Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 6 (9.2.1934)
- Date
- 1934-02-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ME WAHRHEIT Seite 3 Vortrefflich « Voptpefflich-Mazzoth. dm erhältlich. Zwischenlösung. Gedanken eines Unverbesserlichen (Fortsetzung.) ). Der Unterlegene. der vom Sieger Zugeständnisse erwartet, muß selbst zu Zugeständnissen bereit sein. Das deutsche Judentum ist nur eines Zugeständnisses fähig, vermag nur eine Gegenleistung zu bieten, eine einzige zwar, aber eine wichtige: Loyalität auch gegenüber dem neuen Reich, gegenüber der neuen Ordnung der Machtverhältnisse. Dem Einzelnen mag dies als saeriücium animae et intellectus erscheinen, er mag es nicht aufbringen können, er mag allenfalls sein weiteres Leben als nicht mehr lebenswert empfinden und darnach handeln. Eine Gesamtheit von mehr als einer halben Million Menschen hat nicht das Recht zum Selbstmord. Ihrem Willen zum Leben müssen alle berechtigten und verständlichen Gefühle der Empörung und der Vergeltung weichen. Die Neuordnung der Beziehungen zwischen dem neuen Deutschland und dem deutschen Judentum kann freilich nur zu einer Vernunftehe führen. Die Gefühle der deutschen Juden sind zu sehr erniedrigt worden, als daß die seelische Verbundenheit mit der Nation darunter nicht schwersten Schaden hätte leiden müssen. Die seelische Mißhandlung des letzten Jahres kann die gegenwärtige Generation des deutschen Judentums nicht verwinden. Deshalb können zwei Partner doch ein vernunftgemäßes Abkommen ehrlich und nüchtern einhalten. Die Loyalität, die der eine Teil dem anderen verspricht, begreift in sich den Verzicht auf die Anrufung anderer Instanzen und die Mitarbeit bei der Beruhigung der Weltmeinung. Um nicht mißverstanden zu werden: Ich verwahre mich und das deutsche Judentum gegen die Unterstellung, etwa bisher bei der Bildung dieser Wettmeinung durch Verbreitung von unverantwortlichen Gerüchten mitgewirkt zu haben. Aber für die Methoden des neuen Reiches einzutreten, lag weiß Gott keine Veranlassung vor. Wenn der Staatsführung des Dritten_Reiches die Befriedung von einer halben Million Menschen, deren Leid Widerhall in der ganzen sittlichen Welt gefunden hat, wenn ihr die Befriedung der Weltmeinun« zugleich als Befriedung des eigenen Staatslebens erstrebenswert erscheint, dürfte die Ueberwindung ihrer bisherigen intransigenten Haltung möglich erscheinen. Was Ist zu erwarten? Den Traum, in der Gegenwart oder naher Zukunft gleichberechtigter Teilnehmer an der Volksgemeinschaft zu sein, hat das deutsche Judentum ausgeträumt. Seine Wünsche müssen der grundsätzlichen Einstellung des anderen Teils insofern Rechnung tragen, als es sich mit der Versagung -der Gleichberechtigung abfindet. Ungleiches Recht bedeutet aber nicht notwendig geringeres, bedeutet nun anderes Recht. Auf dieser Grundlage lassen sich die Lebensnotwendigkelten des deutschen Judentums, deren Erfüllung zu erstreben ist, umreißen. Hier das Programm: Zum Ersten! Seelische Entgiftung. Der fortgesetzten Besudelung des Judentums muß ein Ende bereitet werden. Mit der mimosenhaften Empfindlichkeit des autoritären Staates gegen die zahmste Kritik kontrastiert die tägliche Feststellung, daß Schweinepriester der neuen Staatsidee ihre geistigen Exkremente unzu erwarten, daß diesem Programmpunkt grundsätzlich kein Widerstand entgegengesetzt wird. Wie jemand sein Haus baut und ausbaut, ist dem Nachbar gleichgültig, so lange seine Kreise nicht gestört werden. Mögen die Juden an Bildungsanstalten, wissenschaftlichen und künstlerischen Instituten errichten, was und so viel sie woüen. Der Staat wird nur darüber wachen, daß auf ihnen Kein staatsfeindlicher und unbotmäßiger Geist hochgezüchtet und daß die Volksgemeinschaft durch „fremdes'* Geistesgut nicht infiziert wird*). Dagegen wird die Frage der kulturellen Autonomie zum Ausgangspunkt schwerster Auseinandersetzungen in den Reihen des Judentums selbst führen. An dieser Frage werden die Geister sich scheiden. Ohne Zweiiel wird ein Teil diese Autonomie in der Richtung jüdisch-nationaler Ideen, zu denen ich mich bei aller Hochachtung vor dem Zionismus nicht zu bekennen vermag, auszugestalten versuchen. Für die Mehrheit, und wiederum glaube ich in ihrem Sinne zu sprechen, hat kulturelle Autonomie einen anderen Inhalt. Sie bedeutet auch nicht Rückkehr ins geistige Ghetto. Die außerordentliche Vielseitigkeit und Beweglichkeit, in der das geistige Leben des deutschen Judentums sich offenbart hat, bürgt dafür, daß die autonome Ausgestaltung dieses Lebens nicht in Einseitigkeit, nicht in Erstarrung führt. Die Entwicklung wird, dies sei den Nationalisten hüben und drüben gesagt, niemals zu der schroffen Antithese Deutsche Kultur — Jüdische Kultur führen. Wie der Neubau des gesamten kulturellen Lebens des deutschen Judentums sich auf deutsches Kulturgut gründet, so werden auch seine künftigen Leistungen das Ergebnis dieser Grundlage sein und eine Bereicherung des deutschen Geisteslebens darstellen. Nicht der neue Geist des Dritten Reiches, aber die besten Ueberlieferungen heute verfemten Gedankengutes werden dadurch Bewahrung und Fortentwicklung finden. So wenig deutsches Geistesleben an geographische Grenzen gebunden ist. so wenig ist es, und diese Beweisführung liegt dem deutschen Judentum ob, an den mystischen Urgrund des Blutes gebunden. Die Vision von der Ausgestaltung eines spezifischen Kulturzweiges taucht vor mir auf, dessen deutsches Element selbst die giftigste und verschmitzteste Dialektik eines Goebbels nicht wird hinwegdisputieren können. Der Einwand, die Schaffung selbständiger jüdischer Bildungsanstalten (und ihre staatliche Subventionierung, die zu erstreben ist) sei durch die Gewährung des Numerus clausus gegenstandslos, kann ernsthaft nicht erhoben werden. Wer den Heroismus aufzubringen vermag, von diesem Gastrecht Gebrauch zu machen, mag als Verbindungsmann zweier Kulturkreise wertvoll sein, zweier Kreise, die sich in noch nicht absehbarer Zukunft vielleicht zu einem einzigen zusammenfügen werden. Zum Vierten: Verankerung der derart geschaffenen Lage in Staats- und völkerrechtlicher Beziehung. Das besagt, daß die Rechtsstellung des deutschen Judentums nicht nur durch Staatsgesetz festgelegt, sondern daß sie auch durch die in diesem Staatsgesetz vorzusehende Anruiung eines überstaatlichen Organs verbürgt werden muß. Auch die Frage des diplomatischen Schutzes wird zu regeln sein. Soweit die vier Programmpunkte. Ich weiß, daß die von mir angedeutete und erstrebte Lösung keine hundertprozentige, keine ideale ist. Ich weiß, daß sie eine Verengerung des wirtschaftlichen und geistigen Lebensraumes bedeutet. Aber nicht darin erblicke ich den größten Mangel, daß etwa in Zukunft der jüdische Richter verschwindet, daß der jüdische Künstler nicht mehr eine hinreichend breite Plattform für seinen Betätigungsdrang findet, daß mancher Beruf sich dem drängenden Streben völlig verschließen wird. Das läßt sich ertragen. Ebenso wie es vor dem Kriege keine jüdischen Reserveoffiziere gab. Ungleich schwerer wiegt, daß das Judentum Gefahr läuft, auf dem Gebiete des Seelenlebens streckenweise zu veröden. So wird ihm die Hochspannung des Patriotismus in der nunmehr zum Stiefvaterland gewordenen Heimat ein unzugänglicher Lebensinhalt sein. Das vermag mich nicht zu beirren. In der Erkenntnis des Werdens und Vergehens menschlicher Leidenschaften und Verirrungen habe ich bewußt einer Zwischenlösung das Wort geredet. Mit gebrochenem Ruder treibt das Schiff, das das Schicksal der deutschen Juden trägt, unbekannten Ufern zu. Die Führung des Schiffes handelte verantwortungslos, wenn sie nicht einen Nothafen anliefe. Ueber die Aufnahme meiner Ausführungen bei Freund und Feind wie über das Ausmaß ihrer Verwirklichungsmöglichkeit gebe ich mich keinen Illusionen hin. Dem Nationaljuden wird der kulturelle Teil meines Programms als „Verrat am eigenen Volkstum" erscheinen, der Anhänger einer „Kampflösung" wird jedem Kompromiß ablehnend gegenüberstehen, beide werden auch unter Hinweis auf die bisherige Haltung des anderen Verhandlungspartners meine Vorschläge als utopische abzutun bereit sein. Ob der Plan einer restlosen Aussiedlung weniger utopisch erscheint? Denen aber, die von Kopf bis Fuß auf Kampf eingestellt sind, sei erwidert, daß die Kräfteverteilung in diesem Kampf mehr als ungleich wäre. Und wer daglaubt, daß es dem deutschen Judentum an Bundesgenossen nicht fehlen würde, verkennt, daß von moralpolitisch e r V e ru r tei I u n g bis zu tätiger Hilfeleistung ein weiter Weg ist. Schon die Idee eines organisierten Weltboykotts würde ganz unabhängig von der Frage seiner Nützlichkeit nach den bisherigen Kostproben Illusion bleiben. So muß denn schweren Herzens der noch so schmale Weg der Verständigung beschritten werden. Erweist er sich als verbaut, bleibt nichts übrig, als den Schiußpunkt unter das Kapitel: Die Juden in Deutschland, zu setzen. Die Erörterung dessen, was dann zu geschehen hat. würde den Rahmen dieser Ausführungen überschreiten. Ich habe keine Lust, mich in Spekulationen zu verlieren, von deren öffentlicher Erörterung im gegenwärtigen Zeitpunkt ich mir mindestens keinen „ Die Verjudang unserer Hochschulen." *) Inzwischen — dieser Aufsatz wurde vor mehreren Monaten geschrieben — hat die hien vertretene uc u.- Auffassung durch die Gründung des jüdischen Kultur- . _ . gestraft ablagern dürfen. Ein Beispiel: „Das jüdische ^I^Ji"^^__________Nutzen verspreche.__________________Ralp_h. Volk ist ein Teufelsvolk. Es ist ein Volk von Verbrechern und Mördern, darum muß das jüdische Volk -.lusjrerottet werden unter der Sonne." („Gleiwitzer Ostfront" vom 9. Juli 1933). Unerträglicher noch ist. wenn die neue Staatsführung selbst in ihren amtlichen Verlautbarungen und sogar in der. Gesetzgebung sich hemmungslos und mit der von ihr gegen Schwächere betätigten Arroganz in einer Weise gegen das Judentum loszieht, die die Absicht der Kränkung verrät. Schon melden sich, vereinzelt erst, Stimmen im nationalsozialistischen Lager, die den Schimmer eines Verständnisses für die seelische Mißhandlung des Judentums verraten, die sich dafür einsetzen, daß mit der Diffamierung des Judentums Schluß gemacht werden müsse. In der Tat: Erste Voraussetzung für ein friedliches Nebeneinander bildet, wie im Leben der Individuen so im Leben der soziologischen Gruppen. Rücksichtnahme, Achtung. Ihre Beobachtung wird der Staat, dem es mit dem Gesetzesschutz ernst ist, gewährleisten müssen. Es genügt nicht der strafrechtliche Schutz gegen alle Aeußerungen beschimpfender Goering-Schätzung des Judentums, sondern es wird der Staat, und dieser Staat besitzt die Macht dazu, durch positive Einwirkung auf die aufgepeitschte Volksmeinung, wenn nicht für ein friedliches Gemeinschaftsleben, so doch für korrekte nachbarliche Beziehungen Sorge tragen müssen. Zum Zweiten: Verwirklichung der wirtschaftlichen Bewegungsfreiheit mindestens in demjenigen Umfang, wie sie den Angehörigen eines ausländischen Kulturstaates eingeräumt ist. Also keine Diskriminierung, kein amtlicher und kein geduldeter privater Boykott oftener oder stiller Art. Der korporative Einbau des deutschen Judentums in den neuen Ständestaat schließlich in irgend einer Form ist notwendige Bedingung für ein gesundes und normales Pulsieren seines Wirtschaftslebens. Die Stimme den Außenseiter, der Zaungäste des Ständestaates, würde ungehört ins Leere «allen, sie würden ausschließlich Objekt der Gesetzgebung werden, würden auf den Abfall vom Tische derer angewiesen bleiben, die im straffen Aufbau ihrer standischen Organisation den Staat und seine Macht selbst verkörpern. Zum Dritten": Kulturelle Autonomie. Es ist *) Siehe Vorbemerkung in unserer letzten Nummer. Unter diesem Titel brachte das .,W i e n e r M o nt a g b 1 a 11" vom 29. v. M., anknüpfend an eine Rede des genügend bekannten Universitätsprofessors Dr. W. Schmidt, statistische Zahlen, die die angebliche Verjudung der österreichischen Hochschulen beweisen sollen. Liest man die Ueberschrift dieses Artikels, so glaubt man annehmen zu müssen, daß es auf der Wiener Universität von Juden nur so wimmelt und daß für andere Hörer kein Platz mehr vorhanden sei. Aber man höre und staune: die „unerträgliche Verjudung der Universität" besteht darin, daß auf der juridischen Fakultät 16 Prozent, auf der philosophischen Fakultät 12 Prozent aller Hörer Juden sind. Nur die medizinische Fakultät ist von Juden etwas stärker belegt und beträgt dort die Zahl der jüdischen Studenten ungefähr ein Drittel der gesamten Hörer. Dabei wird in dem Artikel selbst zugegeben, daß auf den Hochschulen in Graz, Innsbruck und Leoben die Anzahl der studierenden Juden verschwindend klein ist. Unter solchen Umständen von einer „Verjudung" unsere Hochschulen zu sprechen, ist — gelinde gesagt — demagogisch, denn diese Behauptung beruht auf einer glatten Unwahrheit. Das „Wiener Montagblatt" stellt selbst fest, daß der Prozentsatz der in Oesterreich lebenden Juden 7 Prozent der Gesamtbevölkerung beträgt Hätte sich der Artikelschreiber des „Wiener Montagblattes" nicht von demagogischer Absicht leiten lassen, so hätte er bei seiner statistischen Feststellung nicht die Wiener Universität allein als Maßstab annehmen dürfen, sondern er hätte die Gesamtzahl der in Oesterreich Studierenden zu seinen statistischen Vergleichen heranziehen müssen. Dann aber hätte er von einer „Verjudung der Hoch-- schulen" nicht sprechen können, denn er hätte zugeben müssen, daß der Prozentsatz der in Oesrerreich studierenden jüdischen Jugend ungefähr dem gesamtjüdischen Prozentsatz in der Bevölkerung entspricht. Daß die Wiener Universität von der studierenden jüdischen Jugend am stärksten frequentiert wird, hat seine Ursache darin, daß bekanntlich fast die gesamte österreichische Judenschaft in Wien lebt Und das hat wieder seine Ursache darin, daß man die Juden in der Provinz nur schwer leben lälit. Daher ist die Behauptung des „Wiener Montagblattes'", die von einem „übermäßigen Eindringen der Juden in geistige Bernte" spricht, eine bewußte Unwahrheit. Wir können nicht umhin, das „Wiener Montagblatt" auf die Gefahren aufmerksam zu machen, in die es sich durch seine antisemitische Propaganda begibt. Durch Antisemitismus wird es den Nazis nicht einen einzigen Mann wegnehmen und zur Idee des Heimatschutzes bekehren. Vielmehr leistet es durch diese antisemitische Propaganda den Nazis wertvolle Schützenhilfe und legt damit in ihre eigenen Reihen die Bresche, durch welche die Ideen des Nationalsozialismus eindringen können. Die antisemitische Hetzpropaganda ist heute für alle nicht nationalsozialistischen Parteien ein zweischneidiges Schwert Es trifft nicht nur die Juden, es trifft viel schärfer noch die eigene Brust, denn es trägt in die eigenen Reihen Ideen, die es den Nazis leicht machen, Anhänger zu gewinnen. Vom Antisemiten zum überzeugten Hitler-Anhänger ist nur ein ganz, ganz kleiner Schritt. Das mag das „Wiener Montagblatt' sich vor Augen haltea Außerdem müssen wir das „Wiener Montagblatt'" darauf aufmerksam machen, daß es sich durch seinen Antisemitismus in offenen Gegensatz zur faschistischen Idee, die es angeblich vertritt, setzt, denn der Begründer des Faschismus, der italienische Ministerpräsident Mussolini hat wiederholt eindeutig erklärt: „Der Faschismus kennt keinen Antisemitismus.'' Zum Schlüsse sei noch auf eine besondere Infamie des „Wiener Montagblattes" hingewiesen, die angeprangert zu werden verdient. In dem betreffenden Artikel findet es der Artikelschreiber des „Wiener Montagblattes" begreiflich, daß der Beruf eines Bergingenieurs den Juden wenig genehm ist, weil er „mit einigen Gefahren verbunden" ist. Wir fordern das „Wiener Montagblatt" auf, sich in den Bund jüdischer Frontsoldaten zu begeben, der ihm in überzeugender Weise die Tapferkeit, Opferfreudigkeit und Vaterlandstreue des Judentums vor