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Die Wahrheit · 1934-01-05 · Heft 1 (5.1.1934) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1934
Issue
Heft 1 (5.1.1934)
Date
1934-01-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland verboten! £ /<< rr n s .«* Erscheint jeden Freitag ÜIIllfllHIM mit den Veröffentlichungen der 7 „Union österreichischer Juden* U und den Amtlichen Verlautbarungen der israelitischen Kultusgemeinde Wien nmmtmuutnuimuuDnn] Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13':— Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 50. Jahrgang Wien, 5. Jänner 1934 Nummer 1 50 Jahre „Wahrheit st Rasiere Didi gut und billig Mit der vorliegenden Nummer tritt „D i e Wahrheit" in ihren 50. Jahrgang. Es ist heute schon eine abgestandene Phrase geworden, daß die Zeit nicht danach angetan ist, Feste zu feiern. Wenn irgendwo, gilt diese Behauptung mit vollstem Recht bei einem Blatte, das mitten im Kampf steht und daher keine Ruhepunkte kennen darf und kennt. Wir haben uns daher entschlossen, von der ursprünglich gedachten Herausgabe einer Jubiläums-Nummer vorderhand Abstand zu nehmen; vielleicht bietet sich hiezu bei einer Beruhigung der Situation im Laufe des heurigen Jahres noch Gelegenheit. Aber mit wenigen Worten darf und soll an dein Tage, da unser Blatt seineu 50. Jahrgang eröffnet, die Entwicklung desselben bis zu •seiner heutigen Gestalt beleuchtet und besprochen werden. Mit wenigen Worten nur, denn diese Entwicklung ist allzu gut bekannt, weil — dies dürfen wir an unserem Jubeltage ohne Ruhmredigkeit, aber mit Genugtuung feststellen — „Die Wahrheit'* im jüdischen Wien ihren anerkannten Platz einnimmt, von dem sie nicht leicht fortgedacht werden kann. Sie ist von Oberkantor Jakob Bauer vor 50 Jahren als Kantoreublatt gegründet worden, zu einer Zeit also, da das damals auf stolzer Höhe befindliche österreichische Judentum noch die Möglichkeit hatte, neben jenen Blättern, die seine politischen Interessen vertraten, auch Spezialorgane für jüdische Standesinteressen erscheinen zu lassen. Als solches bewährte sich die „Die Wahrheit" für den geachteten Kantorenstand in der Zeit vor dem Kriege und auch in der schweren Zeit des Weltkrieges. Erst der Zerfall der Donaumonarchie und die damit verbundene Lockerung der ehemals so innigen Beziehungen der Judengemeinden Oesterreich-Ungarns erschütterte die Existenz des Blattes, die auch wirtschaftlich bald arg gefährdet wurde. Es mußte zeitweise sein Erscheinen einstellen, zugleich mit ihm aber auch jenes Organ, das man mit Recht als das repräsentative politische Organ des österreichischen Judentums betrachtete, die „Oesterreich] sehe Wochenschrift" des Dr. Bloch. Das österreichische Judentum stand also ohne publizistische Vertretung zu einer Zeit da, da der wiederaufflackernde Antisemitismus die Juden für den verlorenen Krieg verantwortlich machen wollte und unter diesem Gesichtspunkt zu neuen, teilweise gewaltätigen Schlägen gegen das österreichische Judentum auslöste. In diesem kritischen Zeitpunkt trat mein leider allzu früh verblichener Vater auf den Plan. Es würde vielleicht als übertriebene Kindesliebe gewertet werden, bestimmt aber nicht dem allezeit bescheidenen Wesen dieses prächtigen Menschen entsprechen, wollte ich hier breit ausführen, wie Ludwig Hirschfeld „Die Wahrheit" neu aufbaute, wie er es verstand, sie in kurzer Zeit zu einem Organe auszugestalten, das von den Freunden geachtet, von den Gegnern respektiert wurde. Es gelang ihm dies vor allem dadurch, weil er neben der Gewinnung von neuen Mitarbeitern sich jenen großen Mitarbeiterstab zu erhalten wußte, die der Blochschen „Wochenschrift" treu zur Seite standen und sich nun der „Wahrheit" ebenso eifrig zur Verfügung stellten. So wurde das umgestaltete Blatt in kurzer Zeit als geistige Nachfolgerin der „Wochenschrift" des ruhmreichen Apologeten angesehen, in wenigen Monaten wurde aus der bei der Uebernahme als Halbmonatsschrift herausgekommenen Zeitung ein Wo c h e n b 1 a 11, das kurze Zeit später auch als Mitteilungsblatt der „Union österrcienischer I ud e n" erschien. Alle diese großen publizistischen Erfolge verleiteten meinen seligen Vater nie zu Experimenten, wie sie neuestens eine Wiener jüdischnationale Zeitung „ohne dauernde Verpflichtung für die Zukunft" unternimmt, es genügte — und die Zustimmung unzähliger treuer Leser des Blattes bewies dies —, wenn „Die Wahrheit" allwöchentlich für jenes Programm eintrat, das Ludwig Hirschfeld in der ersten Nummer, die unter seiner Herausgeberschaft erschien, publizierte: Vor allem soll „Die Wahrheit" ihrem Namen und Titel nach jeder Richtung entsprechen, ohne Bedachtnahme auf zeitlich berechenbare Vorteile oder auch der Parteien Haß und Gunst sollen alle Erscheinungen und Vorkommnisse, die mit den Fragen des Judentums verknüpft sind, in freimütigster und ehrlichster Weise behandelt werden. Die Wahrheit als solche ist das höchste ethische Prinzip. Im Sommer des Jahres 1931 schloß mein Vater in allzu frühen Jahren seine gütigen Augen. Ich, den er schon lange zu seinen engsten Mitarbeiter erzogen hatte, fühlte mich berufen, das von ihm geschaffene Werk in seinem Geiste fortzusetzen. Ich darf wohl an diesem Jubeltag. den „Die Wahrheit" heute begeht, sagen, daß mein Bestreben von Erfolg begleitet war, „Die Wahrheit" hat geistig den Rang beibehalten, den ihr Ludwig Hirschfeld eroberte, ja in mancher Hinsicht eine Ausgestaltung erfahren, die von den Lesern beifällig aufgenommen wurde. Es ist nicht am Platze, im Rahmen eines Festartikels mit jenen zu polemisieren, die immer wieder vergeblich versuchen, uns diesen Rang streitig zu machen. Es ist deshalb auch nicht Aufgabe dieser .Zeilen, mit jenen zu Oesterreiciilsches Qualität* faDrifeat Ueberau erhältlich rechten, die der „Wahrheit" Rückständigkeit vorwerfen, weil sie trotz der Ereignisse des letzten Jahres treu bei ihrer jüdisch-politischen Linie geblieben ist. Es ist in diesen Blättern schon so oft gesagt worden, daß diese furchtbaren Ereignisse nicht um ein Jota anders sich vollzogen hätten, wenn das deutsche Judentum eine andere Einstellung bekundet hätte, als die durch seine selbstverständliche Verbundenheit mit der deutschen Heimat diktierte. Es ist widersinnig, daraus, daß verbrecherische Chauvinisten den deutschen Juden diese jahrhundertealte Verbundenheit absprechen, den Schluß zu ziehen, daß diese Verbundenheit tatsächlich nicht existiert. Durch eine solche Politik gibt man nur den Todfeinden des Judentums Recht, weil man selbst das bestätigt, was sie in lügenhafter Weise behaupten. Gemüt und Verstand spricht daher gegen eine solche Einstellung, heute, trotz allem, so wie früher. Und deshalb ist „Die Wahrheit" ihrer bewährten politischen Tendenz treu geblieben, die auch das Kolonisationswerk Palästina mit gleichem Gemüt und Verstand umfaßt, geleitet von der Liebe zum Lande unserer Väter und der nüchternen Erwägung gegebener Möglichkeiten. So wie ehedem nehmen in unserem Blatte die — wohl nicht mit nationaler Parteibrille beobachteten — Palästinaereignisse einen breiten Raum neben all dem vielen ein, das „Die Wahrheit" allwöchentlich über die jüdischen Geschehnisse in aller Welt, namentlich in unserer altehrwürdigen Gemeinde zu berichten weiß. Vieles wäre noch aus vollstem Herzen an diesem Jubeltage zu sagen; manches auch über das leider oft mangelnde Verständnis gerade in jenen Kreisen, für deren Interessen „Die Wahrheit" unentwegt eintritt. Aber ohne Bitternis soll dieser Festartikel geschlossen werden, im Gegenteil, mit der freudigen Hoffnung, daß alle jene — Mitarbeiter und Leser — denen „Die Wahrheit" etwas sagt und denen sie etwas bedeutet, ihr weiterhin die Treue bewahren werden. Dann wird sie das bleiben, was sie ist und sein will: eine Dienerin der jüdischen Gemeinschaft und aller ihrer Interessen. Chefredakteur Oskar H i r s c h f e I d. Gedenket der Winternotitandiaktion der Kultutgemeinde! Geld- und Natnralspenden^erbeten an die Fürsorge-Zentrale der Israel. Kultusgemeinde Wien I., Seiten stertengasse 2, Telephon U 25-5-85 Serie, Postsparkassenkonto B-29.659

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