Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 2 (12.1.1934)
- Date
- 1934-01-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Palästina-Nachrichten. Vor neuen Unruhen? Das bevorstehende Ende des Ramadantastens am lfi. Januar bringt die Gefahr neuer A raber Unruhen in Palästina. Alle arabischen Zeitungen, vor allem die mohammedanischen Organe, fordern die Bevölkerung auf. an den geplanten Kundgebungen teilzunehmen. Aus zuverlässiger Quelle verlautet, daß militärische Verstärkungen aus Aegypten nach Palästina beordert wurden, um für den Fall von Unruhen in Bereitschaft gehalten zu werden, eine autoniobilisierte Kavallerieabteilung in Aegypten, bestehend aus vierzehn Panzerwagen des Laucierregitnents Nr. 12, und ein Infanteriebataillon sollen Marschorder nach Palästina erhalten haben. Diese Truppen sollen über das ganze Land verteilt und in den wichtigsten Zentren stationiert werden. Eine Sonderausgabe der ,.Palestine üazette", des palästinensischen Amtsblattes, bringt ergänzende Bestimmungen zum Strafgesetz, durch die Drohung mit Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung unter Straf Sanktion gestellt wird, entgegen dem sonst üblichen Vorgang treten die neuen Bestimmungen s o i o r t in K r a i t, was im Amtsblatt damit begründet wird, daß „nach der Meinung des High Commissioner ihre sofortige Verlautbarung im öffentlichen Interesse als unumgänglich notwendig erscheint". Man nimmt an, daß es sich bei der Einführung dieser neuen Bestimmungen um eine Notverordnung im Hinblick auf die für den 16. Januar befürchteten Unruhen handelt. * Das Jerusalem er Berufungsgericht hat einmütig das vom Distriktsgericht in Jaffa gegen die Araber Ahmed Qaliani und Mustapha Ali Ahmed, die den jüdischen Kolonisten Joseph Jacoby und seinen zehnjährigen Sohn David in ihrer in der Kolonie Nahalal gelegenen Wohnung ermordeten, ausgesprochene Todesurteil bestätigt. Die Untersuchung hat bekanntlich ergebet., daß der Mord von Mitgliedern einer arabischen Terroristenvereinigung, die noch mehrere andere Morde gegen Juden und Engländer geplant und zum Teil auch ausgeführt hat, begangen worden ist. * Eine Gruppe jüdischer Pflüger des Kibbutz Schlocha auf Wadi Hawarith wurde während der Arbeit von einer starken Rotte mit Steinen und Stöcken bewaffneter Beduinen angegriffen. Vier jüdische Mitglieder des Kibbutz, die den Traktor bedienten, wurden verwundet, davon zwei schwer. Die Verwundeten wurden in die Kolonie Chedera gebracht, wo ihnen ärztliche Hilfe zuteil wurde. Polizei begab sich nach dem Wadi Hawarith, um die Angelegenheit zu untersuchen. Einen tragischen Selbstmordversuch wegen NichtZuteilung eines Palästina-Zertifikats hat in Saloniki eine Frau, die seit Monaten darauf wartet, sich zu ihrem nach Palästina ausgewanderten Gatten begeben zu können, verübt. Das Palästina-Amt in Saloniki hat vor kurzem von der Exekutive der Jewisft Agency 30 Arbeiter-Einwanderungs-Zertifikate zugeteilt erhalten, während fast 2000 Bewerber um Zertifikate in Griechenland vorhanden sind. Nach Verteilung der 30 Zertifikate kam es zu erschütternden Verzweiflungsausbrüchen der Zurückgewiesenen. Die unglückliche Frau warf sich nach dem Verlassen des Palästina-Amtes vor einen Wagen und wurde in erheblich verletztem Zustand ins Krankenhaus eingeliefert. * Der Vorstand des Verbandes zur Förderung des Fremdenverkehrs in Palästina hielt mit dem Chefsekretär der Palästina-Regierung eine Beratung ab und überreichte ihm ein Memorandum, in dem auf die den allgemeinen Touristenverkehr schwer benachteiligenden Folgen des Regierungsdekrets gegen die sogenannten Touristeneinwanderer hingewiesen wird. Der Chefsekretär erwiderte, die Regierung werde demnächst eine Verordnung erlassen, die „bona fide"-Touristen, die nur zu vorübergehendem Besuch Palästinas eintreffen, allerlei Sicherheiten und Erleichterungen gewährt. Wie der J. T. A.-Vertreter erfährt, hat sich die Direktion der Schiifsgesellschaft Lloyd Triestino an die italienische Regierung um die Erlaubnis gewandt, den Schiffsverkehr nach Palästina auf die Hälfte des bisherigen Umfanges ein- DC.2r.a" ken zu dürfen, da infolge der durch die Palästina-Regierung vorgenommenen Einwanderungseinschrankung die Zahl der jüdischen Schiffspassagiere auf •der Linie Triest—Haifa auf 50%. zu allerletzt sogar auf 30% gesunken ist. Die Direktion des Lloyd Triestino mochte die Einschränkung vorläufig nur über die „tote Saison" hinaus, d. h. bis Ende Februar gelten lassen: man nimmt allerdings an. daß in diesem Jahre die ..tote Saison" weit länger als sonst dauern wird, falls die Palastina-Regierung bei ihrer Politik der Einschränkung der jüdischen Einwanderung bleiben sollte. Diese von der britischen MandaÜarmach't gebilligte Politik der Jerusalcmer Administration wird in Italien aus wirtschaftlichen Gründen sehr bedauert: der jüdische Strom nach Palästina hat allen an dem Schiffsverkehr nach Palästina Beteiligten bisher bedeutenden wirtschaftlichen Nutzen gebracht. * , _ . Ulierkannt gebliebene Personen haben das Gebäude des deutschen Konsulats in Jerusalem mit Steinen bombardiert und ein Fenster zertrümmert. Das letzte der vierteljährlich erscheinenden Bulletins des I n t ern a t i o n a 1 e n Arbeitsamtes über die Arbeitstage in allen Ländern der Welt enthält bezüglich Palästinas die Feststellung, daß die £ ,£,r,« Arbeitslosen von 15.120 im November 15)32 auf ca. 18.000 im November 1933 gestiegen ist.^ Diese Feststellung wirkt um so auffallender, als in last allen anderen; angeführten Ländern die Arbeätslosenziffcni in der gleichen Periode mehr oder weniger stark gesunken sind. Die statistischen Angaben des Internationalen Arbeitsamtes bezüglich Palästinas stützen sich auf offizielle Schätzungen der Palästina-Regierung, die in regelmäßigen Zeitabständen i:i der Jerusalemer ..Ofticial Gazette" veröffentlicht werden. Wie vom Obersten Gericht Palästinas i';r JTA mitgeteilt wird, sind in Palästina 206 jüdische und 155 arabische Advokaten beim Obersten Gericht eingetragen: die Praxis üben aber nur 167 Juden und 152 Araber aus. so daß die Juden 52 Prozent und die Araber 4S Prozent der praktizierenden Anwälte ausmachen. Amerika, du hast es besser ... Das Kongreßmitglied Samuel D i c k s t e i n beantragte bei Eröffnung des Kongresses. daB eine Kommission mit Strafbefugnis gebildet werde, um die Staats zerstörende N a z ilätigkeit in den Vereinigten Staaten zu untersuchen und zu unterbinden. # Der berühmte amerikanische Autotabrikant und Milliardär Henry Ford erklärte einem Vertreter des ..New York Evening Journal": „Ich bin kein Judenfeind, ich habe nie Hitler gesehen und weder direkt noch indirekt je eitlen Cent für antisemitische Propaganda gegeben. (?) Ich weiß, daß die Juden ihren Platz in der sozialen Weltstruktur würdig vertreten. Ich habe viele jüdische Geschäftsfreunde. Ich glaube nicht, daß die .luden Anlaß haben, in mir einen Gegner zu sehen.'" Wie aus den Statistiken der amerikanischen Konsulate in Deutschland zu ersehen ist, sind seit Beginn des Hitler-Regimes bis Ende 1933 mehr ass HelBea, knusprige«, butterweiche* Chuaal Crlaoh vom Roh* 10 dkg 60 Groschen Mittags und abends frisch gebratene Masthühner Garantiert reines, ausgelassenes Gänseschmalz S 2.— Geflügelhandtang, Wien I., Babanttelg Hr. 3 Telephon U 28-6-36 „FAMILIEN SCHUTZ" Gemeinnützige Vereinigung für Familienftürsorge Wien »I.. Aapernbrü'ckenqasse 2_Tal. B 43-500 Duich Monatsbeiträge von S I bis 10 kann man bei uns sicherstellen: Studienbeiträge für Töohter und Söhne Ausstattungsbeiträge für TSchter Vorsorge für das Alter und für die Hinterbliebenen Unsere Vorteile: 1. Geringe Beitrüge. 2. Hobe Versicherungssummen.?. Keine Wartezeit, daher sofortige Wirksamkeit. 4. VolleGarantieder Lebensversicherungsgesellschaft„Phönix". 5. Keine Nebengebühren. 6. Keine ärztliche Untersuchung. 7. Unverfallbarkeit nach zweijähriger Beitragszahlung. 8. Keine Aufnahmegebühr. Der „FAMILIENSCHUTZ" wird von der Wiener Kalra«*enieind« bef&rwortet 1000 jüdische Familien aus Deutschland in die Vereinigten Staaten eingewandert. Die amerikaniscltcn Konsulate zeigen sich bei Gewährung von Visen sehr entgegenkommend; über °0 Prozen. der jüdischen Bewerber haben Visen erhalten, und zwar wurden Einreisebewilligungen nicht nur an solche Juden gewährt, die Eltern oder Kinder in Amerika haben, sondern auch an solche, die sich zu Geschwistern oder entfernten Verwandten begaben. In der letzten Zeit hat die Auswanderung von deutschen .luden nach Amerika nachgelassen. Jüdische Trauer um Duca. In allen Synagogen Rumäniens wurden T r a u e r g e b e t e für den ermordeten Ministerpräsidenten Duca gesprochen. Der Haupttempel von Bukarest war während des Trauergottesdienstes überfüllt. Der Vertreter des jüdischen Kultus im Senat, Landesrabbiner Dr. N i emirower, sagte in seiner Trauerrede: „Der Held, der dem Judenhaß in Rumänien zu Leibe ging, ist nun tot." Die großen jüdischen Organisationen haben der Witwe Ducas Beileidskundgebungen gesandt. An dem Begräbnis, das vom königlichen Palast aus vor sich ging, nahm eine jüdische Abordnung als Repräsentanz der gesamte'! jüdischen Bevölkerung Rumäniens teil. Die gesamte rumänische .ludenheit folgt gespannt der vom König selbst überwachten U ntersuchung. Hunderte Führer der Eisernen Garde wurden verhaftet, unter ihnen der Führer Jon Celea Codreanu. den man in Kronstadt erwischt hat und bei dem viele belastende Dokumente gefunden wurden, so u. a. eine Liste von Legionären, die sich zur Verübung von Attentaten zur Verfügung hielten, sowie General Cant acuzino. In der neugewähiten rumänischen Kammer werden im ganzen zwei liberale Juden sitzen: Smuck aus Sighet und der Bukarester Fabrikant Michelsohn (in Czernowitz gewählt). In den rumänischen Senat wurden das Mitglied des Präsidiums der Bukarester Jüdischen Gemeinde Sigmund Birraan und Joseph Berc o v i c i aus Timisoara, beide Mitglieder der liberalen Regierungspartei, gewählt. Außerdem gehört dem Senat als Virilist Landesrabbiner Dr. N i em i r o w e r an. O. E. d'Ävigdor Goldsmid — Baronet. Osmond Elim d'Avigdor Goldsmid, Vorsitzender des Council der Jewish Agency for Palestine und iriiherer Präsident des Board os Deputies oi British .lews. figuriert auf der Neujahrs-Ehrenliste des Britischen Reiches als Baronet: diese hohe Auszeichnung wurde ihm vom König „für politische und soziale Dieaste in der Grafschaft Kent" verliehen. O. E. d'Ävigdor Goldsmid wurde (877 in Wien als Sohn von Elim d'Ävigdor, der sich als Vorsteher der sephardischen Gemeinde in London auszeichnete und an der jüdischen Kolonisation Palästinas tätigen Anteil nahm, geboren. Er erbte 1896 von seinem Vetter Sir Julian Goldsmid dessen Güter in Kent und erhielt vom König die Erlaubnis, das Wappen der üoldsmids zu iiihren. Er ist mit den öffentlichen Angelegenheiten der Grafschaft Kent stark verknüpft. Im Weltkriege wurde er zweimal militärisch befördert und mit dem Range eines Oberstleutnants entlassen. 1921 bis 1926 war er Präsident der Anglo-Jewish Association, seit 1926 bis zu seinem vor kurzem aus Gesundheitsrücksichten erfolgten Rücktritt war er Präsident des Jewish Board ci Deputies. Er gehörte dem Veirwaltungsrat der Jewish Colonisation Association (JCA) an u:id ist Mitglied des Econcmic Board for Palestine. Er ist jetzt der Führer der Michtzionisten innerhalb der Jewish Agency und seit April 1933 Mitglied des englisch-jüdischen Komitees zur Behandlung der Probleme der deutschen .ludenheit. Auf der Neuiahrs-Ehrenlisse figurieren noch Miß Nettie Adler. Tochter des verstorbenen Oberrabbiners des Britischen Reiches Dr. Hermann Adler, aktives Mitglied verschiedener englisch-jüdischer Organisationen und der britischen Sektion der Jewish Agency for Palestine, die für ihre Verdienste auf dem Gebiete der Zuiührung Jugendlicher zur Arbeitsfront den Orden C. B. E (Companion of the Bath, British Empire): Mrs. Lilian F r e i m a n, Präsidentin der zionistischen Frauenorganisation Hadassah in Kauada, die für ihre jüdischsoziale Fürsorgearbeit in Ottawa den Order oi the British Empire; Victor K o h n. Leiter des Werkes der Palestine Jewish Colonisation Association (PICA), der ebenfalls den Order of the British Empire erhielt. Georg Alexander Kohut gestorben. Kurz vor seinem 60. Geburtstag verstarb in New York der hervorragende amerikanisch-jüdische Gelehrte und Bibliograph Georg Alexander Kohut an Herzschlag. Die Beisetzung fand am 1. Jänner unter starker Beteiligung der New-Yorker Judenschaft statt Die Trauerzeremonie wurde von Rabbi Stephen S. Wise geleitet. Georg Alexander Kohut wurde 1874 in S t u h Iweiüenburg (Ungarn) als Sohn von Rabbiner Alexander Kohut. der später im religiösen Leben der amerikanischen Juden eine führende Rolle spielte, den jüdischen Konservatismus als Gegenbewegung gegen Kaufmann-Köhlers extremes Reformprogramm begründete und in 25jähriger Arbeit das Monumentalwerk „Aruch Completum". eine Neubearbeitung des Aruch von Na tan ben Jechiel. in neun Poliobänden schuf, geboren. Georg Alexander studierte in Berlin an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, war Rabbiner und Schulleiter in verschiedenen Städten Amerikas und lieli sich dann in New York nieder. Anfangs Hilfsbiliothekar an dem von seinem Vater begründeten Jewish Theological Scminary of America, entfernte er sich später von der orthodoxen Einstellung seines Vaters, verließ das Seminar und wurde Mitglied von Stephen Wise's Liberal Free Synagogue und Kurator des Jewish Intitute oi Religion. Außer zahlreichen bibliographischen, iolkloristischen. jüdisch-geschichtlichen und literarischen Arbeiten verfaßte er „Early Jewish Literature in America", ..Jewish Martyrs of the Inquisition in South America", „Ezra Stiles and the Jews". Ferner gab er die „Semitic Studies in Memory of Rev. Dr. Alexander Kchut". die zweibändige ..Hcbrew Anthology" und einen Band eigener Gedichte „Beside the Still Waters" heraus. Zum Andenken an seinen Vater begründete er eine Reihe von ..Alexander Kohut Memorial Foundation s". die sich die Veröffentlichung von Werken der Wissenschaft des Judentums <;der der Seinistik zur Aufgabe machen und u. a. des Szegediner Oberrabbiners Immanuel L o e w's „Flora der Juden" und Leisegangs „Index Philonis" herausgegeben haben. Seine Stiefmutter ist Rebekka K oli n t. Päsidentin des ..Weltverbandes jüdischer Frauen". JÜDISCHE KUNSTSTELLE. IL. AspernbruckenstraBe 2, Tetephon R 48-2*91. Büro: 9 bis 18.30 Uhr. Den Mitgliedern stehen ermäßigte Karten iür folgende Theater zur Verfügung: Oper. Burgtheater. Akademietheater. Scala, Kamme rspielc. Theater a. d. Wien. Stadttheater. Moulin Rouge, Casinotbeater. Der liebe Augustin. etc. Konzerte: Arthur Schnabel. 15. Jänner, Gr. M.-S. Bälle: Alland-Redoute. 13. Jänner. Gr. K.-S. In Vorbereitung: Vortrag Chefredakteur Georg W o I f. „Der leidende Moses".