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Die Wahrheit · 1934-01-05 · Heft 1 (5.1.1934) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 1 (5.1.1934)
Date
1934-01-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Was die Jetztzeit aus nicht ganz drei Versen des 2. Büches Moses lernen könnte. Eine Betrachtung von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. UBOPOLO Alle Erklärungen der heiligen Schrift, mögen sie noch so weit auseinander gehen, sind schließlich auf vier Methoden zurückzuführen. Diese sind mnemotechnisch in den Konsonanten des Wortes: P a r d e s (Paradies, Garten) wiedergegeben. 1. P s c h a t, der einfache Wortsinn. Führend sind hiefür die Kommentare von Ibn Esra und Kimchi. IL Remes, die Erforschung der Andeutungen der Bibel, zumeist mittels des Zahlenwertes der einzelnen Buchstaben. Ein nicht häufig verwendeter Kommentar, Bai Htaturim, bearbeitet dieses Gebiet. Hl. Drasch, die homiletische und religionsphilosophische Auffassung der Bibel. Die Fülle der Erklärungen in dieser Hinsicht ist unübersehbar. Abgesehen von der talmudischen Zeit führt eine lange Kette populärer Kommentare von Raschi bis zu Malbim und sodann bis zu Samson Raphael Hirsch. IV. Sod, die kabbalistische Erschließung etwaiger verborgener Sentenzen der Bibel. Das vor drei Jahrhunderten erschienene Buch „Die beiden Tafeln des Bundes" von dem als heilig bezeichneten Jesaia Horowitz bildet einen der Höhepunkte dieser Art. In unserer nüchternen Zeit kann die Heilige Schrift, insoferne das Resultat Anerkennung finden soll, nicht realistisch genug erschlossen werden. Es sei daher hier versucht, wenige Sätze des zweiten Buches nicht auszulegen, noch weniger, um ein Wort Lessings zu gebrauchen, ihnen etwas zu unterlegen, sondern historisch darzulegen, um von diesem Standpunkt aus einen Ausblick in die Gegenwart zu gewinnen. Die ersten Verse erzählen von den zwölf Stämmen, behandeln den Tod Josefs und seiner Generation und das Anwachsen der israelitischen Bevölkerung. Nun setzt Vers 8 ein: „Und es stand ein neuer König auf über Aegypten, der von Josef nichts wußte." Ist dies faßbar? Mag dieser Pharao aus einer neuen Dynastie hervorgegangen sein oder mochte er so getan haben, als ob er von Josef nichts wüßte. Ist er nicht von allen Begebenheiten daran erinnert worden? Und doch völkerpsychologisch leicht zu begreifen. — Bei jeder Volksminorität werden nämlich Schwächen zu Lastern gesteigert, Vorzüge und gewaltige Leistungen zu Akzidentien herabgedrückt und sodann vergessen. Wer z. B. denkt in der Gegenwart, daß kaum mehr als zehn Jahre verflossen sind, seitdem ein jüdischer Mann, Dr. Wilhelm Rosenberg, Oesterreich vor dem finanziellen Rum gerettet hat? Und während in der letzten Zeit die jüdischen Bankdirektoren für den Niedergang der Bankinstitute verantwortlich gemacht werden und man dies die jüdischen Beamten entgelten lassen will, obschon weit mehr Bankhäuser in Nordamerika ohne jüdischen Einfluß zusammengebrochen sind, ist das Andenken an jenen jüdischen Bankdirektor verschwunden. Vom Bundeskanzler Seipel berufen, hatte er es abgelehnt, die Würde eines Staatssekretärs zu bekleiden oder irgend ein Gehalt entgegenzunehmen, sondern verwendete seine gewaltigen Beziehungen zum Ausland, namentlich zu England, um Oesterreich selbstlos zu dienen. Als er sein Werk vollendet sah, begab er sich auf den Friedhof, wo sein einziger im Felde gefallener Sohn ruhte, und bereitete seinem ihm nunmehr als zwecklos erscheinenden Leben ein Ende. Wer von allen jenen, die dem Judentum krassen Materialismus vorwerfen, denkt an den großen Tondichter Gustav Mahler, der die Leitung der Wiener Oper unter Hintansetzung persönlicher Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern Interessen aufgab, oder an den großen, unvergleichlichen Josef Popper-Lynkeus, der in frei gewählter Armut sein Leben beschloß? — Vers 9 beginnt und besagt: „Und er (Pharao) sprach zu seinem Volke." Warum berief er nicht zu diesem Zwecke seine Gelehrten, Weisen und Zeichendeuter? Warum sprach er nur zu seinem Volke? Weil die Volksmassen am leichtesten durch ein Schlagwort zu beeinflussen sind. Und ein solches war auch seine Behauptung: „Siehe das Volk Israel ist stärker und zahlreicher als wir." Dieser Vorgang hat MASSCHUHE nur VU. BUR.6SASSE v5 S sich ungefähr achtzig Jahre nach der Niederlassung der Israeliten in Gosen abgespielt. Wenn wir mm die' Angaben Exodus Kapitel 12, Vers 37 und 40 als Grundlage annehmen, so betrug damals die Zahl der israelitischen Seelen hochgegriffen 1500, wogegen sich die Gesamtbevölkerung Aegyptens unter den alten Pharaonen in 18.000 Städten und größeren Orten auf ungefähr sieben Millionen belief. Worin bestand die sophistische Irreführung? Die israelitische Bevölkerung war in Gosen konzen triert. In diesem kleinen Raum war sie freilich stärker und zahlreicher als die Aegypten Und ist es in der Gegenwart anders? Man spricht voa einem Ueberwiegen des jüdischen Elementes in den intellektuellen Berufen, woselbst es stärker und zahlreicher wäre als die anderen, und sucht auf dem Wege der aufgewühlten Volksmassen Aenderungen vorzubereiten. Man überblicke doch die Gesamtheit und befrage die modernen Zeichendeuter, das sind die Statistiker, ob es im unübersehbaren Heer der Staats-, Landes- und Kommunebeamten, die eine halbe Million erreichen dürften, 5%, das heißt 25.000 Juden gibt. Ob nicht auch da ein Numerus clausus in bonam partem angebracht wäre? Eine Staatsweisheit, welche die Grundlage des öffentlichen Friedens befestigen wollte, würde bei Neuanstellung im Staatsdienst darauf sehen, irgend welche Lebensmöglichkeitelt der jüdischen Jugend zu verschaffen, die gerne den freien Berufen den Rücken kehren würde, um ihre Nahrung bescheiden aber sicher im Beamtenstatus zu erlangen. So war es unter Kaiser Franz Josef seligen Angedenkens. Dieser hatte in den gleichberechtigten Juden staatserhaltende Elemente gesehen, dieser hatte jüdische Offiziere und Beamte ernannt und sie vor Kränkung und Zurücksetzung geschützt. Aus Vers 10 erfahren wir weiters, däU Pharao zu seinem Volke sprach: „Wohlan, lassetunssieüberliste n." Klingt das nicht wie das berühmte und berüchtigte Tarnen der Gegenwart, die vielen Versuche, das Judentum zu überlisten, durch Drohung und Verlockung es zu veranlassen, sich selbst in das Joch der Knechtschaft zu stellen. Unsere Weisen meinen, daß Pharao die freien Männer von Gosen zum Frontdienst dadurch veranlaßt hatte, daß er sie eines Tages mit sanftem Munde (Peh-rach) einlud, gleich ihm Kelle und Mörtel zur Hand zu nehmen, um tfeuilteton Dr. Adolf Jellinek. Zum vierzigsten Jahrestag (20. Tebet 5654). Von Rudolf Kraus, Amtsleiter i. R. Ein sehr langer Zeitraum ist verstrichen, seitdem dieser Meister der Redekunst seine tiefdurchdachten Predigten über religiöse Fragen gehalten, seine Abhandlungen über jüdische politische Vorkommnisse geschrieben hat. Er war „der Mann seiner Zeit", hat sich einen Weltruf erworben, ein bedeutender Gelehrter, ein großer Philosoph, der jedem, der ihn gehört hat, unvergeßlich bleiben mußte. Vor zwei Jahren hat Herr Rabbiner Dr. Rosenmann ein sorgsam verfaßtes Werk „Dr. Adolf Jellinek, sein Leben und Schaffen" veröffentlicht, welches verdiente Beachtung fand, da es in ausgezeichneter Weise das Wirken des Verewigten schildert, Auszüge aus seinen Predigten und Schriften bringt, sowie seinen hochinteressanten Lebensweg zeichnet. Ich hatte das Glück, durch mehrere Jahre Doktor Jellinek sowohl im Stadttempel, wie auch im Betha Midrasch zu hören, ich freue mich, mehrere seiner Schriften zu besitzen, und lese öfters mit Aufmerksamkeit darin: Reden, welche er mit prophetischem Geiste gehalten hat und welche beweisen, was dieser große Lehrer in seinem Wirken nicht nur für Wien, sondern für das ganze Judentum geleistet, wie er als Ratgeber großer jüdischer Institutionen Dauerndes geschaffen hat. Auch am 22. Dezember 1893 lauschte ich seiner Abendpredigt im Stadttempel, am 28. betete ich für seine Gesundung und am 31. war ich zugegen, im Tempel und auf dem Zentralfriedhof, da er mit außergewöhnlichen Ehren bestattet wurde. Aus seiner letzten Rede will ich einige Sätze hier anführen, sie sind dem Büchlein des Rabbiners Dr. Löwy „Die letzten Reden Dr. Jellineks" entnommen. Er besprach da den Segen Jakobs. „Versammelt euch, vereinigt euch, Söhne Jakobs, horcht auf Israel, eurem Vater! Wohlerwogen nennt er sich Jakob und auch Israel; denn in diesem letzten Namen ruht die Lebensaufgabe, die Bestimmung, der Beruf aller seiner Sprossen auf Erden. Israel heißt Gotteskämpfer, für Gott, für Erkenntnis der Wahrheit, für Recht und Menschenliebe zu kämpfen und zu streiten, zu tragen und zu dulden — dazu sind die Söhne des Patriachen erkoren worden. Darum sollen sie sich immer als Brüder fühlen, in der Einheit ihre Stärke suchen und finden. Eine lange Zukunft dehnt sich vor ihnen aus. ein wechselneäches Leben harret ihrer. Bedenket daher, spricht der sterbende Jakob, was euch begegnen kann in späteren Tagen. Einmal wird ja doch jene Zeit erscheinen, wo die Völkerstämme aus Nacht und Finsternis dem Lichte nachwandeln werden, dem Lichte, das ihnen aus der Mitte Israels erglänzt und erstrahlt Darum sollen die Söhne Jakobs alle vereint "und verbrüdert leben, alle, die Jakob ihren Vater nennen, die sich zu Israel bekennen." Dr. Jellinek schloß diese Rede, indem er die Anwesenden aufforderte, das in diesem Jahre in Wien errichtete Rabbinerseminar (Israel, theologische Lehranstalt) zu fördern. Er ruft aus: „Dies sind wir dem Ruhm Israels, der Ehre der Wiener Gemeinde und ihrer großen Vergangenheit schuldig. Dazu ruft uns, seine Kinder, der Patriach Jakob auf, denn unser Vater Jakob ist nicht gestorben und seine mahnende Stimme ist nicht verhallt. — Vereinigt Euch, versammelt Euch, nähret und stützet die lernbegierigen Jünglinge dieser Lehranstalt, wie Sebulun — der rührige Kaufmann — den Bruderstamm Isas'char — die Lernenden — verpflegt und erhalten hat, wofür er auch reich gesegnet war." Der letzte Sabbatgruß, das Schlußwort des Fürsten der Prediger war kaum verklungen — da erkrankte der greise Gelehrte und am 28. Dezember zu ungewöhnlicher Abendstunde fanden sich im Stadttempel eine große Anzahl Freunde und Verehrer Dr. Jellineks ein, für sein teueres Leben Thillim zu sagen. Gebete für seine Genesung zu verrichten. Jedoch — zur selben Zeit saß in seinem Lehnstuhle in seiner Wohnung im gleichen Hause der schwer Erkrankte — umgeben von seinen Kindern und mehreren Getreuen und verschied — ruhig hinüberschlummernd zum ewigen Schlafe. Weinend wurde diese traurige Nachricht der im Tempel versammelten Gemeinde mitgeteilt, das Gebet wurde beendet und eine tiefe Bestürzung entstand. Jeder der Anwesenden fühlte, daß nicht nur er. sondern die ganze Wiener jüdische Gemeinde einen unersetzlichen Verlust erlitten habe, daß mit Dr. Jellinek dem Judentum der ganzen Welt ein Weiser, ein Gelehrter von' prophetischem Geiste sein irdisches Leben geschlossen hatte. Sointag. den 31. Dezember 1893, veranstaltete der Vorstand der Kultusgemeinde zur Ehrung dieses großes Toten eine besonders solenne Leichenfeier. Im Stadttempel wurde der einfache Sarg aufgestellt, zu dessen Seiten die Vorstandsmitglieder und die Rabbiner standen. Im trauergeschmückten Gotteshause waren nebst de» Familienmitgliedern der Wiener Bürgermeister Dr. J. N. Prix, der Vertreter der evangelischen Gemeinde Doktor Schack, zahlreiche offizielle Persönlichkeiten, Deputationen von feni und nah. sowie die Vorstände der Wiener jüdischen Institutionen und Vereine anwesend. In der ganzen Umgebung des Tempels und auf dem langen Wege bis zum Friedhof brannte die Straßenbeleuchtung. Die äußerst würdige Zeremonie im Tempel bestand in der vom Oberkantor Josef Singer mit Chor vorgetragenen Rezitierung des Psalms 49 und in der gehaltvollen Trauerrede des Rabbiners Dr. M. Güdemann, aus welcher ich einige Sätze hier anführen will:.....Wie Dr. Jellineks Vorgänger und Kollege (J. N. Mannheimer) ein gefeierter Redner war, so war er es nicht minder, aber in anderer Weise, und seine Eigenart hat eine bedeutsame Wendung in der Geschichte der jüdischen Kanzelberedsamkeit herbeigeführt. Er schuf Neues auf diesem Gebiete, indem er an das Alte anknüpfte, um die Predigtweise unserer alten Meister mit den Ansprüchen moderner Bildung und modernen Ge^ schmackes zu vermählen. Wie sie ein feines Auge hatten; um nicht bloß in der Bibel, sondern gleichsam zwischen den Zeilen der Bibel zu lesen, wie sie ein feines Ohr besaßen für den Pulsschlag der Zeit, für die Stimmen, die aus dem öffentlichen Leben in das Gotteshaus dringen, so ward er durch die gleichen Vorzüge der Mitbegründer einer neuen Predigtweise, weil er ein gelehriger Schüler der Alten war. Mit seiner reichen Gelehrsamkeit und Belesenheit, mit seinem scharfen Verstände und seinem treffenden Witz formte er jene Reden und Ansprachen, die alles in ihren Bereich zogen und dennock immer auf jüdischem Boden blieben, und welche durch die Lebendigkeit und das Feuer seines Vortrages, wie nicht minder durch die gewählte Sprache die Zuhörer fesselten, begeisterten, entflammten und das religiöse Empfinden in ihnen neu belebten. So war er währe"«» eines halben Jahrhunderts der vielgerühmte Prediger einer alten Zeit, und! doch hinwiederum einer neuen, ausjener die Waffen holend, für diese gleich dem redekundigen Aron des Altertums bestrebt, die Fessela seiner

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