Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 5 (2.2.1934)
- Date
- 1934-02-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Dffi WAHRHEIT Lebenskosten in Palästina. 1 Bei dem recht großen Interesse, welches jetzt Palästina als Einwanderungsland besitzt, ist es gewiß wichtig zu wissen, wie sich dort die Lebensmöglich- Keiten für den Einzelnen gestalten. Trotz der er- Schwerten Einreise-Erlaubnis findet speziell der manuelle Arbeiter — äst er erst drüben — noch immer genügend Arbeit, und da das Land reichlich Naturprodukte Äervoibringt, kostet die Nahrung nicht viel. Teuer fjst vor allem die erste und primitivste Lebensnotwendigkeit, „das Dach über dem Haupte'* im wahren Sinne des Wortes. Was wir unter möbliertem Zimmer verstehen, kennt man dort fast gar nicht. Der Raum — ist man so glücklich, ihn gefunden zu haben — muß vom Mieter mit den notwendigsten Einrichtungsstücken versehen werden; siwei bis drei englische Pfund pro Monat s'nd selbst in Haifa, das noch nicht so überfüllt ist wie Jerusalem und Tel-Aviv, für ein leeres Zimmer gebräuchlich, nach unserem Geld 60 bis 90 Schilling. Die organisierten Arbeiter werden von ihren Organisationen instruiert; letztere haben eine Gehaltsskala aufgestellt, die als die Basis für einen gehobenen Arbeiter angesehen werden kann. Sie rechnet für einen einzelnen Menschen mit 1*A Pfund, wobei gegen 2 Pfund für ein Zimmer, 2% Pfund für Verpflegung und der Rest für Kleidung, Zeitungen, Nebenausgaben zu rechnen ist. Für eine Familie von 4 Köpfen stellen sich die Unterhaltskosten auf zirka 15 Pfund, wobei gegen 3—4 Pfund auf Wohnung entfallen, gegen 7—8 Pfund auf Essen, der Rest auf Schulgeld. Kleidung, Nebenausgaben usw. Der Arbeiter in der Fabrik muß in den meisten Fällen für seine Familie mit 8 Pfund auszukommen suchen und der ungelernte Arbeiter in einer Kolonie rechnet mit nicht mehr als durchschnittlich 5 bis 6 Pfund im Monat als Verdienst. Einwohner, die höheren Lebensstandard gewohnt sind, müssen mit anderen Summen rechnen. Vor allem herrscht große Nachfrage nach Kleinwohnungen; für eine solche Dreizimmerwohnung müssen mindestens 6—7 Pfund ins Budget eingestellt werden; Nahrung erfordert etwa 2H—3 Pfund pro Kopf; Steuern. Beleuchtung. Beheizung. Nebenausgaben. Kleidung, Schulen u. dgl. gegen 2—3 Pfund. Kann die Familie nicht ohne häusliche Hilfe auskommen, so bedeutet dies natürlich eine große Belastung; 2)4 bis 3 Pfund sind ortsüblicher Monatslohn, wozu noch die Verpflegung kommt; auch schlafen die Dienstmädchen selten im Hause, was bei den beschränkten Wohnungen allerdings wieder eine Erleichterung bedeutet Um Haifa hat sich schon eine ganze Villenkolonie gebildet, die täglich wächst; bei dem vorhandenen Material und der billigen Arbeitskraft stellt sich der Bau eines Häuschens nicht hoch, so daß hiedurch die Wohnungsnot bald gemildert werden wird. Eingeführte Industrieartikel sind natürlich noch sehr teuer, aber bei dem Tempo, in welchem Fabriken aus dem Boden wachsen, wird auch dieser Mangel bald behoben sein. Neben Hebräisch und Englisch, den Landessprachen, wird viel Deutsch gesprochen — kein Wunder bei der recht starken Invasion vieler bester Deutschen, die in Palästina eine neue Heimat suchen und hoffentlich auch finden werden. Sidonie Rosenberg. Aus alter Weit Rom. Papst Pius XI. sandte dem Verleger der Cod'ces hebraici Bybliotbecae Ambrosianae. Leo S. Olschki. Florenz, sein Porträt mit eigenhändiger Widmung. - Washington. Präsident Roostvellt empfing Professor Albert Einstein und seine Gattin Elsa. Präsident Roosevelt unterhielt sich, mit Einstein eingehend über dessen Forschungen. Zum Schluß lud Präsident Roosevelt Einstein und Frau Einstein ein. als seine Gäste im Weißen Haus zu wohnen. Das Ehepaar Einstein nahm die Einladung an. Die Auszeichnung des in seinem egenen Vaterlande verfemten großen Gelehrten durch den Präsidenten der Vereinigten Staaten hat überall, besonders auch in den diplomatischen Kreisen, einen tiefen Eindruck gemacht. Zagreb. Vor seiner Abreise aus Zagreb, wo er unter großer Begeisterung der Bevölkerung ungefähr einen Monat verbracht hatte, hat der jugoslawische König Alexander eine Deputation, bestehend aus den Herren Dr. Markom Bauer. Dr. Marko Horn und dem Dr. Hugo Kohn empfangen, die ihm ein Diplom überreichten, das anläßlich der Aufforstung des verewigten König Peter, ausgestellt wurde. Dieser Hügels Gimega-su in Paläst'na, zum Andenken an den Wald, aus 12.000 Bäumen bestehend, wurde in den Jahren 1927—1930 angebaut Das Diplom ist ein Werk der jüdischen Kunst-Akademie in Jerusalem. Es befindet sich in einem silbernen Etui, einer künstlerischen Handarbeit für sich. Auf der Außenseite sieht man auf einer Elfenbeinplatte die geographische Karte Palästinas. Jerusalem ist durch einen Rubin, der Wald selbst durch einen großen grünen Smaragd gekennzeichnet Den Deckel bildet eine Krone aus Silber. Das Ganze ist in einer Schatulle aus Ebanos aufbewahrt. In dem Diplom, das auf Pergament ausgestellt ist befindet sich, neben zwölf symbolischen Bildern, die zwölf jüdischen Stämme, darstellend die folgende Aufschrift: „Die Juden Jugoslawiens sfften zum Andenken an den weiland König Peter, den Befreier, den Wald auf dem Boden des Keren Kayemeth Leizrael im Tale Jezreel." Warschau. Das Warschauer Kr ei sge rieht hat den 19jährigen Studenten Stanislaw Wlaczak zu sieben Tagen Arrest verurteilt weil er bei einer Kundgebung „Nieder mit den Juden!" rief. Frankfurt a. M. Der bekannte Frankfurter. Rechtsanwalt Justizrat Dr. Alexander Dietz ist dieser Tage im Alter von 69 Jahren gestorben. Selbst Ni chtjude. ist-Dr. Dietz der bedeutendste Biograph der Frankfurter Juden gewesen. Ursprünglich ein Schüler des berühmten jüdischen Religionsphilosophen und Kant-Forschers Heimann Cohen, wandte er sich neben seinen Berufspflichten als Anwalt der Familienforsebung zu und ist besonders durch das von ihm 1907 herausgegebene „Stammbuch der Frankfurter Juden. Geschichtliche Mitteilungen über die Frankfurter Famiren von 1349—1849" bekannt geworden. Dieses „Stammbuch" beweist, daß unter den Frankfurter Juden, deren Familien oftmals sogar bis 1316 zurückverfolgt werden können, nicht nur verhältnismäß'g, sondern auch absolut mehr alte Familien existieren als unter der ganzen übrigen Bevölkerung der Stadt New York. Wie dem Bericht des iüd'schen Verbandes für soziale Hilfe zu entnehmen ist ist die jüdische Kriminalität in New York im Verlauf der letzten zehn Jahre um 50 Prozent gesunken. Während 1921 Juden unter der Gesamtzahl der Kriminellen noch mit 14 Prozent vertreten waren, macht dieser Prozentsatz für 1933 nun noch 7,1 Prozent aus. Während 1921 331 jüdische Verbrecher von New Yorker Gerichten abgeurteilt wurden, war ihre Zahl im Jahre 1930 bloß 197. Der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung New Yorks beträgt bekanntlich etwa 30 Prozent Gemeinde - Chronik Das Budget der Wiener Kultusgemeinde ist diesmal bereits nach einer Beratung, die nur zwei Abende umfaßte, verabschiedet worden; von einer Spezialdebatte wurde auf Antrag des Misrachisten Dr. Rosenberg Abstand genommen, der Vonanschlag gelangte zur einstimmigen Annahme. In der Generaldebatte sprachen die Redner aller Parteien des Kultusvorstandes, besonders auffallend waren die Ausführungen der beide poale-zionisrischeni Vertreter, Mendel Singer und Dr. Rudolf G l a n z, die zwar Vorwürfe gegen die zionistische Führung der Gemeinde erhoben, aber keine Erklärung abgaben, wie sie sich zum Budget verhalten. Erst knapp vor der Abstimmung erklärte Dr. Glanz, daß seine Gruppe ..schweren Herzens" für das Budget stimme. Die Einigkeit bei der angeblichen zionistischen Majorität ist also, wie man sieht, keine so eklatante, daß diese Majorität auf ihre „Mehrheit" besonders stolz sein könnte. „FAHJjLJ j§M££HMTZ<f .... Gemeinnützige Vereinigung für Familienfürsorge Wen II.. Aspernbrückenoasse 2 _Tel. R 43-500 Dtuch Monat sbeiträge von S 1 bis 10 kann man bei uns sicherstellen: Studienbeiträge für Tochter und Söhne Ausataltungsbeiträge für Töchter Vorsorge für das Alter und für die Hinterbliebenen Unsere Vorteile: 1. Geringe Beiträge. 2. Hohe Versicherungssummen. i. Keine Wartezeit, daher sofortige Wirksamkeit. 4. Volle Garantie der Lebensversicherungsgesellschaft „Phönix". 5. Keine Nebengebühren. 6. Keine ärztliche Untersuchung. 7. Unverfallbarkeit nach zweijähriger Beitragszahlung. 8. Keine Aufnahmegebühr. Oer „FAMILIENSCHÜTZ" wird von der Wiener Knltoagcmeinde befürwortet Die Erweiterung des israelitischen Jugendgottesdienstes. Schon vor einigen Jahren ist in der „Wahrheit" der Wunsch nach einer Erweiterung des Jugendgottesdienstes ausgesprochen worden. In den letzten Wochen gelang es den unermüdlichen Bestrebungen des Verbandes israelitischer Religionslehrer an den Mittelschulen (Obmann Prof. Dr. Papo) und des Schulamtes der israelitischen Kultusgemeinde (Insp. O eh ler). den oft gewünschten Gottesdienst für die reife Jugend erfolgreich ins Leben zu rufen. Am Freitag, den 21. v. M-. 6 Uhr abends, bot der TempeJ än der Seitenstetlengasse ein ungewöhnliches Bild, Jüdische studierende Jugend füllte ihn bis auf das letzte Plätzchen. Oberrabbiner Dri Feuchft'wiang rächtetle sehr ernste Worte in unserer ernsten Zeit an die jüdische Jugend, die von allen verstanden und begeistert aufgenommen wurden. Daß das Judentum trotz der feigen Lügen des Alltags eine hohe strahlende Welt voll heroischer Sittlichkeit ist, deren Symbol der Berg Sinai ist, haben alle, jung und alt, begriffen. Am Samstag, den 27. Jänner, wurde im LesJpoJdstädter Tempel; ein zweiter Versuch einer Erweiterung unternommen. Ein Gottesdienst für die jüdische Jugend an den Untermittelschulen wurde um JS5 Uhr, nachdem der erste Gottesdienst für die Volks- und Hauptschüler vollendet war, gesondert abgehalten. 300 Kinder erschienen und lauschten mit Andacht den Worten des Professors Papo, der sehr schön zu seinen eigenen Schülerinnen und zu den vielen anderen kleinen Besuchern sprach. Für die Erwachsenen bedeutet ein solcher Jugendgottesdienst eine Auffrischung unserer kuaturell erschlafften Nerven und unserer leider nur konventjonell gewordenen Religiosität. Der Anbldck dieser tapferen jüdischen Jugend, die ohne jeden Zwang, so gerne, so begeistert in den STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III.. Rennweg 112, Tel. U '5-0-52 <i RABSTEINLAGER: Zentraffriedhof, 3. Tor, Tel. LMO-4-53 Tempel eilt, bringt uns in den Nöten unserer traurigen Zeit stets neue Gesundung und Heilung. Diese erfreuliche Erweiterung des Jugendgottesdienstes ist eine der schönsten und wirkungsreichsten Taten des Kultusvorstandes und des Verbandes israelitischer Religionslehrer an den Mittelschulen. Spectator. Theodor Lassner — 50 Jahre. In diesen Tagen wird Kommerzialrat Theodor Lassner, ein aufrechter Mann, der immer stolz für sein Judentum eintritt, 50 Jahre. Für einen Mann wie ihn, der noch lange nicht die für ilin bestimmte Stufenleiter des Erfolges gänzlch erklommen hat, der rastlos für seinen Beruf und seine vielseitigen karitativen Interessen arbeitet, ist dies sicherlich noch kein Zeitpunkt, um rückschauend auf seinen Lorbeeren auszuruhen. Kommerzialrat Theodor Lassner stammt aus einer alten Wiener jüdischen Familie, die sich hier bereits auf etwa 150 Jahre zurückverfolgen läßt. Vor mehr als 25 Jahren trat er nach Beendigung seiner Studien in die Dienste der damals bestandenen chemischen Sektion der Länderbank, von wo er nach Kriegsende in die Direktion der Aktiengesellschaft für Chemische Industrie in Wien berufen wurde, der er heute als leitender Direktor angehört. Sowohl durch den Scheidemandl-Konzern in Berlin, dem die Aktiengesellschaft für Chemische Industrie angeschlossen ist, als insbesondere durch die internationalen Vereinbarungen der knochenverarbeitenden Industrie hat der Name Direktor Lassners auch im weiteren Auslande einen guten Klang. Seit Jahren steht Direktor Lassner, dessen, gutes Herz beinahe sprichwörtlich ist, an der Spitze verschiedene!1 Wiener jüdischer Wohltätigkeitsanstalten. So ist er Präsident der Heimstätte für verlassene jüdische Kinder, die anläßlich seines Geburtstages für immerwährende Zeiten den Namen „Theodor Lassner-Heim" erhielt, Mitglied des. Kuratoriums der Baronin Springer-Stiftung, der Israelitisch-Theologischen Lehranstalt und in der Fürsorge für verschiedene Institutionen der israelitischen Kultusgemeinde tätig. Für seine wirklich zahllosen Freunde ist der 50. Geburtstag ein willkommener Anlaß, seiner Verdienste, seiner steten Hilfsbereitschaft, seiner klugen Ratschläge zu gedenken, und sind zur Geburtstagsfeier dem Jubilar ganz besondere Ehrungen zugedacht Auch die Redaktion der „Wahrheit", deren langjähriger Gönner Kommerzialrat Direktor Lassner ist, schließt sich freudig den Gratulanten mit den herzlichsten Wünschen für ein weiteres gleich erspießliches Wirken an. Der Betftausverefa „Chewna Beth Hatüfah" K., Müllnergasse, hielt am Montag, den 22. d. M. ' seine 66. ordentliche Generalversammlung ab. Sie war recht gut besucht, u. a. waren in Vertretung der Kultusgemeinde Herr Dr. Josef Tic ho. der Obmann der Organisation der Wiener Tempelvereine Dr Leo Landau, Vertreter des Tempelvereines IV/V und des Betbausvereines „Ohel Awrohom", IX.. Grünentorgasse und Chefredakteur Oskar Hirschfeld erschienen. Die Generalversammlung wurde von Obmannstellvertreter Hofrat Dr. S. Frankfurter geleitet, der die Erschienenen herzlichst begrüßte, namentlich Herrn Dr. Josef Ticho, den er als guten Freund des Tempels bezeichnete. Der Vorsitzende gedachte hierauf der im Vereinsjahre Verblichenen, insbesondere des Vorstandsmitgliedes Herrn David Lessing, der seine Liebe zum Gotteshause durch wiederholte hochherzige Spenden für dasselbe bew:es. Aus dem Berichte, den Herr Mar Eisner zum Vortrage brachte, Ist folgendes beachtenswert: Zu seinem größten Bedauern mußte der Vereinsvorstand die vor einiger Zeit erfolgte Demission seines langjährigen verdienstvollen Obmannes, Herrn Börserat I. Glück zur Kenntnis nehmen, dem für seine eifrige Täfgkeit im Interesse des Tempelvereines der herzlichste Dank bekundet wurde. Der Vereinsrabbiner Dr. A. Z. Schwarz wurde kürzlich zum Währinger Gemeinderabbiner bestellt, welche ehrenvolle Berufung für den Müllnertempel Insofern* eine Benachteiligung bedeutet als Dr. Schwarz nun nur jeden zweiten Freitag und Samstag dem Tempel zur Verfügung stehen kann. Dje Auswechslung des Damenchors gegen einen Knabenchor hat sich durchaus bewährt. In finanzieller Hinsicht macht der Verein die gleiche schwere Krise durch, unter der alle Wiener Tempelvereine leiden und die eine Fortführung des schönen Werkes nur bei angestrengtester Opferwill:gkeit aller Mitglieder und Freunde ermöglicht Unter solchen schwierigen Verhältnissen ist die allseits kon-