Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1934-02-09 · Heft 6 (9.2.1934) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 6 (9.2.1934)
Date
1934-02-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064504-3064510--19636-3084794
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

nmasa Seite 2 DIE WAHRHEIT ti Trotz tiefreduzierter Preise Immer nur das Beste MÖBELFABRIK Slgm. Oppenheim II., PRATERSTRASSE SO _ jetzt überhaupt nichts denken, sondern einfach unter der Suggestion automatisch erwachter Komplexe aus ihrer Studentenzeit stehen, in der auf den Hochschulen das Bekenntnis der Hörer zur jüdischen „Nation" ein zionistisches Axiom war. Die Herren übersehen dabei nur, daß sich die für das staatliche Leben grundlegenden Verhältnisse in Oesterreich seit den Tagen ihrer Aktivität bei irgend einer blau-weißen Verbindung umwälzend geändert haben. Damals war Oesterreich ein Nationalitätenstaat, in dem acht oder neun Völker miteinander um die politische Macht rangen. Zu der Zeit bedeutete das Bekenntnis zu einer eigenen jüdischen „Nation" eine Art Neutralitätserklärung in dem Kriege der anderen. Man brauchte diesen Standpunkt nicht zu billigen, aber man konnte ihn verstehen. Heute ist er unverständlich. Denn das jetzige Oesterreich ist ein national einheitlicher Staat und jede Regierungsenunziation betont den hohen Wert, den die Staatslenker diesem Umstand beimessen. Ein freiwilliger Selbstausschluß aus der Kulturgemeinschaft, auf deren Einheitlichkeit die neue Verfassung aufgebaut werden soll, bedeutet daher keine diplomatische Neutralitätserklärung, sondern eine sehr undiplomatische Provokation. Und wer den so heraufbeschworenen Kampf verlieren muß, ist angesichts des politischen Kräfteverhältnisses zwischen den Verfechtern der nationalen Einheitlichkeit Oesterreichs und den Störenfrieden dieser teuer genug erkauften Homogenität nicht zweifelhaft. Den Antisemiten wäre ein solcher Kampf, dessen Kriegsentschädigung allen Juden — nicht bloß den jüdischnationalen — aufgelastet würde, gar nicht unwillkommen. Darf es aber das Ziel jüdischer Politik sein, den Wünschen der Judenfeinde entgegenzukommen? Dieses selbstmörderische Entgegenkommen ist jedoch charakteristisch für die ganze jüdischnationale Taktik. Die Antisemiten sagen, wir Juden seien keine Deutschen, ergo müssen wir uns gehorsam als eigene „Nation" konstituieren. Die Jüdischniarionalen überhören aber, daß die Judenfeinde bereits viel weiter halten: Sie leugnen auch schon unser Menschentum. Die Antisemiten wollen uns das Recht abstreiten, zu den allgemeinen Angelegenheiten in Staat und Gesellschaft Stellung zu nehmen. Bereitwilligst übernahmen die jüdischnationalen Blätter die absurde These, daß wir Juden uns nur noch um unsere eigenen Angelegenheiten kümmern sollen. Mit Verlaub: Wo gibt es, abgesehen vom jüdisch-- nationalen Berufspolitikertum, ein Sondergebiet im staatlichen, sozialen und wirtschaftlichen Leben, auf dem die jüdischen Interessen nicht mit denen der Allgemeinheit zusammenfielen? Vielleicht existieren in ein paar Gäßchen der Leopoldstadt einige Geschäftsläden, die ausschließlich den Bedarf jüdischer Kunden decken. Sind deshalb die -jüdischen Besitzer dieser Läden von der allgemeinen Wirtschaftskonjunktur unberührt? Haben sie etwa kein Interesse an der österreichischen Zollpolitik? Und sollen sie darauf verzichten, mit allen legalen Mitteln, die jedem Staatsbürger eingeräumt sind, dieses Interesse zur Geltung zu bringen, weil es keine spezifisch jüdische Sache betrifft? Wer diese unsinnige Forderung erhebt, gleicht dem Schiffspassagier aus der Anekdote, der auf die Meldung, daß das Schiff leck geworden sei, seinen von Panik ergriffenen Kajütengefährten fragt: „Was regen Sie sich so auf? Ist es Ihr Schiff?" Jüdischnationale und Antisemiten können nicht verhindern, daß wir Juden uns mit dem Schicksal des Schiffes, auf dem wir leben, in Glück und Unglück verbunden fühlen und mit demselben Rechte wie die anderen Fahrtgenossen von dem Gefühl beseelt werden: „Es ist u n s e r Schiff!" Dafür, daß wir trotz voller Bezahlung des Kajütenpreises nicht zur unerfreulichen Rolle rechtloser Zwischendeckpassagiere erniedrigt werden, müssen wir durch einen vernünftige Politik sorgen: Durch eine Politik, die nicht das Trennende hervorhebt, das uns von unseren Mitbürgern anderer Konfession scheidet, sondern das Einigende, das aus dem Boden gesunder Interessensolidarität die schöne Frucht der Liebe und des Bürgerfriedens sprießen läßt. ftfton jetzt vormerken. daß Sie Ihren Bedarf an Mazzoth, Grieß und Farwel auch heuer wieder einzudecken haben bei Jlathan (ßrodetzky £tn Versutfi wird lie fifieiweugen? Erzeugt aus feinstem Mehl unter streng orthodoxer Aufsidit Sr. Ehrwürden Herrn Oberrabbiner Babad Zentrale: Wien, 2. äüesirß, Xcopofdsgosse %3 Telephone: A 46-1-yO, A 48-4-48, A 60-2-63 Die ftfkmidl-ytlaxxotth und das Fabrikat ..Jltmike StfkmtdfJZ. d3." (Mazzoth, Grieß und Farwel) sind außerdem erhältlich in allen besseren Geschäften MI Juden Amerikas, reiset nach Österreich! Interview mit dem Direkfordes,Ame* rican Jewish Commiff.ee', Mor* ris D. Waldmann Originalbericht für „Die Wahrheit' von unserem langjährigen Mitarbeiter, dem früheren Syndikus des Centraivereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in Berlin, Artur Schweriner, zur Zeit in New York. New York, Ende Jänner 1934. Für die amerikanischen Juden, die sich eine Erholungsreise nacli Europa leisten können, beginnt Ende Februar die Reisesaison. Unser New Yorker Korrespondent Arthur Schweriner, unseren Lesern wohlbekannt, der im Herbst vorigen Jahres bereits die Pariser Juden auf die Notwendigkeit hingewiesen hatte, nach Oesterreich zu Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern fahren und in unserem Blatt und im Pariser „L'Univers". einen viel beachteten Aufsatz zur Unterstützung dieser Agitation veröffentlicht hatte, nahm nunmehr Gelegenheit, mit dem leitenden Direktor der großen amerikanisch-jüdischen Organisation mit dem Hauptsitz in New York, Herrn Morris D. Waldmann, eine Aussprache über die Frage zu pflegen: „Ist es möglich und in welchem Umfange wäre es möglich, die amerikanischen Juden zu veranlassen, in dieser Saison ihre Erholung in dem schönen Oesterreich zu suchen, dadurch das Angenehme mit dem Nützlichen verbindend: durch den Aufenthalt in diesem an Naturschönheiten überreichen Lande dem Bestreben der deutschen Regierung Hitlers entgegenzuarbeiten, alle Touristen von Oesterreich so lange fernzuhalten, bis es bedingungslos vor dem Nationalsozialismus kapituliert hat?" Herr Direktor W a 1 d m a n n war nicht überrascht, daß ich zu ihm mit dieser überaus wichtigen Angelegenheit kam. Diese Gedanken, sagte er, seien ihm in den letzten Tagen wiederholt durch den Kopf gegangen. Er habe, wo er bisher dazu Gelegenheit hatte, befreundete und bekannte amerikanische Juden dazu veranlaßt, auf ihren Europareisen zum mindesten einen Teil ihres Aufenthaltes in Oesterreich zu verbringen. „Es hat nicht etwa großer Ueberzeugungskunst bedurft, die Amerikaner, und zwar nicht nur die Juden in Amerika, zu dieser Erholungsfahrt nach Oesterreich zu veranlassen. Man fährt heute lieber in d i e Gegenden, die nicht im Bereiche des hakenkreuzlerischen Hitler-Landes liegen, wenn man in deutschen Landen Erholung suchen will." Mit besonderer Betonung wies Herr Direktor Waldmann darauf hin, daß es sich in diesem Falle um keinen irgendwie nach außen hin getarnten Boykott handelt und daß auch die Vorliebe der Amerikaner, ob Juden oder Christen, nach Oesterreich zu reisen und nicht nach Deutschland, nicht etwa eine Folge der sogenannten Greuelpropaganda ist — nein, es handle sich hier um einen rein menschlich natürlichen Vorgang. Direktor W a 1 d m a n n sieht mich mit seinen klugen, gutmütigen Augen an und sagt lächelnd: „Was in diesen Menschen vorgeht, möchte ich Ihnen an einem ganz einfachen kleinen Beispiel klar machen: In einer Stadt wohnen zwei Schuhmacher, die beide tüchtige Handwerker sind. Nun höre ich durch einen Freund, daß einer dieser beiden wiederholt vor Gericht gestanden hat, weil er seine Frau und seine Kinder mißhandelt. Ist es da ein Wunder, daß ich mir ganz unwillkürlich, ohne jede Absicht und ohne jedes Nachdenken, vornehme, zu diesem Schuhmacher mein Geld nicht mehr zu tragen und es dem anderen zukommen zu lassen, dessen menschliche Qualitäten mir sympathischer sind?" Ich frage Herrn Direktor Waldmann: „Wie stehen Sie denn überhaupt zu der Frage des Boykotts und der sogenannten Greuelpropaganda? Können Sie mir von dieser Stelle aus vielleicht etwas über Ursache und Wirkung in dieser Frage sagen?" „Obwohl das American Jewish Committee und ich einen offiziellen Boykott oder ähnliche Strafmaßnahmen gegen das deutsche Volk nicht gebilligt haben, ist es klar für mich, was auch bei vielen anderen der Fall ist, daß die Unlust eines Teiles Amerikaner, Waren von Deutschland zubeziehen, einem spontanen Impulse entspringt. Das ist der natürliche Protest eines Teiles eines demokratischen Volkes gegen den Angriff auf die fundamentalen Grundsätze des Rechtszustandes im deutschen Volke. Diese Boykottneigung kann nicht damit zurückgewiesen werden, daß man sie als auf Lügen und Propaganda begründet hinstellt, denn in Wirklichkeit beruht sie nicht auf Zeitungs¬ oder anderen Berichten, sondern auf gesetzlichen antisemitischen Maßnahmen, welche im Ausland allgemein bekannt sind und die besondere Ablehnung der Amerikaner hervorrufen. Weil ihnen die Wahrheit vorenthalten wird, wissen die Deutschen wahrscheinlich nicht, wie stark dieses Empfinden in Amerika unter dem Banner der freien Rede und des freien Vereinigungsrechtes entwickelt ist." Auf den Ausgangspunkt der Unterhaltung zurückkommend, hatte Direktor Wald mann eine direkte Bitte an die Adresse des schönen österreichischen Landes: „Leider sind die Amerikaner, die heute Oesterreich besuchen wollen, in diesem Willen dadurch ein wenig gehandikapt, daß sie fürchten, in Oesterreich ins politische „Gedränge" zu kommen. Die Amerikaner wünschen und hoffen, daß sich die österreichische Regierung gegen Hitler durchsetzen wird, daß sie in allerkürzester Frist die Hitler-Umtriebe von Grund aus unterbunden und dafür gesorgt hat, daß die Ruhe der Fremden bei ihren Reisen durch Oesterreich nicht im geringsten gestört werden kann." Ich verabschiedete mich: „In dieser. Hinsicht ist schon heute nichts zu fürchten. Gastfreundschaft ist den Oesterreichern anerzogen."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.