Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 3 (19.1.1934)
- Date
- 1934-01-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 Saal desHandelsmuseums, IX., Bergg. 16 Sonntag, den 28. Jänner 1934 KONZERT OBERKANTOR SAMUEL POSTOLOW unter Mitwirkung des Herrn Prof. JOSEF ZIMBLER Am Klavier: Frl. Betty Lewin Zum Vortrage gelangen liturgische und jüdische Lieder Beginn: 8 Uhr Preis: S 2.— bis S 3.— auf deutschem Boden sei eine Provokation; auf deutschen Boden gehören nur Deutsche. * Der bekannte Berliner Architekt Ernst Freud, Sohn des Schöpfers der Wissenschaft von der Psychoanalyse Sigmund Freud, ist mit Familie nach London ausgewandert. Er erklärte, ihm als Sohn Sigmund Freuds, dessen Bücher in Deutschland verbrannt wurden, sei ebenso wie seinen Kindern das Leben in Deutschland unerträglich gemacht worden. * Der Waldenburger Pastor Weichenhan ist in Schutzhaft genommen worden, weil er behauptet haben soll, der Reichsjugendführer Baidur von Schirach sei ein Jude und heiße eigentlich Baruch Meyer. Weichenhan wird vor ein Sondergericht gestellt werden. * Der „Völkische Beobachter" teilt mit: -..Kürzlich wurde auf dem Notariat in Weilheim der auf Murnau bezügliche Teil des Testaments des in Hochried verstorbenen Amerikaners Dr. James L o e b eröffnet Die Gemeindeverwaltung Murnau erhält 20.000 Dollar zur Errichtung einer Stiftung für Bedürftige und Kranke. Verwalter Müller erhielt 25.000 Dollar. Auch alle Angestellten mit zehn und mehr Dienstjahren wurden reich bedacht Außerdem ist im Testament verfügt, daß alle Schuldscheine, die im Nachlaß liegen, geschenkt werden." Die deutschen Blätter bringen Nachrichten über den Leipziger Rauchwarenhandel, welche zeigen, daß durch die Nazirevolution dieser Handel nahezu vernichtet ist. * Die Berliner Zeitungen teilen mit, daß der Weltkurort Wiesbaden infolge „Wcgbleibens von Juden und Ausländern" einen riesigen finanziellen Entgang zu verzeichnen hat, durch den alle Stadtbewohner empfindlich getroffen sind. In der letzten Bade-Saiscn hatte Wiesbaden 8000 Besucher weniger als in der gleichen Periode des Jahres 1932 zu verzeichnen gehabt. Amerika, du hast es besser ... Der demokratische Senator T y d i n g s brachte im Senat einen Antrag ein, in welchem die amerikanische Regierung ersucht wird, sie möge ihrem „tiefen Gefühl der peinlichen Ueberraschung" über die Behandlung der Juden in Deutschland amtlich Ausdruck verleihen. * Senator Borah, einer der einflußreichsten amerikanischen Politiker, Vorsitzender der außenpolitischen Kommission des Senats, erklärte in einer in New York gehaltenen Rede unter nicht mißzuverstehender Anspielung auf die Verhältnisse in Deutschland u. a. folgendes: Jene politische Bewegung, die das göttliche Zehngebot umtauschen will gegen Prinzipien, die vom „Führer" proklamiert werden — Prinzipien, die darauf abzielen, die persönliche Freiheit zu vernichten, Menschen wegen ihrer Abstammung oder Religion zu verfolgen und die Volksrechte zugunsten eigener Kapricen zu opfern —, wird im amerikanischen Volke nicht den geringsten Anklang, sondern im Gegenteil schärfste Verurteilung finden. Wir haben, schloß Borah, keinen Grund, vor dieser Bewegung zu erschrecken, aber wir können ihr gegenüber auch nicht gleichgültig bleiben. * Samuel D i c k s t e i n, Vorsitzender der Einwanderungs- und Naturalisations-Kommission des Repräsentantenhauses des amerikanischen Kongresses, dem vom Kongreß die Untersuchung der Nazi-Umtriebe in den Vereinigten Staaten übertagen wurde, teilt der Presse mit, der Kongreß werde demnächst eine Sonderkommission zur Fortführung der Untersuchung der Nazi-Umtriebe und zu deren Bekämpfung einsetzen: er, Dickstein, verzichte aber darauf, den Vorsitz in dieser Kommission zu übernehmen. Diese Haltung des Kongreßmitgliedes Samuel Dickstein wird dahin interpretiert, daß Dickstein der Meinung ist, die Führung der Untersuchung gegen die Nazis läge am besten in den Händen eines Nichtjuden. * Auf Initiative des bekannten jüdischen Anwalts Samuel Untermyer wurde die ..Anti-Nazi-Liga zur Verteidigung der Menschenrechte" begründet, die sich die Bekämpfung der nationalsozialistischen Judenhetze in Amerika zum Ziele gesetzt hat. Der Leitung der Liga, die großen Anklang in Amerika gefunden hat, gehören ua. an: Advokat Samuel Untermyer. Rabbi Abba Hillel Silver, der frühere Vorsitzende des Appellationsgerichts Victor Dawling. Richter Arthur Tompskins, der frühere amerikanische Botschafter in Deutschland James Gerard, die Chefredakteure Ab Cahan, Jacob Fishman, Dr. A. Koralnik. Untermyer leitete eine Untersuchung zur Demaskierung der provokatorischen Methoden der deutschen Nazi-Emissäre in den Vereinigten Staaten ein, die nach bewährtem Muster durch Organisierung einer rücksichtslosen Judenhetze unter den breiten Massen die Grundfesten des Staates erschüttern wollen. Es werden u. a. in großen Mengen provokatorische Flugzettel mit der Aufschrift „Boykottiert die Christen — kauit nur bei Juden!" verbreitet. Die Resultate der Untersuchung der Untermyer- Liga werden regelmäßig der Kommission des amerikanischen Kongresses zur Erforschung der Nazi-Propaganda übermittelt. * Die Akademie für jüdische Forschungen hat in ihrer in New York abgehaltenen dreitägigen Konferenz auf Vorschlag von Prof. Salamon Baron, Inhaber des Lehrstuhls iür hebräische Literatur an der Columbia University, beschlossen, sieben Stipendien zu je 2500 Dollar iür deutsch-jüdische Gelehrte zu schaffen. Die „goldene Jugend". Rumänien. Der Ministerpräsident Rumäniens George T a t arescu. der nach der provisorischen Regierung Anghelescu die Leitung der rumänischen Politik übernommen hat. kündigte in einer der Presse übergebenen Erklärung an. daß er ein Regime der Festigkeit einführen und drastische Maßnahmen gegen die „irregeleitete und von den Feinden Rumäniens aufgehetzte Jugend" ergreifen wijd. der u. a. die Teilnahme an politischen Organisationen und öffentlichen Kundgebungen untersagt wurde. In der „Ostjüdischen Zeitung" begrüßt der frühere zionistische Deputierte Dr. Mayer Ebner die wachsende Erkenntnis unter den rumänischen Staatsmännern und führt ungefähr aus: Oft genug hat ein jüdischer Deputierter von der Tribüne des Parlaments gesagt, daß unter den obwaltenden Umständen die verführte Studentenjugend zu der Ucberzeugung kommen müsse, sie stünde über dem Gesetze und die Juden stünden außerhalb des Gesetzes. Die gebildete Gesellschaft aber nahm diese Vorgänge mit seelischem Gleichmute hin und es fehlte auch vielfach nicht an Ermunterung dieser Jugend. Eine Flut von antisemitischen Flugschriften und Zeitungen ergoß sich über das Land, und unter dem Gesichtspunkte der Pressefreiheit duldete man eine wüste blutrünstige Hetze. Ein ehemaliger Minister des Innern pries sogar von der Ministerbank aus die von den Schützengräben übernommene Mentalität und Demagogen wetteiferten um die Gunst der „goldenen Jugend". Nun soll eine Epoche absoluter Achtung vor dem Gesetz beginnen. Die höchsten Staatsinteressen stehen auf dlem Spiele. Man muß sich sagen, daß eine Politik der Ablenkung* der Unzufriedenheit auf die sogenannten „Fremden", die in Wahrheit hier eine Heimat haben, die dümmste und unglücklichste Politik'ist, die man sich denken kann. Wird man aus der Vergangenheit lernen? Die Hintergründe des ungarischen Antisemitismus. Der seit vielen Wochen unvermindert andauernde antisemitische Terror an den ungarischen Hochschulen, mit dem der sonst so energische Ministerpräsident Gömbös offenbar nicht fertig werden kann, wird in informierten Kreisen dahin gedeutet, daß die revoltierende Studentenschaft ihre Stützpunkte außerhalb des Kabinetts Gömbös hat, was wiederum auf eine Erschütterung der Stellung des Ministerpräsidenten schließen läßt. Man erzählt, daß die Beziehungen zwischen dem Reichsverweser Horthy und seinem früheren Schützling Gömbös kühl geworden sind, da Gömbös, der einstige rassenschützlerische Antisemit, eingesehen hat, daß eine Duldung antisemitischer Barbarei Ungarn nicht nur im Ausland schadet, sondern auch die Konsolidierung im Innern stört, während der Kreis um den Reichsverweser Horthy das Rassenschützlertum nicht in das antistaatliche Lager gedrängt sehen möchte. In Budapester politischen Kreisen sieht man in dem Innenminister Keresztes-Fischer, der ein extrem reaktionäres Programm vertritt, den kommenden Mann. Auf eine Lösung nach dieser Richtung arbeitet auch der Führer der kleinen Landwirte E c k a r d t, einst einer der radikalsten rassenschützlerischen Antisemiten, hin. » « * Polen. Das polnische Unterrichtsministerium hat eine Verordnung erlassen, der gemäß an den Statuten einer Reihe akademischer Vereinigungen gewisse Aenderungen vorzunehmen seien: im besonderen müsse der „Arier-Paragraph". der jüdische Studierende von der Mitgliedschaft dieser Vereinigungen ausschließt, gestrichen werden. Die Hochschulvereinigungen haben ihre Statuten entsprechend umgearbeitet, sich aber geweigert, den Arier-Paragraphen, der ein wesentlicher Teil ihrer ..Ideologie" ist. zu streichen. Als Wortführer der Vereinigungen in diesem Belange tritt der nationaldemokratische Verband an der Warschauer Technischen Hochschule auf. Die Hochschulsenate befassen sich jetzt mit dieser Angelegenheit In den letzten Tagen kamen in Warschau immer wieder Ueberfälle nationaldemokratischer Huligans auf Juden in den Straßen, in den Läden und in den Kinos GROSSFLEISCHHAUEREl' IIEGM. KORNMEHl »■■■■■■■■■■■■■«■■■■■■MMM WIEN IX., MMOASS* NR. 1» HUUli XVIII., WAHRIN ORR STRASSE 91 Telephon Nr. A 17*99 and A 16-9-34 Lieferant für Haltanstalton Abteilungenior Koscherfleisch uatar ftufaloht 4» ehrw. Rabbinata* dar lar. Kultas>B*>itielnd« Wlaa. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreises vor. In mehreren jüdischen Geschäften wurde durch Schleudern von Stinkbomben und Ausgieße» ätzender Flüssigkeiten viel Schaden angerichtet. Zwei Huligans überfielen den Rabbiner der Warschauer Vorstadt Praga. Zewi M e n d e 1 s o n. und brachten ihm schwere Verletzungen am Kopi und im Gesicht bei. Der verletzte Rabbiner wurde durch die Rettungsgesellschait ins Hospital und von dort nach Hause gebracht. Vor dem Eingang zum Warschauer Kaminsky- Theater, wo die Konferenz der polnischen Agudah tagte, versammelten sich nationaldemokratische Hochschüler und Mitglieder der nationalsozialistischen Partei Polens in größeren Massen und versuchten, in den Konferenzsaal einzudringen. Junge AgudisteH stellten sich ihnen entgegen, und es kam mehrfach zu Schlägereien. Die Polizei schritt ein, zerstreute die Menge und verhaftete zahlreiche Nationaldemokrate* und Nationalsozialisten. Anklage gegen den „Stürmer**. In Nummer 20 vom 30. Dezember brachte „Der Stürmer" einen Artikel unter dem Titel „Leichensteine des Gewerbestandes", in dem gegen eine ganze Anzahl jüdischer Kaufleute und Gewerbetreibender in der Stumpergasse in Mariahilf in der bekannten Weise des Blattes unerhörte Angriffe erhoben und eine Warnung an die Bevölkerung erlassen wurde. Durch diesen Artikel haben sich die namentlich angeführten jüdischen Firmen in ihrer Ehre und in ihren geschäftlichen Interessen bedroht gefühlt und haben — mit Unterstützung der Bezirkskommission VI—VII der Union österr. Juden — eine Anzeige an das Bundeskanzleramt gerichtet, welche im Wege der Preßpolizei an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet wurde. Diese hat nunmehr die Anklage gegen den verantwortlichen Herausgeber nach § 302 (Aufhetzung zum Religions- und Klassenhaß) erhoben. Das Rechtsschutzbüro der Union österr. Juden hat die Vertretung der Interessen der bedrohten jüdischen Firmen übernommen, und ist zu hoffen, daß nunmehr dem zügellosen hetzerischen Treiben des „Stürmers", das in weitesten Kreisen der Wiener Bevölkerung Empörung hervorgerufen hat, Einhalt geboten wird. Werf eis Armenier- Roman*) Von Ernst L i s s a u e r. „Die Vierzig Tage des Musa Dagh". so heißt Franz Werfeis neues Buch; er nennt es einen Roman, aber es ist ein Epos, das Epos von den Armeniern. Im Weltkrieg beschließt die jung-türkische Regierung, Talaat-Bei und Enver-Bei, die Armenier nach Mesopotamien umzusiedeln und dabei auszurotten: „Das Ziel der Deportation ist das Nichts." Nur die nötigste Habe dürfen sie mit sich führen, endlose Wege müssen sie wandern: Hunderttausende gehen zugrunde, die unbegrabenen Leichen verwesen und schaffen Krankheiten unter den Türken. Die Armenier der sieben Gemeinden, die am Fuße des Musa Dagh siedeln, hören mit Entsetzen von dem Geschick ihrer Volksgenossen. Da wählen sie statt des gewissen Unterganges den Kampf: sie ziehen auf den Musa Dagh. verteidigen sich, und schließlich werden sie, nach tausendfältiger Not und Wirrsal, von einem französischen Kreuzer gerettet. Hier oben werden sie im eigentlichen Sinne ein Volk, das Volk des Musa Dagh. Ein Volk der Urzeit: sie hausen in hölzernen Baracken: alle Güter sind gemeinsam: in der Mitte des Lagers ist der Altar errichtet. Sie wählen sich Führer und Aelteste. Jeder Einzelne ist zum Kriegsdienst eingeteilt. Um Jahrtausende ist die Zeit zurückgedreht. Ein Roman, der sich vor knapp zwanzig Jahren begibt: man liest ihn oft wie ein Epos aus ferner Vorzeit. Der Feldhauptmann dieses Stammes ist ein Reserveoffizier, der im türkischen Heer den Balkankrieg mitgemacht hat: Gabriel Bagradian. Er stammt aus alter armenischer Familie: der Sohn eines reichen *) 2 Bände, bei Zsolnay in Wien und Leipzig, 1933.