Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 5 (2.2.1934)
- Date
- 1934-02-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Am schlimmsten sind die J u d e n daran. Die aus allen Berufen hinausgedrängten Erwachsenen braucht man nicht erst einzusperren, um ihnen das Leben zur Oual zu machen. Und den jüdischen Kindern bringt schon der bloße Schulbesuch alle seelischen und physischen Martern, die in Rechtsstaaten das Kriminal den Schwerverbrechern vorbehält. Angesichts dieser traurigen Tatsachen ist die Behauptung des Herrn Papen, die Rassenpolitik des „Dritten Reiches" sei ein von Haß und Rachsucht freier Selbstschutz der Deutschblütigkeit, die reinste Blasphemie. Wenn schon der deutsche Rassenselbstschutz die Parole „Juden hinaus!" für erforderlich hält, warum läßt er die Juden, die dieser Losung gehorchen, von gedungenen Mördern verfolgen, wie den politisch gewiß harmlos gewesenen Professor Lessing, der in Marienbad erschossen wurde? Und warum bestellt er gegen jene Juden, die willig das Schlagwort „Juden nach Palästina!" akzeptierten, bei den Arabern für teures Geld Pogrome und Demonstrationen? Ist dies nicht Haß? Und ist es nicht Rachsucht, wenn jüdischen Schriftstellern, deren Werke verbrannt und deren Vermögen eingezogen wurden, jetzt auch noch Steuersteckbriefe nachgeschickt .werden, was allerdings mehr Heiterkeit als Schrecken hervorruft? Der verunglückte Reinwaschungsversuch Papens hat dem Nationalsozialismus einen schlechten Dienst erwiesen. Denn er bemakelte ganz überflüssigerweise mit dem Moment der Unaufrichtigkeit und Unehrlichkeit auch noch die Hitlersche Judenpolitik, obwohl diese das einzige Gebiet darstellt, auf dem der Osaf seine Versprechungen und Verheißungen aufrichtig und ehrlich erfüllt hat. Das schöne Lied aus der Oppositionszeit: „Siegreich wollen wir Frankreich schlagen!" hat der Reichskanzler Hitler durch einen formellen Verzicht auf Elsaß-Lothringen desavouiert. Die nach dem Osten gerichteten Expansionspläne der Deutsch-Völkischen haben jetzt durch den Nichtangriffspakt mit Polen bei gleichzeitigem Verzicht Deutschlands auf den früher heftig umstrittenen polnischen Korridor einen paradoxen Ausklang gefunden. Und so wie die nationale ist die soziale Politik des Nationalsozialismus alles. schuldig geblieben, was er versprochen hatte. Nur auf dem Gebiet des Antisemitismus hat er nicht bloß Wort gehalten, sondern sogar die Erwartungen übertroffen. Sein Eifer, die Juden zu entrechten, war so groß, daß er, um sich richtig austoben zu können, mit dem kleinen Prozentsatz der faktisch in Deutschland vorhandenen Juden nicht sein Auslangen fand und sich daher an eigens hiefür „ernannte" Juden halten mußte . . . Die Leute, die alles Heil vom Kampfe gegen die Juden erwarten, können also zufrieden sein. Werden sie zufrieden sein? Der Antisemitismus der Tat hat unter Hitler einen nicht mehr zu überbietenden Höhepunkt erreicht. So entsetzlich dies für die Gegenwart ist, so trostreiche Aspekte eröffnet es für die Zukunft. Denn es ist klar, daß von erreichten Gipfeln aus jeder weitere Schritt nicht mehr aufwärts, sondern nur noch abwärts führen kann. Und es ist nicht zu verkennen, daß die Hitlersche Ueberspannung des Judenhasses schon den Antrieb zur Umkehr auslöste. Der Versuch, mit der Emanzipation des Christentums von der vielverlästerten Judenbibel ernst zu machen, hat zu einer unerwarteten Ehrenrettung des Alten Testaments und des Judentums geführt. Es ist kaum anzunehmen, daß ein Erzbischof von München sich ohne die nationalsozialistischen Entgleisungen auf dem Gebiet der Religion zu seiner sensationellen Gloriiikaticfi des jüdischen Sittengesetzes bewogen gefül#lt hätte. Auch in der evangelischen Kirche ist der Vorstoß gegen die Judenbibel auf überraschenden Widerstand gestoßen. Und wenn Hitlers Reichsbischof auch momentan diese unangenehme Tatsache durch diktatorische Maßregeln äußerlich unwirksam zu machen sucht, so darf er sich doch über die innere Wandlung, die sich da vorbereitet, keiner Täuschung hingeben. Es bedeutet schon viel, wenn die Leute über Vorurteile, die sie bisher gedankenlos nachzusprechen pflegten, nachzudenken, sie vom anderen Ufer aus zu betrachten beginnen. In solcher Situation hat schon einmal •einer, der auszog, um Israel zu fluchen, seine Mission mit einem Segen beendet. Hitler selbst ist ■wahrscheinlich kein bekehrbarer Gibeon. Aber schon die Möglichkeit, daß es seine weltgeschichtliche Mission ist, die Gibeons auf den Plan zu rufen, die den Judenhaß in sein Gegenteil verwandeln, birgt unendlich Trostreiches in sich. Die ganze jüdische Geschichte ist ja ein Ringen mit jener mephistophelischen Kraft, „die stets das Böse will und stets das Gute schafft". Noch scheint das Gute weit, der böse Wille tonangebend. Noch ist es zu früh, Purim zu feiern, aber vielleicht ist das Ungemach dieser Tage, symbolisch ausgelegt, schon das Fasten Esthers. Es ist dies jedenfalls die hoffnungsfreudigste Deutung der Tragödie, die den Namen trägt: Ein Jahr „Drittes Reich". Pathetik der Gewalt: „Ich danke Gott dafür, daß ich nicht weiß, was objektiv ist" „Das Wort Pazifismus ist aus dem Wörterbuch der deutschen Sprache gestrichen." „Wenn wir sterben, wird man von uns sagen können: sie sind zwar rauh, mitunter rücksichtslos, aber sie sind gute Deutsche gewesen." Ach nein! Frevler am Geiste, der Menschheit und Menschlichkeit und gute Deutsche? Diese Erkenntnis entspringt der Froschperspektive eines Gefreiten und eines nichts als Gefreiten. Nicht der des Staatsmannes, der die Weite des räumlichen und zeitlichen Horizonts erfaßt. Erbärmlich der Kampf und seine Methoden, in den Millionen sich gegen eine winzige Minderheit haben hetzen lassen. Das ist der grundlegende Unterschied in der Zielsetzung des Kampfes gegen den widerspenstigen „Volksgenossen" und des Kreuzzuges gegen den „Artfremden". Jener soll, wenn nicht anders, so durch alle Mittel einer modernen Folter, in die neue Volksgemeinschaft hineingezwungen, dieser aus ihr verbannt werden. Das Echo der Welt auf solchen Kampf: Entrüstung, Verachtung, Ablehnung. Diese Antwort kann nicht überhört werden, sie wird auch nicht überhört Die Replik heult auf. Offiziell und offiziös wird geredet geschrieben, gerundfunkt: Keinem Juden wird ein Haar gekrümmt. Wer sich loyal verhält, dessen Leben, dessen Eigentum genießt den vollen Schutz der Gesetze. Der Kampf, den das deutsche Volk führt, bezweckt nur die Zurückführung des Judentums auf diejenige Bedeutung und Stellung, auf die es nach seinem ziffernmäßigen Anteil an Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Emp£etoungen vpn in- und ausländischen: Hausbesitzern der Gesamtbevölkerung Anspruch hat. Glaubt man mit Wortschwaden gesunde Hirne einnebeln zu können? Laßt Tatsachen sprechen! Ausschluß aus den Organisationen der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Kunst, der Presse, des Sports, Entfernung aus dem Beamtenkörper, den freien Berufen, selbst aus der Gemeinschaft der Unglücklichen. (Einführung des Arierparagraphen bei den Blinden- und Taubstummenvereinen!) So lächerlich manche Einzelheiten anmuten, wie aie Gleichschaltung der Tanzlehrer und der Schrebergärtner, so schält sich mit wachsender Klarheit der einheitliche Gedanke heraus, den Boden für den blutmäßig aufgebauten Ständestaat vorzubereiten. Der Ausschluß eines Teiles der Bevölkerung aus den Organen des Ständestaats bedeutet ihre Vernichtung, bedeutet ihren wirtschaftlichen und bürgerlichen Tod. Das vornehmste Ziel neudeutscher Politik! Jüdische Greuelmärchen? Beweist nicht die-Belassung von Tausenden als Beamte, Kassenärzte. Anwälte, beweist nicht die ^.Großzügigkeit" bei der Einführung des Numerus clausus für Hochschüler das Gegenteil einer unmenschlichen Behandlung des Judenproblems? Die politische Regie ist doch nicht gerissen genug, die Löchrigkeit dieses Kulissenzaubers übersehen zu lassen. Der Nationalsozialismus will das Volkstum, will die neue Volksgemeinschaft auf Jahrhunderte hinaus neuformen. . I-:-:---T Begleichen Sie noch heute Ihr Abonnement für das 1. Halbjahr 1934 S 10.— Was verschlägt's da, für die Dauer eines einzigen Menschenalters die fossilen Ueberbleibsel einer vergangenen Epoche vegetieren zu lassen? Die Perfidie aber liegt darin: Auf der einen Seite angeblich freie Berufsbetätigung, Beteiligung, wenn auch im beschränkten Maße an dem Kulturleben der Nation, auf der anderen Seite Aufforderung zum Abbruch von commercium und connucium (wer zum Juden geht, ist ein Verräter am Vaterland!), Sabotage der Hochschulausbildung durch Charakterprüfungen und ähnlichen Humbug. Welcher. Nichtarier könnte da bestehen! Der Anteil des deutschen Judentums am deutschen Wirtschaft- und Kulturleben, auf den es verwiesen werden soll, ist vergleichbar dem berühmten Messer ohne Klinge, dem der Griff fehlt. Bisnun ist der Nationalsozialismus nicht gewillt, dem deutschen Judentum einen Platz auch nur am Katzentisch der deutschen Volksgemeinschaft einzuräumen. Dieser Feststellung gegenüber verblaßt die Bedeutung der Frage, in welcher Form der gegenwärtige tatsächliche Zustand seinen gesetzlichen Niederschlag in einem neuen Reichsangehörigkeitsgesetz finden wird. Das heutige Staatsbürgerrecht des deutschen Juden ist nur mehr eine leere Hülle. „Deutschland führt nur einen Abwehrkampf gegen das Judentum", tönt die Propaganda des Dritten Reiches, 'n Parenthese: Wann jemals hätte ein Angreifer sich zur Schuld des Angriffes bekannt? Nagelt die Lüge fest! Der' ganze Komplex der gegen das deutsche Judentum gerichteten Maßnahmen ist negativer, destruktiver Art. Dem Judentum wird seine gesamte bisherige ökonomische und kulturelle Grundlage entzogen, diese wird zur Fiktion gemacht, ohne daß eine veränderte, wenn auch schmälere an ihre Stelle gesetzt wird. Der Sieger im aufgenötigten und darum sittlichen Abwehrkampf wünscht, fordert jä diktiert die Neuordnung der Beziehungen mit dem unterlegenen Gegner. Von diesen neuen Beziehungen will das neue Deutschland nichts wissen. Es lehnt alle solchen', Beziehungen ab. Das deutsche Judentum soll hinausgeekelt werden. Der Gast, der solche Behandlung erfährt, mag dem unhöflichen Wirt den Rücken kehren und die Tür hinter sich zuknallen. Nicht der, der seinen .Anteil''$ä( Hausrecht fordert und fordern darf. Er wird sein Recht zu wahren versuchen. Und diesen Versuch muß der Teil des deutschen Judentums, der den Weg der Emigration, die ultima ratio, nicht gelten kann oder will, wagen. Die Erstarrung, in die es die Geschehnisse der letzten Monate geschlagen haben, scheint sich langsam zu lösen. Mindestens die öffentliche Erörterung der konstruktiven Neuordnung des Judenproblems in, d. h. innerhalb von Deutschland muß in erster Linie von dem daran interessierten deutschen Judentum in Fluß gebracht werden. Diese Erörterung steckt noch in den Anfängen. Das gilt vor allem von der Erörterung innerhalb der deutschen Reichsgrenzen Kein Wunder, denn wer es unternimmt faßt heißes Eisen an und setzt sich den damit verbundenen Unannehmlichkeiten aus. Soweit Lösungsvorschläge gemacht worden sind, enthalten sie entweder nichts Positives, kaum Richtlinien oder sie suchen die Lösung ausschließlich in der räumlichen Verpflanzung des Judentums. Diese Lösung habe ich als die ultima' ratio, als den letzten Ausweg bezeichnet, und das ist sie' für denjenigen Teil des deutschen Judentums, der sich zur nationaljüdischen Idee nicht zu bekennen vermag. Dabei sehe ich von den Schwierigkeiten politischer, wirtschaftlicher und technischer Art yöllig ab. Noch1 glaube ich für die Mehrheit der deutschen Juden zu sprechen, wenn ich behaupte, daß in erster Reihe, die Lösung innerhalb des bisherigen Lebensraumes, d. h'. innerhalb der Grenzen des Reiches versucht werden: muß. Keine quietistische, keine opportunistische Auffassung, sondern eine, die dem Zuge des Herzens entspringt. Die Auffassung derer, denen die Liebe zum; Vaterland nicht nur Lippenbekenntnis war. (Fortsetzung folgt.) Jahresbilanz. Seit einem Jahre leiden die deutschen Juden unter der Herrschaft des Nationalsozialismus. Wie groß ihre Katastrophe in politischer, rechtlicher, moralischer, sozialer und ökonomischer Beziehung ist haben verschiedene kleinere Publikationen darzustellen versucht. Eine gründliche, ausführliche und wissenschaftlich durchgearbeitete Darstellung der Wandlung auf den mannigfaltigsten Gebieten des Lebens hat aber bisher gefehlt Genau auf den Tag ein Jahr nach der Machtübernahme in Deutschland durch Adolf Hitler erscheint, vom Comite des Delegations fn Paris herausgegeben, eine Denkschrift welche das gesamte Material zur jüdischen Lage in Deutschland zusammenfaßt. Das im Jahre 1919 während der Friedensverhandlungen in °) Wir geben diesen Ausführungen ausschließlich deshalb Raum, weil sie Gedanken enthalten, die auch im gegenwärtigen Zeitpunkt in Deutschland selbst sich nicht hervorwagen könnten, aber vielleicht doch den Weg zu einem Modus vivendi zeigen körinten. Paris zum Schutze der jüdischen Rechte begründete Comitß des DSlegations Juives. welches anläßlich der Behandlung der Periio.n Berheim im Mai 1933 und, während der Herbstsession des Völkerbundes im vergangenen Jahre, in Genf unter Führung des inzwischen verstorbenen Leo Motzkin so tapfer für die deutschen Juden gearbeitet hat ermöglichte die Abfassung: und das Erscheinen des Werkes durch eine großzügig; organisierte Sammlung allen einschlägigen Materials, das von einem bekannten Publizisten und Rechtsanwalt bei der Niederschrift des Buches verwendet wurde. Die in deutscher Sprache erscheinende Schrift, der eine französische und englische Uebersetzung folgen werden, führt den Namen ..Das Schwa'rzbuch. Tatsachen und Dokumente. Die Lage der Juden in Deutschland 1933." Die Denkschrift ein stattlicher Band von ca. 540 Seiten5 Großoktäv. ist 'mit peinlichster Gewissenhaftigkeit"! durchgearbeitet und korrigiert Sie gliedert sich' L" in.' 10 Kapitel. In der Einleitung wird ausgehend vom' Zwischenlösung. Gedanken eines Unverbesserlichen*).