Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1933-12-22 · Heft 51 (22.12.1933) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 51 (22.12.1933)
Date
1933-12-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064350-3064399--19576-3084728
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

■igeitc 4 DIE WAHRHEIT mn -\m\ ]hi l .1 i f x! i i'H »' 2 1 kl. 'tl «i? 1 hl F' * m * ti fp tion befürchtet ferner, daß die von der Palästinaregierung geforderte Hinterlegung von 60 Pfund Kaution für jeden Touristen auch den Touristenverkehr durch die der Association angeschlossenen Gesellschaften schwer beeinträchtigen könnte; hier müßten sich die englischen Konsuln zu weitgehendem Entgegenkommen entschließen. Die Jerusalemer englische Tageszeitung „Palestine Post" schreibt im Leitartikel, die Bestimmung batreffend 60- Pfund-Kaution .»-erde sich für den palästinensischen Touristenverkehr katastrophal auswirken; sollte diese Vorschrift nicht gemildert werden, so sei zu befürchten, daß die Levante-Messe in Tel Aviv im Frühjahr 1934 ein Fiasko sein wird. Es sei vorgekommen, daß Juden, die mit Kapital in das Land gekommen sind, um hier neue Unternehmungen zu begründen, die Aufenthaltserlaubnis verweigert wurde. Da dieses Vorgehen der Behörden der Rechtsnorm widerspricht, beabsichtigen die Geschädigten, gegen die Regierung klagbar aufzutreten. Die Unversöhnlichen. Vor dem Haifaer Gericht wurde unter dem Vorsitz von Oberrichter Curry das Verfahren gegen die Scheiche Hassan Hamadi, Muhamed Zarura und die Dorfbewohner AI Abd Abdullah und Dib Diban eröffnet. Sie werden von der Polizei beschuldigt, einer geheimen Gesellschaft angehört und damit den Artikel 20 der Aufruhrverordnung von 1929 übertreten zu haben, worauf Gefängnis bis zu einem Jahre steht Ferner sind sie der Mordverschwörung angeklagt auf Grund des Abschnitts 14 des Amendements zum Strafgesetz vom Jahre 1927, der Gefängnis bis zu sieben Jahren vorsieht. Im besonderen wird ihnen Verschwörung zur Ermordung von Juden in den Siedlungen des Norddistrikts in den Jahren 1931 und 1932 vorgeworfen. Der Bande werden folgende Verbrechen zugeschrieben: Jadschur, 5. Aprii 1931: drei Getötete, fünf Verwundete: Klar Chassidim 5. März 4932: ein Getöteter: Bombenwürfe gegen die Nescher-Zementfabrik, die Herbert Samuel-Achusah auf dem Karmel und gegen eine deutsche Farm auf dem Karmel im Jänner 1932. Ermordung eines Landwirts in Baifourta im Jänner 1932; Verwundung von zwei Männern in Kfar Jecheskel am 30. April 1932; Entfernung von Schienen von der Eisenbahnlinie Beisan-- Jisr el Majamie, die von den Arbeiten der Palestine Electric Corporation benutzt wurde, Anfang 1932; Dschedda. Schüsse gegen eine jüdische Farm, und schließlich die Ermordung des jüdischen Kolonisten Jacobi und seines Sohnes in Nahalal. Als Belastungszeugen werden unter anderem mehrere Bauern geführt, die früher der geheimen Gesellschaft angehört haben. Numerus clausus für Aerzte? Der stellvertretende Direktor für Gesundheitswesen, Harkness, teilte der JTA mit, die Regierung erwäge eine Einschränkung in der Lizenzerteilung für Aerzte. Von den im Jahre 1932 beschäftigten 1043 Aerzten in Palästina sind 882 Juden. Die im Jahre 1933 erteilten Lizenzen für ärztliche Praxis betrafen in der Hauptsache deutsch-jüdische Einwanderer. Am 30. November 1933 gab es in Palästina 1566 Aerzte. Zahnärzte und Pharmazeuten; das bedeutete eine Zunahme von 500 seit Ende 1932. Diese 500 sind alle Juden. Im englischen Unterhaus richtete Colonel Wedgwood an den Minister für die Kolonien die Frage, ob er auf die Tatsache aufmerksam gemacht worden sei, daß die Palästina-Regierung eine Beschränkung der zum ärztlichen Beruf zuzulassenden Juden in Palästina beabsichtigt, und ob er mitteilen wolle, ob diese Einschränkung von der englischen Regierung gebilligt wird. Der Minister für die Kolonien, Sir Philip Cunliffe- L i s t e r, erklärte, er sei von der Palästina-Regierung nicht verständigt worden, daß eine solche Einschränkung geplant sei. Juden im W. Ein Bericht von Simon Bergh. Das Leben im Exil Paris ist der größte Sammelplatz und die Zentrale der deutsch-jüdischen Emigration von 1933. Hier hat sich die wesentlichste Basis für eine neue Not- und Lebensgemeinschaft gebildet, die zu einem kompakten Teil der jüdischen Diaspora überhaupt geworden ist Und hier, in Paris, erhält wahrscheinlich die Emigration ihr eigentliches und sichtbarstes Profil. Während die übrigen Gastländer je einen ganz bestimmten Emigrantentypus infolge von wirtschaftlichen oder politischen Besonderheiten anzogen, befindet sich in Paris die Emigration in der ganzen Heterogenität der abgesplitterten jüdischen Bevölkerungsteile Deutschlands. Diese Heterogenität — sowohl im geistigen als .auch im wirtschaftlichen Sinne vorhanden — erhält naturgemäß bis zu einem gewissen Grade ihren Ausgleich durch die zum Schicksal gewordene Gemeinsamkeit der Stammeszugehörigkeit, und man hätte glauben können, daß die Situation der jetzigen Schicksalsgemeinschaft die Verbundenheit unter den Einzelnen zu stärken vermocht hätte. Und doch ist das nur sehr bedingt der Fall. Man begegnet allenthalben einer immerhin wahrnehmbaren Isolierung je nach politischer Einstellung, wirtschaftlicher Lage, geistiger Qualität. Den Ursprung dieses Phänomens mag man vielleicht mit Recht in den Erscheinungen der Diaspora suchen, die mit ihren Assimilationstendenzen von jeher eine gewisse Lockerung der jüdischen Volksverbundenheit verursachte. In Deutschland war das nicht so auffällig, weil dort jeder einen bestimmten Personenkreis um sich zog oder in einen solchen hineingezogea wurde. Hier jedoch, wo der Zufall in seiner ganzen Blindheit an die Stelle der Selbstbestimmung getreten ist, hier, wo Menschen aus entgegengesetzter politischer und geistiger Atmosphäre zwangsläufig in ein gemeinsames Fahrwasser abgetrieben worden sind, nehmen die Gegensätze Gestalt an. Hinzu kommt eine sehr bezeichnende Tatsache. Jedermann weiß, welche Kluft stets zwischen den West- und Ostjuden in Deutschland bestand. Man muß leider feststellen, daß sich die Divergenzen und Aversionen zwischen den beiden Lagern auch jetzt noch fortsetzen, - in einem Lande, das beiden Teilen als Gastland zu gelten hat. Sie haben aus der Situation bis jetzt noch nichts gelernt Die Kluft zwischen Ost- und Westjudentum ist au fond eine Kluft zwischen zwei verschiedenen Kulturkreisen, nur wird (insbesondere von den deutschen Juden) übersehen, daß,der Antisemitismus sich gegen beide wendet Auch hier trifft man immer wieder auf jenen in Deutschland schon sehr peinlichen Dünkel der deutschen Juden, die dem Ostjuden genau so fremd und ablehnend gegenüberstanden, wie gewisse Völker gegenüber einer Volksminorität. Daraus ergibt sich das zugleich traurige und groteske Bild von zwei passionierten Gegnern, die einem gemeinsamen Feind entfliehen, um sich in aller Ruhe und Gemütlichkeit weiter bekriegen zu können. Man hört vielfach die Ansicht, die Ostjuden hätten ja ein Vaterland, wo sie hingehen könnten, in Polen täte ihnen doch kein Mensch etwas. Dieses Argument, so bestechend es auch im ersten Augenblick erscheint hebt sich schon allein durcli die Tatsache auf, daß es sehr viele Polen der jungen Generation gibt, die das Land ihrer Nationalität nie gesehen haben, in Deutschland geboren sind und absolut keine Beziehungen zu dem Lande haben können, dessen Sprache sie nicht einmal; entfernt'kennen-und von ""dem sie lediglich den Reisepaß besitzen. Vielleicht mußte erst eine Emigration der deutschen Juden kommen, um MÖBEL Altrenommiertes Restaurant Moriz Singer Um, Kom6dlenp«»»e S |Eefc» Zlrku»g«—1 Suppe, Braten oder Rindfleisch, Beilage, Mehlspeise » a.oo Vorspeise oder Suppe, Schnitzel oderRostbraten, geb. Bries, zwei Bellagen, Mehlspreise Suppe, Braten nach Wahl, zwei Beilagen, Mehlspeise S Vorspeise, Suppe, Gansl, Suppen-, Brat- oder Back-Huhn, Beilage, " Mehlspeise Modern« KQehen- Vorzlramar- Wohnxlramer- F. KOHNf Wien ü, TAB ORSTR ASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen — Angeschlossen der „Schomra* ■MBBWBVKBBB««B«BnHBBB« gleichzeitig die Tragik des ostjüdischen Mensclienschicksals ganz sichtbar werden zu lassen. In Wirklichkeit trifft das vorhin erwähnte Argument nur diejenigen Ostjuden, die erst vor kurzem nach Deutschland einwanderten. Die meisten aber, seit vielen Jahren in Deutschland ansässig, müssen ihre neue Wahlheimat genau so suchen wie die deutschen Juden, sei es aus wirtschaftlichen, sei es aus familiären Gründen. Doch dies allein ist noch nicht'das Entscheidende. Die Absurdität der Situation liegt verborgen auf einem Gebiet, das nicht nur mit den Thesen der Vernunft betreten werden kann, sondern wo die eigentlichen Zusammenhänge aber gefühlsmäßig erkannt werden können. Wem das Organ dafür fehlt, der wird auch nie begreifen, wo die Schnittpunkte ostjüdischer Mentalität und westlicher Kultur liegen. Die letztere ist jedenfalls nicht von den deutschen Juden allein gepachtet worden. Es liegt nahe, dieses Phänomen des Bruderstreites mit einem andere« zu vergleichen, der mehr politischen Charakter trägt und dennoch ähnliche Symptome aufzuweisen hat nämlich mit dem Kampf zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, die sich in der Emigrätion genau so heftig befehden, wie sie es im zweiten Reich getan habe.i. Darüber wird noch einiges zu sas;en sein. Zur Charakterisierung des Emigrantentypus gehört zunächst die Feststellung des Emigrationsmotivs. Zwei Motive lassen sich im wesentlichen klar herausschälen: das politische und das damit zusammenhängende wirtschaftliche. Mit der Kennzeichnung der beiden Motive sind die Typen .eigentlich schon umgrenzt. Die politischen Flüchtlinge als reinster Emigrationstypus verließen Deutschland schon aus Gründen der persönlichen Sicherheit. Sie rekrutieren sich aus Mitgliedern und Funktionären der beiden marxistischen Parteien, aus Angehörigen der antifaschistischen Front oder des Reichsbanners, aus sozialistischen oder kommunistischen Journalisten und Schriftstellern. Unter ihnen ündet mau politisch geschulte und disziplinierte Leute, die auch in der Emigration den Anschluß an ihre Bewegung bald suchen und finden. Wesentlich unklarer ist der Typus der wirtschaftlichen Emigranten. Hierzu zählen die sehr zahlreichen Alle Radioapparate modernste Typen, stets lagernd J. HAHN, Wien IX. Wasagasse 12,Tel. A13-5-20 Serie Entsprechende Teilzahlungskonditionen / Kostenlose Vorführung in Ihrem Heim / Günstige Gelegenheitskäufe / 5 Prozent des Kaufwertes gebe ich zugunsten des Hilfskomitees für deutsche Juden Provinz- und Auslandversand selbständig und angestellt gewesenen Kaufleute, deren Existenzmöglichkeit in Deutschland sich so sehr verengte, um ihnen ein weiteres Auskommen zu sichern. Es ist kaum im einzelnen kontrollierbar, ob und inwieweit sich bei ihnen die Notwendigkeit zur Auswanderung herausstellte, sofern sie nicht direkt politisch verfolgt und bedroht waren. Im ganzen ein durchschnittlicher, politisch meist indifferenter Typus, der beruflich fast völlig entwurzelt ist, da sich hier mit dem kaufmädnischen Etikett wenig anfangen läßt, und überdies viele frühere berufslose Gelegenheitsverdiener sich ganz ein-" fach als Kaufleute bezeichnen, ohne es eigentlich zu sein. Außer diesen beiden gibt es noch einen dritten, sehr wichtigen Emigrantentypus, der sowohl politisch als auch wirtschaftlich registriert werden kann. Das sind die zahlreichen Träger der intellektuellen Berufe, die, selbst wenn sie nicht eigentlich politisch aktiv waren, doch als politisch verfolgt gelten können und anderseits durch die Einführung des Arierparagraphen ihre wirtschaftliche Existenz, bzw. Zukunft verloren haben. Aerzte, Anwälte, Ingenieure, Journalisten, Schriftsteller und die große Zahl von Studenten bilden den dritten Emigrantentypus. Wo immer sie können, zollen die Flüchtlinge dem Tag ihren Tribut an politisierenden Gesprächen. So sehr sie auch von der Ergebnis- und Nutzlosigkeit ihrer politischen Dispute überzeugt sind, so heftig drängt es sie, diesen Ausgangspunkt ihres Emigrationserlebnisses, genannt Politik, auch immer wieder als Ausgangspunkt für ihre Unterhaltungen zu benutzen. Sie reden von Politik und laufen jetzt doch nur neben ihr her. Die Gespräche hängen in jedem Winkel wie alter, verbrauchter Flitter: noch immer flimmernd und gleißend, jedoch zu nichts mehr nütze. Es handelt sich natürlich stets und ständig um die Verhältnisse in Deutschland. Was wohl noch alles kommen möge, wie es jetzt wohl dort aussehe und vor allem, wie lange es noch dauern könne. Es macht mürbe und deprimiert, diese Diskussionen oft anhören zu müssen, denn aus jedem Wort spricht die riesengroße Sehnsucht nach der Heimat heraus. Man spricht kaum von der Politik um ihretwillen, sondern um einen Gesprächsgegenstand über Deutschland zu haben. Es ist gewissermaßen ein kleines Surrogat für alle jene Empfindungen, .die den Dingen und Menschen jenseits des Rheines gelten und kein Objekt mehr haben, an dem sie sich betätigen können. Das Politisieren ersetzt ihnen ein wenig von dem, was sie aufgeben mußten, und hat mehr moralischen und sentimentalen afs politischen Hintergrund. Wenn sie sich irgendwo eines Neuankömmlings bemächtigten, wird er mit erschöpfender Gründlichkeit nach allen Details ausgefragt, die er in Deutschland erlebt hat. Auch die nebensächlichsten Dinge sind interessant für die Emigranten, wenn sie nur irgend etwas mit Deutschland zu tun haben Das Leben der Emigranten spielt sich im übrigen zwischen den Metrostationen ab. Es ist eine ewig* wiederkehrende tägliche Hetzjagd von Station zu Station. Vom Hotel zum Restaurant und zurück, zwischendurch zur Prefecture de Police, zum Comite, zur Liga für Menschenrechte, zu Firmen, zu Geschäftsleuten", zu Redaktionen, zu Privatleuten. Der Tag ist angefüllt mit Hoffnungen und meistens ebenso vielen Enttäuschungen, doch jene nehmen ab und diese zu. Sie bleiben vorläufig an der Peripherie des Lebens von Paris mit seinem herrlichem Durcheinander, sie stecken in der Notwendigkeit, sich von Deutschland — auch innerlich — zu entfernen und können sich dem neuen Lande noch nicht nähern. Sie leben auf neuer Erde, ohne sie zu erleben. Noch befinden sie sich zu sehr in dem argen Zwiespalt zwischen gestern und heute, um sich akklimatisieren zu können. Aus diesem Zustand resultiert eine Unsicherheit, die sich auf Schritt und Tritt in den Dingen des täglichen Lebens auswirkt. Hinzu kommt bei den meisten die deprimierende Unkenntnis der Sprache. So tauschten sie in der Emigration die körperliche Unsicherheit gegen eine seelische ein. Es gehört viel Willen und auch ein wenig Robustheit dazii, jliese Kinderkrankheiten der Emigration zu überwinden. Viele bringen es nicht fertig und fahren zurück. Sie ziehen die unsichere Zukunft in Deutschland der brutalen Gegenwart in der Emigration vor. Es ist die Flucht vor der Flucht die Flucht im Kreise, es ist ein Fortleben nach dem staatsbürgerlichen Tode in Deutschland. Diejenigen, die hier bleiben, strengen sich mächtig an, um durchzuhalten. Jede neue Adresse, die ihnen eine Bewerbungsmöglichkeit gibt, facht ihre Hoffnung neu an, und die Absagen sorgen schon dafür, daß die Hoffnungen nicht in Illusionen ausarten. Es ist eine tief pessimistische Menschensorte, deren Energien sich hier mit den tausend Mißhelligkeiten des Alltags kreuzen. (Fortsetzung folgt) „Hanigun"-Kabarett. Prominente Mitglieder des so rasch beliebt gewordenen „Hanigun"-Chores treten am kommenden Montag und Dienstag abends, am Silverster- und Neujahrsabend im Restauriamt H e r 1 i n g e r, 11.. Taborstraße 18 (Hotel National) auf. Geboten werden Arien. Chansons, Duette. Parodien usw. Eintrittspreis S 1.50 inkl. Programm. 1 1

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.