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Die Wahrheit · 1934-01-12 · Heft 2 (12.1.1934) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 2 (12.1.1934)
Date
1934-01-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 40 Groseben In Deutschland verboten! Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der Union österreichischer Juden' tmd den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultasgemeinde Wien ■IIIIIIM^ Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 131- Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 10ft918 50. Jahrgang Wien, 12. Jänner 1934 Nummer 2 Vcrstarhtcr Kampf gegen die Dranne Bestie. Rasiere Dhh gut and billig Der österreichischen Regierung ist es schon einmal gelungen, der Nazi-Bestie „das Wilde abzuräumen", wie der Wiener sagt. Unmittelbar nach Hitlers Machtergreifung in Deutschland war auch in Oesterreich eine Zeitlang kein Mensch seines Lebens sicher. Der Geschäftsmann in seinem Lokal, der harmlose Gast im Kaffeehause, der friedliche Passant auf der Straße, sie alle mußten ständig mit der Gefahr rechnen, im nächsten Aloment von einer Bombe zerrissen zu werden. Es muß anerkannt werden, daß sich die Regierung damals der Situation gewachsen zeigte und mit Energie und Umsicht in verhältnismäßig kurzer Zeit die Alordseuche zum Erlöschen brachte. In der Genugtuung über diesen Erfolg ließ sie sich aber verleiten, von der bewährten Methode rücksichtsloser Energie-Einsetzung gegen die „Bubokratie" abzugehen und die weitere Befriedung des öffentlichen Lebens mit den entgegengesetzten Mitteln zu versuchen. Mit Milde und Güte wollte man den ..heroischen" Nazi-Geist, der sich in feigen, heimtückischen Anschlägen auf Wehrlose kundgab, besänftigen, ja sogar mit liebevollem Eingehen auf die antisemitischen Komplexe der Hakenkreuzpsyche den Feind zum Freund gewinnen. Das Resultat dieser paradoxen Taktik war ein gründliches Fiasko, das in einer amtlichen Verlautbarung vom 8. Jänner unumwunden zugegeben wu/.de. Die Regierung verweist darin auf eine Reihe von Gnadenakten, die sie straffälligen Nationalsozialisten „in der Hoffnung, es werde endlich Vernunft über Wahnsinn den Sieg davontragen", hatte angedeihen lassen und gibt berechtigter Enttäuschung Ausdruck: „Die daran geknüpften Hoffnungen waren vergeblich. Es hat im Gegenteil seit Beginn des neuen Jahres eine Welle neuer J e r r o r a k t e eingesetzt; so wurden in den letz- -fei? ' Tagen nicht weniger als hundertvierzig Sp engstoffanschläge in allen Teilen des Bundesgebietes verübt." Die Regierung versichert ihn. Entschlossenheit, „nunmehr mit allen, auch den schärfsten Mitteln diesen Akten des Terrors und der Demonstrationen ein für allemal ein Ende zu setzen." Die „Reichspost" unterstrich in einem Leitartikel diese Absicht der Regierung und erklärte einleitend mit Emphase: „Die Braunen sind, soweit sie noch dem Münchener Kommando folgen, gründlich auf dem Holzweg." Das klingt angesichts der leider schon sattsam bekannten Bestialität des Nazitums einigermaßen grotesk. Was würde man zu einem Zoologen sagen, der sich zu. der entrüsteten Behauptung verstiege, die Raubtiere, die ihre Opfer zerreißen, und die Stinktiere, die ihre Stinkdrüsen als Waffe benützen, seien auf dem Holzweg? Die Hakenkreuzbestie ist rein zoologisch einzuschätzen. Wenn je, so ist hier die Wertungsregel des Neuen Testaments am Platze: „Mit welchem Maße du missest, mit dem sollst du wieder gemessen werden." Der Nationalsozialismus bestimmt seine Freunde und Feinde nach dem rassisch-zoologischen Kriterium. Es wäre verfehlt, an ihn selbst einen anderen Maßstab anzulegen. Wenn man der Giftschlange die Giftzähne, dem Büffel die Hörner, dem Stinktier die Stinkdrüse nimmt, sind diese Tiere wehrlos. Und Wehrlosigkeit ist für die nationalsozialistische Psyche der unerträglichste Zustand. Daher ist es zwecklos, den Hakenkreuzlern den Gebrauch von Gift-, Stoß- und Stinkwaffen ausreden zu wollen. Jeder kämpft mit den Waffen, die seiner Natur am meisten entsprechen, wobei es ganz gleichgültig ist, ob ihm die Natur diese Waffe gleich selbst gebrauchsfertig bei der Geburt mitgibt oder ihn dazu treibt, sie in chemischen Laboratorien künstlich zu erzeugen. Stinktier bleibt Stinktier — höchstens die Spielart ist verschieden . . . Und es ist zwecklos, von dem Getier des Urwaldes zu verlangen, daß es freiwillig gegen seine eigene Natur ankämpft. Man darf auch nicht, wie es die „Rcior.spost" in ihrem schon zitierten Leitartikel tat. übersehen, daß die Triebkräfte der Bestialität durchaus nicht immer einem ..verstockten Herzen" entspringen, sondern viel häufiger einein hungrigen Magen. Wenn ein Raubvogel sich mordgierig aus der Luft auf eine Beute stürzt, so tut er dies weniger aus reiner Grausam- Treffpunkt der Feinschmecker Cafe-Restaurant FETZER bei der Schwedenbrücke keit als einfach in dem Bestreben, sich seinen Lebensunterhalt zu verschaffen, und es ist ganz nebensächlich, ob sich der Habicht dabei eigener Schwingen bedient oder des Münchener Radiosenders .... Das Futter ist denn auch ein zweckdienliches Mittel, wilde Tiere zu zähmen und zu dressieren. Doch trägt ein weiser Dompteur immer Peitsche und Schießwaffe bei sich, denn er muß stets auf den unberechenbaren Appetit seiner Bestien Bedacht nehmen, die vielleicht einmal mehr Gusto auf den Futterreicher als auf das gereichte Futter verspüren. So hat sogar auch schon die Staatskrippe, ein sonst ziemlich verläßlicher Köder, gelegentlich versagt, wenn in der braunen Bestie der Urinstinkt erwacht, dem Staat seihst, der sie ernährt, an die Gurgel zu springen. Am schwersten gelingt die Dressur bei solchen Geschöpfen, bei denen die materialistische Sorge um die Nahrung hinter „idealistischere" Beweggründe zurücktritt. So konnte es sich der Dichter Hans Rudolf Bartsch nicht versagen, dem Ocslerrcichiscöcs ünailläts faDrihal Ueberau erhältlich „Neuen Wiener Tagblatt" für seine Silvesterheilage ein Gedicht anzudrehen, dessen Anfangsbuchstaben von oben nach unten gelesen das Bekenntnis ergaben: „Heil Hitler! Deutsch sind wir." Zum Glück ist in diesem Falle das angerichtete Malheur nicht .uroß, da heutzutage Gedichte im allgemeinen nur wenig gelesen werden, geschweige denn in Akrostichen mannhaft versteckte Provokationen. Man darf deshalb in beziig auf dieses Bartsch-Gedicht mit Anspielung auf ein allerdings nur durch fremde Bearbeiter populärer gewordenes Bartsch-Werk wohl sagen: „Scliwamiuerl darüber!" Besonders, wenn sich das ..Neue Wiener Tagblatt" der Tatsache erinnert, daß es noch genug andere deutsche Dichter gibt, deren Deutschtum unabhängig von Hitler-Verehrung ist und daher auch nicht erst ausdrücklich betont zu werden braucht. Gefährlicher sind ohne Zweifel jene Hitler- Verehrer, die das Papier nicht zum Dichten verwenden, sondern für — B ö Her zwecke. Es mag dies die dem Dritten Reiche angemessenste Benützungsart des vom „liberalistischen System" als Schreibmaterial, also als Behelf geistiger Tätigkeit mißbrauchten Stoifes sein, in Oesterreich hält man zum Glück noch nicht so weit und begrüßt dankbar und freudig die energische Ankündigung der Regierung, dafür zu sorgen, daß es hier auch fürderhin nicht so weit kommt. Der erbetenen Unterstützung aller Gutgesinnten in dem Kampfe gegen die braune Bestie darf die Regierung sicher sein. Voranzeige Dienstag, den 23. Jänner 1934, 8 Uhr abends Festsaal des Handelsmuseums, Wien IX., Berggasse Nr. 16 Jakob Wassermann' Gedenkfeier der Es spricht: „Union Ssterrelehlscher Juden" Schriftsteller Heinrich Eduard Jacob Gedenket der Winternotttandsaktion der Kultusgemeinde! Geld- und Naturalspenden erbeten an die Fürsorge-Zentrale der Israel. Kultusgemeinde Wien I., Seitenstettengasse 2, Telephon U 25-5-85 Serie, Postsparkassenkonto B-29.659 WM

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