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Die Wahrheit · 1934-01-19 · Heft 3 (19.1.1934) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 3 (19.1.1934)
Date
1934-01-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 40 Gros eben In Deutachlandjverboteni Jüdisch e Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelifischen Kulfusgemeinde Wien 1 warn PiuAsraiA! I MMMHaMMMMMM : S dnreh den : PAHS11NE & 0ME1W- [ : LLOYD Vertretung für Osterreich: S I REISEBÜRO CJTY, Dr. J. H. Körner : WlfNl. I KOHLMARKT NR. { : TELEPHON U »-«-» | iiiibimm^ Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13*- Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien; A 100.918 50. Jahrgang Wien, 19. Jänner 1934 Nummer 3 Union ösierreichischer Juden Gedenkfeier für Jakob Wassermann Dienstag, den 23. d. M., pünktlich 8 Uhr abends, im Festsaal des Haiidelsmusenms, Wien IX., Berggasse 16 1. Heinrich Eduard JACOB: Gedenkrede auf Jakob Wassermann 2. Vorlesung aus Wassermanns Werken Rasiere Dich gut and billig Oestcrrctclilsc&es QaalHäls Fabrikat Flugsand. H «e Immer wieder, wenn in innerjüdischen Diskussionen von den heute brennendsten Fragen die Rede ist, kann man erleben, daß die Debatte mit einem sehr impulsiv dahergesprochenen Satz beendet wird: „Die Juden sind nun einmal das ewige Wandervolk." Dieser Satz gehört zu denjenigen Argumenten, die immer wieder ihre Wirkung tun: er enthält eine Binsenwahrheit und ist anschaulich formuliert — da darf sich das Nachdenken ruhig schlafen legen; denn man weiß nun Bescheid: es hat alles keinen Zweck, es geht alles verloren, wir müssen eben wandern. Mehrere Kleinigkeiten nur werden dabei übersehen. Wäre der Satz vom Zwang zum ewigen Wandern richtig, so würde hier das Nachdenken und die weitere Erörterung erst beginnen müssen; es würde darauf zu sinnen sein, wie und wo nun den ewig Wandernden oder vielmehr den jetzt Wandernden neue Möglichkeiten zum Leben geschaffen werden können. Eine Lösung des Problems ist mit dem Hinweis auf das ewige Wandern wahrhaftig nicht gegeben. Aber weiter: wie sieht es denn überhaupt in ienjenigen aus, die mit solchem Argument arbeiten oder vielmehr von ihm sich leiten lassen? Es ist loch damit wohl so, daß am Anfang der Pessimismus steht, der, seinem Wesen nach unkämpfeisch, nach Ausweg statt nach kraftvoller Heilung tucht. Man glaubt nicht, daß wir hier unseren JIatz haben und darum — muß eben gewandert rerden. Daß alle Länder zur Aufnahme großer lassen unfähig sind, daß auch Palästina ichts weniger als eine „Lösung der udenfrage" zu bringen vermag, all das ist im Augenblick vergessen, und fest steht nur das eine: fir Juden bleiben der Flugsand unter den Völkern, 'er nirgends hingehört. Vielleicht gibt es in der Tat eine Betrachtungsweise, aus der heraus dieser Satz richtig ist; das allerdings eine Schau, die nicht an der Oberohe haften bleibt, sondern ganz in die Tiefe geht, a, vielleicht ist es richtig, daß es eine „Lösung der adenfrage" überhaupt nicht gibt, nicht geben kann und nach der dem Judentum unter den Völkern dieser Menschheit gesetzten geschichtlichen Aufgabe auch nicht geben soll. Palästina, das wurde schon gesagt, kann diese Lösung nicht bringen, und man wird es müde, die Gründe dafür immer wieder zu wiederholen: daß es zu klein ist, daß schon die Araber dort sind, daß die Juden dort also bestenfalls „binational", das heißt gemeinsam mit einer weit stärkeren nichtjüdischen Landesbevölkerung wohnen können — im Effekt also genau so wie in den Ländern der sogenannten Diaspora. Was aber nun diese betrifft, so würde man das oft und oft verkündete geschichtliche Ziel der Emanzipation mißverstehen, wollte man sie, ebenso wie es der Zionismus mit Palästina tut, als Patentlösung für die Judenfrage hinstellen. Das hieße, die eine Oberflächlichkeit mit einer anderen bekämpfen, und die Wahrheit ist wohl die, daß den Juden auch in den Ländern der Diaspora — so gewiß diese Länder ihre wirklichen und einzigen Heimatländer sind — die Früchte nicht in den Schoß fallen werden. Man sieht uns als besondere Rasse und als Fremdvolk an, und da wir tatsächlich, zumindest geist- und schicksalsmäßig, uns als Nachkommen und Nachfolger des ehemaligen Judenvolkes fühlen, so wird über unsere Natur in den eigenen Reihen wie draußen immer einige Verwirrung bestehen. Obendrein wird die Verwirrung draußen dazu beitragen, die in den eigenen Reihen zu vergrößern und irrtümliche jüdische Selbstzeugnisse hervorzurufen, auf die sich dann wieder die nichtjüdische Umwelt gegen uns berufen wird. Hiergegen läßt sich durch Selbsterziehung einigermaßen ankämpfen, und es wäre zu wünschen, daß dies in stärkerem Maße als bisher geschieht. Würden die Juden endlich selber restlos zur Klarheit darüber gelangen, daß sie nach dem geschichtlichen Sinne ihres Seins eine Religionsgemeinschaft zu bilden haben und nichts weiter, so würde zweifellos auch in der Außenwelt diese Erkenntnis mehr an Boden gewinnen und man könnte zumindest sich nicht mehr auf uns Juden selbst berufen, wenn man uns Rasse und Fremdvolk nennt. Immer allerdings würden wir dann noch eine religiöse Minderheit bilden und als solche das Ueberau erhältlich ewige Minderheitsschicksal tragen. Gruppenfremdheit und Gruppenfeindschaft sind tief in der menschlichen Natur begründet und ganz verschwinden werden sie nimmer. Wo immer Gruppen nebeneinander leben: ob es die verschiedenen Klassen einer Schule, ob es die verschiedenen Abteilungen eines Betriebes, ob es die Flamen und Wallonen in Belgien sind — immer besteht zwischen den Verschiedenen, auch wenn sie in einer höheren Einheit gebunden sind, Fremdheit, die zu Feindschaft führt, und immer ist es in derartig gelagerten Fällen die Minorität, die die Aufmerksamkeit und damit die Ablehnung der Mehrheit auf sich zieht. Das würde für die Juden also auch dann noch gelten, wenn man sie endlich — und wenn sie endlich sich selbst — als "reine Religionsgemeinschaft erkannt und anerkannt hätten. Die Emanzipation kann also immer nur bis zu einem gewissen Grade gelingen. Und da es die Mission des Judentums ist, als Erreger des Menschen zum Göttlichen hin unter den Völkern zu existieren, so kann die Emanzipation auch immer nur auf eine gewisse Zeit gelingen. Wie der einzelne Prophet und Gotteskünder mit der Offenbarung, die er bringt, Aergernis hervorruft, weil er seine Umwelt ändern will, so ist es auch mit einer Gemeinschaft, die, ihren einzelnen Gliedern selbstverständlich meist unbewußt, Aenderung und damit Aergernis hervorruft, weil ihre bloße Existenz aus der Geruhsamkeit des platt materiellen Lebens hinaufweist in jene Höhe, dahin aller Menschen Leben, aller Völker Leben und der ganzen Menschheit Leben erhoben werden soll. Dies ist die ganz tiefe, unendlich geheimnisvolle Wahrheit vom „Anderssein der Juden"--vielleicht dürfen auch wir einmal von diesem Anderssein sprechen: anders nicht in nationaler, kultureller, charakterlicher Hinsicht, wie die Nationaljuden meinen, aber anders im Hinblick auf den historischen Sinn unseres die Jahrtausende überdauernden Seins. Wir werden uns damit abzufinden haben, ja, wir werden sogar damit glücklich sein müssen, daß wir niemals die völlige Emanzipation und nicht die Emanzipation für immer erleben werden. Denn damit würden wir in die endgültige materielle Sicherheit eingehen und es würde der geschichtliche Motor fehlen, der unser Leben in diejenigen Bahnen lenkte, die allein ihm Sinn geben, die allein es rechtfertigen, mit einem Worte gesagt, vom Sinai her ihm bestimmt waren. edenket der Winternotstandtaktion der Kultuf gemeinde! _ _ ■ _ v~ im" Geld" und Naturalspenden erbeten an die Fürsorge-Zentrale der Israel. Kultusgemeinde Wien I., Seifenstettengasse 2, Telephon U 25-5-85 Serie, Postsparkassenkonto B-29.659

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