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Die Wahrheit · 1934-01-12 · Heft 2 (12.1.1934) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 2 (12.1.1934)
Date
1934-01-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Seite 3 Für Hochzeiten u. Vereine schöner Saal oder Klubräume mit Klavierbenützung zu vergeben. Restaurant Herlinger II., Taborafraße IS Gute Küche, billige Preise, große Auswahl in Mittag- und AbendmenUs winnung der Juden als eine ihrer wichtigsten Aufgaben. Daraus erklärt sich manch taktischer Vorstoß gegen das Judentum, für den es sonst jeder Begründung ermangelte. Wenn uns manche Vertreter der Österreichischen katholischen Kirche mitten in ihrem heftigen Abwehrkampf gegen den Nationalsozialismus, der auch unser Todfeind ist, statt uns als naturgegebene Bundesgenossen zu behandeln, immer wieder durch beleidigende Ausfälle zurückstoßen, so muß dies ohne Zweifel tiefere Gründe haben als das längst zur stumpfen Gewohnheit gewordene Judlengeschimpfe arischer Spießbürger von der Sorte, von der jüngst zwei würdige Vertreter vor einiem Wiener Gericht einen Ehrenbeleidigungsprozeß ausfochten, weil sie sich im Streit gegenseitig die Bezeichnung „Jude" an den Kopf geworfen hatten... Kann man hier eine Orgie der Gedankenlosigkeit belachen, so müssen wir vorbedachte Planmäßigkeit erblicken, wenn kurz hintereinander ein „Reichspost'-Leitartikler erklärt, die einzige uns Juden angemessene Stellung sei — das Ghetto, ein steirischer Pfarrer eine Neubearbeitung der plump erfundenen „Protokolle der Weisen von Zion" herausgibt und ein Wiener Prälat den Numerus ciausus für jüdische Erwerbstätige fordert. Das Ziel dieser planmäßigen Judenhetze wird offenkundig, wenn man den Unterschied zwischen der im Zeichen des Hakenkreuzes und der im Zeichen des Kreuzes gegen uns angewandten Taktik näher ins Auge faßt. Der Nationalsozialismus erblickt in der Zugehörigkeit zum Judentum ein unerbittliches Naturgesetz, dem man nicht entrinnen kann. Die katholische Kirche aber wertet uns als verirrte Schafe, deren Starrsinn nur zu brechen ist, um uns aller Segnungen teilhaftig werden zu lassen. Der Rassenantisemitismus verwandelt das Judentum in eine Hölle, auf deren Pforte die Inschrift prangt: „Laßt, die Ihr eingeht, jede Hoffnung schwinden!" Für den katholischen Klerikalismus bedeutet es bloß ein Fegefeuer, aus dem man geläutert zu den höchsten Himmelswonnen aufzusteigen vermag. Die Läuterung, die die Vorbedingung zu diesem Aufstieg darstellt, ist die Taufe... Die Illustrierung dieses Textes besorgt der Staat. Im Gegensatz zum Hitler-Reiche nehmen in Oesterreich katholische Judenstämmlinge wichtige Positionen bei der Nationalbank und in verschiedenen Ministerien ein. Und als jüngst solch ein Begünstigter aus dem Heeresministerium in ein anderes Amt berufen wurde, hat ihm die „Reichspost", die gerade für die Einschränkung der Zulassung von Juden zum Rechtsstudium eintritt, die Anerkennung ausgedrückt, daß er einer der besten Juristen Oesterreichs sei. So erfreulich solche Durchbrechung des Rassenantisemitismus vom menschlichen Standpunkt auch ist — für positiv jüdisch Eingestellte ist die Erkenntnis wenig tröstlich, daß nur der Abfall von unserem Glauben belohnt, die Treue zu ihm aber bestraft wird. Unser Ehrgeiz findet keine Befriedigung durch die Tatsache, daß es gelegentlich einen Erzbischof Kohn gegeben hat und vielleicht einmal wieder geben wird. Wenn sogar die evangelische Kirche in ihrem eingangs zitierten Hirtenbrief gegen die Legalisierung der katholischen Vormachtstellung und für die gesetzliche Gleichberechtigung aller anderen Konfessionen ihre Stimme erhebt, um wieviel mehr Anlaß zur Sorge haben wir Juden? Nicht die jüdische Glaubenstreue ist ernstlich gefährdet, wohl aber scheint es in Auswirkung dieser , Glaubensrreue unsere staatsbürgerliche und;gesellschaftliche Position zu sein. Für die Protestanten ist, wie die „Reichspost" beschwichtigend auf ihren Hirtenbrief geantwortet IHat, Platz im „christlichen Ständestaat". Für uns I Juden aber beinhaltet die permanente Betonung des lemseitig konfessionellen Charakters der in Vor- (bereitung begriffenen neuen Verfassung die Möglichkeit von Zurücksetzungen und unverdienten Kränkungen. Den ehrenvollen Anteil, den die Juden ui der kulturellen Entwicklung Oesterreichs aktiv und passiv genommen haben und unsere zwei Jahrtausende alte Schicksalsverbundenheit mit diesem Lande beleuchtet der arische Kulturhistoriker Hans Tietze in seinem jüngst erschienenen Werke über „Die Juden Wiens" und beweist damit, daß wir auf eine bessere Behandlung Anspruch haben. Sollte aber der Kommentator Recht haben, daß sich der Hinweis auf den christlichen Charakter der Neuordnung Oesterreichs nur darauf bezieht, daß an Stelle des marxistischen Klassenkampfes das Gebot der Nächstenliebe die gesellschaftlichen Beziehungen regeln soll, dann dürfen wir mit um so größerem Stolze auf die jüngst auch von Kardinal Faulhaber betonte Tatsache hinweisen, daß das Gebot der Nächstenliebe dem jüdischen Schrifttum (3. Buch Moses, XIX/10) entstammt. Es wäre sinnwidrig, das Judentum mit Beziehung auf ein Gesetz, das es selbst der Welt geschenkt hat, außerhalb der Gesetze zu stellen. Und so wollen wir hoffen, daß die neue Verfassung Oesterreichs von jenem toleranten Geist getragen sein wird, den BundeskanzlerDr. Dollfuß in seinem in der „Reichspost" veröffentlichten Trais Uefreduzierter Preise 1mM««r* nur da* Beste MÖBELFABRIK Signa. Oppenheim HL. PRATERSTBASSE SO Weihnachtsartikel geradezu als die Lebensbedingung dieses Staates charakterisierte: „In Oesterreich einen Zustand herstellen zu wollen, in dem das politische, das wirtschaftliche und das kulturelle Leben einschließlich des religiösen Empfindens und des Glaubens einer Gleichschaltung ausgeliefert wäre, hieße das deutsche Volkstum in Oesterreich vernichten. Oesterreich bedarf, um seine geistigen und materiellen Kräfte entfalten zu können, des freien Volkslebens, in dem Raum gegeben ist für die Persönlichkeit und ihre schöpferische Kraft, gebunden durch die Pflicht der Nächstenliebe." Mehr verlangen wir Juden in unseren kühnsten Träumen nicht. Dr. Hugo S p i e g 1 e r. Jakob Wassermann. Trauerrede, gehalten im Sterbehause am Sarge des Verstorbenen von Univ.-Prof. Dr. David Herzog, Landesrabbiner in Graz. Am 3. Jänner iand in Alt-Aussee die Beerdigung Jakob Wassermanns statt, bei welchem Anlasse Prof. Herzog die nachfolgende Rede gehalten und Herr Kantor Jakob Koffler aus Leoben die kantoralen Funktionen versehen hat. Der Abdruck dieser Rede ist nur mit Genehmigung des Herrn Verfassers gestattet. Wir stehen hier am Sarge eines hervorragenden, gottbegnadeten Dichters, eines Künstlers, der das deutsche Schrifttum mit einer Fülle von bedeutsamen Werken, die zahllosen Menschen Anregung und sittliche Erhebung gewährt haben, bereichert hat und der durch seine zeitgeschichtliche Bedeutung und den ihm eigenen schriftstellerischen Charakter immer wieder Leser fesseln wird. Ein Mann von bedeutender Bildung und außergewöhnlicher Sprachgewandtheit, der sich nicht nur am deutschen Kulturgute, sondern auch an Dostojewski, französischen und englischen Meistern gebildet und aus ihnen Inspirationen, geholt hat. Dennoch aber war er namentlich in jüdischer und deutscher Art verwurzelt, „nach deren Seele er gerungen und in welchen er Widerhall zu finden sich bemüht hat". Aber er war ehrlich und aufrichtig genug einzubekennen, daß er jüdischen Stammes war, und lehnte darum unverhohlen und mit aufrichtigster Offenheit ein restloses Aufgehen ins Deutschtum ab, weil er in seiner hohen Geistigkeit die Grenzen abzustecken verstanden hat, welche diesen beiden Hochkulturen ihr eigenartiges Gepräge geben. Und gerade aus dieser Bedingtheit seines Schaffens erwuchsen Werke und Gestalten, welche einen besonderen Reiz ausüben. Es wäre reizvoll genug nachzuspüren, welches Urgut ihn eigentlich stärker beeinflußt hat, ob Deutschtum oder Judentum. Ich glaube sagen zu können, daß den sittlichen und sozialen Trieben des Judentums das Primat in seiner Gestaltungsarbeit gebührt. Denn das soziale Empfinden, das ihm als Quelle der Kraft gilt, sein glühendes, an die Propheten gemahnendes „Welt-Erraffen", sein fast mythisches Welterschauen, seine Betonung des Moralischen und der „Pflicht des Einzelnen, für die Gesamtheit zu büßen", seine Wahrheitsliebe, sein auf Herzensgüte beruhendes, fast fanatisches Rechtsempfinden, das uns so erhaben schön in seinem „Kaspar Hauser" entgegenleuchtet, und sagen wir es offen, auch die Uebersteigerung seiner Typen, von welchen man zuweilen mit Eva Sorel in „Wahnschaffe" sagte: „Das Ungewöhnliche ist meine Speise", das alles holte er sich gewiß zutiefst aus seinem Judentum. Aber anderseits auch die Wesensart des Deutschtums, das einfach Menschliche, die Herzenseinfalt, die „Verwerfung einer sich breitmachenden Genußsucht" und manches andere haben starken Einfluß auf ihn ausgeübt. Um so mehr mußte es ihn darum schmerzen, als er gewahrte, daß er, der stets offen gekämpft und als Deutscher und Jude sich fühlte, der der deutschen Sprache kunstvoll geschliffene Sprachjuwelen, eine „altertümlich getönte Eleganz der Formgebung", eine geschmeidige und verfeinerte Diktion abgerungen, ausgeschaltet werden sollte. Und darin lag die große Tragik des letzten Jahres seines Lebens. Für ihn, der zeitlebens nach dem Höchsten und Edelsten gerungen, der nie in die Niedrigkeit oder gar ins Frivole oder Laszive herabgestiegen ist. Erschütternd verlieh er diesem Schmerze Ausdruck in einem vor einigen Monaten erschienenen Aufsatze: „Ich als Deutscher und Jude — heute", aus welchem ich in meinem soeben erschienenen Buche ein ergreifendes Stück mitgeteilt habe. So groß aber Wassermann als Schriftsteller gewesen, so groß war er auch als Mensch, der, obschon er eine harte und bittere Jugend hinter sich hatte, dennoch nicht das Bleigewicht der Verbitterung mit sich getragen hat. Gewiß, auch er hat geirrt! Aber er hätte doch kein Mensch sein müssen, wenn er nicht geirrt hätte. Doch der Grundzug seines Wesens ging immer ins Hohe, Edle, ins Naturhafte. Und darum liebte er auch die Natur und hat er sich diesen gottbegnadeten Flecken unserer Steiermark als Wahlheimat ausgewählt, wo er, umgeben von tannenumrauschten Bergen, grünen Matten, gespenstisch eingebetteten Seen, ungeahnte Impulse empfangen hat. So war denn sein Leben ein schöpferisches, kristallenes und wir dürfen darum heute ruhig sagen, daß wir einen Großen, Ueberragenden zur letzten Ruhe geleiten. Wir aber wollen jetzt für ihn beten, daß die Anregungen, die er uns gegeben, das Gute und Schöne, das er in der weiten Welt geweckt hat, ihm in den lichten Höhen damit gelohnt werde, daß er aufgenommen werde in die Schar der Edlen und Frommen und daß der ewige Friede ihm zuteil werden möge! Amen! Neudeutsche Literaturkritik. „Wassermann war einer der angesehensten Schriftsteller der November-Republik. Mit der deutschen Literatur hatte er so gut wie nichts zu tun." („Berliner Börsen- Zeitung" vom 2. Jänner.) Heinrich Hertz' 40. Todestag. Vor 40 Jahren, am 1. Jänner 1894,. ist Heinrich Hertz, kaum 37 Jahre alt, in Bonn gestorben, einer der Großen, die das Judentum der Welt geschenkt hat, einer der Männer, deren wissenschaftliche Tat das deutsche Volk annektiert hat. Heinrich Hertz, der als Sohn jüdischer Eltern in Hamburg geboren war, hat das Gesetz der Ausbreitung elektrischer Wellen im Raum gefunden, die Grundlage der gesamten drahtlosen Telegraphie. Er war nicht in der Lage, seine große Entdeckung auszubauen, noch weniger sie für sich zu verwerten. Erst Marconi gelang es, an der Hand der Hertzschen Formel ein drahtloses Gespräch und Signalgebung zustande zu bringen. Marconi wurde reich, steinreich, wurde Senator und ein berühmter Mann; Hertz starb nach schwerster Krankheit an einer Sepsis. Seine Entdeckung ist weltumspannend geworden, seinen Namen kennen fast nur die zünftigen Physiker. Wenn heute Goebbels edier Goering oder irgendein anderer aus der Hitlergarde den Aether mit seinem nationalsozialistischen Geschwätz, mit der mystischen Verbundenheit und den erbbiologischen Vorzügen der nordischen Rasse belästigen, wenn Alfred Rosenberg am Mikrophon von der Großtat des Dietrich Eckart erzählt, des Autors der Parole „Deutschland erwache!", dann bedienen sie sich der Entdeckung eines Juden. Das kommt ihnen, dieser ignoranten Gesellschaft, nicht zu Bewußtsein, genau so wenig, wie den nationalsozialistischen Esperantisten, die mit Hilfe einer jüdischen Erfindung das Judentum als minderwertig beschimpfen. Wir aber sind stolz darauf, daß das jüdische Genie in seiner Vitalität fortfährt Männer wie Heinrich Hertz hervorzubringen.

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