Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 4 (26.1.1934)
- Date
- 1934-01-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT meinem Interesse ist nur, was er als Vertreter der katholischen Kirche äußert. Für einen solchen ist es — trotz dem. übrigens (siehe Stuttgart) stark bekämpften, abweichenden Verhalten des evangelischen Reiclisbischofs von Deutschland — nur selbstverständlich, daß ihm jeder getaufte Jude ..herzlich willkommen" ist. Das Gegenteil wäre um so erstaunlicher, als Prälat Schmidt Präsident des Mödlinger — Missionshauses ist. Diese Stellung kommentiert auch seinen Krieg gegen die glaubenstreuen .luden, der uns mehr angeht. Er ist - - wie man in Anlehnung an die bekannte Kriegsdefinition von Clausewitz sagen darf — eine Fort set zung der katholischen Missionstätigkeit mit anderen Mitteln. Daraus erklärt sich auch die Unhaltbarkeit der offiziellen Kriegserklärung Schmidts: ..Das übermäßige Eindringen der Juden in Aerzte- und Advokatenberuf kann nicht länger ertragen werden, weil so viele unserer jungen Leute . . . arbeitslos und darbend zusehen müssen, wie so unverhältnismäßig viele Stellen von Juden besetzt gehalten werden." Ja, wer hindert denn diese jungen Leute, gleichfalls Aerzte oder Advokaten zu werden und ohne Zwangsmaßregeln. bloß auf Qrund des natürlichen Bevölkerungsverhältnisses die Mehrheit in allen Berufen zu erlangen? Ebensowenig überzeugend wirkt die Angst, die Jugend könnte, falls nicht vorbeugend eine Entrechtung der Juden auf friedlichem Wege erfolgt, zur Gewalt greifen. So zartfühlend waren die Herren Prälaten nicht immer. Als sie gegen die staatsbeherrschende Position des Liberalismus zum Sturm bliesen, haben die Klerikalen den Hilsner-Prozeß zu einer wüsten Ritualmordhetze mißbraucht, die sich an vielen Orten in Exzessen gegen Juden und liberale Christen, wie den heutigen Präsidenten der tschechoslowakischen Republik, auswirkte. Damals hat man in den kirchlichen Kreisen wenig Neigung zu einer friedlich-schiedlichen Ordnung der Judenfrage bemerkt. Wenn diese Neigung heute vorhanden zu sein scheint, hat dies wohl seinen Grund in der Erkenntnis von dem ungeheuren Schaden, den der jetzige Welthoykott gegen Deutschland als Antwort auf die gewaltsame Entrechtung der deutschen Juden für die deutsche Weltgeltung bedeutet. Vielleicht hoffen die österreichischen Antisemiten, einem solchen Boykott zu entgehen, wenn es ihnen gelingt, den Juden, statt durch Gewalt, am Verhandlungstisch die Preisgabe ihrer Rechte abzunötigen. Die Kulturwelt wird sich indes nicht um die angewandten Methoden, sondern um das Resultat kümmern und die Verachtung, die heute Deutschland so hart zu spüren bekommt, auch gegenüber jedem anderen Land bekunden, das die gleiche Schuld auf sich lädt. Aber abgesehen davon hat sich der Krieg der evangelischen Kirche gegen das Judentum sehr verhängnisvoll für die A n g r e i f e r erwiesen. Das Glaubensfundament des Protestantismus ist Feuilleton Aus »Die vierzig Tage des Musa Dagh" Von Franz Werfe). Vorbemerkung: Wir bringen mit gütiger Erlaubnis des Verlages Z s o 1 n a y zwei Proben aus Franz Werfeis bedeutendem Roman, über den Ernst Lissauer in voriger Nummer berichtete. Im folgenden wird geschildert, wie die auf dem Berg verschanzten Armenier, die soeben einen Angriff türkischer Truppen vernichtend zurückgeworfen haben, den Bergwald anzünden, damit sie von dieser Seite nicht mehr angegriffen werden können. „Als der Kampflärm vom wiedereroberten Graben sich abwärts verzog, war damit auch das Signal für die Stadtmulde gegeben. Ein Feuerzeug flammte auf. Eine der petroleumgetränkten Fackeln begann knisternd zu brennen und innerhalb der nächsten Minuten entzündeten sich an der ersten Tausende von anderen Fackeln. Die meisten Lagerbewohner waren dem Beispiel Haiks, Stephans und der übrigen Knaben gefolgt, die, in jeder Hand einen dieser Brände, sich jetzt in langer Front in Bewegung setzten. Eine solche Lichtprozession hatte diese Erde noch nicht gesehen. Jedermann, der die prasselnde Fackel vor sich hertrug, erschauerte unter der unbegreiflichen Heiligkeit, die sich in seinem Innern verbreitete. Dieses Licht war nicht mehr wie die einzelne Flamme eine Verschärfung der unendlichen Nacht, sondern als Lichtieuer eines ganzen Volkes legte es in die Finsternis des Raumes eine glorreiche Bresche. Feierlich langsam drangen die langen Reihen und Haufen vor, als sei ihr Ziel kein Kampfort, sondern eine Stätte des Gebetes. Unten in den Dörfern, in Yoghonoluk. Bitias, in Habibli. Azir, in Wakef und Kheder Beg, ja selbst weit im Norden in Kebussije. dem Immendorr, schlief keiner aufs schwerste erschüttert. Dagegen hat die jüdische Religion, wie in allen Zeiten der Verfolgung, an innerer Stärke gewonnen: Gleichgültige Anhänger wurden aufgerüttelt, Abgefallene kehrten zurück und vielleicht ist auch die eingangs erwähnte Das verflossene Jahr wird in den Aunalen der jüdischen Geschichte als ei;ies der schicksalsschwersten des letzten Jahrhunderts verzeichnet werden. Das Unheil wurde wohl geahnt, aber nicht mit Bestimmtheit erwartet. Die Frage der Gleichberechtigung der Juden in allen Kultur- und Pseudokulturstaaten schien gelöst. Wenn auch hie und da die antisemitischen Schlagworte im politischen Kampi zur AufwühluiiK der Massen in ganz gehässiger, raubgieriger Weise verwendet wurden, so betrachtete die Kulturwelt und zum großen Teile aucli das Judentum selbst diese Erscheinungen als nicht sonderlich ins Gewicht fallend, als agitatorischen Unsinn, der nach vollzogenen Wahlen sich teilweise oder ganz verilüchtigte. Was Jedoch in Hitler-Deutschland in diesem Jahre vor den Augen der gesamten Menschheit ins Werk gesetzt wurde, übersteigt um ein Wesentliches alle Befürchtungen und Mutmaßungen. Man greift sich an den Kopf und fragt: Ist das möglich? Die Erhebung einer in der ersten Reihe der Kulturvölker stehenden Nation soll durch Diffamierung und Ausrottung eines Teiles ihrer Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern Mitbürger (und nicht des schlechtesten) erreicht werden? Durch ein Meer von Tränen und Blut sollen die im Grenadierschritt ihrem Ziele zustrebenden, durch maßlose und schamloseste Verhetzung aus dem seelischen Gleichgewicht gebrachten Massen waten, um das ersehnte Ufer der Rettung und des Heils der Nation zu erreichen? Will sich denn dieses Volk mit seinen Gleichschaltungstheorien aus dein Kreis der gesitteten Menschheit ausschalten? Will es sich durch geistige Verpobelung, durch Verrohung des Gemüts, durch Stumpfsinn und nicht zuletzt durch Mißachtung aller göttlichen und menschlichen Gebote für ewige Zeiten an den Pranger stellen? Ist das möglich? Und doch scheint es, als ob dem so wäre! Hitler, dessen traurige Popularität ins Ungeheuere gestiegen ist, ein Abgott für ianatisierte, vom Boden der Vernunft, der Selbstbeherrschung und Gesittung entwurzelte Jugend, ein mit gleißendem rhetorischen Zierat (oder Unrat!) aufgeputzter, mit unhaltbaren, jedem Rechtsempfinden ins Gesicht schlagenden Dogmen jonglierender „Führer", will mit brutalster Gewalt den Wiederaufstieg Deutschlands erzwingen. Alles natürlich aus glühender Liebe zu seinem Volke, aus fanatischem Haß gegen dessen Gegner. Hierbei muß jedem Nachdenkenvon den Nutznießern der Landnahme. Als das wilde Knattern des Ueberfalls die Ortschaften erreichte, hatten die wehrhaften Männer sogleich nach den Flinten gegriffen, sich aufgemacht und hielten nun den Vorberg besetzt, ohne sich freilich in die Nähe der Schlucht zu wagen. Die Frauen aber standen in den Gärten und auf den Hausdächern, um mit ängstlicher Gier das Wutgebell der Schüsse zu belauschen. Da sahen sie auf einmal, daß die Sonne um ein Uhr nachts hinter dem Damlajik aufging. Scharf trat die schwarze Kammlinie hervor, hinter der es rcsenhaft zart erglomm. Diese himmlische Erscheinung, dieses Zeichen und Wunder sondergleichen warf die glaubensbereiten Weiber nieder wie die Ankunft des jüngsten Gerichts. Und als dann, ein wenig später, der Bergrand selbst zu glosen und zu lodern begann, da wars für eine natürliche Erklärung zu spät. Jesus Chnstus, der Prophet der Ungläubigen, hatte die Sonne seiner Macht hinter dem Berge aufgehen lassen und die armenischen Dschinns des Musa Dagh schützten im Bunde mit den Kirchenheiligen Petrus. Paulus. Thomas und vielen anderen ihr Volk. Die alte Theorie von den Uebermächten. die den Armeniersöhnen beistanden, fand in dieser Stunde die stärkste Bestätigung. Doch nicht nur die unbelehrten YVeiber waren von ihr erfüllt. Auch die Mollahs, die im Glockenturm und auf dem Rundgang der Kirchenkuppel von Yoghonoluk dieses Wunder beobachteten, verließen fluchtartig das moscheegewordene Weihtum ..Zu den wachsenden Engelmächten'*. Weniger wunderbar, doch noch weit furchtbarer wirkte die unaufhaltsame Fackelmauer auf die türkischen Soldaten, die sich noch auf den Berghängen befanden. Der Eindruck einer unfaßlichen Ueberzahl ging von ihr aus, als habe sich die gesamte armenische Nation zu dieser Stunde und an diesem Ort vereinigt, alle Verschickungstransporte des Reiches, um das ungeheure Grauen an einem Häuflein des Staatsvolkes mit Kugeln und Feuerbränden zu rächen. Die kleinen türkischen Besatzungen, die vor den Verteidigunesahschnitten lagerten, rasten den Berg hinunter. Kein Offizier konnte sie aufhalten. Was in dem Bann der Steineichenschlucht noch lebte, hatte sich, der Kugeln nicht mehr acht- Gründuhg der „judenchristlichen" Sekte nur eine Etappe auf dem Heimweg zum Judentum. Sollten diese protestantischen „Kriegserfolge" dem Katholizismus nicht die Lust nehmen, gleichfalls über den Halys zu gehen? Dr. Hugo Spiegier. . den ein Vergleich in den Sinn kommen, ein sehr sinn- und lehrreicher Vergleich, nämlich der zwischen Masarvk und Hitler. Aus der Geschichte des letzten Krieges weiß jeder, was der greise Staatsmann Masaryk für sein_Volk geleistet hat, jeder weiß, mit welch schrankenloser Aufopferung und selbstloser Hingabe Masaryk die Befreiung seines Volkes angestrebt und durchgesetzt hat. Er nützte die sich bietende Gelegenheit voll aus, um die seit Jahrhunderten von anderen beherrschte tschechische Nation zur Selbständigkeit und zu nationalem Aufstieg zu führen. Und was waren die Prinzipien und Devisen seines an Kämpfen so überreichen Lebens? Doch nur Menschenachtung, Demokratie, Idealismus, Gerechtigkeitsfanatisinus und restlose Parteinahme für den Schwächeren. Man bedenke, wie erbittert die Stimmung der Tschechen gegen die Deutschen war während des Krieges und nachher. Wie leicht hätte das tschechische Volk durch dem Siegestautnel außer Rand und Band geraten können, wenn es z. B. einen — Hitler als beglückenden „Führer" an der Spitze gehabt'hätte! Masaryks Persönlichkeit ragt nicht nur vermöge ihrer staatsmännischen, wissenschaftlichen, rhetorischen und noch anderen Begabungen, sondern vor allem wegen ihrer moralischen, menschenfreundlichen und sittlichen Tendenzen turmhoch über so viele berühmte Mitmenschen hervor. } Masarylc und Hitler, beide sind Volksiiihrer, jedoch wie verschieden, ja entgegengesetzt äußert sich die Führung dieser beiden Staatsmänner. Masaryk — die herrlichste Blüte intelligenter weiser Selbstzucht, strebt dein Licht., der Erkenntnis zu, sein Ziel ist die Verbrüderung der Menschen und Völker. Cr will Gegensätze und Rejbungsflächen aus der Welt schaffen, verstellt die Vorzüge anderer zu schätzen und zu würdigen. Ein wahrer Psycholog, nicht im geringsten angekränkelt von den faulen Lehren der „wissenschaftlichen" Giftmischer und fadenscheinigen Rassentheoretiker, ein kluger, objektiver Gelehrter, in dem ein wahriülilendes Herz pocht und der Gerechtigkeitssinn dominierend ist. Und Hitler? Seine Volkse'rneuerungstheorien basieren auf Unduldsamkeit, finsterer Engherzigkeit, Herrschsucht und Menschenfeindlichkeit. Sein Streben ist, Andersdenkende, wenn sie auch besser und edler sind, zu vernichten, um so dem deutschen Volke einen Platz an der Sonne, wie er sich ausdrückt, zu erstreiten, indessen allerdings die Sonne untergehen würde, wenn sich sein Vorhaben verwirklichen sollte! Am krassesten, augenfälligsten ist der Unterschied, die unheimliche Kluft zwischen dem Menschenfreund Masaryk und dem Menschenfeind Hitler in der Behandlung der Judenfrage. Ist ersterer ein weiser Apostel des Lichts und der Wahrheit, so ist letzterer ein Heros der Finsternis und Verdrehung, ein moderner Torquemada, dem die Verfolgung unschuldiger, begabter und loyaler Menschen, die ihrem Vaterland in der Not unvergängliche Dienste geleistet haben, zur Religion geworden, einer Religion, die nicht vom Himmel, sondern von der Hölle stammt, ebensowenig Wurzel fassen wie Bestand haben kann und einst genau so beurteilt werden wird wie die des spanischen Inquisitors. habend, durchs Dickicht geschlagen und den Vorberg erreicht. Die Armeniersöhne waren nicht stark genug, den Eingang der Schlucht völlig abzuriegeln. Einige ehrenwerte tapfere Offiziere und Soldaten, die ihren Jiis-Baschi vermißten, hatten sich noch einmal zurückgewagt und den Verwundeten, der bewußtlos am Waldrand lag geborgen und knapp vor der Gefangennahme gerettet. Sie trugen ihn in die Villa Bagradian, das Hauptquartier. Während dieses schmerzhaften Weges erwachte der Major. Einige schwere Atemzüge. Er wußte, daß alles verloren war. daß die Christen seine Heeresmacht vollständig aufgerieben hatten, daß es für ihn keins Rehabilitierung und Rückkehr gab. Aufrichtig fluchte er dem Geschoß, das nur seinen rechten Arm zerschmettert und keine gründlichere Arbeit geleistet hatte. Er wünschte sich eines nur. wieder bewußtlos' zu Wiarden. Dieser, Wunsch aber blieb ihm nicht nur versagt, sondern die klarste und kälteste Beurteilung des Geschehenen arbeitete in ihm unerbittlich. Die Prozession des Feuers hatte keinen Feind mehr vor der Brust. Langsam näherten sich die brennenden Reihen der Steincichenschlucht und ihren Nachbarwäldern. Auf halber Höhe des Berges etwa ließ Ter Haigasun die langen Linien halten und gab den Befehl (der von einem Ende zum anderen lief), die lodernden Fackelstümpfe ins Unterholz zu werfen und eilig zurückzukehren. Die Flammenstöcke versanken im aufqualmenden Wildwuchs. Nach wenigen Minuten schon gab es allenthalben einen endlos fortknatternden Knall, als ob der ganze Damlajik explodieren wollte. An vielen Stellen schoß die Lohe des Waldbrands hoch. Wehe, wenn sich der Wind in den nächsten Stunden und Tagen wendete! Die Stadtmulde. die ia dem Bergrand zunächst lag. wäre den wehenden Funken und Feuerzungen ausgesetzt gewesen. Ein Glück, daß Gabriel Bagradian vor den Abschnitten ein ausgeholztes Glacis geschaffen hatte! Der Waldbrand breitete sich mit derartiger Geschwindigkeit, ja Gleichzeitigkeit über der sommertrockenen Brust des Damlajik aus, daß es nicht irdisches Feuer und irdischen Feuers Nahrung zu sein schien, was da in tobenden Flammen stand. Den Komi- Masaryk und Hitler. Von Bernhard Horowitz. Brünn.