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Die Wahrheit · 1934-01-19 · Heft 3 (19.1.1934) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 3 (19.1.1934)
Date
1934-01-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Wpa m Seite 2 DIE WAHRHEIT Ein unendlich tiefes Symbol: dieser Sinai stand in der Wüste; durch sie mußte nach Empfangen der göttlichen Offenbarung Israel wandern — aber wurde es damit selber dem Flugsande der Wüste gleich? Wir glauben: nein. Denn es zog ins Gelobte Land, und das deutet doch wohrdarauf, daß auf eine freilich notwendige, freilich unvermeidliche, freilich unendlich sorgenvolle Wanderung immer auch wieder eine Zeit der Seßhaftigkeit folgt und sinnvoller als der entmutigende Hinweis auf unseren Charakter als angeblich ewiges Wandervolk scheint uns der auf die Tatsache, daß immer wieder Ideale sich verwirklichen, wodurch dann auch Freiheit und Lebensmöglichkeit für die Gemeinschaft ersteht, die Träger jener göttlichen Ideale ist. Wie man es betrachtet: ob auf jedes Wohnen ein Wandern oder ob auf jedes Wandern ein Wohnen folgt — das ist freilich Temperamentssache. Aber es kann kein Zweifel daran sein, welche Betrachtungsweise dem religiösen Temperament anbefohlen ist. Der Leser möge keine Profanierung darin erblicken, wenn wir hier eine etwas kuriose Parallele ziehen: mit Till Eulenspiegel, der fröhlich war, wenn er mühsam bergauf gehen mußte, weil er wußte, er wird dann bald wieder bequem bergab steigen können, — und nicht umgekehrt. Auch Eulenspiegel war ein Optimist, er bewies sich als Lebenskünstler und er sah seine Mission darin, die Wahrheit zu sagen. Ist unsere Parallele wirklich so abwegig? Sollten nicht auch wir Juden, die historische Gemeinschaft des Optimismus, der religiösen Lebensveredlung und der göttlich-sittlichen Wahrheiten uns unserer heutigen Mühsal freuen, weil wir wissen, in ihr liegt die ohne sie nicht realisierbare Möglichkeit zu neuer Besserung? So wird uns der Schmerz zum Antrieb und dieser Antrieb führt die jüdische Gemeinschaft zu kräftigem Sich-Regen. Sind wir damit Flugsand zwischen den Völkern? Nein und tausendmal nein. Wir sind, was zu sein die Aufgabe derjenigen Menschen bilden muß, die als Angehörige ihres Heimatlandes und Heimatvolkes von einem göttlichen Auftrag sich getragen wissen. Und indem wir für unsere eigene Existenz kämpfen, werden wir zugleich Vollstrecker dieses über uns hinausgreifenden universalen Auftrags. Schön wäre es, wollten alle Juden dies erkennen. Denn freilich, viele sind wirklich Flugsand; aber in einem anderen Sinne, als vorlün dies Bildwort gemeint war. Sie haben von ihrem Judentum nichts gewußt und wollten nichts von ihm wissen. Da kam ein Sturm und trieb sie ins nationale Lager. Nun wähnen sie sich „Volljuden". Aber sie wissen im Grunde nichts vom Judentum und vom Sinn des .Tudeseins. Sie wissen nur, daß der Sturmwirbel sie dort heraus und hier herein trieb. Und sie möchten nun uns über das belehren, was sie selber erst einen halben Tag lang kennen. Wir brauchen solche Lehre nicht, wir haben andere Lehre, zu der wir auch jene führen möchten, die von ihr allzu wenig wissen. Die Lehre, wir sagten es schon, wurde am Sinai gegeben, sie weist Israel den Weg. Mit ihr im Bunde werden wir Optimisten. Nicht mehr finden wir müde uns damit ab, daß wir nun einmal zum Wandern verurteilt seien, sondern wir kennen dieses Wanderns Ziel: Israel kämpft für Gott: wo Gott es hinstellt, kämpft es für ihn. Auf irdisch-heimatlichem Boden für göttliches Ziel. Wahrlich auch wir jüdischen Oesterreicher in dem Lande dieser Erdkugel, das Gott als LEOPOLO nur VII. BUR.6SASSE Ö B Heimat uns angewiesen hat und das unsere Heimat ist. Werden wir solcherart in schwerer Zeit des wahren Sinnes unseres Judeseins uns bewußt —: es kann nicht fehlen, daß mit unbeirrbarem Willen wir daran arbeiten, uns Gleichberechtigung und volle Lebensmöglichkeit in diesem Lan.de zu erringen, in dem wir leben müssen und wollen. Nicht Ausweg; Arbeit! J. L. Z. Mannestreue. Die von der österreichischen Regierung in dem in unserer vorwöchigen Nummer behandelten Aufruf angekündigten energischen Maßregeln gegen die Nationalsozialisten sind inzwischen tatsächlich erfolgt. Sie haben das Moment der Ueberraschung, das die Grundbedingung des Erfolges solcher Vorstöße gegen eine feindliche Front ist. entsprechend zur Anwendung gebracht, paradoxerweise sind aber auch die Angreifer nicht weniger verblüfft gewesen als die unversehens Gestellten. Als man nämlich mit raschem Zugriff die berüchtigten Naziführer Frauenf e 1 d und Schattenf roh verhaften ließ, fand die Polizei die genannten Herren eben bei vertraulichen Verhandlungen mit dem Kommandanten der niederösterreichischen Heimwehr A1 b e r t i, also einem Strategen der „Vaterländischen Front", auf die sich die Regierung stützt. Der in jedem Sinne des Wortes peinlichst Betroffene mußte sein Kommando in der Heimwehr sofort niederlegen, die Oeffentlichkeit wird aber den fatalen Eindruck nicht los, daß die Regierung bei der Auswahl ihrer Stützen keine sehr glückliche Hand verrät. Auf der einen Seite läßt sie zu, Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern daß ihre natürlichsten Bundesgenossen im Kampfe gegen das Hakenkreuz, die loyalen jüdischen Bür-. ger, gewaltsam abgestoßen werden — hat doch das- Regierungsorgan, die „Reichspost", ungehemmt die Weisheit verkünden dürfen, daß der Zustrom von Juden zur „Vaterländischen Front" diese kompromittiere —, auf der anderen Seite stützt sie sich auf Elemente, die, wie sich zeigt, keineswegs die festen, auch im Sturme unerschütterlichen Säulen sind, die solches Vertrauen verdienen, sondern haltloses, im Winde schwankendes Schilf. Alberti und seinesgleichen sind beflissen, sich im Kampfe Dollfuß gegen Hitler nicht vorzeitig zu binden, sondern sich alle Türen offenzuhalten im Sinne der Goethe-Verse aus dem zweiten Teil des „Faust": „Wer weiß, wie noch die Würfel fallen — und hat er Glück, so hat er auch Vasallen!" Vasallentreue ist die meist besungene germanische Tugend und einer jener Vorzüge, auf denen die angebliche Rassenüberlegenheit der Deutschblütigen beruht. Kardinal Faulhaber hat allerdings die selbstgeflochtenen Lorbeerkränze germanischer Selbstberäucherung sehr bös zerzaust. Als Abschluß seiner sensationellen, die hohe Ethik des Alten Testaments feiernden Predigten hat er den falschen Nimbus des altdeutschen Volkscharakters zerstört. Er wies nach, daß die alten Deutschen fast durchwegs unangenehme Eigenschaften besaßen und erst durch ihre Bekehrung zum Christentum — also indirekt durch das jüdische Sittengesetz — zu einem Kulturvolk geläutert wurden. Uebrigens desavouiert die altdeutsche Poesie selbst das Märchen von der unbedingten germanischen Mannestreue. Zumindest Hagen von Tronje, der sich Kriemhilden gegenüber als Beschützer Siegfrieds aufspielt und sich von Gtuitleton Jüdisches Leben in. Amsterdam. Von Moses K a t z. „Die deutschen Juden waren die Schreiber, die holländischen Juden waren die Verkäufer und die Ostjuden die Lerner", sagte mir ein alter, sephardischer Jude, als wir von früheren Zeiten sprachen. Ich bin ein Ostjude, habe 13 Jahre in Deutschland gelebt und wohne jetzt in Holland. Man könnte aus dem obigen Satz eine ganze Arbeit machen; denn diese Tatsache wirkt sich wahrhaftig in allen Handlungen der drei hier befindlichen jüdischen Kategorien aus. Geschäftliches. Im Vergleich zum holländisch-jüdischen Kaufmann ist der Ostjude ein Stümper. Hier fürchtet man seine Konkurrenz nicht. Zudem ist der Holländer kein leichter Kunde; er kauft nur das Allernotwendigste, wenn er es braucht Alle ausgeklügelten Verkaufsmethoden sind hier nutzlos. Den Holländer verwirrt nichts. Der hiesige Kaufmann ist dem gerissensten Ostjuden weit überlegen. Die hier lebenden Ostjuden haben es nicht leicht, aber sie haben sich mit der Zeit an den schweren Kampf gewöhnt. Alle aber sehen nach kurzer Zeit ein, daß der Kampf sich nicht lohnt. Mehr Sorgen bereiten den hiesigen Geschäftsleuten die deutschen Juden. In der letzten Zeit haben sie hier eine hübsche Anzahl Fabriken und Läden gegründet, bzw. eröffnet Im Judenviertel ist es ihnen zu riskant und — gefährlich. Ich wohnte hier einer Szene bei, die ■nir viel zu denken gab. Einige holländische Jüdinnen stellten sich vor einem neueröffneten Laden eines deutschen Juden auf und schrien auf ihre Art, daß sie nach Deutschland zurückkehren sollten usw.,.. Man fürchtet mehr seine Intelligenz als die Konkurrenz. Der deutsch-jüdische Verkäufer ist höflich, freundlich und macht guten, sicheren Eindruck. Zusammengenommen kann man von keiner Harmonie der drei Judentümer sprechen. Geistiges. Wenn ich Appetit auf ein "bißchen „geistigen Genuß" bekomme, gehe ich auf den Judenmarkt— Abteilung: Lumpen. In Lumpen und bei Lumpen stehen Philosophen und warten. Sie schreien nicht lärmen nicht, sie warten. Kommt jemand, ist es gut. Kommt niemand? Nun, dann wird jemand morgen kommen. Das Warten ist nicht so schrecklich. Erstens haben sie noch etwas vom gestrigen Verdienst und dann ist es erst 2 Uhr. Drittens kann man während des Wartens — denken. Worüber? „Ich sage Ihnen, der Wüllner ist ein Genie", sagt ein alter Lumpenhändler zu mir. Wenn Ludwig Wüllner das wüßte! „Shakespeare und Goethe habe ich schon einigemal gelesen, aber wenn der Wüllner rezitiert! Kennen Sie Macbeth? Haben Sie schon mal einer Faust- Aufführung beigewohnt?" Ich muß seinen Fragen ausweichen.... „Wie alt sind Sie?" „73 Jahre." „Nebbich!" „Unsinn!" „Das ist doch kein Leben.für Sie!" „Ich kann meine Pension von der Gemeinde haben, aber ich muß arbeiten, sonst sterbe ich. Sie verstehen? Seit 60 Jahren übe ich dies Fach aus; vom Tage an, als ich die Tefillin angelegt hatte." Während ich mich mit ihm unterhalte, ruft er schmeichlerisch den Vorüberziehenden zu: auf Holländisch, Hebräisch und — Jiddisch. „Verstehen Sie jiddisch?" „Verstehen schon, aber nicht alles kann ich sagen. Mein Vater, selig, sprach noch gut den Jargon." Dabei erzählte er mir allerhand Geschichten auf jiddisch. Juden in Käppchen. Ein holländisches Bild. Das ist etwas Selbstverständliches. Nicht allein im Heim, in jüdischen Vereinen und auf jüdischen Versammlungen und Veranstaltungen sieht man die Käppchenträger, sondern auch auf allen Prominenten- und Gastvorstellungen in den städtischen Sälen. Sie sind vielleicht die willkommensten Besucher auf geistigen Veranstaltungen____ Ganz Holland feiert seinen Liebling Josef Schmidt Das hat aber mit Jüdischem ebensowenig zu tun wie die Konzerte des Wunderknaben M e n u h i n oder die des Alexander K i p n i s und andere. Jüdisches erleben kann man hier durch einen Christen, wie den Bürgermeister von Amsterdam, den man anderswo längst zum Juden gestempelt hätte. Als Jude kann man sich in Holland in einem Monat mehr ausleben, als in anderen Ländern in einem Jahr. Was habe ich nicht alles in den letzten Monaten durch den holländischen Rundfunk gehört! Man tut hier den Juden keinen Gefallen, wenn jüdische Themen und Programme stundenlang durch den Rundfunk gegeben werden. In keinem andern Land feierte der „König D a v i d - C h o r" solche Triumphe wie in Holland. Ihre große Sünde bestand nur darin, daß sie „Elohenu" statt „Elokenu" sangen, womit sie beim größten Teil der holländischen Jtidenheit Mißfallen erweckten. Religiöses. Die holländischen Juden haben es bequem beim Ausüben ihrer Religion. Man lebt hier wie in einem jüdischen Staat. In allen Vierteln Amsterdams stehen offene Synagogen oder Bote Midraschim, die täglich zu allen Gebetszeiten gut besucht sind. Manche Bilder erinnern mich an die östlichen Bethäuser, wo Juden tagsüber sich über Seforim schaukelten. Jüdische Häuser und Wohnungen sind durch Mesusas gekennzeichnet. Selbst an den Ladeneingängea in den vornehmsten Geschäftsstraßen sind sie angebracht. Am Sabbath feiert hier der jüdische Gott große Siege. Dazu verhelfen ihm allerdings die guten Chasonim und — die schlechte Zeit, besonders für die Emigranten. In den Judenvierteln ist der Sabbath — Sabbath. Festlich gekleidete Juden mit Tallissäcken unterm Arm und chassidische Melodien brummend beleben die Straßen. Hie und da sieht man auch ein Mädchen Schalet tragen. Wenn die Speisezimmer an der Straßenfront liegen, hört man durch die Fenster die Semiraus. Der Sonntag ist hier wie der Montag. Hier gibts keinen Platz, wohin sich „zurückzuziehen". Man kann sich hier nicht verstecken. Jeder hat seinen Kreis, seinen Verein und — seine Synagoge. Presse. Verhältnismäßig gibt es hier eine große jüdische Presse, die aber mehr dem Geschäftsmann als dem Leser ihr Bestehen zu verdanken hat. Mit Ausnahme vom „Joodschen Wächter", Organ der Niederländische« Zionisten, und „Ha' Isch", Organ des Niederländischen Frauenbundes, sind die anderen Familienblätter, die aber noch kein Zehntel davon wiedergeben, was sich im jüdischen Leben abspielt Demnächst wird eine Monatsschrift „Niederländisches Judentum" erscheinen.

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