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Die Wahrheit · 1934-01-26 · Heft 4 (26.1.1934) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 4 (26.1.1934)
Date
1934-01-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland verboten! -Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" and den Amtlichen Verlautbarungen der Israelifischen Kultusgemeinde Wien j Kadi PALÄSTINA 1 ^^^■^■■■■■■■■■^^■^■^■■■■B 5 durch den 1 \ PALESHNE & OMENI- | | LLOYD | ■ Vertretaas für Österreich: S REISEBÜRO CITY, Dr. J. H. Körner § : WIINI. I KOHLMARKT NR. : TELEPHON U 28-4-» i Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A100918 50. Jahrgang Wien, 26. Jänner 1934 Nummer 4 ww Judenchristen. SS Rasiere Difflgat and billig Aus Deutschland kommt die Meldung, daß sich dort protestantisch getaufte Juden und Judenstämmlinge, die nach dem Worte des evangelischen Reichsbischofs Müller fortab weder auf noch unter der Kanzel einer deutschen Kirche geduldet werden sollen, zu einer „judenchristlichen" Kirchengemeinde zusammengeschlossen haben. Da kann man nur sagen: Weit gebracht! Nach neunzehnhundert Jahren Christentum wird eine Etikette aus den Urzeiten der christlichen Geschichte hervorgeholt und ein Dualismus wieder lebendig gemacht, dessen Auflösung in einer höheren Synthese die schwerste Sorge der ersten Apostel gewesen ist. Die heutige Auferstehung des Begriffes „Judenchristen" aus dem Qrabe zweier Jahrtausende bringt eine gewaltige Degradierang der unter diesen Begriff fallenden Sekte mit sich. Statt der Herrlichkeit wird ihnen jetzt die Rolle von Verworfenen und Verachteten zuteil. Nur die Dornenkrone des Martyriums dürfen sie wie einst auch in diesen Tagen noch auf sich nehmen. Während ihnen aber unter Kaiser Nero Leiden und Verfolgungen mit den Verheißungen künftiger Größe ihrer Glaubensgemeinschaft versüßt wurden, verbittert ihr Los unter dem Hitler-Regime noch die Erkenntnis, daß ihre Aufopferung eine vergebliche ist und daß, ihnen ihr oder ihrer unmittelbaren Vorfahren Abfall vom jüdischen Glauben zum evangelischen Christentum keinen Segen gebracht hat, sondern nur den Fluch, zwischen zwei Stühlen zu sitzen. * Die im Schöße der katholischen Kirche gelandeten jüdischen Proselyten haben aber keinen Grund zur Schadenfreude. Denn nur äußere politische Konstellation hat sie — vorläufig! — vor dem gleichen Schicksal, sich aus dem stolzen Prunkraum des Katholikendoms in die Abgeschiedenheit einer „judenchristlichen" Katakombe zurückziehen zu müssen, bewahrt. An dahin zielenden Absichten hat es auch in der römischen Kirche, wenigstens in Oesterreich, nicht gefehlt, ja aus ihrem Kreise ist die Idee zum ersten Male in die Oeffentlichkeit gedrungen. Das war vor Hitlers Machtergreifung, als die hiesigen Christlichsozialen mit den Nationalsozialisten noch fraternisieren zu können glaubten. Damals tischte der klerikale Unterrichtsminister Dr. C z e r m a k der verblüfften Welt eine Studentenordnung auf, die das „nationale" Prinzip in so überspitzter Form zur Geltung bringen wollte, daß die getauften Juden mit den nichtgetauften zusammengeschweißt werden sollten. Trotz der Entrüstung der glaubenstreuen Juden über die Zumutung, mit Abtrünnigen eine Frontgemeinschaft zu bilden, und die Enttäuschung der Proselyten, die sich trotz dem Glaubenswechsel die gesellschaftlich kompromittierende Solidarität mit Juden weiter zu pflegen verurteilt sahen, wäre diese Studentenordnung vielleicht Gesetz geworden, wenn nicht rechtzeitig Hitler in Deutschland zur Herrschaft gelangt wäre und den ihm bei dieser Gelegenheit von der Wiener „Reichspost" zugerufenen Wunsch, gründlich durchzugreifen, so radikal erfüllt hätte, daß außer Juden und Marxisten auch den Katholiken angst und bange wurde. Seither sahen sich die katholisch-klerikalen Kreise gezwungen, vom Nationalsozialismus taktisch und ideeli abzurücken. In Deutschland, wo dies Mut erfordert, geschah es, wenn man von den blamablen Versuchen des Herrn P a p e n. den Nationalsozialismus reinzuwaschen, absieht, mit erfreulicher und imponierender Schneidigkeit, in Oesterreich mit sichtlichem Zaudern und innerem Widerstreben. Während der Münchener Erzbischof Kardinal Faulhaber sich zu einer glänzenden Apotheose des Alten Testaments und des jüdischen Sittengesetzes aufschwang und die Offenbarung vom Sinai als die Grundlage., jeder gesellschaftlichen Ordnung pries, verlangte der österreichische Minister a. D. Dr. C z e r m a k eine „Ordnung in der Judenfrage" auf dem Wege staatsbürgerlicher und sozialer Entrechtung der Juden, so das eigentliche Ziel seiner inzwischen in der Versenkung verschwundenen Studentenordnung verratend. Nur bezüglich der „Judenchristen" hat er Wasser in seinen Wein gegossen: er erwähnt ihrer in dem zitierten Buche nur ganz flüchtig, das Problem ihrer Einordnung in die katholische Glaubensgemeinschaft sehr optimistisch beurteilend. Treffpunkt der Feinschmecker Cafe-Restaurant FETZER bei der Schwedenbrücke Mit um so größerer Ueberraschung vernahm man das in diesem Blatte bereits besprochene Referat des Prälaten Dr. Wilhelm Schmidt in einer katholischen Vereinigung, das nicht bloß die Forderungen des Czermak-Buches übernahm, sondern darüber hinaus auch die in der längst begrabenen Czermakschen Studentenordnung angeregte Sonderstellung der „Judenchristen" zur Diskussion stellte. Diese Diskussion scheint sich aber viel hitziger gestaltet zu haben, als der Herr Prälat erwartet haben mochte, denn er sieht sich zu einem kleinen Rückzugsgefecht veranlaßt, das er in der Wochenschrift „Schönere Zukunft" (Nr. 17 vom 21. Jänner 1934) in einem Artikel „Zur Judenrrage" liefert. Uns Juden läßt das Schicksal der „Judenchristen" vollständig kalt. Wenn Fahnenflüchtlinge aus unseren Reihen im Schöße der diversen christ- OesterrcfcMscIies Qnaiitäts Fabrikat Ueberau erhältlich liehen Kirchen nicht jene Erlösung finden, die sie sich beim Abfall vom Glauben ihrer Väter erhofften, erblicken wir darin nur eine gerechte Strafe für ihre Desertion. Wir haben auch gar nichts dagegen, daß diese Schuld im Hitler-Reiche bis ins dritte Gesohlecht geahndet wird, ja wir bekennen, daß wir eine noch viel weitergehende Recherche nach jüdischen Ahnen, wenn mögiicli bis in die Zeiten der Völkerwanderung zurück, begrüßen würden, selbst auf die „Gefahr" hin, daß dann sogar viele heutige Nazigrölien ihr braunes Hemd zu einem gelben Fleck zusammenschrumpfen sähen. Wir verzeichnen daher bloß ihrer Kuriosität wegen die Argumentationen, mit denen Prälat Schmidt seinen Rückzug zu verschleiern sucht, indem er zur Aufklärung ..mißverständlicher" Deutung seines umstrittenen Referats betont, daß der getaufte Jude wohl zur Gemeinschaft in der katholischen Kirche gehört und in dieser (jemeinschutt von allen wahren Katholiken herzlich w i 11 k o mm e n geheißen werden muß. daß er aber nicht uir deutschen Volksgemeinschaft gehört, mit ..ihrer jaiirtausendaken innigen Vermählung von katholischem Christentum und voiklichem Deutschtum". Ueber diese „jahrtausendalte Vermählung"'' kann man nur lachen, wenn man sich des Lueger- Wortes erinnert, mit dem er sich der Vorwürfe wegen Einbürgerung der in Wien lebenden Tschechen zwecks Verstärkung der christlichsozialen Wählerschaft erwehrte: „Laßt mir meine Böhm* in Ruhe!" Ebenso bekannt ist die Tatsache, daß einer der ersten christlichsozialen Vizebürgermeister Wiens, also gelegentlicher Vertreter Doktor Luegers, der Judenstämmling Dr. Porzer gewesen ist. Ein anderer Judenstämmling aus der Lueger- Aera spielt heute noch als christlichsozialer Vertrauensmann eine hervorragende Rolle im öffentlichen Leben Oesterreichs. Es ist kaum anzunehmen, daß diese beiden „Judenchristen" weniger Gewicht auf Zugehörigkeit zum deutschen Volkstum legten als auf die Pflege jener jüdischen Rassenvorzüge, die Prälat Schmidt den getauften und sogar den aus mangelnder Kenntnis des Christentums nicht getauften Juden als Erbe aus der vorchristlichen Zeit zubilligt. Ein Prälat ist eben nicht immer ein ethnologischer Sachverständiger und was Schmidt in bezug auf Volkstum sagt, ist seine Privatmeinung, die man außer Diskussion lassen kann. Von allge- Gedenket der Wl nternotitandf aktion der Kultusgemeinde! Geld- und Nafuralspenden erbeten an die Fürsorge-Zentrale der Israel. Kultusgemeinde Wien L, Seitenstettengasse 2, Telephon U 25-5-85 Serie, Postsparkassenkonto B-29.659

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