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Die Wahrheit · 1934-01-26 · Heft 4 (26.1.1934) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 4 (26.1.1934)
Date
1934-01-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 5 Saal des Handelsmuseums, IX., Bergg.16 Sonntag, den 28. Jänner 1934 KONZERT OBERKANTOR SAMUEL POSTOLOW unter Mitwirkung des Herrn Prof. JOSEF ZIMBLER Am Klavier: Frl. Betty Lewin Zum Vortrage gelangen liturgische und jüdische Lieder Beginn: 8 Uhr Preis: S 2.— bis S 3.— Wassermann-Gedenkfeier der „Union". solut nicht verbunden fühlen. Fragt sich, ob die Judenschaft darauf so reagieren wird, wie es ihre Verbundenheit in schwerer Zeit erfordert. Ein feiner Herr. Dieser Tage ging uns von einem „Rabbiner'* J. M. Mortenfeld ein Flugblatt an die „Brüder. Juden in Oesterreich!" zu, in welchem es unter anderem heißt: „Abgesehen davon, dali unzählige, weit übertriebene, auf Unwahrheit beruhende Geschichten über das Schicksal unserer Brüder in Deutschland in der ganzen Weltpresse verbreitet wurden und werden, müssen wir mit größter Entschiedenheit und im Verantwortungsgefühl als religiöse Führer deutscher Juden feststellen, daß nichts der deutschen Judenschaft mehr geschadet hat, als eben der Boykottstunn, den unsere Brüder im Auslände gegen das Deutsche Reich entfacht haben." Der Herr Rabbiner .Inda Meier Mortenfeld aus Breslau, der sich als religiöser Führer deutscher Juden bezeichnet, ist nach uns von zuständiger Stelle gewordenen Informationen in K u c o w, P ol e n, geboren, dorthin zuständig und war nicht ganz elf Jahre in Deutschland, wo er niemals Gemeinderabbiner gewesen ist. sondern nur in Breslau eine eigene „Klaus" namens „Jereim" führte. Er kam am 20. Juli 1933 nach Wien und hat damals protokollarisch angegeben, daß er w e g e n Lebensgefahr flüchten mußte. Ist schon sein Titel „Rabbiner aus Breslau" eine Irreführung, so hat der ebenfalls beigefügte Titel „Präsident der talmudischen Hochschule zu Mirom" (Palästina) keinerlei Unterlage. Mortenfeld bemüht sich nämlich seit nahezu einem Jahre, nach Palästina reisen zu dürfen, und erwartet von dort eine Anforderung als Rabbiner. Bisher ist es ihm nicht gelungen, eine Einreisebewilligung zu erlangen. Keiner der jüdischen Emigranten aus Deutschland, in deren Mitte Herr Mortenfeld sich in Wien bewegte, hat diesem ehrenwerten Manne die Berechtigung gegeben, in seinem Namen zu sprechen. Der Auftrag dürfte wohl von anderer, nichtjüdischer Seite erfolgt sein. Polen beschämt Deutschland. Während der Behandlung des Kultus- und Erziehungsbudgets in der Budgetkommission des Sejm sprach Ministerpräsident J e n d z e j e w i c z als Minister iür Volksbildung und Kulte von der Notwendigkeit, die Psychologie der Jugend zu ändern und bei derselben ein Gefühl solidarischer Verantwortlichkeit für den Staat zu wecken. Die Regierung, die nach den unerhörten Unruhen an der Warschauer Universität diese kurzweg geschlossen hat. wird auch in Zukunft nicht wanken, wo es um die Erhaltung der Ordnung gehen wird. Bei Besprechung der Beziehung der Regierung zu den einzelnen Kpnfessionen sagte der Ministerpräsident die Regierung widme ihre ständige reale Sorge der Schaffung eines gesetzgeberischen Rahmens für die jüdische Religion, damit die jüdische Bevölkerung ihre religiösen Bedürfnisse auf breitester Grundlage befriedigen könne. * Drei junge Nationaldeniokraten, die vor ein paar Monaten Flugblätter mit einem Aufruf zum Judenboykott in den Straßen verbreiteten und außerdem an verschiedene Personen Briefe mit Aufforderungen zum Judenboykott durch die Post versandten, hatten sich vor dem Lodzer Gericht zu verantworten. Zwei wurden zu je einem Jahre Gefängnis, der dritte zu achtMonatenGefängnis verurteilt. Während der Ueberfälle auf jüdische Spaziergänger in Lodz am vergangenen Sonntag hat die Polizei 20 Huligans festgestellt und vor Gericht gebracht; drei wurden zu je zwei Monaten, drei zu je einem Monat, zwei zu je drei Wochen, acht zu je z w e i Wochen, zwei zu je sieben Tagen, eine Frau zu d_rei Tagen, eine zweite Frau zu einem Tag Gefängnis verurteilt. Die Gefängnisstrafen müssen sofort verbüßt werden. Architekt Dr. Ine. Guido Kaminka aus Wien, jetzt '!l Haifa, P. O. B. 972. baut in Palästina für auswärtige Auftraggeber und übernimmt weitere Aufträge für Grundstückkäufe und Baud'urchführungen. Zu einem jüdisch- und künstlerisch-gesellschaftlichen Ereignis ersten Ranges gestaltete sich die von der „Union österreichischer Jude n" am vergangenen Dienstag im Festsaal des Handelsmuseums veranstaltete Gedenkfeier für den kürzlich verstorbenen deutsch-jüdischen Dichter Jakob Wasser m a n n, die erste und einzige, die bisher auf deutschem Sprachgebiet für den großen Meister stattfand. Ueber die solenne Veranstaltung wird in der nächsten Nummer ausführlich von sachkundiger Seite berichtet werden; für heute seien nur aus der illustren Gesellschaft, die den Saal bis auf das letzte Plätzchen füllte, die prominentesten Festgäste erwähnt. Oberrabbiner Dr. D. F e u c b t w a n g. Prot. Doktor A. Pick, das gesamte Präsidium der „Union" — Doktor J. O r n s t e i n, Dr. J. T i c h o und Dr. K. Steiner — mit vielen Herren des Zentralvorstandes derselben, Dr. H. Körner in Vertretung des Kultusvorstandes. Reg.- Rat G. F u c h s g e l b. Rabbiner Dr. B. Murmelstein, Frau Soiie G r ü n i e l d. Frau Margarethe Goldstein, Frau Prof. Freud, Dir. Rüben von der Deutschen Bank samt Gemahlin, Dir. Kraus vom Bankhaus K u x, B l o c h & C o.. die Schwester des verstorbenen Dichters; sehr stark war die literarische und künstlerische Welt vertreten, u. a. sah man: Hof rat Hugo Thimig, Prot. Heinrich Glücksmann, den Dichter Ernst Lissauer, Dr. R e h i i s c h, Prof. Paul Stephan („Stunde"), Dr. Sorna Morgenstern („Frankfurter Zeitung"). Dr. Paul W e r t h e i in e r („Neue Freie Presse"). Frau Chefredakteur Paul Deutsch („Wiener Allgemeine Zeitung"). Filmdirektor Goldberg. Dr. O. Bend in er. Professor Klein u. v. a. Nach einer wirkungsvollen musikalischen Introduktion, prächtig ausgeführt von Kurt Fuchs gelb (Violine) und Betty L e w i n (Klavier), sprach Heinrich Eduard Jacob die tiefempfundene Gedenkrede und las Frieda Richard hinreißend ausgewählte Stellen aus zwei Romanen Wassermanns: über all dies in unserer nächsten Nummer mehr. Die ersten Juden in Niederösterreich. Ueber Ansiedlungeu von Juden in Niederösterreich. lange bevor sie noch in Palästina waren, spukt es in alten Historien, die, soweit bisher bekannt, aui eine österreichische Chronik aus dem 14. Jahrhundert zurückgehen. Danach wären im zweiten Jahrtausend v. Chr. oder noch früher in Tulln, Stockerau und Korneuburg von einem Fürsten Abraham, einem Juden Sabbatai u. a. jüdische Reiche gegründet worden. Die Wissenschaft hat diese Erzählungen für glatte Erfindungen erklärt. Die Juden Oesterreichs, so sagte man, wollten durch ein solches Alibi, wie es ähnlich die in Toledo, in Regensburg und anderen Städten für sich konstruierten, sich gegen den Vorwurf irgendeiner Beziehung zur Kreuzigung Christi schützen. Auch in christlichen Kreisen war man um solche Stammbäume nicht verlegen. So beriefen sich die Augs- ■ Verein Ohel Rahel ■_______ 1 1 I* ■ I II mm«. ——^ 1 Der Verein veranstaltet für [ seine Mitglieder eine 1 Brennstoff Aktion ■ | die den Mitgliedern narn» ■ hafte Vorteile und dem | Verein Einkünfte bringt. f Nähere Mitteilungen im Sekrefariaf j IL, Gr. Pfarrg. 8 oder bei der Firma { D. TOPF & Co., j Wien EL, Nordbahnhof I Telephon: R 48-2-39, R 44-8-91 >•«*■■■■■*•■•• burger auf ein Dokument, laut dem sie schon zur Zeit der Söhne Jafets Handel getrieben hätten. Die Briten hielten sich für die Nachkommen der verschwundenen zehn Stämme Israels, die Herrscher Abessiniens nennen sich Enkel Salomos, die Andalusier wollen mit König David nach Spanien gekommen sein usw. Diese Auslegung unseres Chronikberichtes setzt voraus, daß damals, als den Juden an einem solchen Alibi gelegen war, doch, um es glaubhaft erscheinen zu lassen, eine Ueberlieferung über Anwesenheit von Juden in Oesterreich in weit früherer Zeit verbreitet war und allgemein Glauben fand. Durch die im Münchener Staatsarchiv aufbewahrte Zollordnung von Raifeistätten ist jedenfalls ein Vorhandensein von Juden in der Ostmark schon vor 903 bezeugt, also weit mehr als zwei Jahrhunderte, bevor die Stadt Wien urkundlich erwähnt wird. Hier werden den Juden „aus diesem Lande", das ist Oesterreich, als „legitimen Kaufleuten" Bedingungen, „noch günstiger als unter den früheren Karolingern", gewährt. Wie weit läßt sich nun diese jüdische Siedlung zurückverfolgen? Woher kommen diese schon von den ersten Karolingern — also im 9. Jahrhundert — privilegierten jüdischen Kaufleute und seit wann tauchen solche jüdische Großhändler in Oesterreich auf? Hierüber einiges Licht zu verbreiten, scheinen die folgenden Erwägungen geeignet In Ungarn, das heißt im alten Pannonien, zu dem aber auch der Landstrich vom Bisamberg bis zur Leithamündung gehörte, hat man wiederholt jüdische Gräber, vor kurzem sogar einen jüdischen Friedhof aus der Römerzeit festgestellt. So läßt sich denn vermuten, daß in die nächste Nachbarschaft, das heutige Oesterreich, gleichfalls schon damals, und zwar wohl zunächst als Heereslieferanten und Händler im Gefolge der Legionen, Juden gekommen sind. Vielleicht auch als römische Soldaten. Ist doch bekanntlich Tiberius Alexander, ein Neffe Philos, im römischen Heere bis zum Generalsrang aufgestiegen. Wir finden am Rhein Soldatengrabsteine von Ituräern, also zum Teil judaisierten Palästinensern, in Camuntum solche von Syrern, und als Syrer wurden ja von den Römern auch die Juden bezeichnet. Warum sollten somit nicht auch Juden in Camuntum und Vindobona in Garnison gestanden haben? Befolgte doch die römische Politik den Grundsatz, orientalische Truppen an die Donau und andere Nordgrenzen sowie Nordländer nach dem Osten zu verlegen. Aber auch als Sklaven können Juden nach dem jüdischen Kriege aui österreichischer Scholle heimisch geworden sein. Von den in Oesterreich stationierten Legionen hatten sich zwei, die zehnte und die vierzehnte, letztere ganz besonders an der Eroberung Jerusalems beteiligt, diesen Feldzug mitgemacht. Daß sie jüdische Kriegsgefangene in ihren Diensten bei ihrer Rückkehr an die Donau mitnahmen, ist wahrscheinlich. Ebenso daß zu den „Syrern", die vom fünften bis zum achten Jahrhundert den Handel zwischen Ost und West betrieben — zu ihren Landsleuten aber auch Heilige der Kirche, wie Abraham von Clermont und Severin von Norieum (Oesterreich), zählten außer anderen Asiaten auch Juden gehörten. Schließlich ist noch eine andere Erklärung unseres Chronisten möglich. In Südrußland bestand bis etwa in das elfte Jahrhundert hinein das Reich der Chasaren, dessen Oberschicht sich zum Judentum bekannte. Es reichte bis zu den Karpathen und war mit den Awaren verbunden, die ja bis ins achte Jahrhundert hinein auch die Gegend von Wien beherrschten. Ohne auf den Anklang des Namens „Awaren" an den des erwähnten „Fürsten" Abraham besonderes Gewicht zu legen, darf man vermuten, daß diese Berührung mit jüdischen Eroberern aus Osteuropa in älterer -- die Ueberlieferung macht, wie üblich, daraus: uralter — Zeit jener Sage zugrundeliegt und, falls sie wirklich von Juden der Ostmark tendenziös verwertet wurde, sie den späteren deutschen Besiedlern dieses Landes glaubhaft machte. Hieraus erklärt sich wohl auch — mindestens zum Teil — die große Anzahl mit „Juden" zusammengesetzter topographischer Bezeichnungen in Niederösterreich, wie Judenau (urkundlich 1155 bezeugt), Judenfurt. Judendorf, Judenhof, Judenwiesen und anderer, deren Beziehungen zu Juden sich bisher nicht haben erweisen lassen. Wie man künstliche Hügel als „Hünengräber", die bewundernswerten Heerstraßen der Römer, die Italien, lllyrien und den Orient mit den Donauländern und dem weiteren Norden verbanden, als „Heidenstraßen" bezeichnete, so benannte man vielleicht in Anlehnung an Ueberlieferungen über ältere Judensiedlungen Oertlichkeiten als jüdische Gründungen, mochten sie auch zum Teil von Hunnen oder anderen Volkselementen herrühren. Jedenfalls führt diese Spur auf das Vorhandensein von Juden in älterer Zeit. Auch wo sich sonst Ortsnamen dieser Art linden, wie im übrigen Oesterreich und Deutschland, den slawischen und romanischen Ländern, Griechenland („Judeninseln" im Golf von Athen) usw.. liegt eine solche Erklärung noch immer am nächsten. Für das deutsche Sprachgebiet kommt allerdings noch eine andere Deutung in Betracht. Die Namensbildung mit „Juden", .„lüden". „Guden", „Güden" und „Gödden" t'Göddenstraße in Halberstadt) können - man denke etwa an das dänische „Nimrod Jude" (= Jötun-Riese) oder rumänische Jidcv Jude - Riese der Vorzeit! — aus „Güden" im Sinne von „Riesen" oder aber aus „Gude". wie hie und da Frau Holle genannt wird, entstanden sein. Auch werden die Heinzelmännchen in manchen Gegenden mit ..Jüdel" (oder „Hebräerchen") bezeichnet, was natürlich gleichfalls mit „Güden" zusammenhängt, wenn nicht etwa an „Venediger". „Walchen" und andere ähnliche Koboldnamen zu denken ist. Und enthalten „Jüterbogk", „Bamberg" (= Babenberg, Berg der Baba) und andere sogar heidnische Götternamen der Slawen, so könnte ja auch „Gude' zu einer Ortsnamenbildung hergehalten haben. (Fortsetzung folgt.) JÜDISCHE KUNSTSTELLE IL, AspernbrückenstraBe 2. Telephon R 48-2-91. _Büro; 9 bis 18.30 Uhr._ Den Mitgliedern stehen bedeutend ermäßigte Karten iür folgende Theater zur Verfügung: Burgtheater, Staatsoper, Akademietheater. Deutsches Volkstheater, Kammerspiele. Theater a. d. Wien. Stadttheater. Kasinotheater. Moulin Rouge. Der liebe Augustin. Konzerte: Sregmund Feuermann. 3t. Jänner. M. K. S. Bälle: Weiße Nacht im Konzerthaus. 27. Jänner: Ball der Bühnenkünstler. 3. Februar. Anweisungen: Ronacher. Dianabad.

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