Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1934
- Issue
- Heft 1 (5.1.1934)
- Date
- 1934-01-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Jt* einen Sklavenbau zu beginnen. An Stelle des sanften Pharao traten bald die Fronvögte. Möchten nicht auch jetzt manche „Freunde" mit sanftem Munde das Judentum bewegen, an dem Aufbau eines „separaten Minderheitsrechtes" mitzuarbeiten, um in demselben Schutz zu suchen. Eine Parabel, von keinem Geringerem als dem jüdischen Märtyrer Rabbi Akiba erzählt, antwortet darauf: Eines Tages ging ein Fuchs an einem Strom vorbei, da sah er, wie die Fische sich unruhig bewegten. Ueber seine Frage nach der Ursache, antworteten sie, daß unweit ein Netz ausgespannt sei, vor dem sie flüchteten. Nun meinte der Schlaue, daß sie sich ans Land in seine Obhut begeben mögen; er werde sie beschützen. Sie antworteten ihm in ihrer stummen Sprache: „Wenn wir in unserem Element nicht sicher sind, wie sollen wir es in einem uns iremden unter deiner Obhut sein?" Angewendet auf die Gegenwart will die Parabei besagen: Wenn die Juden im Rahmen der Gleichberechtigung, und mag sie noch so bedroht sein, nicht sicher sind, wie erst auf dem harten Boden eines fremden Sonderrechtes? Aber noch eines sei angeführt. Zu Pharaos Hof gehörten drei Männer: Bileam, Hiob und Jethro. Bileam stärkte den König in seinen bösen Absichten, Hiob verhielt sich abwartend, Jethro allein riet ab. Wir wünschten, daß es auch in der Gegenwart einen warnenden Jethro gäbe, daß man auf seine Worte hören und das mandas Judentum frei von Gewalttätigkeit und Hinterlist leben lasse — treu seinen Idealen und Pflichten. Trotz tiefreduzierter Preise Immer nur da* Beate St gm. Oppenhelm II., PRATERSTRASSE 3© ■JMi Die Juden Wiens, Das neueste Buch Hans Tietzes, des bekannten Kulturhistorikers, das soeben bei E. P. Tal & Co., Wien, unter diesem Titel in erlesener Ausstattung erschienen ist, will nur einem Zweck dienen, der wissenschaftlichen Wahrheit und historischen Gerechtigkeit. Doch kommt es gerade jetzt zurecht, um den Wiener Juden einen unschätzbaren Dienst zu leisten. Diese Leistung fällt um so schwerer ins Gewicht, als ihr keine Absicht zu gründe Hegt. Worin besteht sie? In einer ganzen Reihe von Zeitungsartikeln und öffentlichen Reden wird seit einiger Zeit mit Schlagworten operiert, die für die Wiener Juden sich höchst bedenklich auswirken können, wenn sie als Ausgangspunkte gegen sie gerichteter Maßnahmen der Verwaltung oder gar der Gesetzgebung verwendet werden sollten. So wird den Wiener Juden in Bausch und Bogen ihre Bodenständigkeit bestritten. Man spricht von „volksfremden Elemente n", vom „jüdischen Marxismus", vom „jüdischen Liberalismus" und anderem, was das Publikum auf unfreundliche Schritte gegen die Juden vorzubereiten und seine Zustimmung hiefür zu sichern geeignet wäre. In einem solchen Momente der Spannung kann allen Beteiligten nichts willkommener sein als eine Darstellung des wirklichen Sachverhaltes von einer Seite, deren Objektivität über jeden Zweifel erhaben ist. Ist es wahr, daß die Wiener Juden nicht bodenständig sind? Sind sie wirklich ein volksfremdes Element? Ist das Wiener Judentum in der Tat mit Liberalismus oder Marxismus identisch? Auf alle diese jetzt so aktuellen Fragen findet man in dem Buche Tietzes unanfechtbar zutreffenden Bescheid. Tietze läßt die geschichtlichen Tatsachen für sich selber sprechen. Er beschönigt nicht, was zu Ungunsten der Juden aussagt. Um so glaubwürdiger ist seine Brandmarkung ihnen angetanen Unrechts. Am Anfange der Geschichte der Wiener Juden steht die Erwähnung jüdischer Kaufleute in einer noch heute vorhandenen Urkunde aus dem Jahre 904. Erinnern wir uns, daß der Name „Wien" urkundlich erst 1030 auftaucht und über eine „Stadt Wien" vor 1137 bisher keine zuverlässige Nachricht vorliegt! Daß der Name „Wien" mit „Vindobona" so wenig zusammenhängt wie die Gründung Wiens mit der römischen Ansiedlung, auf deren Trümmern sie sich vollzog, steht heute fest. Es unterliegt keinem Zweifel, daß, wie sonst in Niederösterreich, auch in Wien Juden zum mindesten nicht später als christliche Deutsche Fuß gefaßt haben. Bodenständigkeit in Wien kann ihnen um so weniger abgesprochen werden, als selbst durch die gewaltsamen Aufhebungen der Wiener Ghetti 1421 und 1670 die Verbindung von Juden mit dem Wiener Boden keineswegs gänzlich gelöst wurde und damit, wie die Geschichte Wiens im allgemeinen, so auch die der Juden in Wien von ihren ersten Anfängen bis auf den heutigen Tag sich am fortlaufenden Faden verfolgen läßt. Nach Tietze ist es wahrscheinlich, daß die Babenberger zur Hebung der Ostmark, wie sie Regensburger und vlämische Kolonisten, ins Land riefen, so aus Bayern und aus ihrer fränkischen Hei- ©laubensgenossen zu lösen, ein Priester im Dienste der Freiheit und der Erkenntnis. Von Jakobs Tode hat der Verbliebene zuletzt gesprochen; hiezu bemerkten unsere Weisen: .Mit dem Tode Jakobs brach die alte Hungersnot wieder hervor.' Es ist das Beste, was man von einein Menschen an seiner Bahre sagen kann, daß man seiner flicht satt geworden. Man wird hungern und dürsten »ach deinem belebenden Worte — und dieser Hunger wird nicht gestillt, dieser Durst nicht gelöscht werden. Das wird dein Angedenken und deinen Namen erhalten far und für." Nachdem sodann der Sarg auf die Straße getragen und durch ein großes Spalier von tausenden Menschen auf den Friedhof geführt ward, trug im Zeremoniensaale Oberkantor Josef G o 1 d s t e i n mit seinem Chore das Hazur tomim vor. Der greise Rabbiner Dr. A. S c h m i e d I kielt die Gedenkrede, in welcher er die Trauer der Gemeinde besprach und den Lebensgang des Verstorbenen in hervorragender Weise schilderte. Nach ihm sprach der Rabbiner Dr. Jonathan Wolf, welcher unter anderem sagte: „Und wollen wir wissen, was der verewigte Meister dachte und fühlte, wir erfahren das am besten durch den Wahlspruch unter seinem Bilde: Echte Wissenschaft macht frei und echte Freiheit tolerant und «jilde. Der Rektor des damals neu errichteten Rabbinerseminars, Rabbiner Dr. Adolf Schwarz, zitierte vorerst den Vers: „Gut und schön war das Wort, das du gesprochen hast" und sagte dazu: „Dr. Jellinek besaß tiefe Denkerkraft, war von zündender Begeisterung getragen und verband mit schöpferischer Schaffenskraft eine Herrschergewalt, wie sie seit der Glanzzeit Spaniens kein jüdischer Weiser gehabt. Er hatte Schachte verborgenen Goldes flüssig gemacht, indem er altes Edelmetall in moderne Formen gegossen". Der durch reiche Gelehrsamkeit berühmte Prediger aus Budapest Doktor Moriz Kayserling trat sodann an die Bahre und schilderte, welch emsiger, redlicher Forscher Doktor jellinek war. <ter in den Schacht der Forschung hinabstieg, um vergilbte Fragmente der Vergessenheit zu entreißen und zerstreute Schätze rabbinischer Weisheit zu sammeln, das Dunkel der Geheimlehre zu enthüllen. Als Bote der altehrwürdigen Gemeinde Prag sprach Prediger Dr. K i s c h. Er führte aus. daß nach dem Ableben der unvergeßlichen Weisen der Prager Gemeinde, wi« Zacharias Frankel., Juda Löb Rappoport, Leopold Zunz und Michael Sachs, der verblichene Dr. Jellinek der letzte der großen Weisen war, durch welche die Prager jüdische Gemeinde einen Weltruf erlangt hat. Der Sarg wurde nunmehr zum Grabe getragen, Rabbiner S c h o r r sprach einige Worte, ein Schlußchor beendigte die Trauerfeier. Anläßlicli des hundertsten Geburtstages Doktor Jellineks im Juni 1921 wurde dieser Tag im Bethamidrasch festlich begangen. Rektor Hofrat Dr. Schwarz hielt vor einem erlesenen Publikum und den Hörern der theologischen Lehranstalt die Gedenkrede, im Stadttempel sprach Oberrabbiner Dr. H. P. Chajes, der Dr. Jellinek als musterbietenden jüdischen Gelehrten schilderte, dessen Wirken für alle Zeiten segensreich sein wird. In seinem bereits erwähnten Buche berichtet Doktor Rosenmann von der Gründung des Bet ha Midrasctr durch Dr. Jellinek, welches er auf geistig dürrem Boden hervorgezaubert hatte und welches ihm nicht wenig Freude und Erfolg verschaffte. Die beiden von ihm ausgewählten Lektoren Friedmann und Weisz schufen Werke, welche die Aufmerksamkeit der Gelehrtenwelt auf sich und das Wiener Bet ha Midrasch lenkten. Doktor Jellineks Haus, genannt „der Vatikan in der Seitenstettengasse", war der Treffpunkt der gelehrten Kreise wie auch politischer Größen. Der große Gelehrte Doktor G e 1 b h a u s äußert sich über die Persönlichkeit Doktor Jellineks: „Bevor Dr. Jellinek auf die Kanzel trat, herrschte tiefe Stille wie vor einer Offenbarung. Er selber war auch vorher aufgeregt und verklärt, wie wenn er eine Eingebung hätte. Schon beim Herumtragen des Sefer schien es, als ob Funken von ihm ausgehen würden. Auf der Kanzel überblickte er den Tempel, dann las er den Text und sagte den Satz hebräisch und deutsch. Er sprach immer eine Einleitung und hierauf zwei oder drei Teile. Er sprach stets in großer Extase, aber immer mit Nuancierung: rasch, aber sehr deutlich: ein großer Künstler auf der Kanzel, ein außerordentlicher Deklamator." Wenn auch vier Jahrzehnte seit dem Ableben Dr. Jellineks verstrichen sind — das Andenken an ihn wurde zum Segen, denn wo in jüdischen Gotteshäusern der Prediger zur Gemeinde spricht, ist sein Geist — Dr. Jellinek lebt fort in seinen die Zeit überdauernden Werken. „Secher zadik livrocho." mat jüdische Kaufleute mitgebracht haben. Wir wissen, daß zu Städtegründungen auch sonst, z. B. in Speier. Juden mit herangezogen wurden. Uebrigens weist die erste jüdische Ansiedlung in Wien große Aehnlichkeit mit der in Regensburg und Zuzug von dort sowie, nach einer Nachricht. Verbindung mit Landshut in Bayern auf. Wie einst im römischen Reiche waren die Juden in deutschen Städten, z. B. Nürnberg, Vollbürger. So finden wir sie auch in Wien in angesehener amtlicher, politischer und gesellschaftlicher Stellung. Der eine bekleidet das hohe Amt eines herzoglichen Münzmeisters, ein anderer vertauscht das eines ungarischen Finanzministers mit dem eines österreichischen Staatsbankiers. Auch andere helfen mit Rat und Tat den Babenbergern, hier eine Territorialmacht zu gründen. Wie vielleicht nirgends sonst in solchem Maße gestaltet sich unter dem starken Schutze der Herzöge das Verhältnis der Wiener Juden zu der übrigen Bevölkerung friedlich i.nd freundlich. In der grausigen Katastrophe von 1421 sieht Vancsa in der „Geschichte der Stadt Wien" einen Finanzcoup des Herzogs. Tietze weist noch andere Beweggründe auf, die aber keineswegs die jüdischen Opfer belasten. Anstatt diese Blutschuld zu sühnen, belud sich Oesterreich nach dem einmütigen Urteile der höchsten zeitgenössischen geistlichen und weltlichen Mächte mit neuem schweren Makel 1670 durch die Vertreibung einer Judengemeinde, der selbst erklärte Judenfeinde, wie Wagenseil, einen glänzenden Leumund ausstellten. Tietze bekundet aber seine Objektivität darin, daß er Mißwirtschaft des jüdischen Gemeindevorstandes als eine der Ursachen vermutet. Doch ebenso, wenn er in seiner Beurteilung Samuel Oppenheimers. des Neubegründers der Wiener Judengemeinde, ganz gegen die frühere nichjüdische Geschichtsschreibung der Würdigung dieses Mannes als eines seiner Zeit weit vorauseilenden Wirtschaftspioniers und unentbehrlichen Mitarbeiters an dem Aufbau Oesterreichs zur Großmacht und zum Zentralstaat beipflichtet. Ebenso richtig ist seine mit der ihm eigenen erstaunlichen Sachkenntnis wohlbegründer Auffassung des Toleranzpatentes von 1782 als eines Humanitätsaktes von unermeßlicher Bedeutung. Wie schon aus dem Stoff an sich erklärlich, wird die Lektüre des meisterhaften Werkes immer fesselnder, je mehr es sich der Gegenwart nähert. Völlig unparteiisch deckt Tietze die Wurzeln des Wiener Antisemitismus auf, Licht und Schatten gerecht verteilend. Seine mutige Kritik erfahren auch itoch lebende Persönlichkeiten und ander© Erscheinungen des Wien von heute. Im Lichte seiner Darstellung sehen wir Juden in Wien, die als Juden Wiens bezeichnet werden dürfen in dem zweifachen Sinne, daß ohne sie das Wien, wie es im Laufe der Jahrhunderte sich gestaltet hat. nicht gut denkbar wäre, sie selbst aber ebenso auf anderem als auf Wiener Boden mit ihren Vorzügen wie mit ihren Fehlern unverständlich blieben. Tietze zeigt uns, was Wiener Juden zur Verbindung mit dem deutschen Nationalismus und links gerichteten politischen und sozialen Strömungen geführt und wie sie sich dann auf ihre religiöse und stammesmäßige Eigenart besonnen haben. Und dies zuerst und vor allem unter dem Einfluß der machtvollen Persönlichkeit, der gerade jetzt, ein Jahrzehnt nach ihrem Hinscheiden, kein ehrenderes Denkmal gesetzt werden konnte als das Schlußkapitel dieses Buches: Dr. Josef Bloch. Was Tietze über ihn, wie Herzl, ihre Anhänger und Gegner, und was er über die restlose Verschmelzung von Judentum und Wienertum sagt, gehört mit zum besten und stilistisch glänzendsten des Buches. Die Urteile fernerstehender Kritiker des Judentums erscheinen uns wie die eines Theaterpublikums. Das Gejohle aus den höchsten Rängen kann über den Wert oder Unwert der Aufführung nicht als entscheidend gelten. Nur was der unbefangene Urteilsfähige, der offenen Auges und guten Willens zuschaut, unbekümmert um das, was um ihn und etwa hinter den Kulissen vorgeht, über die, die auf der Bühne stehen, sagt, ist wert, gehört zu werden. Wie sich das Wiener Judentum dem Urteil des unbeteiligten Fremden darstellt, das sagt uns Tietzes Buch. — d—