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Die Wahrheit · 1934-01-12 · Heft 2 (12.1.1934) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 2 (12.1.1934)
Date
1934-01-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT ff Ich bin der Ewige, dein Gott st LEOPOLO Ansprache des Herrn Oberrabbiner Dr. I. Tag lieh t am 29. Dezember 1933 im Leopoldstädter Tempel Judenheit und Judentum stehen in unseren Tagen in heftiger Weise zur Diskussion. Auf der einen Seite Schärfe, Feindseligkeit, Verbundenheit mit unheilvoller Tat für den Gegenstand dieser Auseinandersetzung, für uns Juden. Auf der anderen Seite Wohlwollen, Gerechtigkeitssinn, menschenfreundliche Hilfsbereitschaft. Die Angriffe von der feindlichen Seite richten sich nicht bloß gegen uns Juden als Menschen, sie zielen auch auf die Vernichtung des Judentums hin, auf die Vernichtung seiner Lehre, seines Wesens. Auch die Bibel, allgemein das Alte Testament genannt, soll entthront werden. Dieses Alte Testament, das von vielen hunderten Millionen Menschen als Heiligtum hochgehalten wird, soll beseitigt, in das Dunkel der Vergessenheit hinabgestoßen werden. Wir haben letzthin das Chanuka-Fest gefeiert. Wir haben wieder die Lichter angezündet, in unzähligen Festreden wurde die Ueberzeugung ausgesprochen, daß das Licht Gottes, das Licht des Judentums nie verlöschen werde. Diese in den jüdischen Gotteshäusern ausgesprochene Hoffnung wurde bald nachher neu belebt Während wir die Chanukalichter anzündeten, strahlte in einem anderen Kreise ein Licht auf, welches uns die Zukunft in freundlicheren Farben schauen läßt. Ein hoher Kirchenfürst ist für die Erhabenheit, für die Ewigkeit der Bibel eingetreten. In begeisterten Worten sprach er von den Grundwahrheiten des Judentums. Dieser Kirchenfürst sagte: „Die zehn Gebote vom Sinai sind die ewigen Grundwerte der sittlichen Weltordnung, die ewigen Grundgesetze für die menschliche Gemeinschaft, die ewigen Maßstäbe für jedes sittliche Familienleben. Rechts- und Gesellschaftsordnung können nur dann Bestand haben, wenn sie auf dem Grundgebote vom Sinai fußen." Diese Feststellung und Belehrung ist an die Nichtjuden gerichtet, sie ist aber auch in unserer eigenen Mitte notwendig. Vielen unter uns fehlt die Erkenntnis des Judentums, auch sie müssen über dessen ewige Werte belehrt werden. Sie sollen erkennen und sich aufrichten an der Verheißung: „Wie die Himmel und die Erde, die ich immer neu schaffe, ewig vor mir bestehen werden", spricht Gott, „so wird auch bestehen euer Same und euer Name." Wir wollen heute die in den ersten der zehn Worte enthaltenen ewigen Werte besprechen. Das erste Sinaiwort lautet: „Ich bin der Ewige, dein Gott!" Welch eine Verkündung für ein Sklaven- „volk, das unter hartem Druck gelebt und von Fron- *vögten gemartert wurde! Ich bin der Ewige, dein Gott — eine weite, lichte Welt öffnet sich da dem Menschen. Er fühlt sich erhoben über die Niederungen, über die Mühsale des Lebens, er fühlt sich geborgen in allen Drangsalen. Er wird getragen von dem Gedanken: Ich weiß, daß ein Gott, ein Erlöser mir im Himmel lebt. Er ist durchdrungen von der Erkenntnis des tröstenden und erlösenden Gottes, er weiß, wie Gott einig äst in seinem Wesen, so ist er auch unwandelbar in seinem Willen, sein Volk zu behüten, über alle Gefahren heil hinwegzuführen. Wahrlich! Diese Lehre von der göttlichen Vorsehung ist durch Tatsachen in unserer mehrtausendjährigen Geschichte zur Genüge bestätigt Wir haben die Wahrheit dieser Lehre an uns selbst erfahren. Es heißt auch nicht: Ich bin der Ewige, dein Gott, der das Weltall geschaffen, sondern: der dich aus Aegypten geführt „Denn", so sagt einer unserer Religionsphflosophen, „die Schaffung von Himmel und Erde hat der Mensch nicht mitangesehen. Von der wundervollen Befreiung aus Aegypten aber war das ganze Volk Israel Augenzeuge. Es hat das Walten Gottes selbst erlebt, darum ist es auch fähig, Gott als die alleinige weitbeherrschende Macht zu verehren." Die pädagogische Weisheit der Thora zeigt sich auch darin, daß in dem ganzen ersten Buche von den 613 Geboten und Verboten nur zwei enthalten sind. Man wird den Kindern in ihrer ersten Schulzeit nicht Lehrsätze in wohlgeordneten Worten vortragen, das wäre ihrer Fassungskraft nicht angemessen, man wird ihnen vielmehr Anschau- «ngsunterricht erteilen, durch wirkliche Dinge, durch Bilder sie zu belehren suchen. So verfährt Auch die Thora mit den Kindern Israel. Das erste Buch bringt Erzählungen, stellt Vorbilder auf, führt Beispiele vor Augen, die Patriarchen, die Gott anariefen, zu ihm beteten, ihm -dienten. So wird das Volk allmählich zu Gatt geführt, eist im zweiten Buche folgen die Gebote. So erscheint auch das erste der zehn Worte nicht in Form eines Gebotes, sondern als eine bereits angenommene und anerkannte Grundwahrheit, von der Israel stets erfüllt und in allem Tun geleitet werden soll. Gott ist der Inbegriff aller Wahrheit, Gerechtigkeit, Güte, der Inbegriff aller Sittlichkeit und daraus ergeben sich für den Menschen die Pflichten, die er gegen sich und seine Mitmenschen zu erfüllen hat. Daß der Mensch im Ebenbilde Gottes geschaffen ist, bildet einen der wichtigsten Grundgedanken des Judentums. Daraus erwächst dem Menschen die Pflicht, das Göttliche, das in seine Seele gelegt ist, nicht zu entweihen durch böse Gedanken, durch frevelhafte Tat, das Göttliche in seinem Nebenmenschen nicht zu verletzen durch Unfreundlichkeit, Härte, Ungerechtigkeit. Ich bin der Ewige, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben. Ein Gott, eine Menschheit. Gott spricht zu Israel: Haltet es euch immer vor Augen, daß ich der Gott der ganzen Welt, der Gott der gesamten Menschheit bin. Wohl unterscheiden sich die Menschen äußerlich, in ihrer Statur, in ihrer Farbe, in ihren Gesichtszügen. Unsere Alten sagen auch, es gibt keinen Bildner, keinen Künstler, der unserem Gotte gleichkäme. Eine unübersehbare Anzahl von Menschen hat Gott geschaffen und doch gibt es nicht Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von inand ausländischen Hausbesitzern MASSCHUHE nur VII. BUR6ÖAJ.SE *5 M zwei Menschen, die einander ganz ähnlich wären in ihrem Aeußeren. Aber dem Wesen nach sind alle Menschen einander gleich, insoferne als sie alle Geschöpfe Gottes sind. Und da erstrahlte in den letzten Tagen ein zweites Licht, als der höchste Kirchenfürst unseres Landes das Wort ergriff gegen den Rassenwahn und die Feindseligkeiten gegen uns verdammte. Die beiden erwähnten Kirchenfürsten haben die Anerkennung der Heiligkeit unserer Thora laut in die Welt hinausgerufen, sind für Gerechtigkeit und Menschlichkeit eingetreten. Wir erfüllen ein religiöses Gebot, wenn wir iin Hinblick auf diese beiden Männer nach Anordnung des Talmuds sprechen: Gepriesen sei Gott, der von seiner Weisheit mitgeteilt hat seinen Geschöpfen. Unsere Betrachtung hat gezeigt, daß schon in dem ersten der zehn Worte die Grundlage der sittlichen Weltordnung gegeben ist, der Glaube an den allwaltenden Gott und das Bestreben des Menschen, sich durch gottgefälligen Lebenswandel als würdiges Geschöpf Gottes zu erweisen. Wenn dieser Glaube in uns lebt, wenn wir von diesem Streben erfüllt sind, dann dürfen wir nicht verzagen. Aber ist dieser Glaube, ist dieses Streben in uns lebendig? Sind nicht die das Judentum verteidigenden ehrenden Worte der beiden hochstehenden Männer eine strenge Mahnung für uns? Der Kirchenfürst ruft den Nichtjuden zu: „Reichen wir unseren Brüdern, denen das Alte Testament einzige Glaubensstütze ist, die Hände und sprechen wir zu ihnen: Wir werden zusammenhelfen, daß das Alte Testament nicht aus dem Kulturgut des deutschen Volkes ausgestoßen werde." Und ich rufe den Juden zu: Wisset, welch kostbares Erbe euch anvertraut ist hütet es, lebet danach, dann dürft ihr auf die Erfüllung der Verheißung hoffen. Wie die Himmel und die Erde, die ich immer neu schaffe, ewig vor mir bestehen werden, so wird auch bestehen euer Same und euer Name. Jüdische Sorgen und Hoffnungen. Nach den katholischen Bischöfen Oesterreichs hat auch die protestantische Kirche dieses Landes einen Hirtenbrief erlassen. Wandten sich jene gegen die Gleich Schaltungstendenz des Nationalsozialismus, so wehrt sich diese gegen eine von der im Werden begriffenen neuen Verfassung befürchtete Ungleich Wertung der religiösen Minoritäten in Oesterreich. Ihr Hirtenbrief verficht in beachtenswerter Weise die Gleichberechtigung der Bekenner aller bisher staatlich anerkannten Konfessionen. Dieser Forderung müssen wir Juden uns voll und ganz anschließen, um so mehr, als das Gefahrenmoment für uns ungleich größer ist. Es kann nicht bestritten werden: Der Protestantismus ist derzeit in einer äußerst krisenhaften Situation — aber nicht in Oesterreich, wo er im ganzen 2 Prozent der Bevölkerung erfaßt, sondern im Deutschen Reich, wo sich 60 Prozent der Einwohner zu ihm bekennen, und nicht infolge gehässiger Unterdrückungsbestrebungen von außen, sondern im Gegenteil durch die angeblich gut gemeinten Förderungsexperimente der derzeitigen Machthaber. Diese Machthaber sind bekanntlich durch die Propagierung des Rassenprinzips in die Höhe gekommen und ihr Erfolg verleitete sie zu der Ansicht, daß auch die Machtstellung der evangelischen Kirche durch die Geltendmachung desselben Prinzips in ihrem Schöße gewinnen müßte. An sich ist übrigens die rein blutmäßige Bevorzugung einer edlen Abstammung dem Luther- Glauben schon von seinen Anfängen her vertraut. Denn schon im Jahre 1523 hat Martin Luther selbst zu diesem Problem in einer Schrift mit dem Titel „Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei" Stellung genommen, und zwar in folgender Weise: „Wenn wir auch hoch uns rühmen, so sind wir dennoch Heiden und die Juden von dem Geblüt Christi. W i r sind Schwäger und Fremdlinge, s i e sind Blutfreunde, Vettern und Brüder unseres Herrn. Darum: wenn man sich des Blutes und Fleisches rühmen sollte, .so gehören die Juden Christo näher zu denn wir." Und .aus dieser Feststellung zog Luther die einzig logische Schlußfolgerung, daß der Antisemitimus verdammenswert ist. Der Nationalsozialismus aber gelangte zur entgegengesetzten Konsequenz: Aus der Verwandtschaft Christi mit den Juden schloß er auf die Notwendigkeit, die deutsche Kirche möglichst zu entchristlichen. Infolge dieser Bestrebungen befinden sich jetzt die Protestanten in Deutschland in einer sehr grotesken Situation: Sie singen noch immer unentwegt das alte Luther-Lied „Eine feste Burg ist unser Gott!", aber sie wissen nicht, welcher Gott eigentlich gemeint ist: Christus oder Wotan. Jeder dieser beiden hat einen fanatischen Anhang im heutigen protestantischen Lager und der Kampf zwischen den zwei Parteien erschüttert das Gefüge der ganzen evangelischen Kirche in Deutschland aufs heftigste. Ihre um so viel kleinere, von Haus aus schwächere Schwesterkirche in Oesterreich tut wohl daran, einem verheerenden Zwist in ihrem Schöße vorzubeugen, indem sie in ihrem Hirtenbriefe eindeutig zu dem von den Rassenfanatikern aufgeworfenen Problem Stellung nimmt. Die Richtung, für die sie sich dabei entschieden hat, verrät aber, daß sie sich nicht bloß vom natürlichen Triebe nach Selbsterhaltung leiten ließ, sondern darüber hinaus auf die Vergrößerungsmöglichkeit ihres Anhangs bedacht war. Wenn die österreichische evangelische Kirche, deren arische Anhänger seit jeher die Avantgarde des Rassenantisemitismus stellten, in ihrem Hirtenbrief ihr Festhalten am Alten Testament beteuert und von rassischer Differenzierung ihrer Mitglieder nichts wissen will, nimmt sie sicherlich weise Rücksicht auf die Erfahrung, daß unter den jüdischen Täuflingen die Sympathie für den Protestantismus viel größer ist als für den Katholizismus. Das ist der katholischen Kirche keineswegs gleichgültig. Ihr liegt die Judenmission nicht weniger am Herzen als der evangelischen Kirche und besonders in dem eben abgelaufenen Jahre, das sie als ein ,iheiliges" -feierte, betrachtete gip die (jie-

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