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Die Wahrheit · 1934-01-05 · Heft 1 (5.1.1934) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 1 (5.1.1934)
Date
1934-01-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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^eite 4 DIE WAHRHEIT Der Dichter Wassermann- Von Paul W i e g 1 c r. Jakob Wassermann ist in Fürt h geboren. Sohn eines kleinen Kaufmannes, der eine Fabrik gründete, sei« geringes, erborgtes Kapital in diesem Unternehmen verlor, und dann sich als Agent plagte, bis er starb, und einer Mutier, die der neunjährige Knabe auf dem Totenbett sah, einer „Schönheit, von blondem Typus, sehir sanft, sehr schweigsam". An eine Kindheit voll Armut und Bedrücktheit erinnert Wassermann sich; und häßlich ist diese Stadt, in der er autwächst. Zirndorf ist nahe, das „Ghetto ohne Mauern", das ihn mit der dumpfen Vision jenes Romans und seines Vorspiel* erfüllt. Aber auch Nürnberg, die Stadt des „Gänsemännchens", der alte Schauplatz, dessen Häuser und Gassen für den Vierzigjährigen aus der Stununheit zu einem großen Sinnbild deutschen Lebens, deutscher Künstlertragik erwachen werden. Günzenhausen, der Ferienort des Schuljungen, das hügelige Franken, das ihm den Begriff einer heimatlichen Natur gibt und mit Tälern. Dörfern und Schlössern in seiner Prosa oft noch wiederkehrt. Und Ansbach, mit Nürnberg die Kulisse seines Menschenromans „Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens". Nach Würzburg führen ihn diese Jahre der Not, der Einsamkeit der verzweifelten Suche, in den Schwarzwald, durch den der brotlose Bürogehilfe irrt. Es ist der Sommer 1894; und in dieser pathologischen Lebensangst entsteht die erste Novelle, die Wassermann veröffentlicht. „Finsternis". Er bleibt dann in München, wohin er schon einmal geflohen ist, nächtigt in einem Mansardenloch und hungert. Bis er Sekretär bei Emst von Wolzogen wird, der an sein Talent glaubt und für ihn wirbt, und bis er. Mitglied einer unbürgerlichen Boheme, in den Kreis des ..Simplicissimus" eintritt. In München schreibt er die „Juden von Zierndorf" und beginnt die „Geschichte der jungen Renate Fuchs", mit der sein Name durchdringt. Aber das Echo in den Zeitungen und beim Publikum verwirrt ihn, und er fürchtet für sein Werk. Er übersiedelt nach Wien. Der „Moloch" ist die Po:trätierung der Gesellschaftsschicht in die er hier als Außenseiter gerät. Indes schon ist er entschlossen, seine erzählerische Technik gänzlich umzuformen. Von nun an ringt er. die Meister der Weltliteratur studierend, mit beharrlich glühender Leidenschaft nach allgemeingültigen Gesetzen seiner Kunst. Der „Alexander in Babylon", ein Traum von ferner Historie wie Flauberts „Salammbo". und die drei Novellen „Die Schwestern", sind 1905 und 1906 die Erzeugnisse dieser Epik zu der Wassermanns Dichtertum reift Im „Caspar Hauser", im Zyklus des „Goldenen Spiegels", im ..Gänsemäunchen" ist überfließende Schau. Und allenthalben schwingt in ihr ein musikalisches Element mit die Harmonie der österreichischen Landschaft, in der Wassermann um die Jahrhundertwende sich niederläßt. In der Steiermark, in Aussee, hat er dann ein Haus. Diese Berge werden Szenerie schon für Seiten des „Goldenen Spiegels". Nicht immer zwar schenken ihre erhabenen Linien, die Heiterkeit des Sommers. „So dicht bei der Natur zu wohnen", sagt er in den ..Selbstbetrachtungen", „heißt, der ganzen Härte ihrer Launen preisgegeben zu sein; der Wald, der Fels, der See haben viele Gesichter, und nicht immer freundliche: wenn im Herbst die frühen Nebel eintreten, wenn in den Märznächten das Eis birst mit Lauten wie von einem kranken Riesen, wenn nach vieltägigem Regen die Wasser von den Gipfeln rinnen, wenn die Dezemberstürme das Haus in seinen Grundfesten erzittern lassen, da scheint alle Bindung zwischen mir und der Menschenwelt zerrissen." Die gewollte Abgeschiedenheit der Konzentration wird mit Unruhe und Kämpfen erkauft. „Vorarbeit", so bezeichnet Wassermann seine Produktion noch bis zum „Erwin Reiner", bis zum ..Gänsemännchen", bis zum „Christian Walnschaffe". Et ist — und hat es 1920 im „Unbekannten Gast'* verraten — der Grübler, der sich niemals genug tut. Kein Produktiver kann mehr fragen, kann sich strenger richten als er. Er hat sich mit der Herkunft seiner Gestalten beschäftigt, mit dem Umfang seiner Erfindung? „Zunächst", das ist seine ästhetische Selbstbegrenzung, „mußte ich eine unangreifbare Wirklichkeit vor mir haben, eine bereits gegebene Tatsachenwirklichkeit, die als Gerüst dienen konnte, die war dann in der Anschauung zu verwandeln". So wird ihm noch der Hau- Prozeß Keimzelle zu seinem überwältigenden Justizroman, dem „Fall Maurizius". Er hat erklärt, daß er nicht eigentlich ein Beobachter sei. Aber er zaubert das rohe Stoffliche um mit dem Vermögen, das er nur aus sich hat, mit dem Trieb zu fabeln. „Da war", so hat er das in seiner Legende vom „Aufruhr um den Junker Ernst", der balladenhaften Novelle aus dem Würzburg des Barock, beschrieben, „eine Kraft in ihm, der er sich nur anzuvertrauen brauchte, ein Hinströmen, und er mußte den Strom in ihm gehorsam sein". Das ist die Naivität in diesem Reflexionsmenschen, ist dfe Jugend dieses Sechzigjährigen, dessen bis heute letzter Roman der „Etzel Andergast" war. das Buch über die werdende Generation. Ein Dichter von seiner Art ist ein Ethiker. Der ethische Sinn seiner Künstlerschaft ist von jeher sichtbar. Er war es im „Caspar Hauser", den er interpretiert hat: ..Das Menschenherz gegen die Welt.als ich diese Formel gefunden hatte, hoben sich die Schleier." Er war es im „Fall Maurizius". dem Roman der Schuld, der Strafe, des grausamen Justizapparates. Indem er sich erforscht, entdeckt er die unzerstörbare Idee der Gerechtigkeit. Sein Rechenschaftsbericht als der eines deutschen Juden führt auf sie zurück. Alf. er 1921 sich äußerte, sah er in der Zweiheit die MÖBEL Moderne KQchen- Vorzlmmer- Wohnzlmmer- F.KOHN, Wien II TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen — Angeschlossen der „Schomra" Einheit, sah er in sich einen der Wegbereiter. „Daher glaube ich", war das Resultat, zu dem er gelangte, „daß im Abstand von den niedrigen Dingen das Geschwätz und der Geifer des Hasses und Unrechts ohnmächtig werden und die Missetaten sogar, die sie begehen, ihre Sühne finden". Zwölf Jahre später; und nun ist das Problem noch ungelöst. Ungelöst mit dem deutschen Problem und mit dem Europas. „Europäischer Geist ist eine unhaltbare Fiktion, Europa hat sich selbst aufgegeben; wie kann es uns tragen?" Und über Deutschland, das immerdar geliebte, an dem er in seinem tiefsten Wesen hängt: „Das schmerzt. Dieses wunderbare Land, dieses unvergleichliche Volk!" Nichts blieb für Wassermann, den deutschen Dichter, als der Idee der Gerechtigkeit treu zu sein, nichts als das Streben nach Gleichgewicht, nichts als die trauernde Hoffnung, die wir nun trauernd mit ihm verlieren. Die Schüsse von Sinaia, die den rumänischen Ministerpräsidenten Duca niederstreckten, sind ein Warnungssignal für das ganze außerdeutsche Europa. Sie beweisen, daß die Infizierung durch die Göbbels-Mark schon so weit gediehen ist. daß ein verhetzter Nationalist Hand anlegen muß an einem Manne, der Ordnung in seinem Lande machen wollte, freilich eine Ordnung, die nicht den Geist des ..Dritten Reiches" atmete. Duca ist scharf ins Zeug mit den antisemitischen Elementen Rumäniens gegangen, wohl nicht aus Liebe zu den Juden, sondern aus Staatsräson, weil er die Gefahren erkannte, die dem ohnehin schon schwer zerrütteten Lande drohen, wenn die Verhetzung durch Hitlers Emissäre noch länger geduldet wird. Man hat heute schon Beweise dafür, daß das Attentat von langer Hand vorbereitet war. Altrenommiertes Restaurant Moriz Singer II., KomSdienpasse 8 (Ecke Zirkusgasse) S 1.20 Suppe, Braten oder Rindfleisch, Beilage, Mehlspeise 9 1.40 Suppe, Braten nach Wahl, zwei Bellagen, Mehlspeise * Vorspeise oder Suppe, Vorspeise, Suppe, Gansl, Schnitzel oder Rostbraten, Suppen-, Brat- oder geb. Bries, zwei Beilagen, Back-Huhn, Beilage, Mehlspeise , Mehlspeise dalHWenl Um ge.fl, Zuspruch wird gebeten Hatte doch der Schopfer und Führer der „Eisernen Garde", Colea Codreanu, in seinem Organ die offene Drohung ausgesprochen, daß sich die Mitglieder der ..Eisernen Garde" fürchterlich rächen werden, falls die Organisation verboten werden sollte. Als dann Ministerpräsident Duca das Dekret über das Verbot der „Eisernen Garde" herausgab, erwartete man allgemein irgend einen schlimmen Streich der Codreanu-Anhänger, niemand aber ahnte, daß sich diese destruktiven Elemente an der Person des führenden rumänischen Staatsmannes vergreifen werden. Codreanu selbst hat seine politische Karriere als Mörder angefangen. Vor mehreren Jahren erschoß er in Jassy den Präfekten der Moldau-Provinz Manciu. weil dieser bei Gelegenheit von Studentenunruhen an der Jassyer Universität verfolgte jüdische Studenten gegen eine starke Uebermacht der Verfolger unter seinen persönlichen Schutz nahm. Codreanu wurde vor ein Geschworenengericht gestellt, aber freigesprochen und seither von den radikalen Nationalisten Rumäniens als Nationalheld gefeiert. Spezialität» für Volle und Strickgarne Moritz Nagel Wien, 2~ Bez., Taborsfraße Nr. 17 Fabriksniederlage. Wirku. Strickmoden Telephon A 45-8-69 Ludwig Holländer. Von Justizrat Dr. Julius B r o d n i t z, Vorsitzender des „Centrai-Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens". Mit Abschluß des bedeutungsvollen Jahres 1933 begab sich der Direktor unseres Central-Vereines, Dr. Ludwig Holländer, in den Ruhestand. So reich an Erlebnissen das Jahr 1933 gewesen ist, so erfüllt dieses Ereignis, mit dem das Jahr schließt, die ungezählten Freunde von Ludwig Holländer mit tiefer Wehmut. Mehr als 30 Jahre hat er in München und Berlia in der Arheiit des Centrai-Vereines an führender Stelle gestanden. Er arbeitete zunächst zusammen mit unserem damaligen Generalsekretär, dem unvergeßlichen Alphonse L e v y. Schnell errang er als Syndikus des Centrai- Vereines eine Führerstellung. Als durch eine Satzungsänderung die Stellung eines Direktors des Central- Verciues geschaffen wurde, übernahm er diesen verantwortungsvollen Platz und damit die Mitarbeit in der obersten Leitung unseres Vereines. Wollte man die Arbeit von Ludwig Holländer im einzelnen schildern, so hieße dies, eine Geschichte des Central-Vereines schreiben. Diese geschichtliche Darstellung möchte ich Ludwig Holländer selbst überlassen. Niemand ist so dazu berufen wie er. Ludwig Holländer wurde bald in seiner Arbeit eine der markantesten Persönlichkeiten im deutschen Judentum. Im organisatorischen Aufbau des Central-Vereines war er unentbehrlich, denn er besaß die größte Personenkenntnis im deutschen Judentum und war deshalb in erster Linie berufen, in unserer Organisation Offiziere und Mannschaften an die Stelle zu setzen, wo ihre Kräfte am besten im Dienste für unsere Sache Verwendung finden konnten. Er war ein wirklicher Erzieher. Eine große Zahl der Männer und Frauen, die im Dienste des Centrai-Vereines in vorderer und vorderster Reihe standen und stehen, wurden durch Ludwig Holländer zu der Arbeit begeistert und immer wieder erneut zur Einsetzung ihrer ganzen Persönlichkeit bestimmt Ludwig Holländer war hierbei ein strenger Lehrmeister. Wie er selbst sich stets mit seiner ganzen Persönlichkeit für die Arbeit im Centrai-Verein eingesetzt hat, verlangte er das gleiche von jedem Mitarbeiter. Wenn wir die Persönlichkeiten zusammenstellen wollten, die für unsere Arbeit durch Holländer gewonnen worden sind, und die auch in schwerster Zeit durch ihn die Kraft bewährt haben, mutig zu bestehen, so würde ein stattliches Bataillon zustande kommen. Was Ludwig Holländer in seiner Arbeit geschaffen hat, wird erst eine spätere Zeit richtig würdigen. Was ihn so auszeichnete, war. daß er niemals ein Routinier geworden ist. Immer wieder ging er als echterH umanist den Problemen unserer Arbeit nach._ Niemand beherrschte wie er das gesamte tatsächliche und T wissenschaftliche Material. Jeder Vortrag, den er hielt, war das Ergebnis erneuter ernster wissenschaftlicher Arbeit, getragen von einem seltenen Verantwortungsbewußtsein. Er lehnte niemals ohne weiteres alles, was von gegnerischer Seite vorgebracht wurde, ab. Er suchte vielmehr sich in die Gedankengänge des Gegners zu vertiefen, und die Wirkung seiner Reden resultierte nicht bloß aus seiner ungewöhnlichen Beredtsamkeit, sonder» aus dem Streben nach Gerechtigkeit und Wahrheit, das er Freund und Gegner immer entgegenbrachte. Auch wenn er vor Nichtjuden sprach, erlebten die Hörer einen Menschen, der mit anderen, aber auch mit sich selbst rang. Doch wir wollen unserem Freunde Ludwig Holländer keinen Nachruf halten. Wenn Holländer bei den strengen Anforderungen, die er an sich selbst stellt, auch in den sogenannten Ruhestand tritt, wissen wir. daß seine Arbeit für uns nicht beendet ist. Wir dürfen* von ihm erwarten, daß er auch die Zeit der Ruhe, befreit von den zermürbenden Tagesgeschäften, in den Dienst unserer Sache stellen wird. Ludwig Holländer, ein ernster Soziologe, ist uns noch die Arbeit vom deutschen Juden schuldig, die keiner wie er zu schreiben berufen ist. Er ist gewillt, sich den wissenschaftlichen Aufgaben zu widmen, zu denen er in der Zeit der Tagesarbeit so bewegter Jahre trotz seiner ungeheuren Leistungsfähigkeit auch beim besten Willen nicht hat kommen können. Wir verabschieden uns nicht von Ludwig Holländer. Er wird nicht nur als Mitglied des Beirates des Präsidiums und des Arbeitsausschusses weiter in unseren Reihen stehen, er wird auch sonst weiter in vorderster Reihe mit uns zusammenarbeiten. Es klingt vielleicht paradox, wenn wir einem alten Freunde, der in den Ruhestand tritt, noch viele arbeitsgesegnete Jahre wünschen. Aber Ludwig Holländer hat vollstes Verständnis dafür, daß, so sehr er ein otium cum dignitate nach so arbeitsvollem Leben verdient, wir im Interesse des deutschen Judentums die Hoffnung aussprechen, datt der Ruhestand unseres Freundes von Arbeit im Interesse des deutschen Judentums gesegnet sein möge. Die Verfolgung der jüdischen Religion in Rußland. Orthodoxe Kreise beabsichtigen eine Massenpetition an Präsident Rooseveltzu richten, in der dieser gebeten werden soll, im Hinblick auf die vor kurzem vollzogene Anerkennung Sowjetrußlands durch die Vereinigten Staaten seinen Einfluß bei der Sowjetregierung dahin geltend zu machen, daß die Verfolgung des Judentums in der Sowjetunion aufj höre. Die Initiative zur Massenpetition geht vom Lubawitscher chassidischen Rabbi S c h n e u r- \ söhn aus.

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