethode Hitlers ebenso wenig helfen, wie ihr die angeblichen „Tarnopoler" Sanierungspläne ihres früheren Chefredakteurs geholfen haben. Mit edlem Blut allein kann man unter Umständen den Orden vom Goldenen Vließ erwerben, aber keine Massenauflage für anregungsbedürftige Zeitungsleser. Ein zweiter Vorwurf der „Wiener Neuesten Nachrichten" behauptet, daß die jüdischen Journalisten die Weltbegebenheiten ausschließlich vom Standpunkte des Judentums betrachten. Nichts ist weniger zutreffend. Gerade die größten Journalisten jüdischen Stammes haben einen viel weiteren Blickwinkel gezeigt. Sonnenfels hat die Abschaffung der Folter durchgesetzt. War dies ein rein jüdisches Interesse? Man frage doch die arischen Insassen der Hitlerschen Konzentrationslager! Ferdinand Lassalle hat sich die Erlösung des Arbeiter- Standes, dem'damals wenig Juden angehörten, zur journalistischen Aufgabe gestellt. Und hätte schließlich Herr Sieghart, der Machthaber beim „Neuen Wiener Tag-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.