Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 4 (26.1.1934)
- Date
- 1934-01-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064504-3064508--19622-3084778- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
^eite_6 Eine neue jüdische Tageszeitung in New York. Das von Jacob Landau. Chef der Jüdischen Telegraphen-Agentur, seit einer Reihe von Jahren in New York herausgegebene „J e w i s h Daily ß u 11 e t i n" — bisher ein nur informatorischen Zwecken dienendes tägliches Nachrichtenblatt — erscheint seit. 16. Jänner als grolle englisch geschriebene Tageszeitung unter der Mitarbeit hervorragender jüdischer und auch nichtjüdischer Publizisten der Vereinigten Staaten und Europas. Redaktionsleiter ist der bekannte amerikanische Schriftsteller Hermann Bernstein, bis vor kurzem Gesandter der Vereinigten Staaten in Albanien. Die Zeitung erhielt in ihrer neuen Gestalt eine besondere Weihe durch Professor Albert E i n s t e i u, der die ersten Zeilen der Zeitung eigenhändig setzte; und zwar enthielt der von Einstein hergestellte Satz seinen eigenen Glückwunsch an die Zeitung. Das Erscheinen der ersten Nummer des neugestalteten „Jewish Daily Bulletin" wurde durch ein Frühstück gefeiert, dem Professor Einstein und 400 prominente Juden und Nichtjuden der Vereinigten Staaten beiwohnten. Glückwunschbotschaften sandten Präsident R o o s e v e 11, der Gouverneur des Staates New York Herbert H. Lehma n, der frühere Gouverneur und Präsidentschaftskandidat Alfred Smith und der Bürgermeister von New York La Guardia. Die amerikanische Tagespresse berichtet über die Feier in großer Aufmachung und hebt insbesondere Einsteins Interesse für das Unternehmen hervor, das sich darin kundgetan hat, daß der große Gelehrte einmal in. seinem Leben den Schriftsetzer machte. Vom ungarischen Judentum- Die Gemeinderepräsentanz der Pester Isr. Religionsgemeinde hielt jüngst unter Vorsitz des Präsidenten Hofrates Samuel Stern ihre ordentliche Jahresgeneralversammlung ab, an der die Mitglieder in großer Zahl teilnahmen. Der Vorsitzende gedachte vor allem in pietätvollen Worten der Toten der Gemeinde. Sodann beglückwünschte er aufs herzlichste das Oberhausmitglied Immanuel Low', Oberrabbiner von Szegedin, anläßlich seines SO. Geburtstages, den leitenden Oberrabbiner von Budapest Dr. Simon Hevesi zu seinem 40jährigen Priesterjubiläum, Prof. Dr. Michael G u 11m a n n zu seiner Ernennung zum Rektor des Franz Josef-Landesrabbinerseminars und General i. P. Martin Zöld v. Sioagard anläßlich seiner Ernennung zum stellvertretenden Kultusvorsteher. Hofrat Stern berichtete hierauf ausführlich über verschiedene Phasen des konfessionellen und Gemeindelebens. Mit dem Ausdruck tiefen Bedauerns erwähnte er die unerfreulichen Vorkommnisse an den Universitäten, wobei er die Hoffnung aussprach, daß durch entsprechende Maßnahmen der kompetenten Faktoren die Ruhe wieder hergestellt werden könne. Im Tone tiefsten Mitgefühls skizzierte er die Lage der deutschen Juden und beiaßte sich dann eingehend mit dem Problem der Unterbringung der absolvierten Hochschuljugend. Der Präsident betonte, daß dieses Problem ohne Unterschied der Kenfession die gesamte akademische Jugend belaste, wobei er den Wunsch ausdrückte, daß Ungarn eine Insel des Friedens und der Verständigung inmitten des europäischen Chaos sein möge. Die ungarische Judenheit wolle auf dem Wege der traditionellen Verbundenheit des Judentums mit dem Ungartum für die bessere Zukunft tätig sein. Der Präsident berichtete sodann über die finanzielle Lage der Gemeinde und teilte mit, daß das Defizit von 100.000 Pengö im Spitalsbudget für 1933 dank einer neuen Vereinbarung in der Angelegenheit des englischen Darlehens ausgemerzt werden konnte. Für 1934 sind Ausgaben in Höhe von 4,091.000 Pengö präliminiert. Das eigentliche Genieindebudget ist somit auch diesmal defizitfrei, ein Ausfall zeigt sich wiederum nur bei den Spitälern, die in den heutigen Zeiten ohne konfessionelle Unterschiede auch eine soziale Mission erfüllen. 40 Prozent der bettlägerigen und mehr als 70 Prozent der ambulanten Kranken rekrutieren sich aus nichtjüdischen Patienten. Innerhalb von vier Jahren konnten dank rationeller Sparmaßnahmen die Gemeindeausgaben um 800.000 Pengö gesenkt werden, während im Hinblick auf die Wirtschaftskrise der Kultussteuer in derselben Zeit um 400.000 Pengö ermäßigt wurde. Die Ausführungen des Präsidenten wurden mit lebhafter Zustimmung aufgenommen. Nach einer kurzen Debatte nahm die Generalversammlung die Präsidialunterbreitungen und das Budget, sowie die vom Generalsekretär Alexander E p p 1 e r und dem Oberfiskat Dr. Ernst Munkacsi vorgelegten Resolutionen einstimmig an. Zum Schlüsse wurden gleichfalls mit Stimmeneinhelligkeit die Repräsentanzmitglieder Eugen Beck und Wilhelm Braun zu neuen Ausschußmitgliedern gewählt. * Am 20. d. M. vollendete der Überrabbiner von Szegedin Dr. Immanuel Loew. der hervorragende Orientalist, einer der gelehrtesten Rabbiner der Gegenwart, sein 80. Lebensjahr. Er wurde 1854 in Szegedin als Sohn des dortigen Rabbiners und bedeutenden Gelehrten Leopold Loew geboren und ist seit 1878 als Nachfolger seines Vaters Oberrabbiner von Szegedin. Obwohl er als Rabbiner mehr der konservativen, wenn anch nicht der orthodoxen Richtung im Judentum angehört ist er Vertreter des neologen Judentums im ungarischen Magnaten hause. 1920 wurde Immanuel Loew im Zusammenhang mit der damals erstarkten antisemitischen Strömung in Ungarn wegen angeblicher Förderung der Räteherrschaft mehrere Monate in Haft behalten, ohne daß auch nur der geringste Beweis gegen ihn vorlag. Er wurde aber später glänzend rehabilitiert Er ist der beste Kenner und sorgfältigste Bearbeiter der im Talmud und der rabbinischen Literatur vorkommenden Realien. Außer einer Anzahl von Predigtsammlungen und einzelnen Predigten m ungarischer Sprache — Immanuel Loew hat einen eigenen Stil der Kanzlerreden geschaffen, der ihm unter die anerkannten ersten Künstler der ungarischen Sprache gehoben hat — veröffentlichte er zahlreiche Abhandlungen und Bücher über, jüdische Geschichte und Pflanzenkunde iin jüdischen Altertum. Sein Hauptwerk „D i e Flora der Juden" ist ein Standardwerk der Botanik, den abschließenden Band hat der greise Gelehrte eben in den letzten Wochen beendet. Er gab auch eine Nachdichtung des Hohenliedes in ungarischer Sprache heraus. Die 1903 neuerbaute Synagoge Szegedins wurde nach seinen künstlerisch-wissenschaftlichen Anregungen gestaltet. Aus Anlaß seines Jubiläums hat die Breslauer „Monatsschriit für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" eine Festschrift herausgegeben, in der die Bibliographie der im Druck erschienenen Publikationen Loews fast 400 Nummern aufzählt. Loew ist Mitglied der Jewish Agency. Die Lage der Juden in Rumänien. Der Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur hatte in den letzten Tagen Gelegenheit, sich mit mehreren jüdischen Politikern, u. a. auch mit dem früheren Deputierten und jetzigen Generalsekretär der Jüdischen Partei Dr. Michael Landau, über die gegenwärtige Lage der bald eine Million Seelen zählenden jüdischen Gemeinschaft in Rumänien zu unterhalten. Wie die anderen Politiker betrachtet auch Michael Landau die Lage mit Besorgnis. Die äußere Ordnung sei wohl gewahrt, aber eine innere Entspannung noch nicht erfolgt. Es läßt sich noch nicht übersehen, wie die Regierung mit den radikalen Rechtsparteien fertig werden wird, aber es ist nur zu gut bekannt, daß der Antisemitismus in den letzten Jahren in Rumänien eine Frage parteilicher Taktik gewesen ist. Der Antisemitismus wurzelt nicht im Volke, die Parteien haben sich seiner für ihre Zwecke bedient; vielfach ohne tiefere Gründe und nur zwecks Ablenkungsmanövers. Die Regierungen haben diesem Treiben zu lange ruhig zugesehen. Nun aber hat der Mord an Duca die Situation blitzartig erleuchtet, jeder betrachtet eine starke Staatsautorität als unerläßliche Notwendigkeit. Die Regierung muß, kann sie schaffen. Will die Regierung ernstlich Ruhe im Lande, sie kann sie haben. Vor etwa fünf Jahren konnte man noch eine Volkssiimmung nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich gegen die Juden ausnutzen. Heute nicht mehr. Die j üdischeu Massen sind völlig proletaris i e r t. das Elend ist groß. So wurde denn von den Judengegnern die akademische Jugend mobilisiert: wohin das führt, hat man eben schaudernd erlebt. Zimmermaler Kohn empfiehlt sich zur Ausführung von Malerarbeiten jeder Art II., Rotenkreuzgasie 3 Tel. A 45-5-37 Die Untersuchung in der Angelegenheit des Mordes an dem Ministerpräsidenten Duca hat ergeben, daß der teste Plan bestand., eine Regierung der „Eisernen Garde" einzusetzen. Zum Präsidenten war Zelea Codreanu, zum Außen- und Innenminister General Zizi Cantacuzino, zum Unterrichtsminister der Direktor des Pogrom-Blattes „Calendarul", Crainic, ausersehen. Alle bei den Eisengardisten vorgefundenen Waffen sind deutschen Ursprungs, die Gebrauchsanweisungen sind in deutscher Sprache abgefaßt. * Aus Anlaß des Ende Jänner in St. Severin stattfindenden Studentenkongresses hat die Regierung die einzelnen Gruppen aufgefordert, ihre Forderungen zu unterbreiten. Die Studentenschaft an den Universitäten Jassy und Czernowitz fordert Numerus clausus für Mittel- und Hochschulen, die von Temesvär auch für Intelligenz- und Wirtschaftsberufe, andere Gruppen kleiden ihre antijüdischen Forderungen in Worte wie „Sicherung national-rumänischer Kultur". ..Gegen religiöse Sekten" u. ä. m. Palästina-Nachrichten, In Haifa wurde ein Araber verhaftet, der nationalsozialistische Flugblätter mit Lobreden auf Hitler und seine judenfeindliche Politik in französischer Sprache verteilt hat. Der Verhaftete erklärte, die Flugblätter habe ihm ein Offizier des Dampfers „Smyrna" von der deutschen Levante-Linie zur Verteilung übergeben. Die „Smyrna" hat in Haifa Orangen für Deutschland in Ladung genommen. * Aus den Nachrichten über die am 17. Jänner in einer Anzahl palästinensischer Städte auf Veranlassung der arabischen Exekutive veranstalteten Kundgebungen gegen die jüdische Einwanderung geht hervor, daß die Beteiligung an diesen Demonstrationen sehr schwach war. Nirgendwo zeigte sich Begeisterung für die Losungen der arabischen Exekutive. Die Zahl der Teilnehmer an der vom Großmufti geführten Demonstration in Jerusalem dürfte kaum tausend erreicht haben. Ebenso schwach war die Beteiligung in Jaffa, während in Haifa, Nablus und Tuskarem nur wenige hundert Menschen demonstrierten. Sogar in arabischen Kreisen wird zugegeben, daß die Aktion der Exekutive ein Fiasko war. In Haifa ist es kürzlich zu blutigen Zusammenstößen zwischen Arbeiterparteilern und Revisionisten gekommen. Dieser Konflikt hat seine Ursache darin, daß eine revisionistische Baufirma sich weigerte, ein von 32 jüdischen Unternehmern in Haifa unterzeichnetes Arbeitsabkommen mit zu unterfertigen. Dem von der Histadruth proklamierten Streik in dem Unternehmen dieser Firma schlössen sich die Revisionisten nicht an. sondern erklärten, sie hätten aus- D1E WAHRHEIT Jüdischec JCindechott der Machsika Hadas, I., Lazenhof, I., Dominikanerbastei 22, eröffnet. Leiterin: Tilla Kritzler 9—12 3—5 schließlichen Anspruch auf diese Arbeit und hätten nur fünf Histadruth-Leuten erlaubt, offene Arbeitsstellen zu besetzen. Die Revisionisten zogen Verstärkungen von außen heran und demonstrierten in der Hauptstraße von Hadar Hakarmel. Dabei kam es zu Zusammenstößen mit Arbeiterparteilern, wobei der Revisionistenführer Adv. Mayei owitsch verwundet wurde. Es folgten mehrere weitere Zusammenstöße, namentlich mit Streikposten der Histadruth, wobei 58 Verhaftungen vorgenommen wurden. Sämtliche Unternehmer in Haifa unterzeichneten eine Protesterklärung gegen die revisionistische Firma. Waad Leumi vermittelt im Konflikt. Auf Grund der bis Ende November 1933 vorliegenden offiziellen Ziffern und der Schätzung für Dezember 1933 gibt die Exekutive der Jewish Agency die Zahl der legalen jüdischen Einwanderer in Palästina für das Jahr 1933 mit 30.000 an. Diese Ziffer schließt nicht diejenigen Einwanderer ein, die als Touristen ins Land kamen und sich dort ohne Aufenthaltserlaubnis seßhaft gemacht haben. Dr. Arthur R u p p i n, der palästinensische Leiter des vom Zionistenkongreß geschaffenen Weizmann- Departements zur Ansiedlung deutscher Juden in Palästina, erklärte Pressevertretern, es seien bisher über 8000 deutsche Juden in Palästina eingewandert,- der Plan der Jewish Agency geht dahin, eine Summe von 250.000 Pfund, die für diesen Zweck in der Welt aufgebracht worden sind, zur systematischen Kolonisierung deutscher Juden aufzuwenden, außerdem Personen mit eigenen Mitteln aus Deutschland zur Ansiedlung in Palästina zu verhelfen. Die Göbbels-Mar krollt... Saarland. Die aus dem Engländer Knox, dem Finnländer Ehrenroth, dem Saarländer Koßmann, dem Franzosen Maurice und dem Jugoslawen Zoritschitsch bestehende, vom Völkerbund eingesetzte Regierung des Saarlandes sandte dem Generalsekretariat des Völkerbundes eine Antwort auf die Petition der „Deutschen Front" im Landesrat für das Saargebiet. Die Saarregierung erklärt, daß sie gegen die umstürzlerische Tätigkeit einer politischen Partei nicht gleichgültig bleiben konnte, die sich den Namen einer Organisation beilegt, welche außerhalb des Saargebietes existiert und eine unbeschränkte Macht beanspruche. Die Regierungskommission stellt wörtlich fest: «*^„Der heimtückische Boykott und die Verfolgung der Juden und politischen Gegner der nationalsozialistischen Partei hat sich in solcher Weise breit gemacht, daß die Kommission fast täglich mit Klagen verschiedener Teile der Bevölkerung überhäuft wird. Die Kommission war sogar genötigt, einer Bitte der Jüdischen Gemeinde Platz zu geben und eine besondere Schule für jüdische Kinder zu gründen. Die Tatsache allein, daß die jüdische Gemeinschaft des Saargebietes sich entschlossen hat, nach Jahrhunderte währender Emanzipation für ihre Kinder wieder die Ghettoabsonderung zu suchen, genügt schon, um das Ausmaß dieser Verfolgungen zu unterstreichen." In einer Rede im französischen Senat erklärte Außenminister Paul B o n c o u r unter anderem, die Rassenidee überflute die Grenzen Deutschlands, man müsse diese Flut zurückdämmen. Frankreich wünsche die Rechte der Saarbevölkerung zu garantieren. * England, Soeben hat sich in London eine dritte antisemitische faschistische Gruppe, die „United British Party" gebildet, die auch schon in die politische Arena getreten ist und ihren Führer, Captain Cecil Serocold S k e e 1 s, zu ihrem Kandidaten für das Unterhaus anläßlich der bevorstehenden Ersatzwahl in Cambridge proklamiert hat. Die neue Partei erklärt zwar in ihrem Programm, keine Feindschaft gegen Angehörige irgendeiner Religion zu hegen, man weiß aber, daß Skeels ein'waschechter Antisemit ist, der erst in der vergangenen Woche im Nürnberger „Stürmer" einen scharfen Angriff gegen Sir Oswald Mosley. den Führer der British Union of Fascists, richtete und ihn als ein „Werkzeug in den Händen der Juden", „einen von Juden bezahlten Scharlatan" bezeichnete und hinzufügte, Mosley selbst sei jüdischer Herkunft und mit einer Jüdin verheiratet, während er, Skeels, an der Nazi-Arbeit in Deutschland teilgenommen und zusammen mit seinem >,Freund" Julius Streicher in zahlreichen Versammlungen auf die jüdische Gefahr hingewiesen hat. Skeels gehörte bis vor wenigen Tagen der antisemitischen „Imperial Fascist League" an und ist nun selbst als Parteigründer aufgetreten. In England hält man Skeels für einen bezahlten nationalsozialistischen Agenten. Der Präsident des Middlesborough-Autoklubs, John G. Jeers, ein bedeutender Industrieller und Nichtjude, hat zum Protest gegen den vom Klubvorstand gefaßten Beschluß, Juden als Mitglieder nicht weiter aufzunehmen, die Präsidentenwürde, die er seit Gründung des Klubs innehatte, niedergelegt. Die sechs