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Die Wahrheit · 1934-01-26 · Heft 4 (26.1.1934) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 4 (26.1.1934)
Date
1934-01-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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■»■[PI P«P Seite 4 DIE WAHRHEIT Für Hochzeiten u. Vereine schöner Saal oder Klubräume mit Klavierbenützung zu vergeben. Restaurant Herlinger II., T«bontraße IS Gute Küche, billige Preise, große Auswahl in Mittag- und AbendmenOs Budgetberatungen im Wiener Kultusvorsiand. eingezogen: Einrichtungsgegenstände Alired JCerrs und des jüdischen Schriftstellers Arnold Zweig. 6 Die Regierung hat das Vermögen des über ganz Deutschland verbreitet gewesenen „Vereins zur AbwehrdesAntisemitismu s'\ der sich vor kurzein selbst auflöste, beschlagnahmt. * Der Oberste Kirchenrat in Sachsen hat die A u flösung der christlichen Missionsgesellschaften zur Bekehrung der Juden verfügt und die Weisung gegeben, die Fonds und Sammlungen für die Judenmission in Sammlungen zur Bekehrung von Moslems — sogenannte „Karmel- Mission" — umzuwandeln. In der Begründung wird gesagt, daß die Tätigkeit der .,J u d e n m i s s i o n" sin n- 1 o s geworden sei. * Das Messeamt der Leipziger Frühjahrsmesse, die am 4. März eröffnet werden soll, versandte an die Auslandspresse eine Erklärung, in der es wiederum Juden und Ausländer zur Beschickung der Messe und zur persönlichen Teilnahme an derselben einlädt und hinzufügt, die jüdischen und ausländischen G ä s t e dürfen „sicher" sein, daß ihnen in Leipzig nichts Böses widerfährt. Das Messeamt gibt offen zu, daß das Los des gesamten deutschen Exporthandels im Jahre 1934 in einem großen Maße von dem Erfolg oder Mißerfolg der Leipziger Messe abhängig ist. Zum Schluß heißt es: „Der internationale Charakter der Leipziger Messe wird auch in Zukunft durch die neue deutsche Regierung streng gewahrt werden." „Waftljuden." Der kürzlich verstorbene hervorragende Schriftsteller Hermann Bahr hat 1894 in Berlin eine Schrift „Der Antisemitismus. Ein internationales Interview" veröffentlicht, in der er Politiker, Gelehrte, Künstler und Schriftsteller verschiedener Nationen zu Worte kommen ließ, die ihre Ansichten über den Antisemitismus kundgaben. In der Einleitung zu der Schrift gab Hermann Bahr eine Definition des Antisemitismus, den er als eine „Narkose des Hasses" bezeichnete, der zumeist Leute verfallen, die der Leidenschaft der Liebe ermangeln. „Der Antisemitismus", so schreibt Hermann Bahr, „will nur sich selber. Er ist nicht etwa ein, Mittel zu einem Zwecke. Der einzige Zweck des Antisemitismus ist der Antisemitismus. Man ist Antisemit, um Antisemit zu sein. Man schwelgt in diesem Gefühle. Es liegt an der Zeit, daß, um die welken und verwüsteten Nerven zu montieren, künstliche Reize begehrt sind. Den holden Rausch, den sonst der den Massen jetzt verlorene Glaube und die entwichenen Ideale gaben, sollen sie ersetzen. Die Reichen halten sich an Morphium und Haschisch. Wer sich das nicht leisten kann, ist Antisemit. Der Antisemitismus ist der Morphinismus der kleinen Leute." „Völkischer Beobachter" schreibt zum Tode Hermann Bahrs, er. Bahr, der mit der jüdischen Sängerin Mildenburg verheiratet war, sei in seiner Glorifizierung jüdischer Geisteswelt „W a h 1 j u d e" gewesen. * In London erscheint dieser Tage eine Biographie des berühmten polnischen Pianisten und früheren Ministerpräsidenten Paderewski von H. Landau. Der Biograph bringt zu Beginn des Buches ein Gespräch mit Paderewski, der sich wie folgt über Hitlers Rassentheorie geäußert hat: Rassentheorie ist Unsinn. Wo gibt es in der Welt ein Genie, das als reinrassig angesehen werden könnte? Beethoven und Mozart waren keineswegs rassenrein im Sinne Hitlers. Richard Wagners unarische Nase stach in die Augen. Noch vor dem Kriege hat eine Gruppe deutscher Gelehrter ein Werk über Rassenreinheit vorbereitet, aber Wilhelm II. verbot das Erscheinen, als man ihm sagte, daß aus dem Werke der Schluß gezogen werden würde, daß die Deutschen ein rassisch sehr gemischtes Volk und nur zu einem kleinen Teil Germanen sind und zudem einen starken nichtarischen Einschlag haben. Die Namen tausender deutscher Familien und hunderter deutscher Städte und Dörfer weisen auf slawischen Ursprung hin. Das Examen auf „Germanentum" könnten nur sehr wenige Deutsche bestehen. In den Monaten November und Dezember 1933 haben sich die einzelnen Kommissionen des Wiener Kultusvorstandes mit der Vorberatung des Voranschlages für das Verwaltungsjahr 1934 befaßt. Die Vorlage wurde sodann durch das Präsidium und die Etsparungskommission einer Gesamtrevision unterzogen. Da die Verabschiedung des Budgets durch das Plenum des Kultusvorstandes vor Schluß des Verwaltungsjahres 1933 nicht mehr möglich erschien, hat der Kultusvorstand, wie wir schon berichteten, für den Monat Jänner 1934 ein Budgetprovisorium beschlossen. Es wurden sodann die Budgetberatungen im Vertreterkollegiuni und in der Finanzkommission fortgesetzt, so daß Montag, den 2. d. M.. in öffentlicher Plenarsitzung die Beratungen und Beschlußfassungen über den Voranschlag pro 1934 beginnen konnten. Als Budget-Referent fungierte der Obmann der Finanzkommission Vizepräsident Dr. Josef Löwen herz, welcher in einem großangelegten Referat über die finanzielle Situation der Gemeinde berichtete un_d aufzeigte, daß angesichts der gewaltigen Wirtschaftskrise die Leistungen der Steuerzahler ganz hervorragende gewesen sind. Diese Eingänge beweisen das Verständnis der Wiener Judenschaft für die schwierige Situation ihrer Gemeinde, deren Programm heute in „Hilfe und Aufbau" bestehen müsse. Dr. Löwenherz führte eingehend aus, wie die Gemeinde sich bemühe, dieses Programm zu verwirklichen, wie sie insbesondere der Not der Armen und dem Elend der deutschen Flüchtlinge zu steuern suche. Er schloß seine Ausführungen mit einem Appell an alle Parteien, in der Gemeinde eine geeinte jüdische Front zu bilden, um in schwerer Zeit den an die Gemeinde gestellten gewaltigen Anforderungen gerecht werden zu können. Die umfangreiche Vorlage weist in den wichtigsten Belangen folgende Ziffern auf: die Gesamteinnahmen für das Jahr 1934 werden mit S 6,521.670.— angenommen, welchen prälim. Gesamtausgaben im Betrage von S 6,575.210.— gegenüberstehen. Dies ergibt ein zu gewärtigendes Defizit pro 1934 in der Höhe von S 53.540.—, welchem als vorgetragenes Defizit aus früheren Jahren S 166.236.— zuzuzählen sind. c) den Verpflegskosten-Rückersätzen tür Insassen der Anstalten der Gemeinde (Spital, Versorgungsanstalt usw.), d) den tarifmäßigen Gebühren für Betsitze, rituelle Schlachtung, Dokumentenausfertigung usw., e) freiwilligen Spenden und Zuwendungen für die Füi sorgezwecke und Aktionen, f) Erträgnisse aus Stiftungen und Stiftungshäusern. Die Ausgaben gliedern sich hauptsächlich in den ordentlichen Personal- und Sachaufwand der einzelnen Ressorts und in außerordentliche Erfordernisse. Kapitelweise stellt sich der Voranschlag wie folgt dar: rituelle Ange- Einnahmen: S 545.580.— Ausgaben: S 1,016.300.— 571.800.— 2.524.1 IQ,- 1,460.580.- 871.370.- 51.050.- 80.000.- r Begleichen Sie noch heute Ihr Abonnement für das 1. Halbjahr 1934 S 10.— Die Einnahmen der Kultusgemeinde setzten sich im wesentlichen zusammen ans: a) den zur Einhebung gelangenden Kultussteuern, b) den Gebühren des Friedhof- und Beerdigungswesens. 1. Kultus und legenheiten 2. Unterricht und Gemeindebibliothek ...... 71.580.— 3. Fürsorgewesen (Spital, Versorgungsanstalt, 'Kinderspital - Ambulatorium, verschiedene Zweige der geschlossenen und offenen Fürsorge, Hilfsaktionen) . 1,497.220.— 4. Friedhofu. Beerdigungswesen .......1,919.150.— 5. Kultussteuer..... 2,200.000.— 6. Gemeindeverwaltung (Allg. Verwaltung, technische Angelegenheiten, Material- und Gebäudeverwaltung etc.)........ 258.970.— 7. Matrikenwesen .... 29.170.— S. Reservekonto . . . . ._ 6,521.670.- 6,575.210.— Die Subventionen iür von Vereinen erhaltene Tempel und Bethäuser, Unterrichtsanstalten und Fürsorgeinstitutionen sind im Voranschläge mit einem Gesamtbetrage von S 407.600.— vorgesehen. Von den Gesamtausgaben entfallen auf die personellen Aufwendungen (Gehalts- und Lohnbezüge, Pensionen, Gnadengaben. Naturalbezüge und sozialen Lasten) S 2.415.960.—. Soweit sich bisher die Ergebnisse des Jahres 1933 überblicken lassen, werden die Gesamteinnahmen sich auf rund S 6,863.000.—, die Gesamtausgaben auf rund S 6,886.000.— belaufen. Es ist bezeichnend, daß von sämtlichen Parteien Jes Kultusvorstandes nur die u n i o n i s t i s c h e O p p os i t i o n dem Appell des Finanzreferenten, sich in schwerer Zeit zu bewähren, dadurch Rechnung getragen hat, daß ihr Sprecher Khibobmanii Dr. Josef Ticho wenig Worte verlor, sondern in markanten Sätzen erklärte, daß angesichts der furchtbaren Situation, in der sich das Judentum heute befindet, alle Parteirücksichten zurücktreten müssen. Deshalb wird die „Union" für das Budget stimmen, um auf diese Weise ihrer programmatischen Forderung gerecht zu werden, daß die Gemeinde das jüdische Zentrum sein und bleiben müsse. Diese wenigen Worte machten mehr Eindruck als die langatmigen Ausführungen der Redner anderer Parteien, die sich in Kleinigkeiten ergingen und darüber oft genug den Blick aufs Ganze verloren Ifrierquicfzfidies. Bärendienste ... Die Wiener jüdische Presse hat sich bei der Berichterstattung über den Prozeß Popper so benommen, wie es dieses traurige Ereignis verdient. Sie hat festgestellt, daß die vier Tage des Prozesses „keine Ehrentage" gewesen sind. Mit dieser Signatur belegte auch die „Neue W e 11" den Prozeß in den wenigen Zeilen, die sie ihm widmete. So erfreulich es sein mag, daß das zionistische Blatt den Prozeß mit ein paar Zeilen abtut, in denen auffallenderweise nicht ein Wort über den traurigen Helden des Prozesses Doktor Saul Rafael Landau enthalten ist, so unerfreulich, ja empörend ist die Tendenz, die aus diesen Zeilen spricht. Der Herr Berichterstatter möchte die Sache so darstellen, als ob der Fall Popper nur unter dem früheren unionistisclien Regime in der Gemeinde möglicli gewesen wäre, während die derzeitige Leitung der Gemeinde für ausreichende Kontrolle gewissenhaft sorgt. Ja, der Herr Berichterstatter der „Neuen Welt" will sogar zu verstehen geben, daß der Gerichtsvorsitzende selbst diese (von der Schlamperei der früheren Leitung wohltuend abstechende) Gewissenhaftigkeit der neuen Leitung lobend konstatiert hat. Wir haben schon in unserem vorwöchigen Prozeßberichte, der übrigens, wie wir mit Genugtuung konstatieren können, allseits lebhafte Zustimmung gefunden hat, festgestellt, daß sofort nach Auffliegen der Malversationen Poppers, also noch zu einem Zeitpunkt, da die frühere Leitung die Geschäfte führte, der Apparat der Gemeinde von zwei hervorragenden Sachverständigen begutachtet und als einwandfrei funktionierend anerkannt wurde. Diesen gleichen Apparat, der sich durchaus bewährt hat, hat die neue Leitung übernommen, ohne auch nur das Geringste an ihm zu ändern. Es gebührt ihr also hier kein besonderes Lob und es ist nichts als Demagogie, aus diesem Grunde die alte Leitung herabsetzen zu wollen. Besonders empörend ist eine solche Handlungsweise dann, wenn ein Mann sich ihrer befleißigt, der ehedem in Diensten dieser Leitung stand und nun seinen neuen Vorgesetzten einen Dienst damit zu erweisen glaubt, daß er seine früheren Vorgesetzten in der OeffentlichkeitTherabsetzt. Denn, wie wir erfahren, ist der Berichterstatter der „Neuen Welt" ein Beamter der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde, der seinerjournalistischen Ergüsse wegen eine strenge Rüge erhalten soll, die für ihn selbst, aber auch für die Redaktion der „Neuen Welt" eine wohlverdiente Ohrfeige bedeuten wird. * Hin Renegat. Die Wiener jüdische Oeffentlichkeit ist jüngst durch die Nachricht überrascht worden, daß der bekannte Spezialist für Urologie, Primarius Doktor L i c h t e n s t e r n, aus dem Judentum ausgetreten ist. Diese Meldung hat sensationell aus zwei Gründen gewirkt, erstens des Mannes wegen, der diesen Schritt unternommen, und zweitens des Grundes wegen, aus dem er ihn getan hat. Dr. Lichtenstern hat sich nämlich seinen Namen an einer Stätte erworben, an der er heute, als Deserteur des Judentums, nicht wirken könnte: im Rothschildspital. Durch sechs Jahre war er Sekundararzt und Assistent im Rothschildspital, dort wurde er ausgebildet zu dem bekannten Arzte, zu dem Juden aus aller Welt ihr Geld hintrugen. Dr. Lichtenstern hat sich der jüdischen Gemeinschaft gegenüber, der er soviel verdankt, nicht als dankbar erwiesen. Wegen schäbiger dreihundert Schilling — schäbig angesichts des großen Einkommens dieses Mannes — ist er aus dem Judentum ausgetreten. Um den genannten Betrag fand er seine. Kultussteuer als zu hoch bemessen und prompt reagierte er auf diese „Willkür" so, wie sonst nur Juden reagieren, die sich mit dem Judentum ab- HÜ; üi'

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