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Die Wahrheit · 1934-02-02 · Heft 5 (2.2.1934) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 5 (2.2.1934)
Date
1934-02-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis dfeser Nummer 40 Groschen In Deutschland verboten! Die Wahrheit mit den Veröffentlichungen der »Union österreichischer Juden" and den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kulrusgemeinde Wien Erscheint jeden Freitag •13 MÖMMllüllillM Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 SO. Jahrgang Wien, 2. Februar 1934 Nummer 5 Ein Jahr „Drittes Reich". Rasiere Didi aal und billig Am 30. Jänner jährte sich zum erstenmal der I ag, an dem Adolf Hitler, gerade als er selbst und die Welt es am wenigsten erwarteten, zur Macht kam und sein lange vorher schon angepriesenes „Drittes Reich" in Deutschland gründete. Diese Numerierung seines Reiches ist nicht ganz einwandfrei, denn sie unterschlägt der Nachwelt das vierzehnjährige Reich der Weimarer Republik, das zwischen dem Hohenzollem- und dem Hitler- Regime Hegt, verhilft aber dem zum deutschen Reichskanzler avancierten oberösterreichischen Handwerker, der erst etliche Zeit nach seiner Geburt den Familiennamen seines Vaters zu führen legitimiert worden war, zu einer politischen Ahnenreihe besonders erlesener Art, bestehend aus den Gründern der ersten zwei Reiche, also keinen geringeren Persönlichkeiten als Karl dem Großen und Bismarck. Wer aber da meint, daß Hitlers Ehrgeiz damit befriedigt sei. neben diesen beiden erlauchten Gestalten der deutschen Geschichte zu posieren, der wird durch die Beflissenheit, mit der der Nationalsozialismus jetzt am Werke ist, den Lorbeer der früheren Reichsgründer zu zerpflücken und Hitler als den einzigen wirklich Großen auf dem Gebiete und genialen Vollender dessen, was seine sogenannten „Kollegen" nur stümperhaft begonnen, zu feiern, eines Besseren belehrt: Nicht neben, sondern über Karl dem Großen und Bismarck ist der Platz, den Hitler beansprucht---- Karl der Große war trotz dem Eiter, mit dem er als Politiker die religiöse Grundlage des vom Papste für ihn neu geschaffenen Heiligen Römischen Reiches durch Bekehrung von Heiden und arianischen Christen zum römischen Katholizismus zu festigen suchte, als Mensch nicht unduldsam. Er hat jüdische Ratgeber und Aerzte mit seinem Vertrauen beehrt und als Aesthet die literarischen Schöpfungen der Heidenzeit emsig gesammelt. Erst sein Sohn Ludwig der Fromme hat diese Sammlung wegen ihres unchristlichen Inhaltes verbrennen lassen. Hitler hat die Scheiterhaufen für literarische Werke Andersgesinnter wieder entflammt und die jüdischen Aerzte und Fachleute aller Gebiete verjagt. Voll Entsetzen wenden sich die Bürger des -.Dritten Reiches" von den Irrtümern — Karls des Großen ab. Auch Bismarck entpuppt sich ihnen, gemessen am Werke seines jetzigen Nachfolgers, als Stümper. Zwar hat der „eiserne Kanzler" für die Rassenvorzüge edlen Geblüts viel Verständnis gehabt, war er doch Sprosse der preußischen Junkerkaste. die sich selbst als edelste Blüte rassisch hochgezüchteten Menschentums glorifiziert. Aber Bismarcks gesundem Blick entging es nicht, wie weit seine Kastengenossen vom aristokratischen Ausleseideal entfernt waren, und er empfahl ihnen, dieses Manko durch einen Schuß — jüdischen Blutes zu verbessern. Die Adelsfamilien, die diesen Rat befolgten, werden jetzt von Hitler als rassisch minderwertig geächtet: Nicht nur die arisch gebliebenen Aristokraten, nein, auch der geringste reinrassige Prolet gilt ihnen an edlem Blute himmelhoch überlegen . . . Zu den auf solche Weise Diffamierten gehört u. a. auch der im Weltkrieg als Führer einer Flugzeugstaiiel berühmt gewordene Freiherr von Richthofen, unter dessen Gerolgsmannen Hermann Goering den Ruhm erwarb, den er nachher politisch fruktifizierte. Heute ist Goering einer der mächtigsten Gewalthaber im Dritten Reiche, während sein Führer Richthofen noch im Grabe zum Nichtdeutschen degradiert wurde. Auch eine Illustration zu dem von Hitler zum Siege geführten „Führerprwiizip" und der vielgepriesenen germanischen Mannestreue . . . Bismarcks Reichsgründung hatte den Ausschluß Oesterreichs zur Voraussetzung. Nachdem diese Voraussetzung durch den Sieg bei Königgrätz erfüllt war, widersetzte., sieh Bismarck in aufregenden Kämpfen gegen die Annexionisten am ENODMC AUSWAHL BILLIGSTE PDEISt E pPlP #S 1* t TEPPICHE vennANoc ItOBElSTOrrE, DECHEN NUR l.,BAÜtDNr1AnKTI2-14 Hohenzollemhofc jedem Versuche, Oesterreich durch Gebietsenteignung oder sonstige Kränkungen zu verletzen. In Hitlers „Drittem Reich" war Oesterreich seit jeher als Bestandteil gedacht. Zumindest sollte es, wenn das Ausland dem offiziellen Zusammenschluß der beiden deutschen Staaten Schwierigkeiten machen würde, der Hoheit der Nationalsozialistischen Staatspartei des „Dritten Reiches" unterworfen werden. Um es diesem Plane gefügig zu machen, blieb in dem Jahre seit Hitlers Machtergreifung kein Mittel unversucht, Oesterreich vor den Kopf zu stoßen . . . Bismarck hat mit seiner Methode die damalige Großmacht Oesterreich zum Bundesgenossen gewonnen, Hitlers verwerfliche Taktik hat nicht nur aile österreichischen Patrioten zu erbittertem Widerstand entflammt, sondern auch die anderen europäischen Mächte gegen Deutschland aufgebracht und zur Parteinahme für das in seiner Freiheit bedrohte Oesterreich veranlaßt. Zu dem Weltboykott aller Kufturkreise, den sich das „Dritte Reich" durch seine, jeder Zivilisation und Menschlichkeit spottende Behandlung der Juden und sonstigen Nicht- Hakenkreuzler längst zugezogen hatte, hat es also jetzt auch noch politische Demarchen der ausländischen Regierungen provoziert: Ein „Erfolg", der ihm vielleicht noch teuer zu stehen kommen wird. Oesterrelchlsclies QuaHtäft FaDrlkal Ueberau erhältlich Das Heilige Römische Reich Karls des Großen ist über ein Jahrtausend alt geworden. Das Hohenzollernreich Bismarcks hat knapp ein halbes Jahrhundert bestanden. Wenn diese mathematische Progression zur Berechnung der Lebensdauer des ..Dritten Reiches" angewendet wird, ergeben sich für das Hitler-Regime recht betrübliche Aussichten. Die Repräsentanten dieses Regimes gebärden sich zwar, als ob sie ihr Reich für die Ewigkeit gegründet wähnten, anderseits sind sie aber doch so vorsichtig, schon den ersten Jahrestag ihrer „Reichsgründting" mit einer Betriebsamkeit zu feiern, mit der sowohl Karl der Große als auch Bismarck nach so kurzer Zeitspanne sich lächerlich zu machen gefürchtet hätten. In dem eigens lüezu einberufenen Reichstag, den die Hakenkreuzler allerdings seit jeher als „Schwatzbude" einschätzen, in Volksversammlungen, im Rundfunk und in der gleichgeschalteten Presse lassen sie sich als Retter preisen. Als Retter wovor? Es mag unter den Wählern, die mit ihrer. Stimmzetteln Hitler zur Macht verhalfen, viele die Hoffnung beseelt haben, daß das „Dritte Reich" das Ende „der kaiserlosen, der schrecklichen Zeit", um mit Schiller zu reden, bedeuten würde. Ihnen wurde gelegentlich c!es auch gerade in diese Tage fallenden 75. Geburtstags Wilhelms II. offiziell verkündet, daß die Nationalsozialisten gar nicht daran denken, ihre erst ein Jahr lang ausgekostete Macht mit den Hohenzollem zu teilen. Und was die ..Schrecken" der Weimarer Zeit betrifft, so wird gar mancher, der früher mit Begeisterung das Lied mitsang: „Wir brauchen keine Jitdenrepublik!", heute mit stiller Wehmut der nur zu duldsamen republikanischen Epoche gedenken, da die Gegner der Staatsiorin fast ungehemmt ihrer Gesinnung Ausdruck geben konnten, während die Teilnehmer der jüngsten Kaiser-Geburtstagsfeier im Berliner Zoo mit den Gegenargumenten der jetzigen „Staatspartei", als da sind Juckpulver, Knallfrösche und Gummiknüppel, unerfreuliche Bekanntschaft machen mußten. Dabei sind dies noch die harmlosesten Einschüchterungsmittel des gegenwärtigen Regimes. Ganz andere Schrecken bergen die vielen Konzentrationslager, bedeutet die unbegrenzte ..Schutzhaft" für Menschen, denen nichts anderes vorgeworfen werden kann, als noch so sanfte Kritik des herrschenden Systems oder gar nur ihre Abstammung. Gedenket der Wlnternotitandtaktion der Kultusgemeinde! Geld- und Naturalspenden erbeten an die Fürsorge-Zentrale der israel. Kultusgemeinde Wien I., Seiten stettengasse 2, Telephon U 25-5-85 Serie, Postsparkassenkonto B-29.659

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