Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 2 (12.1.1934)
- Date
- 1934-01-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE WAHRHEIT SaaldesHandelsmuseums.IX^Bergg.lö Sonntag, den 28. Jänner 1934 KONZERT OBERKANTOR SAMUEL POSTOfcOW unter Wirwirkung des Herrn Prof. JOSEF ZIMBLER Am Klavier: Frl. Betty Lewin Beginn: 8 Uhr Preis: S 2.— Dr. Carl J. Melchior Dr. Carl Joseph Melchior, der hervorragende Bankier und Wirtschaftspolitiker. ist in Hamburg einem Herzschlag erlesen. Der Verstorbene, 1871 in Hamburg ©eboren. war zuerst Amtsrichter, wurde 1902 Syndikus der Firma M. M. Warburg & Co., Hamburg, und war seit 1917 Teilhaber dieser Firma. Er gehörte zu den führenden Wirtschaftssachverständigen Deutschlands und war als solcher auch international anerkannt Im Weltkrieg war er Delegierter Deutschlands in Rumänien zum Abschluß von Getreide- und Finanzverträgen und Finanzreferent der deutschen Delegationen in Petersburg und Kiew. 1918/19 war er Vorsitzender des Finanzausschusses der deutschen Waffenstüästandskoitumssion und 1919 einer der sechs bevollmächtigten deutschen Delegierten bei den Friedensverhandlungen in Versailles. 1920 nahm er als Sachverständiger an dem zwischen Deutschland und den Ententeländern abgehaltenen Konfexenzen in Spaa und Brüssel und 1922 an der Konferenz von Genua teil. Seit 1926 war Melchior als Vertreter Deutschlaads Mitglied des Ständigen Finanzausschusses des Völkerbundes. 1929 wurde er zum stellvertretenden Bevollmächtigten des Deutschen Reiches bei den Reparationsverhandlungen in Paris ernannt. Der damalige Reichsbankpräsident Dr. Hans Luther berief Melchior als deutsches Mitglied des Verwaltungsrates der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (B. I. Z.), zu deren Vizepräsident er bald gewählt wurde. Allgemein wird es Melchiors Wirken zugeschrieben, daß Deutschlands Reparationszahlungen so radikal herabgesetzt wurden. Dennoch mußte er im April 1933 dem neuen Kurs weichen. Dr. Carl J. Melchior bekundete auch ein starkes Interesse für jüdische Fragen. Der Zentralausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau, der von Dr. Melchior mitbegründet wurde, war der Ort seiner wichtigsten Mitarbeit Nur der engste Kreis wußte, in welchem Umfange sich Dr. Melchior ohne Rücksicht auf seine angegriffene Gesundheit hier zur Verfügung stellte. Er begnügte sich nicht wie es so häufig geschieht damit seinen in der Welt bekannten Namen zur Verfügung zu stellen, obwohl schon der Name des berühmten internationalen Finanzsachverständigen für das Ansehen der neuen Zentralstelle sehr viel bedeutete. Mit einer seltenen Bereitschaft hat er auch für die Behandlung von Einzelfragen seine große Sachkennerschaft. die sich mit größter Schlichtheit des Auftretens verband, eingesetzt Der Zentralausschuß hatte das Glück, in ihm einen Führer zu besitzen, der größtes Ansehen im In- und Auslande mit sorgfältigster und wertvollster Mitarbeit vereinigte. Um so größer ist der Verlust den er durch seinen Heimgang erleidet Die ßesründung der Reichsvertretung der deutschen Juden hat er aufs stärkste unterstützt und hat ohne nach außen in Erscheinung zu treten, der neuen Gesamtvertretung in jeder Weise die Wege geebnet. In Dr. Carl Melchior verliert das ganze deutsche Jttdentum eine seiner stärksten Persönlichkeiten. - Massenaustreibung von Juden aus Afghanistan. Beim Londoner Joint Foreign Committee, der von der Anglo-Jewish Association und dem Jewish Board öf Deputies gemeinsam gebildeten Kommission zur Behandlung auswärtiger jüdischer Angelegenheiten, sind aus Afghanistan alarmierende Meldungen eingelaufen, denen zu entnehmen ist daß aus den afghanischen Gneiizstfidten Mazar. Ankohi, MaGmana und anderen Orten etwa 2000 eingeborene Juden von den afghanischen Behörden vertrieben wurden. Die Vertriebenen wandern jetzt durch die Wüste und befinden sich in einer verzweifelten Lage. Wie dem Joint Foreign Committee weiter mitgeteilt wird, ist auch die Lag» von etwa 1600 in Afghanistan lebenden russischen Juden, die während der Nachkriegswirren nach Afghanistan flohen, außerordentlich kritisch: sie müssen jetzt nach Rußland zurückkehren. Aus dem von russischen Juden in Afghanistan an das Joint Foreign Committee gesandten Telegramm geht nicht klar hervor, ob eine antijüdische Maßnahme der afghanischen Regierung oder ob wirtschaftliche Schwierigkeiten die russischen Juden zur Flucht aus Afghanistan veranlassen. Die Jewish Agency for Palestine liat aus der letzten Schedule 40 Palästinazertifikate an russisch-jüdische Familien in Afghanistan gesandt__ _____ Verein für jüdische Geschichte und Literatur in Wien. Montag, den 15. d. M., ^8 Uhr abends, im Kiübsaale, I., Wiesingerstraße 11 (Cafe Atlashoi, eigener Eingang, Souterrain), Vortrag des Herrn Professor Dr. Samuel Krauß über Immanuel JUo-w anläßlich dessai 80. Geburtstag. Eintritt frei. Gäste willkommen. Die alte Schul'. Oer Eingang kaum zu finden, Im düstern Hof versteckt Die Fenster, die erblinden, Von Weingerank bedeckt. Die roten Blätter leuchten Wie Davids Purpurzier. Sonst Winkelwerk der feuchten. Uralten Mauern hier. Die Decke wölbt sich nieder Und Spinnweb hängt herab. Und -doch' — die starken Lieder, Die uns der König gab. Die glutvoll-herben Psalmen Durchbeben diesen Raum, Umrauschen uns wie Palmen An fernem Wüstensaum... Ein Vorhang weht zerschlissen, Staub liegt auf Pergament. Und doch — -der Durst nach Wissen, Der wie kein and'rer brennt, Ward hier in alten Tagen Den Vätern schon gestillt. Den Ort umraunen Sagen, Die Kerzen schimmern mild. <• Braut Sabbat kam gegangen Im weißen Seidenkleid... Die armen Mauern prangen, Die Enge wird uns weit. Der schmale Hof, der grauen Und lauten Gassen Welt Versinken und wir bauen In uns das Bundeszelt. Charlotte Weiß, Baden- Neukonstituierung des Wiener Kultusvorstandes. Der Vorstand der israel. Kultusgemeinde Wien hat sich in seiner Pilenairsitzung vom 8. Jänner wie folgt konstituiert: Präsidium: Präsident: Dr. Desider Fried mann. Vizepräsidenten: Dr. Jakob Ornstein und Dr. Josef Löwenherz. ..... Vertreter-Kollegium: Baurat Ing. Wilhelm Kernpler. Dr. Isidor Klaber. Dt. Josef Löwy. Max Schiff mann. Min.-Rat Architekt Friedrich Schläfrig. Mendel Singer, Oberbaurat Ing. Robert Stricker. Dr. Josef Ticho. Kommissionen: Kommission I für Kultus und rituelle Angelegenheiten: Obmann: Dr. Mendel Rosenberg. Obmannstellvertreter: Dr. Ernst Feldsberg. Kommission II für Schulangelegenheiteu: Obmann: Moses Rath. Obmannstiedlvertreter: Geza Klinger. Kommission III für Friedhof- und BeerdlgungSwesen: Obmann: Dr. Ernst Feldsberg. Obmannstell Vertreter: I. H. Waltuch. Spitaiskommisslon: Obmann: Dr. Leonhard Mayer. Obmannstellvertreter: Ing. Eugen Buchbinder. Kommission für die Versorgungsanstalt: Obmann: Dr. I. H. Körner Obmannstellvertreter: Berthold Sinai, Kommission für Fürsorgeangelegenheiten: Obmann: Dr. Isidor Klaber. ObmannsteMvertreter: Geza Klinger. Kommission für finanzielle und administrative Angelegenheiten: Obmann: Vizepräsident Dr. Josef Löwenherz. Obmannstellvertreter: Dr. Paul Raumann. Kommission für technische Angelegenheiten: Obmann: Min.-Rat Architekt Friedr. Schläfrig. ObmannsteMVertreter: Ing. Eugen Buchbinder. Statutenkommission: Obmann: Dr. Rudolf Glanz. Obmannstellvertreter: Dr. Maximilian S t i g 1 i t z. Statistische Kommission: Obmann: Leo Rath. ObmannsteMvertreter: Dr. Rudolf Glanz. Paritätische Kommission: Obmann: Dr. Josef Löwy. Sonntag, 14. JSnner 1934, 8 Uhr abends, „HANIGU N" 30 jüdische Sänger aus Deutschland Dirigent: CH. WINAWER singen ihr berühmtes Programm beim Festgottesdienst im Gr. Tempel, Ii., Pazmanltengasse 6 Leopoldstädter Tempelvexeln Aesob.el-Awxob.om Kantorale Funktion: Oberkantor t. Müller Karten: Tempeltanzlei, Pazmaniteog. 6. Bnchhandlnng Rath, IL, Taborstr. 20 a, Bachh. Schlesinger, I-, Seitenstetteog. 5 „Die Wahrheit'* dankt allen jenen vielen Gratulanten, die ihr anläßlich ihres 50jährigen Jubiläums in so herzlicher Weise ihre Treue und Anhänglichkeit bewiesen haben. Außerstande, jedem einzelnen für die innigen Glückwünsche zu unserem Jubeltage Dank zu sagen, bekunden wir auf diesem Wege unseren aus vollstem Herzen kommenden Dank für die zahlreichen anerkennenden Zuschriften, unter denen uns ganz besonders die folgende des Vizepräsidenten der „Union", Herrn Dr. Karl Steiner, erfreut hat: Sehr geehrte Redaktion! Die Tatsache, daß „Die Wahrheit" mit dem Erscheinen ihrer letzten Nummer in ihren 50. Jahrgang tritt, gibt mir den willkommenen Anlaß, Sie auf das herzlichste zu beglückwünschen. Mag es auch wahr sein, daß die jetzige Zeit nicht darnach ist, Feste zu feiern, so durften Sie doch nicht mit Stillschweigen darüber hinweggehen, wenn Sie auf das Titelblatt: „50. Jahrgang, Nummer 1" drucken mußten. Eine Zeitung und insbesondere eine solche wie die Ihrige, welche „Dienerin der jüdischen Gemeinschaft und aller ihrer Interessen" ist, schlingt um ihre Mitarbeiter und Leser ein festes Band und vereinigt sie alle zu einer Familie — und Familienfeste begeht man gerne. Da ich mich in zweifacher Eigenschaft zu dieser Familie zähle, einerseits als treuer Leser und anderseits als gelegentlicher Mitarbeiter, freue ich mich doppelt über diesen Jubeltag. In diese berechtigte Freude fällt leider ein tiefer Schatten, da mit schmerzlichen Gefühlen die Erinnerung an Herrn Ludwig Hirschfeld s. A., der leider diesen Jubeltag nicht erleben durfte, geweckt wird. In Ihrem Blatte, das in seinem Geiste fortgeführt wird, lebt der Dahingegangene weiter, wie er im Herzen aller, die ihn kannten, weiterlebt. Mit den besten Wünschen für das weitere Gedeihen und weitere Aufblühen Ihrer Wochenschrift bin ich mit der Versicherung, daß ich ihr weiterhin Treue bewahren werde, Ihr ergebener Dr. Karl Steiner. Dr. Adolf Jellinek-Gedenkfeier. Am Vorabend des 40. Jahrzeittages Dr. Adolf .1 e 11 i n e k s fand im-Stadttempel eine sehr würdige Gedenkfeier statt, zu welcher sich ein zahlreiches Publikum eingefunden hatte. Man sah u. a. Präsident Doktor D. Friedmann und Vizepräsident Dr. J. Ornstein mit mehreren Kultusvorstehern, Bethauspräsident Doktor E. M ü n z und viele Bethausvorsteher, zahlreiche Gemeinde- und Vereinsrabbiner u. v. a. Oberkantor Mathyas verrichtete zunächst in althergebrachter vornehmer Weise mit dem Chor das Maariw-Gebet mit Hawdola. worauf Herr Oberrabbiner Dr. J. Feuchtwang die Ansprache hielt Dr. Feuchtwang führte in seiner gehaltvollen Ansprache u. a. aus: In der Not und der Drangsal der Zeit könnte man an Ideale und an die Träger derselben vergessen — aber „Ele Schemaus bene Jisroel", die Namen derjenigen, die im Leben gezählt wurden, da sie leuchtenden Sternen glichen, werden auch nach ihrem Heimgange gezählt Von 1857 bis 1893 hat Dr. Jellitt ek in der Wiener jüdischen Gemeinde gewirkt Von hier ging sein Wort der Thora aus — es war hier sein Zion, die Rede über die Ewigkeit Gottes, es war sein Jeruscholaim. In einem kleinen Orte in Mähren geboren, Mähren war damals voll von jüdischer Wissenschaft, hatte er schon in seinem Kindesalter viel gelernt und kam später zu einem bekannten Talmud-Lehrer nach Proßnitz, bald nach dem Hauptsitze der jüdischen Gelehrsamkeit zu dem berühmten Rabbiner Rappaport nach Prag, wo er sich ein hohes Maß von Wissen auf allen Gebieten des Talmuds aneignen konnte. Vervollkommnet hat er sich in Leipzig, wo er nebst jüdischem Studium auch die profanen Wissenschaften erlernte, vor allem aber eine leidenschaftliche Begeisterung für das Judentum annahm, voll und ganz Jude im edelsten Sinne wurde, entflammt für das jüdische Volk. Die Leipziger Gemeinde berief ihn 1845 als ihren Prediger. Im Jahre 1856 hielt er in Wien im Stadttempel seine Probepredigt, aufgebaut auf dem Satz: „Jede Zeit hat ihren Mann und jeder Mann hat seine Zeit", welche mit solcher Befriedigung aufgenommen wurde, daß der erst 35jährige dem unsterblichen großen Mannheimer als Hilfe beigegeben wurde und ab 1857 als Prediger und Lehrer Aufnahme fand. Dies hatte er seinem berechtigten Rufe zu danken, er war ein göttliches Genie der jüdischen Wissenschaft, mit meisterhafter Beredsamkeit bedacht der alles erkannte, was sein Geist für die gesamten Interessen des ganzen Judentums erfaßte. Aber er war nicht nur Prediger, sondern Gelehrter und keine Wissenschaft blieb ihm fremd. So errichtete er 1863 das Bethamidrasch als Lehrstätte und las dort mit seinen zwei unvergleichlichen Lektoren Isak Hirsch Weiß und Meir Friedmann vor den auserlesensten Zuhörern. Unausgesetzt arbeitete er an unzählbar großen Werken, verfaßte einen Talmud-Lexikon. Biographische Sammlungen, Talmudische Kommentare über die 613 Geböte und Verbote, Editionen über Chauwaus halwowaus, sowie kabbalistische Schriften, er hat dadurch die Litera-